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Visa-Aktie: 55,8 Milliarden Bruttoerlös — und 40 stehen im Bericht

Visa-Aktie: 55,8 Milliarden Bruttoerlös — und 40 stehen im Bericht

Visa wies für das Geschäftsjahr 2025 einen Nettoerlös von 40.000 Millionen US-Dollar aus. Davor gingen 15.751 Millionen an die eigenen Bankpartner — mit steigender Tendenz. Und die Rechnung der Interchange-Verfahren zahlt nicht die Class-A-Aktie, sondern ein Treuhandkonto und eine zweite Aktiengattung. Wir lesen beide Konstruktionen im Quartalsbericht nach.

Thomas Mücke Gründer & Herausgeber
· 19 Min. Lesezeit
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Visa-Aktie: 55,8 Milliarden Bruttoerlös — und 40 stehen im Bericht
Eigene Darstellung: Börsenlotse · Quelle: Fundamentaldaten & SEC-Berichte (Geschäfts- und Quartalsberichte, 10-K/10-Q)

Chart

Interaktiver Kurs-Chart (TradingView).

Hinweis: reine Faktenanalyse, keine Anlageberatung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf. Angaben ohne Gewähr.

Die Mautstellen-Illusion

Du hältst deine Karte an das Lesegerät, es piept, du gehst. Zwei Sekunden. In diesen zwei Sekunden hat Visa eine winzige Gebühr verdient, und weil das milliardenfach am Tag passiert, denkst du: Das ist eine Mautstelle. Wer eine Mautstelle besitzt, kassiert einfach. Niemand kann ihm etwas.

Genau das ist die Falle. Denn wir schauen auf die Zahl, die Visa als Umsatz meldet — und fragen nie, was vorher schon abgezogen wurde. Im Geschäftsjahr 2025 meldete Visa einen Nettoerlös von 40.000 Millionen US-Dollar. Eingenommen hatte das Unternehmen 55.751 Millionen. Die Differenz von 15.751 Millionen war da schon weg, bevor die erste Zeile der Gewinn- und Verlustrechnung überhaupt anfing.

Und es gibt eine zweite Konstruktion, die noch weniger Leute kennen: Visa führt seit dem Börsengang mehrere Aktiengattungen. Wenn die Interchange-Verfahren Geld kosten, zahlt das nicht in erster Linie die Class-A-Aktie, die du an der Börse kaufst — es zahlt ein Treuhandkonto und eine zweite Gattung, die im Kurs nie auftaucht.

Der Deal für diesen Artikel: Wir lesen beide Konstruktionen im Original nach. Keine Empfehlung, keine Prognose. Nur die Zahlen, die in den Berichten stehen, und was sie bedeuten.

Was Visa eigentlich macht

Visa ist keine Bank. Das ist der wichtigste Satz, und Visa schreibt ihn selbst in jeden Quartalsbericht:

„Visa is not a financial institution. We do not issue cards, extend credit or set rates and fees for account holders of Visa products.“

Übersetzung: „Visa ist kein Finanzinstitut. Wir geben keine Karten aus, vergeben keine Kredite und setzen keine Zinssätze oder Gebühren für die Kontoinhaber von Visa-Produkten fest.“

— Visa Inc., SEC-Quartalsbericht 10-Q zum 30.06.2026, Lagebericht (MD&A)

Das ist der ganze Trick des Geschäftsmodells. Wenn du deine Kreditkartenrechnung nicht bezahlst, verliert nicht Visa das Geld, sondern deine Bank. Visa betreibt nur die Leitung dazwischen — ein Netz namens VisaNet, das eine Zahlung autorisiert, verrechnet und ausgleicht. Dafür nimmt Visa eine Gebühr und trägt dabei kein einziges Kreditrisiko. Wer die Straße besitzt, muss nicht mitfahren.

Visa nennt das ein Vier-Parteien-Modell: Karteninhaber, ausgebende Bank, Händler, annehmende Bank — und Visa als Netz in der Mitte. Wie ein Kartenherausgeber die andere Seite dieses Modells erlebt, haben wir in unserer Analyse von JPMorgan Chase aufgeschrieben: Dort liegt das Kreditrisiko, dort werden die Rückstellungen für Kartenausfälle gebildet. Visa steht daneben und kassiert die Maut.

Die vier Erlösarten

Visa berichtet vier Erlösarten. Sie klingen technisch, meinen aber vier ganz einfache Dinge (Geschäftsjahr 2025, in Millionen US-Dollar):

  • Dienstleistungserlöse, 17.539: die Gebühr dafür, dass es die Marke Visa und das Netz überhaupt gibt. Sie hängt am Zahlungsvolumen des Vorquartals — eine Verzögerung, die man kennen muss, wenn man Quartale vergleicht.
  • Datenverarbeitungserlöse, 19.993: die Gebühr je Transaktion für Autorisierung, Verrechnung und Ausgleich. Sie ist die größte Position und wächst am schnellsten.
  • Grenzüberschreitende Erlöse, 14.166: Zahlungen, bei denen Karte und Händler in verschiedenen Ländern sitzen. Hier verdient Visa zusätzlich an der Währungsumrechnung. Diese Zeile ist Visas Konjunkturfühler — sie hängt an Auslandsreisen und internationalem Onlinehandel.
  • Sonstige Erlöse, 4.053: Beratung, Lizenzen, Zusatzdienste.

Zusammen 55.751 Millionen. Davon abgezogen werden die Kundenanreize — dazu gleich mehr. Übrig bleiben die gemeldeten 40.000 Millionen.

Die Größenordnung

Im Geschäftsjahr 2025 wurden nach Visas eigener Angabe 329 Milliarden Zahlungs- und Bargeldtransaktionen mit der Marke Visa abgewickelt, im Schnitt 901 Millionen pro Tag; 258 Milliarden davon liefen über Visas eigenes Netz. Das Gesamtvolumen betrug 17 Billionen US-Dollar. Es gab knapp 5 Milliarden Zahlungsmittel — also ausgegebene Visa-Kartenkonten —, nutzbar an mehr als 175 Millionen Händlerstandorten in über 200 Ländern und Gebieten. Rund 14.500 Finanzinstitute waren Kunden. Beschäftigt waren zum 30.09.2025 rund 34.100 Menschen in 86 Ländern, mehr als 60 Prozent davon außerhalb der USA.

Das Geschäftsjahr endet im September — nicht im Dezember

Ein Punkt, an dem sich viele verlesen: Visas Geschäftsjahr endet am 30. September. Das Geschäftsjahr 2025 lief also vom 1. Oktober 2024 bis zum 30. September 2025. Wenn in dieser Analyse „GJ 2025“ steht, ist damit im Wesentlichen der Zeitraum Oktober 2024 bis September 2025 gemeint, nicht das Kalenderjahr 2025. Die Neunmonatszahlen decken den 1. Oktober 2025 bis 30. Juni 2026 ab — das dritte Quartal des laufenden Geschäftsjahres 2026. Wer Visa mit einem Kalenderjahr-Berichterstatter vergleicht, vergleicht um ein Vierteljahr verschobene Zeiträume.

Wie die Aktie auf unseren Tisch kam

Ehrlich gesagt: nicht über einen Scanner. Unser hauseigener Aktien-Scanner sortiert nach Kennzahlen — günstige Bewertung, Bilanzqualität, Momentum. Ein Unternehmen mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis um 32 fällt bei solchen Filtern systematisch durch. Deshalb hatten wir für die größten US-Titel jahrelang keine Analysen.

Diese hier stammt aus einer Bestandsaufnahme vom 28.07.2026: Wir haben die 100 größten US-Aktien nach Börsenwert gelistet und geprüft, für welche davon eine Analyse existiert. Visa stand auf Rang 15 — und hatte keine. Das ist der ganze Aufhänger. Kein Signal, keine Kaufidee, sondern das Schließen einer Lücke.

Das ist die ehrlichere Reihenfolge: erst lesen, dann urteilen. Nicht: erst ein Signal, dann eine Begründung dazu suchen.

Die Zahlen über die Jahre — was wirklich beeindruckt

Fangen wir mit dem an, was tatsächlich außergewöhnlich ist. Denn das ist es.

Balkendiagramm: Visas Nettoerlös steigt von 29.310 Millionen US-Dollar im Geschäftsjahr 2022 auf 40.000 Millionen im Geschäftsjahr 2025, das Nettoergebnis im selben Zeitraum von 14.957 auf 20.058 Millionen.
Nettoerlös und Nettoergebnis der Geschäftsjahre 2022 bis 2025. Das Geschäftsjahr endet jeweils am 30. September. Quelle: Fundamentaldaten & SEC-Berichte (10-K/10-Q). Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

Der Nettoerlös stieg von 29.310 Millionen US-Dollar (GJ 2022) auf 40.000 Millionen (GJ 2025) — ein Plus von 36 Prozent in drei Jahren, ohne ein einziges Rückschlagsjahr. Das Nettoergebnis wuchs von 14.957 auf 20.058 Millionen.

Die eigentliche Nachricht steckt aber im Verhältnis der beiden Balken. Aus 40.000 Millionen Nettoerlös wurden 20.058 Millionen Gewinn nach Steuern. Das sind 50,1 Prozent. Von jedem Dollar, den Visa nach Abzug der Anreize meldet, bleibt gut die Hälfte als Gewinn übrig — nach Steuern. Zum Vergleich: Eine gute Industriefirma freut sich über 10 Prozent, ein starker Software-Konzern über 25.

Das Betriebsergebnis lag im Geschäftsjahr 2025 bei 23.994 Millionen US-Dollar, also 60,0 Prozent vom Nettoerlös. Im Geschäftsjahr 2022 waren es 18.813 Millionen auf 29.310 Millionen — 64,2 Prozent. Die Marge ist also leicht gefallen, aber sie bewegt sich auf einem Niveau, das die meisten Unternehmen nie erreichen.

Der Mittelzufluss

Marge ist Buchhaltung, Cashflow ist Wahrheit. Im Geschäftsjahr 2025 flossen Visa aus dem laufenden Geschäft 23.059 Millionen US-Dollar zu (GJ 2024: 19.950, GJ 2023: 20.755). Investiert wurden davon 1.482 Millionen in Sachanlagen und Technik. Es bleiben also rund 21,6 Milliarden frei verfügbar — bei einem Nettoergebnis von 20.058 Millionen. Der Gewinn ist durch echtes Geld gedeckt, nicht durch Bewertungseffekte. Das ist ein Qualitätsmerkmal, das man nicht überschätzen kann.

Was mit dem Geld passiert

Fast alles geht an die Aktionäre zurück. Im Geschäftsjahr 2025 kaufte Visa eigene Aktien für 18,2 Milliarden US-Dollar zurück und zahlte 4,6 Milliarden Dividende — zusammen 22,8 Milliarden bei 20,1 Milliarden Gewinn. In den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2026 waren es 16.537 Millionen für 50 Millionen Aktien (Durchschnittspreis 328,29 US-Dollar) plus 3,9 Milliarden Dividende. Im April 2026 genehmigte der Verwaltungsrat ein weiteres Rückkaufprogramm über 20,0 Milliarden; zum 30.06.2026 waren 28,4 Milliarden nicht ausgeschöpft.

Das erklärt auch, warum das Eigenkapital sinkt statt zu steigen: von 37.909 Millionen US-Dollar (30.09.2025) auf 35.178 Millionen (30.06.2026) — und das in neun Monaten, in denen 17.502 Millionen verdient wurden. Wer mehr ausschüttet, als er verdient, schrumpft bilanziell. Bei Visa ist das eine bewusste Entscheidung, kein Notfall.

Und das laufende Jahr

In den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2026 (Oktober 2025 bis Juni 2026) stieg der Nettoerlös um 15 Prozent auf 33.764 Millionen US-Dollar, das Nettoergebnis um 17 Prozent auf 17.502 Millionen. Im dritten Quartal allein waren es 11.633 Millionen Erlös und 5.628 Millionen Gewinn. Visa verarbeitete in diesem Quartal 71,7 Milliarden Transaktionen, 10 Prozent mehr als im Vorjahresquartal.

Die Bilanz

Zum 30.06.2026 standen 94.590 Millionen US-Dollar Bilanzsumme gegen 59.412 Millionen Verbindlichkeiten und 35.178 Millionen Eigenkapital. Die Finanzschulden betrugen 23.858 Millionen (2.996 kurzfristig, 20.862 langfristig), dem standen 12.359 Millionen Kasse und 1.583 Millionen Wertpapiere gegenüber. Der Zinsaufwand der ersten neun Monate lag bei 566 Millionen — bei einem Betriebsergebnis von 20.848 Millionen. Das ist eine Zinsdeckung von 37. Diese Bilanz ist nicht das Problem.

Unbequeme Wahrheit Nr. 1: die Zahl vor der Zahl

Jetzt zu dem, was die Umsatzzeile verschweigt. Visa zahlt seinen eigenen Kunden Geld dafür, dass sie Visa benutzen. Diese Zahlungen heißen Kundenanreize, und sie sind kein Betriebsaufwand — sie werden vor der Umsatzzeile abgezogen.

Der Grund ist einfach: Eine Bank entscheidet, ob sie ihren Kunden eine Visa- oder eine Mastercard-Karte gibt. Ein großer Händler entscheidet, welches Netz er bevorzugt bewirbt. Diese Entscheidungen kauft Visa — mit langfristigen Verträgen, Vorauszahlungen und volumenabhängigen Prämien.

Balkendiagramm: Visas Bruttoerlöse steigen von 39.605 Millionen US-Dollar im Geschäftsjahr 2022 auf 55.751 Millionen im Geschäftsjahr 2025, die Kundenanreize im selben Zeitraum von 10.295 auf 15.751 Millionen.
Bruttoerlöse und Kundenanreize der Geschäftsjahre 2022 bis 2025. Der Anteil der Anreize stieg von 26,0 auf 28,3 Prozent. Quelle: Fundamentaldaten & SEC-Berichte (10-K/10-Q). Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

Die Reihe über vier Geschäftsjahre, jeweils Anreize gegen Bruttoerlöse:

  • GJ 2022: 10.295 von 39.605 Millionen US-Dollar — 26,0 Prozent
  • GJ 2023: 12.297 von 44.950 Millionen — 27,4 Prozent
  • GJ 2024: 13.764 von 49.690 Millionen — 27,7 Prozent
  • GJ 2025: 15.751 von 55.751 Millionen — 28,3 Prozent

In den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2026 lag der Anteil bei 28,1 Prozent (13.194 von 46.958 Millionen). Ein Neunmonatswert ist mit einem vollen Jahr nicht direkt vergleichbar, aber er zeigt zumindest keine Umkehr.

2,3 Prozentpunkte in vier Jahren klingen nach wenig. Auf die Bruttoerlöse des Geschäftsjahres 2025 gerechnet ist ein einziger Prozentpunkt jedoch 558 Millionen US-Dollar. Wären die Anreize bei den 26,0 Prozent von 2022 geblieben, hätte Visa im Geschäftsjahr 2025 rund 1,3 Milliarden mehr Nettoerlös ausgewiesen.

Visa selbst sagt nicht, wohin die Quote läuft. Der Bericht formuliert das so:

Markierte Fundstelle aus Visas Quartalsbericht: Die Kundenanreize stiegen wegen des Volumenwachstums, und ihre künftige Höhe hängt von Leistungserwartungen, tatsächlicher Kundenleistung und neuen Verträgen ab.
Aus dem Lagebericht des Quartalsberichts zum 30.06.2026. Hervorhebung von uns. Quelle: SEC-Quartalsbericht 10-Q, eingereicht 29.07.2026. Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

„The amount of client incentives we record in future periods will vary based on changes in performance expectations, actual client performance, amendments to existing contracts or the execution of new contracts.“

Übersetzung: „Die Höhe der Kundenanreize, die wir in künftigen Perioden erfassen, wird abhängig von Änderungen der Leistungserwartungen, der tatsächlichen Kundenleistung, Änderungen bestehender Verträge oder dem Abschluss neuer Verträge schwanken.“

— Visa Inc., SEC-Quartalsbericht 10-Q zum 30.06.2026, Lagebericht (MD&A)

Auf Deutsch: Es hängt davon ab, wie hart verhandelt wird. Und die Gegenseite — große Banken, große Händler — wird nicht schwächer. Zum 30.06.2026 standen 11.429 Millionen US-Dollar Anreizverpflichtungen in der Bilanz, gegenüber 10.369 Millionen zum 30.09.2025.

Merksatz: Visas Preismacht misst man nicht am Umsatz, sondern an der Quote davor.

Unbequeme Wahrheit Nr. 2: der Tresor ist fast leer

Seit dem Börsengang 2008 gibt es bei Visa eine Konstruktion mit dem sperrigen Namen „U.S. retrospective responsibility plan“ — sinngemäß: Plan zur rückwirkenden Verantwortung. Dahinter steckt ein Treuhandkonto, aus dem die US-Interchange-Verfahren bezahlt werden. Interchange ist die Gebühr, die die Händlerbank an die Kartenbank abführt; seit Jahrzehnten streiten US-Händler darüber vor Gericht.

Der Stand dieses Kontos hat sich in neun Monaten dramatisch verändert:

Markierte Fundstelle aus Visas Quartalsbericht: In den neun Monaten bis 30. Juni 2026 zahlte Visa 875 Millionen US-Dollar in den Rechtsstreits-Treuhandfonds ein; der Kontostand betrug zum 30. Juni 2026 888 Millionen.
Aus dem Lagebericht des Quartalsberichts zum 30.06.2026. Hervorhebung von uns. Quelle: SEC-Quartalsbericht 10-Q, eingereicht 29.07.2026. Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

„For the nine months ended June 30, 2026, we deposited $875 million into the U.S. litigation escrow account to address claims associated with the interchange multidistrict litigation. The balance of this account as of June 30, 2026 was $888 million and is reflected as restricted cash equivalents in our consolidated balance sheets.“

Übersetzung: „In den neun Monaten bis zum 30. Juni 2026 haben wir 875 Millionen US-Dollar in das US-Rechtsstreits-Treuhandkonto eingezahlt, um Ansprüche im Zusammenhang mit dem Interchange-Sammelverfahren zu bedienen. Der Saldo dieses Kontos betrug zum 30. Juni 2026 888 Millionen US-Dollar und wird in unseren Konzernbilanzen als verfügungsbeschränkte Zahlungsmitteläquivalente ausgewiesen.“

— Visa Inc., SEC-Quartalsbericht 10-Q zum 30.06.2026, Lagebericht (MD&A)

Die Bewegung dahinter, aus Anhang 5 des Berichts: Das Konto stand zum 30.09.2025 bei 2.990 Millionen US-Dollar. Eingezahlt wurden 875 Millionen. Ausgezahlt wurden 2.977 Millionen an Händler, die aus dem Sammelvergleich ausgestiegen waren oder zur Unterlassungsklasse gehörten. Rest: 888 Millionen.

Das ist keine schlechte Nachricht an sich — im Gegenteil, ein Teil der jahrzehntealten Verfahren wurde tatsächlich abgeräumt. Die Rückstellung für US-gedeckte Verfahren fiel entsprechend von 3.033 Millionen (30.09.2025) auf 1.274 Millionen (30.06.2026). Aber der Puffer ist eben auch weitgehend aufgebraucht. Wenn neue Ansprüche kommen — und sie kommen, siehe Wahrheit Nr. 4 —, muss neu eingezahlt werden. Und jede Einzahlung hat eine Nebenwirkung, die uns direkt zur nächsten Wahrheit führt.

Unbequeme Wahrheit Nr. 3: es gibt eine zweite Aktiengattung

Als Visa 2008 an die Börse ging, standen die Banken vor einem Problem: Sie hafteten für die laufenden Interchange-Verfahren. Die Lösung war elegant — und sie wirkt bis heute.

Die Banken bekamen keine Class-A-Aktien, sondern Class B. Diese Gattung wird nicht gehandelt und lässt sich nur über einen Umtausch in Class A verwandeln. Und dieses Umtauschverhältnis ist beweglich: Jedes Mal, wenn Visa Geld in den Treuhandfonds einzahlt, wird es gesenkt. Die Banken zahlen die Rechnung also mit ihrem eigenen Anteil am Unternehmen.

Markierte Fundstelle aus Visas Quartalsbericht: Unter dem US-Plan zur rückwirkenden Verantwortung werden die Verbindlichkeiten aus den gedeckten Verfahren über eine Herabsetzung des Umtauschverhältnisses der Class-B-Aktien getragen; der Gewinn je Class-A-Aktie blieb dadurch unverändert.
Aus dem Lagebericht des Quartalsberichts zum 30.06.2026. Hervorhebung von uns. Quelle: SEC-Quartalsbericht 10-Q, eingereicht 29.07.2026. Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

„Under the U.S. retrospective responsibility plan, we recover the monetary liabilities related to the U.S. covered litigation through a downward adjustment to the rate at which shares of our class B-1, B-2 and B-3 common stock ultimately convert into shares of class A common stock.“

Übersetzung: „Nach dem US-Plan zur rückwirkenden Verantwortung gleichen wir die Geldverbindlichkeiten aus den gedeckten US-Verfahren durch eine Herabsetzung des Verhältnisses aus, zu dem unsere Class-B-1-, B-2- und B-3-Stammaktien letztlich in Class-A-Stammaktien umgetauscht werden.“

— Visa Inc., SEC-Quartalsbericht 10-Q zum 30.06.2026, Lagebericht (MD&A)

Für dich als Class-A-Aktionär ist das eine gute Nachricht: Der Gewinn je Class-A-Aktie blieb in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2026 durch die Anpassungen unverändert. Die Kosten der Verfahren wurden vollständig von der anderen Gattung getragen.

Aber die andere Gattung ist noch da

Und genau das ist der Punkt, den man verstehen muss. Die Class-B- und Class-C-Aktien existieren weiter, und irgendwann werden sie zu Class A. Bis dahin sind sie eine latente Verwässerung — auf gut Deutsch: Dein Stück vom Kuchen wird kleiner, wenn sie eingelöst werden.

Die Zahlen zum 30.06.2026 aus Anhang 11 des Quartalsberichts, jeweils umgerechnet in Class-A-Äquivalente:

  • Class A, ausstehend: 1.702 Millionen
  • Class B-1: 2 Millionen Stück × Umtauschverhältnis 1,5445 = 3 Millionen
  • Class B-2: unter 1 Million Stück × 1,5014 = 1 Million
  • Class B-3: 61 Millionen Stück × 1,4953 = 91 Millionen
  • Class C: 18 Millionen Stück × 4,0000 = 73 Millionen
  • Vorzugsaktien Serien B und C: zusammen rund 3 Millionen
  • Alle Gattungen umgerechnet: 1.880 Millionen

Die Lücke beträgt 178 Millionen Aktien oder 10,5 Prozent über der ausgewiesenen Class-A-Zahl. Zum 30.09.2025 waren es noch 1.930 gegenüber 1.691 Millionen, also 239 Millionen oder 14,1 Prozent. Der Überhang schrumpft — durch Umtausche und durch die Herabsetzungen —, aber er ist nach 18 Jahren immer noch zweistellig prozentual.

Was im Mai 2026 passiert ist

Und dann gab es eine Änderung, die selbst aufmerksamen Lesern entgangen sein dürfte:

Markierte Fundstelle aus Visas Quartalsbericht: Im Mai 2026 nahm Visa 3 Millionen Class-B-1- und 120 Millionen Class-B-2-Aktien an und gab dafür 61 Millionen Class-B-3- und 23 Millionen Class-C-Aktien aus; künftige Anpassungen des Umtauschverhältnisses wirken bei Class B-3 vierfach beziehungsweise doppelt.
Aus Anhang 11 (Stockholders’ Equity) des Quartalsberichts zum 30.06.2026. Hervorhebung von uns. Quelle: SEC-Quartalsbericht 10-Q, eingereicht 29.07.2026. Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

„In May 2026, Visa accepted 3 million shares of class B-1 common stock and 120 million shares of class B-2 common stock tendered in the exchange offer. In exchange, Visa issued 61 million shares of class B-3 common stock and 23 million shares of class C common stock. … Future conversion rate adjustments for the class B-3 common stock will have four times and two times the impact compared to conversion rate adjustments for the class B-1 and B-2 common stock, respectively.“

Übersetzung: „Im Mai 2026 nahm Visa 3 Millionen Class-B-1-Stammaktien und 120 Millionen Class-B-2-Stammaktien an, die im Umtauschangebot angedient wurden. Im Gegenzug gab Visa 61 Millionen Class-B-3-Stammaktien und 23 Millionen Class-C-Stammaktien aus. … Künftige Anpassungen des Umtauschverhältnisses für die Class-B-3-Stammaktie werden das Vierfache beziehungsweise das Doppelte der Wirkung haben, verglichen mit Anpassungen für die Class-B-1- und die Class-B-2-Stammaktie.“

— Visa Inc., SEC-Quartalsbericht 10-Q zum 30.06.2026, Anhang 11

Was heißt das? Ein Teil der Banken hat sich freigekauft. Sie gaben Class-B-Aktien ab und bekamen unter anderem Class C — eine Gattung, die von künftigen Prozesskosten nicht mehr getroffen wird. Zurück blieb Class B-3, bei der jede künftige Herabsetzung vierfach so stark wirkt wie zuvor bei B-1.

Der Puffer für die Class-A-Aktie ist damit nicht verschwunden, aber er ist auf weniger Schultern verteilt. Zum 30.06.2026 trugen 95 Millionen umgerechnete Class-B-Aktien die Last, die zum 30.09.2025 noch auf 191 Millionen verteilt war. Wie lange diese Konstruktion trägt, ist die eigentliche offene Frage bei Visa — und sie hängt unmittelbar am Ausgang der Verfahren.

Unbequeme Wahrheit Nr. 4: die Verfahren hören nicht auf

Man könnte meinen, nach fast zwanzig Jahren wäre der Interchange-Streit einmal durch. Er ist es nicht. Ein Blick in den Rechtsstreitsteil des Quartalsberichts zum 30.06.2026:

  • USA, Sammelverfahren: Am 10.11.2025 schlossen Visa und Mastercard einen geänderten Vergleich für die Unterlassungsklasse; die vorläufige Genehmigung erfolgte am 09.06.2026, der Antrag auf endgültige Genehmigung am 15.07.2026. Mit Händlern, die rund 95 Prozent des Kartenumsatzes der Aussteiger auf sich vereinen, hat Visa sich verglichen.
  • Aber: Am 21.04.2026 beantragten drei Händler festzustellen, dass die in die Zukunft gerichtete Verzichtserklärung des Vergleichs unwirksam sei. Am selben Tag reichten sie unter dem Namen Potayto-Potahto eine neue Sammelklage ein, für alle Händler, die seit dem 25.01.2019 Visa- oder Mastercard-Kreditkarten angenommen haben. Visa und Mastercard beantragten am 16.06.2026 die Durchsetzung des bestehenden Vergleichs gegen diese Händler.
  • Großbritannien und Europa: Seit Juli 2013 haben mehr als 1.200 Händler Verfahren gegen Visa-Gesellschaften eingeleitet. Über 950 sind verglichen, mehr als 100 Ansprüche stehen noch offen. Visa schreibt selbst, es rechne mit weiteren Klagen.
  • Neu: Am 20.04.2026 reichte eine europaweite Händlergruppe Klage beim High Court in London ein, mit einem Schadenszeitraum ab dem 01.01.2019. Im Mai und Juni 2026 folgten weitere Händler mit Schadenszeiträumen von mindestens sechs Jahren.
  • Britisches Wettbewerbsgericht: Am 18.02.2026 entschied das Competition Appeal Tribunal, dass Interchange — außer in bestimmten Händlerkategorien — von den Händlern nicht weitergegeben wurde. Visa hat Zulassung zur Berufung beantragt. Am 17.03.2026 erhielt Visa die Zulassung zur Berufung gegen die Entscheidung von Juni 2025, wonach bestimmte Interchange-Sätze den Wettbewerb beschränken.

Zwei Dinge sind daran bemerkenswert. Erstens: Der Aufwand ist real und schwankt stark. Die Rückstellung für Rechtsstreitigkeiten betrug im Geschäftsjahr 2025 2.562 Millionen US-Dollar gegenüber 462 Millionen im Geschäftsjahr 2024 und 927 Millionen im Geschäftsjahr 2023. Zweitens: Ein Vergleich, der die Zukunft mit abdeckt, ist offenbar angreifbar — und genau das wird gerade versucht.

Unbequeme Wahrheit Nr. 5: die Regulierer zielen auf den Preis

Prozesse sind das eine. Regulierung ist das andere — und gefährlicher, weil sie den Preis direkt festsetzt statt ihn nachträglich zu bestrafen. Visa listet im Geschäftsbericht 2025 auf, wo überall in seinen Preis eingegriffen wird:

  • USA: Die US-Notenbank deckelt über Regulation II die Interchange-Gebühr für Debitkarten großer Banken auf 21 Cent plus 5 Basispunkte je Transaktion, plus möglicher 1 Cent Betrugszuschlag. Im Oktober 2023 schlug sie eine weitere Absenkung samt automatischer Anpassung alle zwei Jahre vor. Im August 2025 entschied ein Bundesgericht in North Dakota, die Notenbank habe ihre Befugnisse bei der Umsetzung von Regulation II überschritten, und hob die Regelung auf.
  • Europa: Die EU-Interchange-Verordnung begrenzt die Gebühr auf 30 Basispunkte bei Kreditkarten und 20 bei Debitkarten. Die Kommission hat eine erneute Folgenabschätzung angekündigt, die zu noch niedrigeren Obergrenzen und einer Ausweitung auf weitere Produkte führen könnte.
  • Grenzüberschreitend: Visa hat sich 2019 mit der EU-Kommission auf begrenzte grenzüberschreitende Sätze geeinigt, verlängert bis 2029. Costa Rica regulierte 2020 als erstes Land grenzüberschreitendes Interchange, Neuseeland führte im Juli 2025 Obergrenzen ein, Australien hat welche vorgeschlagen.
  • Marktzugang: China, Indien, Indonesien, Thailand, Vietnam und Südafrika bevorzugen per Regulierung heimische Zahlungssysteme oder verlangen lokale Datenverarbeitung.

Dazu kommt der Wettbewerb aus einer Richtung, die es vor zehn Jahren nicht gab: Echtzeit-Überweisungen von Konto zu Konto, digitale Geldbörsen, Stablecoins. Visa beschreibt in seinem eigenen Wettbewerbsteil, dass neue Anbieter „vom traditionellen Netzwerk-Zahlungsmodell abweichen“. Visa reagiert darauf mit eigenen Produkten — Visa Direct wickelte im Geschäftsjahr 2025 mehr als 12,5 Milliarden Transaktionen für über 650 Partner ab, das Stablecoin-Abwicklungsvolumen überschritt zum 30.09.2025 eine Jahresrate von 2,5 Milliarden US-Dollar. Beides ist gemessen am Kerngeschäft noch klein.

Was die Aktie kostet

Zum Datenstand 29.07.2026 lag Visas Börsenwert bei rund 669 Milliarden US-Dollar. Das nachlaufende Kurs-Gewinn-Verhältnis betrug rund 32, das auf die Analystenschätzung für das laufende Geschäftsjahr bezogene rund 24. Der Unternehmenswert entsprach etwa dem 24,7-Fachen des Ergebnisses vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen.

Zur Einordnung ohne Tageskurs: Ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 32 heißt, dass der Markt bereit ist, den 32-fachen Jahresgewinn zu bezahlen. Bei einem breiten Marktdurchschnitt in der Größenordnung von 20 ist das ein deutlicher Aufschlag. Er ist nicht unbegründet — eine Nettomarge von 50 Prozent, 36 Prozent Umsatzwachstum in drei Jahren und ein Netz, das man nicht in fünf Jahren nachbaut, rechtfertigen einiges. Aber es ist ein Preis, in dem viel Zukunft schon drinsteckt.

Eine Kennzahl solltest du bei Visa ignorieren: das Kurs-Buchwert-Verhältnis von rund 19,6. Der Buchwert misst, was ein Unternehmen an Vermögen in den Büchern hat. Bei einer Firma, deren wertvollster Besitz eine Marke, ein Netzwerk und Verträge mit 14.500 Banken sind, sagt der Buchwert nichts. Der größte Bilanzposten sind ohnehin 27.532 Millionen US-Dollar immaterielle Vermögenswerte und 20.825 Millionen Firmenwert aus Zukäufen — zusammen mehr als die Hälfte der Bilanzsumme.

Der Blick der Profis: Die Analystenschätzung für den Gewinn je Aktie im laufenden Geschäftsjahr lag zum Datenstand 29.07.2026 bei rund 13,15 US-Dollar, gegenüber 11,58 US-Dollar in den zurückliegenden zwölf Monaten. Der Konsens rechnet also weiter mit Wachstum. Das ist eine Erwartung, kein Fakt.

Wie sich ein reiner Zahlungsdienstleister ohne Netzwerkmonopol in derselben Branche schlägt, kannst du in unserer Analyse von Remitly nachlesen — dort ist der Wettbewerbsdruck auf die Marge unmittelbar sichtbar. Und wie stark der grenzüberschreitende Onlinehandel als Treiber wirkt, zeigt ein Blick in unsere Analyse von Amazon.

Chancen und Risiken auf einen Blick

Was für Visa spricht

  • Ein Geschäftsmodell ohne Kreditrisiko. Visa verdient an der Transaktion, nicht am Kredit. Fällt ein Karteninhaber aus, trifft es die Bank. Diese Trennung ist der Kern der Marge von 60 Prozent.
  • Netzwerkeffekt in Reinform. Knapp 5 Milliarden Zahlungsmittel treffen auf mehr als 175 Millionen Händlerstandorte (Stand 30.09.2025). Beide Seiten wachsen nur, weil die andere schon da ist. Ein neuer Anbieter muss beide gleichzeitig gewinnen.
  • Wachstum jenseits der Karte. Die Erlöse aus Zusatzdiensten stiegen im Geschäftsjahr 2025 um 24 Prozent auf 10,9 Milliarden US-Dollar; in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2026 auf 10,3 Milliarden nach 7,8 Milliarden im Vorjahreszeitraum. Diese Erlöse hängen nicht am Interchange und sind damit regulierungsferner.
  • Der Konjunkturfühler funktioniert in beide Richtungen. Das grenzüberschreitende Volumen ohne Europa-Binnenverkehr wuchs im dritten Quartal des Geschäftsjahres 2026 um 12 Prozent währungsbereinigt. Reisen und internationaler Onlinehandel sind ein struktureller Rückenwind.
  • Freier Mittelzufluss und Rückkäufe. Rund 21,6 Milliarden US-Dollar frei verfügbarer Mittelzufluss im Geschäftsjahr 2025; die Aktienzahl sinkt seit Jahren.

Was dagegen spricht

  • Die Anreizquote steigt. Von 26,0 auf 28,3 Prozent der Bruttoerlöse in vier Geschäftsjahren. Jeder weitere Prozentpunkt kostet auf Basis GJ 2025 rund 558 Millionen US-Dollar Nettoerlös.
  • Der Treuhandfonds ist weitgehend geleert. 888 Millionen US-Dollar zum 30.06.2026 nach 2.990 Millionen neun Monate zuvor. Neue Ansprüche erfordern neue Einzahlungen.
  • Latente Verwässerung von 178 Millionen Aktien. 10,5 Prozent über der Class-A-Zahl (30.06.2026). Der Überhang schrumpft, ist aber nach 18 Jahren immer noch zweistellig.
  • Die Verfahren laufen weiter. Über 100 offene Händleransprüche in Europa, eine neue US-Sammelklage vom 21.04.2026, neue europäische Klagen im April, Mai und Juni 2026.
  • Regulierung setzt den Preis direkt. Interchange-Obergrenzen in den USA, der EU, Australien und Neuseeland; Marktzugangsbeschränkungen in China und Indien.
  • Bewertung mit Vorschuss. Rund das 32-Fache des nachlaufenden Gewinns (Datenstand 29.07.2026) lässt wenig Raum für Enttäuschungen.

Ein menschliches Fazit

Die Mautstelle vom Anfang gibt es wirklich. Visa kassiert an fast jeder Kartenzahlung der Welt mit, trägt dabei kein Kreditrisiko und behält von jedem gemeldeten Dollar gut die Hälfte als Gewinn. Das ist kein Marketingversprechen, das steht so in den Berichten.

Nur ist die Mautstelle keine Festung. Sie steht auf zwei Konstruktionen, die man sehen muss, wenn man die Zahlen ernst nimmt. Die eine kostet jedes Jahr ein bisschen mehr: die Anreize, die Visa seinen eigenen Kunden zahlt, damit sie bleiben. Die andere hat 2008 elegant ein Problem geparkt, das seither nicht kleiner geworden ist: die Rechnung der Interchange-Verfahren, die von einem Treuhandkonto und einer zweiten Aktiengattung getragen wird — und das Konto steht nach neun Monaten nur noch bei 888 Millionen US-Dollar.

Beides ist kein Grund zur Panik. Ein Unternehmen mit 21,6 Milliarden frei verfügbarem Mittelzufluss trägt viel. Aber wer Visa kauft, kauft eben nicht nur die Maut — er kauft auch die Frage, wie lange die zweite Konstruktion hält. Und diese Frage steht im Anhang, nicht in der Schlagzeile.

Was du daraus machst, ist deine Entscheidung. Und das ist auch gut so.

Quellen

Wichtiger Hinweis

Dieser Beitrag ist eine journalistische Einordnung öffentlich zugänglicher Unternehmensunterlagen und ausdrücklich keine Anlageberatung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Alle Zahlen stammen aus den oben genannten Quellen und tragen den dort angegebenen Stichtag; sie können sich nach Redaktionsschluss geändert haben. Aktienanlagen sind mit Risiken bis zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals verbunden. Der Autor hielt zum Zeitpunkt der Veröffentlichung keine Position in Visa Inc.

Unser Fazit auf einen Blick

Ertragskraft positiv
Im Geschäftsjahr 2025 blieben von 40.000 Mio. US-$ Nettoerlös 23.994 Mio. Betriebsergebnis (60,0 %) und 20.058 Mio. Nettoergebnis (50,1 %). Der operative Mittelzufluss lag mit 23.059 Mio. über dem Gewinn — die Marge ist durch echtes Geld gedeckt, nicht durch Bewertungseffekte (Stichtag 30.09.2025).
Geschäftsmodell und Bilanz positiv
Visa trägt kein Kreditrisiko und ist ausdrücklich kein Finanzinstitut (10-Q zum 30.06.2026). Zum 30.06.2026 standen 35.178 Mio. US-$ Eigenkapital und 23.858 Mio. Finanzschulden in der Bilanz, bei einer Zinsdeckung von rund 37 in den ersten neun Monaten. Kein Substanzrisiko erkennbar.
Kundenanreize negativ
Der Anteil der Kundenanreize an den Bruttoerlösen stieg von 26,0 % (GJ 2022) auf 28,3 % (GJ 2025), in den ersten neun Monaten des GJ 2026 lag er bei 28,1 %. Jeder Prozentpunkt entspricht auf Basis GJ 2025 rund 558 Mio. US-$ Nettoerlös. Visa nennt selbst keine Zielgröße.
Rechtsstreits-Puffer negativ
Der US-Treuhandfonds fiel von 2.990 Mio. US-$ (30.09.2025) auf 888 Mio. (30.06.2026); 2.977 Mio. gingen an Händler. Gleichzeitig laufen über 100 offene europäische Händleransprüche, eine neue US-Sammelklage vom 21.04.2026 und neue europäische Klagen aus April bis Juni 2026 (10-Q, Anhang 16).
Aktienstruktur neutral
Zum 30.06.2026 ergaben alle Gattungen umgerechnet 1.880 Mio. Class-A-Äquivalente gegenüber 1.702 Mio. ausgewiesenen Class-A-Aktien — 178 Mio. oder 10,5 % latente Verwässerung, nach 14,1 % zum 30.09.2025. Nach dem Umtausch vom Mai 2026 wirken künftige Anpassungen bei Class B-3 vierfach gegenüber Class B-1.
Regulierung und Wettbewerb negativ
Interchange-Obergrenzen bestehen in den USA (Regulation II, im August 2025 gerichtlich aufgehoben), der EU (30/20 Basispunkte), Australien und seit Juli 2025 Neuseeland. Mehrere Länder bevorzugen per Regulierung heimische Systeme. Der Preis des Kerngeschäfts wird damit nicht am Markt, sondern von Behörden gesetzt (10-K GJ 2025, Item 1A).

Visa verdient an fast jeder Kartenzahlung der Welt mit, ohne Kreditrisiko zu tragen, und behielt im Geschäftsjahr 2025 von jedem gemeldeten Dollar gut die Hälfte als Gewinn. Vor dieser Umsatzzeile gingen jedoch 15.751 Mio. US-$ an die eigenen Bankpartner — mit steigendem Anteil. Die Rechnung der Interchange-Verfahren trägt bislang ein Treuhandkonto und eine zweite Aktiengattung, nicht die Class-A-Aktie; das Konto stand zum 30.06.2026 nur noch bei 888 Mio. US-$. Keine Anlageberatung.

Was unsere Einordnung bedeutet

Qualität belegt

Geschäftsmodell, Zahlen und Bilanz halten unserer Prüfung stand. Ob der aktuelle Kurs einen Einstieg trägt, ist eine eigene Frage — sie hängt am Preis, nicht am Unternehmen.

Das Unternehmen selbst ist belegbar stark: 60,0 % Betriebsmarge im Geschäftsjahr 2025, ein operativer Mittelzufluss von 23.059 Mio. US-$ über dem ausgewiesenen Gewinn, eine Zinsdeckung von rund 37 und ein Netzwerk aus knapp 5 Mrd. Zahlungsmitteln und 175 Mio. Händlerstandorten, das kein Wettbewerber kurzfristig nachbaut. Kein Going-Concern-Hinweis, kein negatives Eigenkapital, keine existenzielle Abhängigkeit von einer einzelnen Gegenpartei, kein Bilanz- oder Governance-Bruch. Die belastenden Befunde — steigende Anreizquote, geleerter Treuhandfonds, laufende Verfahren, Regulierung des Kernpreises — sind ernst, aber operativer und regulatorischer Natur und bedrohen die Substanz nicht. Getrennt davon steht die Preisfrage: Mit rund dem 32-Fachen des nachlaufenden Gewinns (Datenstand 29.07.2026) ist die Aktie teuer bezahlt, und in diesem Preis steckt bereits viel Zukunft. Das ist ein Bewertungsargument, kein Qualitätsargument — und ändert an der Ampel nichts.

Journalistische Einschätzung der Redaktion zum Analysezeitpunkt auf Basis öffentlicher Quellen — keine Anlageberatung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf. Deine persönlichen Umstände (Anlageziele, Risikotragfähigkeit, Steuern) können dabei nicht berücksichtigt werden. Was unsere Stufen bedeuten, wie Urteile entstehen und welche Interessenkonflikte bestehen →

Bitte beachten

  • Aufhänger: Bestandsaufnahme der 100 größten US-Aktien nach Börsenwert vom 28.07.2026. Visa stand auf Rang 15 und hatte keine Analyse. Kein Scanner-Treffer.
  • Datenstand: Quartalsbericht 10-Q zum 30.06.2026 (eingereicht 29.07.2026), Geschäftsberichte 10-K für die Geschäftsjahre 2025 und 2024, Ergebnismitteilung 8-K vom 28.07.2026. Fundamentaldaten zum 29.07.2026.
  • Verwechslungsgefahr Geschäftsjahr: Visas Geschäftsjahr endet am 30. September. „GJ 2025" bezeichnet den Zeitraum Oktober 2024 bis September 2025, nicht das Kalenderjahr 2025.
  • Verwechslungsgefahr Aktiengattung: An der Börse handelbar ist ausschließlich die Class-A-Aktie unter dem Kürzel V. Class B-1, B-2, B-3 und C werden nicht gehandelt und tauchen im Kurs nicht auf, gehen aber in den verwässerten Gewinn je Aktie ein.
  • Die Form 25-NSE vom 15.06.2026 betrifft ausschließlich die auslaufende 1,500-Prozent-Anleihe 2026 und ist kein Delisting-Signal für die Aktie.

Häufige Fragen

Visas Geschäftsjahr endet am 30. September. Das Geschäftsjahr 2025 lief vom 1. Oktober 2024 bis zum 30. September 2025, das Geschäftsjahr 2026 endet am 30. September 2026. Wer Visa mit einem Unternehmen vergleicht, das nach Kalenderjahr berichtet, vergleicht um ein Vierteljahr verschobene Zeiträume. Die Neunmonatszahlen des laufenden Jahres decken Oktober 2025 bis Juni 2026 ab.

Kundenanreize sind Zahlungen, mit denen Visa Banken, Händler und Partner dafür gewinnt, Visa zu bevorzugen. Sie gelten bilanziell nicht als Aufwand, sondern als Erlösminderung und werden deshalb vor der ausgewiesenen Umsatzzeile abgezogen. Im Geschäftsjahr 2025 waren das 15.751 Millionen US-Dollar — 28,3 Prozent der Bruttoerlöse von 55.751 Millionen.

Ein Treuhandkonto aus dem US-Plan zur rückwirkenden Verantwortung, das seit dem Börsengang 2008 besteht. Aus ihm werden Vergleiche und Urteile der US-Interchange-Verfahren bezahlt. Zum 30. Juni 2026 standen dort 888 Millionen US-Dollar, nach 2.990 Millionen zum 30. September 2025. In den neun Monaten dazwischen flossen 2.977 Millionen an Händler ab, 875 Millionen wurden eingezahlt.

Beim Börsengang 2008 erhielten die beteiligten Banken statt Class-A-Aktien die nicht gehandelten Gattungen Class B und C. Ihr Umtauschverhältnis in Class A wird gesenkt, sobald Visa Geld in den Rechtsstreits-Treuhandfonds einzahlt. So tragen die Banken die Kosten der Interchange-Verfahren, nicht die Class-A-Aktionäre. An der Börse handelbar ist ausschließlich Class A unter dem Kürzel V.

Zum 21. Juli 2026 waren 1.704.112.694 Class-A-Aktien ausstehend, dazu 2.180.148 Class B-1, 486.669 Class B-2, 60.589.871 Class B-3 und 17.059.152 Class C. Rechnet man alle Gattungen in Class-A-Äquivalente um, ergaben sich zum 30. Juni 2026 rund 1.880 Millionen Aktien gegenüber 1.702 Millionen ausgewiesenen Class-A-Aktien — eine Differenz von 178 Millionen oder 10,5 Prozent.

Im Mai 2026 tauschte Visa 3 Millionen Class-B-1- und 120 Millionen Class-B-2-Aktien gegen 61 Millionen Class-B-3- und 23 Millionen Class-C-Aktien. Künftige Herabsetzungen des Umtauschverhältnisses treffen Class B-3 mit dem Vierfachen der Wirkung von Class B-1. Der Schutz der Class-A-Aktie bleibt bestehen, ruht aber auf weniger Aktien: 95 Millionen umgerechnet statt zuvor 191 Millionen.

Nein. Visa schreibt in jedem Quartalsbericht ausdrücklich, dass es kein Finanzinstitut ist, keine Karten ausgibt, keine Kredite vergibt und keine Zinssätze für Kontoinhaber festlegt. Zahlt ein Karteninhaber nicht, trägt das die ausgebende Bank. Visa verdient ausschließlich an der Abwicklung der Transaktion — das ist der Grund für die Betriebsmarge von 60,0 Prozent im Geschäftsjahr 2025.

Ja. Der Verwaltungsrat beschloss am 28. Juli 2026 eine Quartalsdividende von 0,67 US-Dollar je Class-A-Aktie, zahlbar am 1. September 2026. Im Geschäftsjahr 2025 zahlte Visa insgesamt 4,6 Milliarden US-Dollar Dividende. Deutlich größer sind die Aktienrückkäufe: 18,2 Milliarden im Geschäftsjahr 2025 und 16.537 Millionen in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2026.

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