Amazon-Aktie: 90 Milliarden Gewinn, 1,2 Milliarden übrig — und 54 Milliarden neue Anleihen
In den zwölf Monaten bis zum 31. März 2026 setzte Amazon 742,8 Milliarden US-Dollar um und verdiente unterm Strich 90,8 Milliarden. Frei verfügbar blieben davon 1,2 Milliarden — vor einem Jahr waren es noch 25,9. Dazwischen liegen 151,0 Milliarden Investitionen in Rechenzentren, eine Anleiheschuld, die sich in einem einzigen Quartal von 68,8 auf 122,6 Milliarden fast verdoppelt hat, und 16,8 Milliarden Buchgewinn aus einer Beteiligung an einem KI-Unternehmen, das seine Rechenleistung bei Amazon kauft. Wir rechnen nach, wer den Gewinn trägt und wer ihn ausgibt.
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Die Karton-Falle
Machen wir einen Deal. Bevor wir über Amazon reden, gebe ich zu, dass ich diese Firma jahrelang falsch im Kopf hatte — und du vielleicht auch. Die Falle heißt Verfügbarkeit: Wir beurteilen ein Unternehmen nach dem Bild, das uns am schnellsten einfällt. Bei Amazon ist das der Karton vor der Wohnungstür. Paket, Prime, zwei Tage Lieferzeit, fertig.
Nur verdient der Karton fast nichts. In den zwölf Monaten bis zum 31. März 2026 machte das Handelsgeschäft in Nordamerika 437,6 Milliarden US-Dollar Umsatz — und daraus 32,0 Milliarden Betriebsgewinn. Das Cloud-Geschäft AWS, das kein Kunde je als Karton sieht, machte 137,0 Milliarden Umsatz und daraus 48,2 Milliarden Gewinn. Ein Fünftel des Umsatzes trägt mehr als die Hälfte des Ertrags.
Und genau dieses Fünftel kostet gerade so viel Geld, dass am Ende fast nichts mehr übrig bleibt. Merke dir dieses Spannungsfeld, es zieht sich durch jedes Kapitel: Amazon verdient so viel wie nie — und behält davon so wenig wie seit Jahren nicht. Von 742,8 Milliarden US-Dollar Umsatz und 90,8 Milliarden Gewinn blieben in denselben zwölf Monaten 1,2 Milliarden frei verfügbar. Vor einem Jahr waren es 25,9 Milliarden. Wir lesen jetzt gemeinsam nach, wo der Unterschied entsteht.
Inhaltsübersicht
- Was Amazon eigentlich macht
- Wie die Aktie auf unseren Tisch kam
- Die Zahlen über die Jahre — ehrlich gewürdigt
- Was in den Berichten steht — die unbequemen Wahrheiten
- Bewertung: Was du für diese Firma bezahlst
- Chancen und Risiken auf einen Blick
- Ein menschliches Fazit
- Quellen
Was Amazon eigentlich macht
Amazon berichtet der US-Börsenaufsicht SEC in drei Segmenten. Erstens Nordamerika: alles, was über die nordamerikanischen Läden läuft — eigener Handel, Marktplatzgebühren fremder Händler, Werbung, Abonnements. Zweitens International: dasselbe für den Rest der Welt. Drittens AWS, kurz für Amazon Web Services: gemietete Rechenleistung, Speicher, Datenbanken und KI-Dienste für Unternehmen und Behörden.
Ein Alltagsbild für AWS, falls dir „Cloud“ immer noch schwammig vorkommt: Statt sich eigene Server in den Keller zu stellen, mieten Unternehmen Rechenleistung bei Amazon — wie man ein Auto least, statt es zu kaufen. Abgerechnet wird nach Verbrauch; Amazon kümmert sich um Hardware, Strom und Wartung. Und genau deshalb muss Amazon Hardware, Strom und Gebäude erst einmal bezahlen, Jahre bevor die Mieteinnahmen vollständig fließen. Das ist der ökonomische Kern dieser Analyse.
Neben den Segmenten gibt es eine zweite, feinere Umsatzaufgliederung. Für das erste Quartal 2026 sah sie so aus: Online-Läden 64,3 Milliarden US-Dollar, Dienstleistungen für Drittanbieter 41,6 Milliarden, AWS 37,6 Milliarden, Werbung 17,2 Milliarden, Abonnements 13,4 Milliarden, stationäre Läden 5,8 Milliarden, Sonstiges 1,6 Milliarden. Das Werbegeschäft ist die stille Rakete: plus 24 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal, und im Gegensatz zum Paketversand kostet eine zusätzlich ausgelieferte Anzeige praktisch nichts.
Deutschland ist für Amazon der zweitgrößte Einzelmarkt der Welt. Im Kalenderjahr 2025 entfielen 45,9 Milliarden US-Dollar Umsatz auf Deutschland, nach den USA mit 489,7 Milliarden und vor Großbritannien mit 43,2 Milliarden (Geschäftsbericht 10-K für 2025, Note 10).
Ein Hinweis zur Aktualität, bevor wir rechnen: Amazons Geschäftsjahr ist das Kalenderjahr. Der jüngste vollständige Bericht ist der Quartalsbericht (10-Q) zum 31. März 2026, eingereicht am 30. April 2026. Der Bericht für das zweite Quartal 2026 lag am 29. Juli 2026 noch nicht vor. Alle Zahlen dieser Analyse stammen aus dem Jahresbericht 2025, dem Quartalsbericht zum 31. März 2026 und den danach eingereichten Meldungen.
Wie die Aktie auf unseren Tisch kam
Diesmal war es kein Scanner-Treffer, und das ist eine ehrliche Auskunft über unsere eigene Methode. Unsere hauseigenen Aktien-Scanner filtern nach Kennzahlen — günstige Bewertung, hoher Piotroski-Score, Momentum. Die bekanntesten Schwergewichte fallen dadurch systematisch durch, weil sie selten billig sind. Als wir am 28. Juli 2026 nachzählten, wie viele der 100 größten US-Aktien nach Börsenwert bei uns eine Tiefenanalyse haben, standen 88 ohne. Amazon war davon der zweitgrößte, auf Rang 6.
Wir arbeiten die Liste deshalb von oben ab. Nach Microsoft ist Amazon der zweite Titel dieser Serie — und die beiden gehören ohnehin zusammen: Sie kämpfen im selben Cloud-Markt um dieselben Kunden, und sie stehen vor derselben Frage, ob die Milliarden für Rechenzentren jemals als freies Geld zurückkommen. Wer die Microsoft-Analyse gelesen hat, wird die Kurve wiedererkennen. Bei Amazon ist sie steiler.
Die Zahlen über die Jahre — ehrlich gewürdigt
Fangen wir mit dem an, was wirklich beeindruckt. Amazon steigerte den Umsatz von 574,8 Milliarden US-Dollar (2023) über 638,0 Milliarden (2024) auf 716,9 Milliarden (2025). Der Betriebsgewinn stieg in denselben drei Jahren von 36,9 über 68,6 auf 80,0 Milliarden, das Nettoergebnis von 30,4 über 59,2 auf 77,7 Milliarden. Ein Konzern dieser Größe, der seinen Betriebsgewinn in zwei Jahren mehr als verdoppelt, ist eine Seltenheit.
Bemerkenswert ist dabei nicht nur das Tempo, sondern die Wende im Ausland. Das internationale Geschäft schrieb 2023 noch einen Verlust von 2,656 Milliarden US-Dollar; 2024 standen dort 3,792 Milliarden Gewinn, 2025 waren es 4,750 Milliarden. Das ist ein echter Turnaround, kein Buchungstrick — die Marge stieg von minus 2,0 auf plus 2,9 Prozent.
Und jetzt der Blick, den die Schlagzeilen selten machen: Wer verdient das Geld eigentlich?
Die Zahlen dazu, alle aus dem Quartalsbericht 10-Q zum 31. März 2026, Note 8, jeweils als rollierender Zwölfmonatswert:
| Segment (12 Monate bis 31.03.2026) | Umsatz | Anteil | Betriebsgewinn | Anteil |
|---|---|---|---|---|
| Nordamerika | 437,6 Mrd. $ | 58,9 % | 32,0 Mrd. $ | 37,5 % |
| International | 168,2 Mrd. $ | 22,6 % | 5,2 Mrd. $ | 6,0 % |
| AWS | 137,0 Mrd. $ | 18,4 % | 48,2 Mrd. $ | 56,4 % |
| Konzern | 742,8 Mrd. $ | 100 % | 85,4 Mrd. $ | 100 % |
Rechne die letzte Spalte einmal selbst nach: 48,2 von 85,4 sind 56 Prozent. Das ist kein Ausrutscher eines Quartals, sondern die Regel — 2023 lag der AWS-Anteil am Betriebsgewinn sogar bei 67 Prozent, 2024 bei 58, 2025 bei 57. Was das bedeutet, wenn man es in ein Alltagsbild übersetzt: Amazon ist ein Rechenzentrumsbetreiber mit einem sehr, sehr großen Versandhandel im Anhang. Der Versandhandel bringt Kunden, Daten und Werbeflächen — der Gewinn entsteht woanders.
Bevor wir weitergehen, eine Warnung zur Rechenweise, weil sie in diesem Text mehrfach wichtig wird. Amazons viertes Quartal ist saisonal das stärkste: 213,4 Milliarden US-Dollar Umsatz im Schlussquartal 2025 gegen 181,5 Milliarden im ersten Quartal 2026. Wer ein einzelnes Quartal mal vier nimmt, rechnet sich in beide Richtungen etwas zurecht. Deshalb stehen in dieser Analyse durchgehend rollierende Zwölfmonatswerte.
Was in den Berichten steht — die unbequemen Wahrheiten
Unbequeme Wahrheit Nr. 1: Von 742,8 Milliarden Umsatz blieben 1,2 Milliarden frei
Der freie Mittelzufluss ist die ehrlichste Zahl in jedem Geschäftsbericht: Er misst, was nach allen Investitionen tatsächlich zur freien Verfügung übrig bleibt. Amazon definiert ihn selbst — Mittelzufluss aus dem Geschäft abzüglich der Sachinvestitionen, netto gerechnet — und weist ihn seit Jahren aus. Diese Definition benutzen wir hier durchgehend; sie wird nicht mit anderen Varianten gemischt, in denen Finanzierungsleasing steckt.
Die Reihe der letzten sechs Quartale, jeweils als Summe der zurückliegenden zwölf Monate:
Die sechs Werte im Klartext, jeweils zum Quartalsende: 38,2 Milliarden US-Dollar (31. Dezember 2024), 25,9 (31. März 2025), 18,2 (30. Juni 2025), 14,8 (30. September 2025), 11,2 (31. Dezember 2025) und 1,2 Milliarden (31. März 2026). Sechs Quartale in Folge nach unten, ohne eine einzige Gegenbewegung.
Die Gegenrechnung steht in der Kapitalflussrechnung des Quartalsberichts. In den zwölf Monaten bis zum 31. März 2026 kamen 148,5 Milliarden US-Dollar aus dem laufenden Geschäft herein — 30 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig gingen 147,3 Milliarden für Sachanlagen ab, netto nach Verkaufserlösen und Zuschüssen. Im Vorjahreszeitraum waren es 88,0 Milliarden. Ein Plus von 59,3 Milliarden bei den Investitionen frisst ein Plus von 34,6 Milliarden beim Mittelzufluss auf — und noch etwas mehr.
Amazon selbst nennt den Grund beim Namen:
„Free cash flow decreased to $1.2 billion for the trailing twelve months, driven primarily by a year-over-year increase of $59.3 billion in purchases of property and equipment, net of proceeds from sales and incentives. This increase primarily reflects investments in artificial intelligence.“
Übersetzung: „Der freie Mittelzufluss sank auf 1,2 Milliarden US-Dollar für die zurückliegenden zwölf Monate, vor allem getrieben von einem Anstieg der Sachinvestitionen um 59,3 Milliarden US-Dollar gegenüber dem Vorjahr, netto nach Erlösen aus Verkäufen und Zuschüssen. Dieser Anstieg spiegelt in erster Linie Investitionen in künstliche Intelligenz.“
— Amazon.com, Inc., SEC-Meldung 8-K vom 29. April 2026, Anlage 99.1 (Ergebnismitteilung zum ersten Quartal 2026)
Wohin das Geld fließt, zeigt die Segmentrechnung. Die Zugänge zu den Sachanlagen betrugen im ersten Quartal 2026 konzernweit 54,8 Milliarden US-Dollar (Vorjahresquartal 27,4 Milliarden). Davon entfielen 41,5 Milliarden auf AWS allein — nach 20,5 Milliarden ein Jahr zuvor. AWS hat in diesem einen Quartal also fast dreimal so viel investiert, wie das Segment im selben Quartal verdient hat (14,2 Milliarden). Die Sachanlagen des Segments wuchsen netto von 190,1 auf 223,1 Milliarden.
Merksatz: Wachstum, das erst gebaut werden muss, ist nie gratis. Es steht zuerst in der Investitionsrechnung und erst Jahre später in der Gewinnrechnung — die Abschreibung darauf beginnt allerdings sofort.
Diese Abschreibungen sind bereits sichtbar: Die Abschreibungen auf Sachanlagen im AWS-Segment stiegen im ersten Quartal 2026 auf 7,277 Milliarden US-Dollar, nach 4,390 Milliarden im Vorjahresquartal — ein Plus von 66 Prozent, während der Segmentumsatz um 28 Prozent wuchs. Deshalb sank die operative Marge von AWS auf Zwölfmonatssicht von 37,5 auf 35,2 Prozent, obwohl das Wachstum sich beschleunigte.
Unbequeme Wahrheit Nr. 2: 16,8 Milliarden des Quartalsgewinns hat niemand verdient
Im ersten Quartal 2026 meldete Amazon ein Nettoergebnis von 30,255 Milliarden US-Dollar — 77 Prozent mehr als im Vorjahresquartal. Der Betriebsgewinn stieg im selben Zeitraum aber nur von 18,4 auf 23,9 Milliarden, also um 30 Prozent. Die Lücke steckt in einer einzigen Zeile unterhalb des operativen Ergebnisses: „Other income (expense), net“ sprang von 2,749 auf 15,647 Milliarden US-Dollar.
Der Anhang löst es auf. Zwei Posten sind dafür verantwortlich, beide betreffen dieselbe Beteiligung: eine Höherbewertung von 12,328 Milliarden auf stimmrechtslose Vorzugsaktien am KI-Unternehmen Anthropic (Vorjahresquartal: 37 Millionen) und eine Umgliederung von 4,479 Milliarden aus Wandelanleihen desselben Unternehmens, die in Vorzugsaktien getauscht wurden. Zusammen 16,8 Milliarden US-Dollar vor Steuern. Amazon beziffert das in der Ergebnismitteilung selbst so.
„The upward adjustments relating to equity investments in private companies of $12.3 billion in Q1 2026 reflect observable changes in prices, primarily from our nonvoting preferred stock in Anthropic.“
Übersetzung: „Die Höherbewertungen von Beteiligungen an nicht börsennotierten Unternehmen in Höhe von 12,3 Milliarden US-Dollar im ersten Quartal 2026 spiegeln beobachtbare Preisänderungen wider, in erster Linie aus unseren stimmrechtslosen Vorzugsaktien an Anthropic.“
— Amazon.com, Inc., SEC-Quartalsbericht 10-Q zum 31. März 2026, Note 1 „Accounting Policies and Supplemental Disclosures“
Was das in Alltagssprache heißt: Amazon hat zwischen dem dritten Quartal 2023 und dem vierten Quartal 2025 insgesamt 8,0 Milliarden US-Dollar in Wandelanleihen von Anthropic gesteckt. Anthropic wurde seither in neuen Finanzierungsrunden höher bewertet. Weil Amazons Anteil danach mehr wert ist, entsteht buchhalterisch ein Ertrag — es fließt dabei kein einziger Dollar. Stell dir vor, das Haus deines Nachbarn wird höher geschätzt als im Vorjahr, und du besitzt ein Zimmer darin. Auf dem Papier bist du reicher. In deinem Portemonnaie hat sich nichts verändert.
Zwei Punkte machen die Sache heikler als bei einem Aktienpaket. Erstens ist die Bewertung eine Stufe-3-Bewertung: Für nicht börsennotierte Anteile gibt es keinen Marktpreis, also bewertet Amazon nach eigenen Annahmen und Modellen, gestützt auf Finanzierungsrunden. Der Bericht sagt selbst, Bewertungen nicht börsennotierter Unternehmen seien „inherently more complex due to the lack of readily available market data“ — von Natur aus komplexer, weil keine Marktdaten ohne Weiteres verfügbar sind. Zweitens ist Anthropic zugleich Kunde von AWS: Der Anhang nennt eine Geschäftsvereinbarung, die im Wesentlichen die Bereitstellung von AWS-Cloud-Diensten und die Nutzung von Amazon-Chips betrifft. Geld fließt also im Kreis — von Amazon zu Anthropic als Investition, von Anthropic zu Amazon als Rechenmiete.
Die Größenordnung der Beteiligung ist inzwischen erheblich. Zum 31. März 2026 standen die stimmrechtslosen Vorzugsaktien an Anthropic mit rund 32,0 Milliarden US-Dollar in der Bilanz (31. Dezember 2025: 14,8 Milliarden), die noch nicht gewandelten Anleihen mit rund 42,2 Milliarden beizulegendem Zeitwert. Der darin steckende, noch nicht über die Gewinnrechnung gelaufene Bewertungsgewinn beträgt 36,3 Milliarden US-Dollar und liegt im Eigenkapital unter „kumuliertes sonstiges Ergebnis“. Amazons gesamter Bestand an Beteiligungen, Optionsscheinen und Wandelanleihen an börsennotierten und nicht börsennotierten Firmen belief sich zum 31. März 2026 auf 96,5 Milliarden US-Dollar.
Unbequeme Wahrheit Nr. 3: Der Ausbau läuft erstmals auf Pump
Bis Ende 2024 hat Amazon jahrelang keine neuen Anleihen begeben — in den Kapitalflussrechnungen für 2023 und 2024 steht in der Zeile „Erlöse aus langfristigen Schulden“ jeweils eine glatte Null. 2025 kamen 15,7 Milliarden US-Dollar dazu. Und dann kam das erste Quartal 2026.
„As of March 31, 2026, we had $121.8 billion of unsecured senior notes outstanding (the ‚Notes‘), including €14.5 billion ($16.8 billion) and $37.0 billion issued in March 2026 for general corporate purposes.“
Übersetzung: „Zum 31. März 2026 hatten wir unbesicherte vorrangige Anleihen über 121,8 Milliarden US-Dollar ausstehen, darunter 14,5 Milliarden Euro (16,8 Milliarden US-Dollar) und 37,0 Milliarden US-Dollar, die im März 2026 für allgemeine Unternehmenszwecke begeben wurden.“
— Amazon.com, Inc., SEC-Quartalsbericht 10-Q zum 31. März 2026, Note 5 „Debt“
In Zahlen: Der Gesamtnennwert der langfristigen Schulden stieg vom 31. Dezember 2025 bis zum 31. März 2026 von 68,836 auf 122,632 Milliarden US-Dollar. In der Kapitalflussrechnung des Quartals stehen dazu 53,441 Milliarden Erlöse aus langfristigen Schulden — im Vorjahresquartal waren es 746 Millionen. Das ist keine Feinjustierung der Finanzierung, das ist ein Regimewechsel.
Und er ging nach dem Bilanzstichtag weiter. Am 12. Juni 2026 platzierte Amazon kanadische Anleihen über C$13,967 Milliarden mit Laufzeiten bis 2056 und Kupons von 3,400 bis 5,000 Prozent. Am 9. Juli 2026 folgten Dollar-Anleihen über 24,923 Milliarden US-Dollar mit Laufzeiten bis 2066 — die längste Tranche über 2,25 Milliarden trägt 6,250 Prozent. Zum Vergleich: Die Anleihen aus dem Jahr 2020 verzinsen sich mit 1,20 bis 2,70 Prozent. Neues Geld kostet Amazon heute also ein Vielfaches dessen, was altes Geld kostet.
Fairerweise: Für einen Konzern mit 441,9 Milliarden US-Dollar Eigenkapital und 148,5 Milliarden operativem Mittelzufluss ist das kein Verschuldungsproblem. Der Zinsaufwand betrug im ersten Quartal 2026 800 Millionen US-Dollar gegen 23,9 Milliarden Betriebsgewinn — eine Zinsdeckung von rund 30. Unter den Anleihen bestehen laut Note 5 keine Finanzkennzahl-Auflagen, und die zugesagten Kreditlinien über insgesamt 20,0 Milliarden waren zum Stichtag vollständig ungenutzt. Es ist kein Risiko-, sondern ein Richtungssignal: Der Ausbau ist inzwischen größer als das, was das Geschäft aus eigener Kraft trägt.
Unbequeme Wahrheit Nr. 4: Die größten Zusagen stehen nicht in der Bilanz
Zum 31. März 2026 listet Amazon 569,3 Milliarden US-Dollar vertragliche Gesamtverpflichtungen auf. Darin stecken 203,5 Milliarden Anleihezins und -tilgung, 110,1 Milliarden Mietverpflichtungen, 103,8 Milliarden unbedingte Kaufverpflichtungen (unter anderem für Energie und Anlagen) — und ein Posten, den man leicht überliest: 106,3 Milliarden für Mietverträge, die noch gar nicht begonnen haben. Das sind Rechenzentren und Logistikflächen, die gebaut werden, aber noch nicht übergeben sind.
Der zweite Block steht in der Anhangangabe zu den Finanzinstrumenten, und zwar unter „Ereignisse nach dem Bilanzstichtag“:
„Furthermore, we entered into a financing arrangement to make available to Anthropic an aggregate facility not to exceed $20.0 billion that will expire 30 months after a liquidity event, as defined, such as an Anthropic initial public offering or direct listing of equity securities.“
Übersetzung: „Darüber hinaus sind wir eine Finanzierungsvereinbarung eingegangen, um Anthropic eine Gesamtfazilität von höchstens 20,0 Milliarden US-Dollar zur Verfügung zu stellen, die 30 Monate nach einem Liquiditätsereignis ausläuft — definiert etwa als ein Börsengang oder eine Direktnotierung von Anthropic-Aktien.“
— Amazon.com, Inc., SEC-Quartalsbericht 10-Q zum 31. März 2026, Note 2 „Financial Instruments“
Zusammengerechnet: Amazon hat im ersten Quartal 2026 15,0 Milliarden US-Dollar in OpenAI-Vorzugsaktien investiert und sich verpflichtet, unter bestimmten Bedingungen weitere 35,0 Milliarden nachzulegen — die Verpflichtung endet, wenn der Betrag bis zum 31. Dezember 2028 nicht investiert ist. Nach dem Stichtag kamen 5,0 Milliarden zusätzliche Anthropic-Anteile, die 20-Milliarden-Fazilität und eine Option auf weitere 5,0 Milliarden dazu. Der Buchwert der Beteiligungen an nicht börsennotierten Unternehmen sprang entsprechend von 16,2 Milliarden (31. Dezember 2025) auf 48,1 Milliarden (31. März 2026).
Beide Gegenparteien kaufen zugleich Rechenleistung bei AWS — Amazon nennt für OpenAI ausdrücklich eine Geschäftsvereinbarung zur Bereitstellung von AWS-Cloud-Diensten samt Nutzung von Amazon-Chips. Das ist keine Bilanzunregelmäßigkeit, sondern die Struktur des gesamten KI-Marktes. Aber wer die 56 Prozent Gewinnanteil von AWS beurteilen will, sollte wissen, dass ein Teil der Nachfrage von Firmen kommt, an denen Amazon selbst beteiligt ist und die es mitfinanziert.
Die Gegenprobe: Ist das ein Spitzengewinn, der sich nicht wiederholt?
Diese Frage stellen wir bei jeder Analyse, und bei Amazon lautet die Antwort für das erste Quartal 2026: zu einem großen Teil ja. Rechnen wir es sauber durch, vor Steuern, weil die Steuerwirkung derselben Beteiligung sonst doppelt zählt.
| Erstes Quartal, vor Steuern | 2025 | 2026 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Ausgewiesenes Vorsteuerergebnis | 21,679 Mrd. $ | 39,834 Mrd. $ | +83,7 % |
| davon Anthropic-Bewertungsgewinne | 3,263 Mrd. $ | 16,807 Mrd. $ | — |
| Ohne Anthropic-Effekt | 18,416 Mrd. $ | 23,027 Mrd. $ | +25,0 % |
Plus 25 Prozent bereinigt ist immer noch ein sehr gutes Quartal — es ist nur nicht das Ausnahmequartal, das die Schlagzeile „Gewinn plus 77 Prozent“ suggeriert. Und der bereinigte Teil ist der belastbare: Er stammt aus Handel, Werbung und Rechenmiete, nicht aus einer Bewertungstabelle.
Auch die Steuerzeile trägt die Handschrift der Beteiligung. Amazon wies für das erste Quartal 2026 einen Steueraufwand von 9,6 Milliarden US-Dollar aus, darin enthalten 4,1 Milliarden diskreter Steueraufwand, überwiegend zurückzuführen auf die Nettogewinne aus den Anthropic-Beteiligungen. Auch das ist eine Zahl, die es ohne die Neubewertung nicht gäbe.
Und die versprochene Hochrechnungs-Gegenprobe: Wer die Sachinvestitionen des ersten Quartals 2026 (44,2 Milliarden US-Dollar) vervierfacht, kommt auf 176,8 Milliarden. Tatsächlich waren es in den zwölf Monaten bis zum 31. März 2026 151,0 Milliarden. Umgekehrt hätte die Vervierfachung des ersten Quartals 2025 (25,0 Milliarden) 100 Milliarden ergeben — im Kalenderjahr 2025 waren es 131,8 Milliarden. Amazons Investitionen folgen keinem Saisonmuster, sondern einer steigenden Kurve; jede Hochrechnung aus einem Quartal führt in die Irre. Deshalb stehen hier durchgehend Zwölfmonatswerte.
Das Gegengewicht: Warum Amazon so viel baut
Es wäre unfair, hier aufzuhören. Denn dieselbe Ergebnismitteilung enthält die Begründung für den Investitionsberg — und sie ist nicht dünn. AWS wuchs im ersten Quartal 2026 um 28 Prozent auf 37,6 Milliarden US-Dollar, nach Angabe des Vorstandschefs das schnellste Wachstum seit 15 Quartalen und das auf einer sehr großen Basis. Das Chip-Geschäft — Graviton, Trainium, Nitro — überschritt eine Jahresumsatzrate von 20 Milliarden US-Dollar bei dreistelligen Wachstumsraten. Das Werbegeschäft überschritt 70 Milliarden US-Dollar Zwölfmonatsumsatz. Der Absatz in den Handelsgeschäften stieg um 15 Prozent, der höchste Wert seit dem Ende der Pandemie-Beschränkungen.
Amazon meldete zudem Abnahmezusagen, die die Kapazität für Jahre binden: eine Zusage von OpenAI über rund zwei Gigawatt Trainium-Kapazität ab 2027 und eine Vereinbarung, wonach Anthropic bis zu fünf Gigawatt an aktuellen und künftigen Amazon-Chip-Generationen absichert. Wer sich fragt, warum ein Konzern 41,5 Milliarden US-Dollar in einem Quartal in ein einziges Segment steckt: Das ist die Antwort. Die Kapazität ist verkauft, bevor sie gebaut ist.
Die andere Seite derselben Rechnung — die Chips, die Amazon zukauft und zunehmend selbst entwirft — steht in unserer Nvidia-Analyse. Zwischen 2,1 Millionen KI-Chips, die Amazon in zwölf Monaten in Betrieb genommen hat, und den Abschreibungen, die daraus in den nächsten Jahren werden, liegt die eigentliche Wette dieser Aktie.
Bewertung: Was du für diese Firma bezahlst
Amazon kostete Ende Juli 2026 rund 2.489 Milliarden US-Dollar an der Börse (Datenstand 29. Juli 2026). Bei einem nachlaufenden Ergebnis je Aktie von 8,37 US-Dollar ergibt das ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 28, ein Kurs-Umsatz-Verhältnis von rund 3,4 und ein Kurs-Buchwert-Verhältnis von rund 5,7. Der Unternehmenswert liegt beim rund 13,6-Fachen des operativen Ergebnisses vor Abschreibungen.
Ein KGV von 28 klingt moderat für einen Konzern, der 17 Prozent wächst. Nur trägt genau dieses KGV den Anthropic-Effekt mit sich: Die 90,8 Milliarden US-Dollar Zwölfmonatsgewinn enthalten die Bewertungsgewinne. Zieht man allein den Effekt des ersten Quartals 2026 heraus, sinkt der Zwölfmonatsgewinn grob gerechnet in Richtung 78 Milliarden — und das KGV steigt auf rund 32. Das ist der ehrlichere Vergleichsmaßstab, weil eine Neubewertung sich nicht planmäßig wiederholt.
Noch interessanter ist der Blick auf das freie Geld. Bei 1,2 Milliarden US-Dollar freiem Mittelzufluss in zwölf Monaten ist jede Kennzahl vom Typ „Kurs zu freiem Cashflow“ rechnerisch sinnlos — sie ergäbe das Zweitausendfache. Genau das ist die Aussage: Wer heute kauft, bezahlt nicht für das Geld, das Amazon ausschüttet, sondern für das Geschäft, das aus den Investitionen entstehen soll. Ein Anhaltspunkt für die Größenordnung: Im Kalenderjahr 2024, vor dem Investitionssprung, waren es 38,2 Milliarden freier Mittelzufluss — daraus ergäbe sich ein Vielfaches von rund 65.
Der Blick der Profis fällt deutlich freundlicher aus. 70 Einschätzungen ergaben zum Datenstand 29. Juli 2026 ein durchschnittliches Kursziel von rund 313 US-Dollar bei 47 Mal „Strong Buy“, 19 Mal „Buy“, 4 Mal „Hold“ und keiner Verkaufsempfehlung. Ein Chor ohne eine einzige Gegenstimme ist selten eine unabhängige Zweitmeinung — bei den größten Indexschwergewichten ist er allerdings fast der Normalzustand.
Ein datierter Anker aus den Filings selbst, ehrlicher als jeder Tageskurs: Amazon hat weder im ersten Quartal 2025 noch im ersten Quartal 2026 eine einzige eigene Aktie zurückgekauft, obwohl vom Rückkaufprogramm aus dem März 2022 noch 6,1 Milliarden US-Dollar offen sind. Ein Unternehmen, das jeden verfügbaren Dollar in Rechenzentren steckt, kauft keine eigenen Aktien — und macht damit selbst deutlich, wo es die höhere Rendite erwartet.
Chancen und Risiken auf einen Blick
Was für Amazon spricht:
- AWS wuchs im ersten Quartal 2026 um 28 Prozent auf 37,6 Milliarden US-Dollar — das schnellste Wachstum seit 15 Quartalen.
- Das Werbegeschäft erreichte über 70 Milliarden US-Dollar Zwölfmonatsumsatz und wuchs im Quartal um 24 Prozent, bei sehr niedrigen Zusatzkosten je Anzeige.
- Das internationale Geschäft ist vom Verlust (minus 2,656 Milliarden 2023) in den Gewinn gedreht (plus 4,750 Milliarden 2025).
- Bilanz mit 441,9 Milliarden Eigenkapital, 143,1 Milliarden Kasse und Wertpapieren und einer Zinsdeckung von rund 30 zum 31. März 2026.
- Abnahmezusagen binden Kapazität für Jahre: rund zwei Gigawatt Trainium für OpenAI ab 2027, bis zu fünf Gigawatt für Anthropic.
- Der operative Mittelzufluss stieg in zwölf Monaten um 30 Prozent auf 148,5 Milliarden US-Dollar — das Geschäft selbst produziert mehr Geld denn je.
Was dagegen spricht:
- Der freie Mittelzufluss fiel in sechs Quartalen von 38,2 auf 1,2 Milliarden US-Dollar, ein Minus von 95 Prozent.
- 16,8 der 39,8 Milliarden Vorsteuerergebnis des ersten Quartals 2026 sind zahlungsunwirksame Bewertungsgewinne einer nicht börsennotierten Beteiligung (Stufe-3-Bewertung).
- Der Nennwert der langfristigen Schulden stieg in einem Quartal von 68,8 auf 122,6 Milliarden; neue Anleihen kosten bis zu 6,250 Prozent gegenüber 1,20 bis 2,70 Prozent bei den Papieren von 2020.
- Die Abschreibungen im AWS-Segment stiegen im Quartal um 66 Prozent auf 7,3 Milliarden, während der Segmentumsatz um 28 Prozent wuchs — die Zwölfmonatsmarge sank von 37,5 auf 35,2 Prozent.
- Offene Zusagen von 35,0 Milliarden (OpenAI, Frist 31. Dezember 2028) und bis zu 25,0 Milliarden (Anthropic-Fazilität plus Option) stehen weitgehend außerhalb der Bilanz.
- Ein Fünftel des Umsatzes trägt 56 Prozent des Gewinns — ein Margenrückgang bei AWS schlägt überproportional auf den Konzern durch.
- Amazon zahlt keine Dividende und kaufte zuletzt keine eigenen Aktien zurück; Rückflüsse an Aktionäre gibt es derzeit nicht.
Ein menschliches Fazit
Erinnerst du dich an die Karton-Falle vom Anfang? Sie hat bei Amazon eine doppelte Pointe. Die erste kennen inzwischen viele: Der Gewinn kommt nicht aus dem Paket, sondern aus dem Rechenzentrum. Die zweite ist neuer — das Rechenzentrum ist gerade dabei, den Gewinn wieder aufzufressen, jedenfalls den Teil davon, der als freies Geld beim Aktionär ankommen würde.
Wer die Berichte wirklich liest, findet keine versteckte Katastrophe. Er findet einen außergewöhnlich starken Konzern mit einem Werbegeschäft, das wie eine eigene Weltfirma wächst, einem Auslandsgeschäft, das nach Jahren die Kurve gekriegt hat, und einer Bilanz, die 122 Milliarden Anleiheschulden achselzuckend trägt. Er findet aber auch eine Verschiebung, die keine Schlagzeile bekommt: Von jedem operativ eingenommenen Dollar behielt Amazon im Kalenderjahr 2024 noch 33 Cent als freies Geld, im Kalenderjahr 2025 acht Cent — und in den zwölf Monaten bis März 2026 nicht einmal mehr einen.
Ob das eine großartige Investition ist oder eine, die man in fünf Jahren als Überbau bezeichnen wird, entscheidet sich nicht an der Gewinnzeile. Es entscheidet sich daran, ob die Rechenzentren ausgelastet werden — und ob die Firmen, die die Kapazität bestellt haben, sie auch bezahlen können. Zwei von ihnen finanziert Amazon selbst mit. Wer glaubt, dass die Nachfrage nach Rechenleistung noch Jahre so weiterläuft, kauft hier eines der besten Geschäftsmodelle der Welt zu einem Preis, der historisch nicht absurd ist. Wer daran zweifelt, sieht einen Konzern, der Rekordgewinne meldet, während sein freies Geld auf null zuläuft und die Schulden sich verdoppeln. Beide Lesarten stehen im selben Dokument. Was du daraus machst, ist deine Entscheidung. Und das ist auch gut so.
Quellen
- Amazon.com, Inc., SEC-Quartalsbericht 10-Q zum 31. März 2026 (eingereicht 30.04.2026) — Gewinn- und Verlustrechnung, Bilanz, Kapitalflussrechnung, Note 1 (Finanzergebnis, Aktienzahl), Note 2 (Anthropic, OpenAI, Ereignisse nach dem Bilanzstichtag), Note 3 (Leasing), Note 4 (Verpflichtungen, Globalstar), Note 5 (Anleihen und Kreditlinien), Note 6 (Eigenkapital, Aktienvergütung), Note 8 (Segmente), Item 2 (MD&A) inklusive Überleitung des freien Mittelzuflusses
- Amazon.com, Inc., SEC-Meldung 8-K vom 29. April 2026, Anlage 99.1 — Ergebnismitteilung zum ersten Quartal 2026 mit den ergänzenden Kennzahlen je Quartal (freier Mittelzufluss, Segmentreihen, Mitarbeiterzahl) und der Prognose für das zweite Quartal 2026
- Amazon.com, Inc., SEC-Geschäftsbericht 10-K für 2025 (eingereicht 06.02.2026) — Item 1 (Geschäft, Mitarbeiterzahl), Item 1A (Risikofaktoren), Item 7 (MD&A), Jahresabschluss, Note 10 (Segmente, Umsatz nach Ländern)
- Amazon.com, Inc., SEC-Meldung 8-K vom 10. Juni 2026 — Terminkredit über 17,5 Milliarden US-Dollar vom 8. Juni 2026, Zusagen laufen am 30. September 2026 aus
- Amazon.com, Inc., SEC-Meldung 8-K vom 12. Juni 2026 — Abschluss der kanadischen Anleiheemission über C$13,967 Milliarden
- Amazon.com, Inc., SEC-Meldung 8-K vom 9. Juli 2026 — Abschluss der Dollar-Anleiheemission über 24,923 Milliarden US-Dollar, Laufzeiten bis 2066
- SEC EDGAR, Einreichungsübersicht Amazon.com, Inc. (CIK 0001018724) — geprüft wurden alle Einreichungen ab dem 30.04.2026; die Meldung vom 22.05.2026 betrifft ausschließlich die Beschlüsse der Hauptversammlung und verändert das Zahlenbild nicht
- Fundamentaldaten (Börsenwert, Bewertungskennzahlen, Analystenkonsens), Datenstand 29. Juli 2026
Diese Analyse ist eine journalistische Einordnung öffentlich zugänglicher Informationen und keine Anlageberatung. Sie ist keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Aktien können erheblich an Wert verlieren, bis hin zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals. Alle Zahlen stammen aus den genannten Originalquellen und tragen ihren jeweiligen Stichtag; nach Redaktionsschluss veröffentlichte Berichte sind nicht berücksichtigt. Der Autor hält zum Zeitpunkt der Veröffentlichung keine Position in der besprochenen Aktie.
Unser Fazit auf einen Blick
- Marktstellung und Wachstum positiv
- Umsatz von 742,8 Mrd. US-Dollar in den zwölf Monaten bis 31.03.2026, plus 17 Prozent im ersten Quartal 2026. AWS wuchs um 28 Prozent auf 37,6 Mrd. im Quartal, das Werbegeschäft auf 17,2 Mrd. (plus 24 Prozent). Der Absatz in den Handelsgeschäften legte um 15 Prozent zu (Ergebnismitteilung vom 29.04.2026).
- Ertragskraft und Gewinnverteilung neutral
- Die operative Marge lag im ersten Quartal 2026 bei 13,1 Prozent — gut für einen Händler, mäßig für einen Technologiekonzern. Sie entsteht fast nur in einem Segment: AWS liefert 56 Prozent des Betriebsgewinns aus 18 Prozent des Umsatzes, das internationale Geschäft kommt auf 3,1 Prozent Marge (12 Monate bis 31.03.2026, 10-Q Note 8).
- Mittelzufluss nach Investitionen negativ
- Der freie Mittelzufluss fiel in sechs Quartalen von 38,2 auf 1,2 Mrd. US-Dollar (rollierende Zwölfmonatswerte, Stand 31.03.2026), ein Minus von 95 Prozent. Ursache sind 147,3 Mrd. Sachinvestitionen netto in zwölf Monaten; allein AWS verbuchte im ersten Quartal 2026 Anlagenzugänge von 41,5 Mrd. bei 14,2 Mrd. Segmentgewinn.
- Ergebnisqualität negativ
- 16,8 der 39,8 Mrd. US-Dollar Vorsteuerergebnis des ersten Quartals 2026 sind zahlungsunwirksame Bewertungsgewinne aus der Anthropic-Beteiligung, bewertet nach Stufe 3 (nicht beobachtbare Eingangsgrößen, eigene Annahmen). Bereinigt beträgt der Zuwachs rund 25 statt 84 Prozent (10-Q zum 31.03.2026, Note 1 und Note 2).
- Bilanz und Finanzierung positiv
- Eigenkapital 441,9 Mrd. US-Dollar, Kasse und Wertpapiere 143,1 Mrd. zum 31.03.2026. Der Zinsaufwand von 800 Mio. im Quartal ist gegen 23,9 Mrd. Betriebsgewinn eine Rundungsgröße; unter den Anleihen bestehen laut Note 5 keine Finanzkennzahl-Auflagen, die Kreditlinien über 20,0 Mrd. waren ungenutzt.
- Offene Zusagen neutral
- Neben 569,3 Mrd. US-Dollar vertraglichen Gesamtverpflichtungen zum 31.03.2026 stehen eine offene OpenAI-Zusage über 35,0 Mrd. (Frist 31.12.2028) sowie eine nach dem Stichtag eingegangene Anthropic-Fazilität über bis zu 20,0 Mrd. plus 5,0 Mrd. Option. Beide Gegenparteien sind zugleich AWS-Kunden.
Amazon ist operativ so stark wie nie: 742,8 Mrd. US-Dollar Umsatz und 85,4 Mrd. Betriebsgewinn in zwölf Monaten, AWS mit dem schnellsten Wachstum seit 15 Quartalen, eine Bilanz mit 441,9 Mrd. Eigenkapital. Zwei Zahlen aus denselben Berichten gehören daneben: Vom Geld blieben nach Investitionen 1,2 statt 25,9 Mrd. übrig, und 16,8 der 39,8 Mrd. Vorsteuerergebnis des ersten Quartals 2026 sind eine Höherbewertung einer nicht börsennotierten Beteiligung. Den Ausbau finanziert Amazon inzwischen mit Anleihen — 122,6 Mrd. Nennwert zum 31.03.2026 nach 68,8 Mrd. drei Monate zuvor. Keine Anlageberatung.
Was unsere Einordnung bedeutet
Offene Fragen
Das Geschäft funktioniert grundsätzlich, aber eine wesentliche Frage ist offen. Solange sie offen ist, tragen unsere Befunde kein Qualitätsurteil.
Das Geschäft trägt zweifelsfrei, die Bilanz ist stark und es gibt keinen Bilanz- oder Governance-Bruch — für ein grünes Urteil fehlt trotzdem ein Stück Belastbarkeit. Zwei Befunde bleiben offen: Der freie Mittelzufluss ist in sechs Quartalen von 38,2 auf 1,2 Mrd. US-Dollar geschmolzen, und 42 Prozent des Vorsteuerergebnisses im ersten Quartal 2026 stammen aus einer Stufe-3-Bewertung nicht börsennotierter Anteile, also aus Annahmen statt aus Zahlungen. Ob die 147 Mrd. Investitionen der letzten zwölf Monate ihre Kapitalkosten verdienen, ist noch nicht belegt — die Abschreibungen darauf laufen bereits. Das ist eine operative Frage, kein Substanzrisiko: Mit 143 Mrd. Liquidität und 148 Mrd. operativem Mittelzufluss kann Amazon diese Wette lange durchhalten. Was du daraus machst, ist deine Entscheidung.
Journalistische Einschätzung der Redaktion zum Analysezeitpunkt auf Basis öffentlicher Quellen — keine Anlageberatung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf. Deine persönlichen Umstände (Anlageziele, Risikotragfähigkeit, Steuern) können dabei nicht berücksichtigt werden. Was unsere Stufen bedeuten, wie Urteile entstehen und welche Interessenkonflikte bestehen →
Bitte beachten
- Aufhänger: Rangliste der 100 größten US-Aktien nach Börsenwert (Stand 28.07.2026); Amazon stand auf Rang 6 und hatte noch keine Analyse.
- Datenstand: Jahreszahlen aus dem Geschäftsbericht 10-K für 2025 (eingereicht 06.02.2026), Quartals- und Zwölfmonatszahlen aus dem Quartalsbericht 10-Q zum 31.03.2026 (eingereicht 30.04.2026) und der Ergebnismitteilung vom 29.04.2026, Bewertungskennzahlen mit Datenstand 29.07.2026. Der Bericht für das zweite Quartal 2026 lag am 29.07.2026 noch nicht vor.
- Rechenbasis: „Freier Mittelzufluss" ist durchgehend Amazons eigene Definition — Mittelzufluss aus dem Geschäft abzüglich „Purchases of property and equipment, net of proceeds from sales and incentives". Amazon weist daneben Varianten aus, die Finanzierungsleasing einbeziehen; sie werden hier nicht gemischt.
- Verwechslungsgefahr: Amazons viertes Quartal ist saisonal das stärkste. Zeitreihen in dieser Analyse laufen deshalb auf rollierenden Zwölfmonatswerten, nicht auf hochgerechneten Quartalen.
- Analysen sind evergreen; ein Tageskurs ist kein Kaufargument.
Häufige Fragen
Nicht mit Paketen. In den zwölf Monaten bis zum 31. März 2026 kam der Umsatz zu 437,6 Milliarden US-Dollar aus Nordamerika, zu 168,2 Milliarden aus dem internationalen Geschäft und zu 137,0 Milliarden aus dem Cloud-Geschäft AWS. Beim Betriebsgewinn kehrt sich das Bild um: AWS lieferte 48,2 Milliarden, Nordamerika 32,0 Milliarden, International nur 5,2 Milliarden.
Weil die Investitionen schneller wachsen als der Mittelzufluss aus dem Geschäft. In den zwölf Monaten bis zum 31. März 2026 flossen 148,5 Milliarden US-Dollar aus dem laufenden Geschäft herein, gleichzeitig gingen 147,3 Milliarden für Sachanlagen ab, netto gerechnet. Amazon nennt den Grund in der Ergebnismitteilung selbst: Der Anstieg spiegele vor allem Investitionen in künstliche Intelligenz.
Ein großer Teil davon ist kein verdientes Geld. Von 39,8 Milliarden US-Dollar Vorsteuerergebnis stammen 16,8 Milliarden aus Bewertungsgewinnen der Anthropic-Beteiligung — 12,3 Milliarden Höherbewertung stimmrechtsloser Vorzugsaktien und 4,5 Milliarden Umgliederung aus gewandelten Anleihen. Es fließt dabei kein Geld. Ohne diesen Effekt läge das Vorsteuerergebnis bei 23,0 Milliarden.
Zum 31. März 2026 lag der Nennwert der langfristigen Schulden bei 122,6 Milliarden US-Dollar, drei Monate zuvor waren es 68,8 Milliarden. Dazu kommen Leasingverbindlichkeiten von 104,9 Milliarden Barwert. Gegenüber stehen 441,9 Milliarden Eigenkapital und 143,1 Milliarden Kasse und Wertpapiere. Der Zinsaufwand des Quartals betrug 800 Millionen bei 23,9 Milliarden Betriebsgewinn.
Im ersten Quartal 2026 um 28 Prozent auf 37,6 Milliarden US-Dollar — laut Vorstandschef Andy Jassy das schnellste Wachstum seit 15 Quartalen. Die operative Marge des Segments lag bei 37,7 Prozent nach 39,5 Prozent im Vorjahresquartal. Auf Zwölfmonatssicht sank die Marge von 37,5 auf 35,2 Prozent, weil die Abschreibungen auf die neuen Rechenzentren mitlaufen.
Nein. Amazon hat noch nie eine Dividende gezahlt. Es gibt ein Rückkaufprogramm über 10,0 Milliarden US-Dollar, das der Verwaltungsrat im März 2022 beschlossen hat; zum 31. März 2026 waren davon noch 6,1 Milliarden offen. Weder im ersten Quartal 2025 noch im ersten Quartal 2026 wurden eigene Aktien zurückgekauft.
Weil das vierte Quartal saisonal weit über den anderen liegt: 213,4 Milliarden US-Dollar Umsatz im Schlussquartal 2025 gegen 181,5 Milliarden im ersten Quartal 2026. Bei den Investitionen läuft es umgekehrt — sie steigen im Jahresverlauf. Wer das erste Quartal 2025 vervierfacht hätte, wäre auf 100 Milliarden Sachinvestitionen gekommen; tatsächlich waren es 131,8 Milliarden.
Vor allem Finanzierungen. Am 8. Juni 2026 eine noch nicht gezogene Kreditfazilität über 17,5 Milliarden US-Dollar, deren Zusagen am 30. September 2026 auslaufen. Am 12. Juni 2026 Anleihen über C$13,967 Milliarden, am 9. Juli 2026 weitere über 24,923 Milliarden US-Dollar mit Kupons bis 6,250 Prozent. Der Bericht für das zweite Quartal 2026 lag am 29. Juli 2026 noch nicht vor.
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