Exxon: 4,7 Millionen Fass am Tag — und ein Preis, den keiner setzt
ExxonMobil förderte 2025 so viel wie seit über 40 Jahren nicht mehr — und verdiente trotzdem nur halb so viel wie 2022. Der Konzern schreibt selbst in den Geschäftsbericht, warum: Ein US-Dollar Unterschied beim Brent-Preis bewegt rund 700 Millionen Ergebnis. Wir lesen nach, was in den Berichten steht — von 2020 an, nicht erst ab dem Rekordjahr.
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Die Riesen-Illusion
Es gibt eine Denkfalle, die uns bei großen Unternehmen zuverlässig erwischt: Wir halten das Größte automatisch für das Berechenbarste. Ein Konzern, der seit 1882 existiert, jeden Tag 4,7 Millionen Fass Öläquivalent fördert und Menschen aus mehr als 160 Nationen beschäftigt, kann doch keine Überraschungen mehr haben. Sowas läuft. Sowas plant man ein.
Dann schaut man in die Berichte. Im Jahr 2020 wies ExxonMobil einen Fehlbetrag von 22.440 Millionen US-Dollar aus. Zwei Jahre später, 2022, einen Gewinn von 55.740 Millionen. Dieselben Bohrlöcher, dieselben Raffinerien, weitgehend dasselbe Management. Der Unterschied von rund 78 Milliarden US-Dollar zwischen den beiden Jahren entstand fast vollständig außerhalb des Unternehmens.
Das ist der rote Faden dieser Analyse und zugleich das Spannungsfeld, das jedes Kapitel durchzieht: ExxonMobil kontrolliert fast alles — außer der einen Zahl, an der das Ergebnis hängt. Und der Konzern schreibt diese Abhängigkeit selbst in den Geschäftsbericht, so nüchtern, dass man sie leicht überliest.
Der Deal für diesen Artikel: Wir lesen die Zahlen über einen vollständigen Auf- und Abschwung, nicht ab dem Rekordjahr. Keine Prognose zum Ölpreis — die stellen wir nicht auf, und wir übernehmen auch keine fremde. Nur das, was in den Originaldokumenten steht.
Was ExxonMobil eigentlich macht
ExxonMobil verdient sein Geld in vier Schritten, und es ist hilfreich, sie sich als Kette vorzustellen: Etwas aus dem Boden holen, es zu Brennstoff verarbeiten, daraus Kunststoff-Grundstoffe machen und am Ende Spezialprodukte wie Schmierstoffe verkaufen. Der Konzern berichtet genau in dieser Reihenfolge über vier Segmente. So verteilte sich das Ergebnis 2025 (in Millionen US-Dollar):
- Upstream, 21.354: Suche nach und Förderung von Öl und Gas. Das ist mit Abstand das größte Segment — es steuerte rund zwei Drittel des Segmentergebnisses bei. Schwerpunkte: das Permian-Becken in Texas und New Mexico, Guyana, Katar, Kanada, die Emirate.
- Energy Products, 7.423: Kraftstoffe, Aromaten, Katalysatoren und Lizenzen — die klassische Raffinerie samt Handelsgeschäft.
- Chemical Products, 800: Olefine, Polyolefine, Zwischenprodukte. Das schwächste Segment 2025, nach 2.577 Millionen im Vorjahr.
- Specialty Products, 2.857: Fertigschmierstoffe, Grundöle, Wachse, Elastomere. Das ruhigste, margenstabilste Geschäft.
Vom Segmentergebnis von 32.434 Millionen gingen 3.590 Millionen für Konzern- und Finanzierungskosten ab. Übrig blieben die 28.844 Millionen US-Dollar Jahresergebnis der Aktionäre.
Warum die Integration mehr ist als ein Schlagwort
Der entscheidende Punkt an dieser Kette: Die Glieder laufen gegeneinander. Steigt der Ölpreis, verdient Upstream mehr — aber Raffinerie und Chemie zahlen dann für ihren Rohstoff mehr und verdienen weniger. ExxonMobil formuliert das im Geschäftsbericht ausdrücklich als zweischneidige Sache. Ein reiner Förderer wie APA Corporation hat dieses Gegengewicht nicht; ein reiner Raffineur wie HF Sinclair auch nicht, nur in die andere Richtung. Die Integration dämpft den Ausschlag — sie beseitigt ihn nicht, wie das Verlustjahr 2020 zeigt.
Die Größenordnung
2025 förderte ExxonMobil 4,7 Millionen Fass Öläquivalent am Tag, 403 Tausend Fass mehr als 2024 und laut Konzernangabe der höchste Stand seit über 40 Jahren. Das Permian-Becken erreichte 1,6 Millionen Fass am Tag netto, Guyana kam auf 715 Tausend Fass brutto im Jahresmittel — ein Rekord, getragen von vier schwimmenden Förder- und Verladeeinheiten, die im vierten Quartal 2025 zusammen über 870 Tausend Fass am Tag lieferten. Beschäftigt waren zum Jahresende 57.900 Menschen, nach 60.900 (2024) und 61.500 (2023). Über 59 Prozent der Belegschaft arbeitet außerhalb der USA.
Seit dem 1. Juli 2026 ist Exxon eine texanische Gesellschaft
Das ist keine Fußnote, sondern eine Änderung der Identität — und wer die Filings sucht, stolpert darüber. Bis zum 30. Juni 2026 war die börsennotierte Gesellschaft die Exxon Mobil Corporation, 1882 im Bundesstaat New Jersey gegründet. Seit dem 1. Juli 2026 ist es die ExxonMobil Holdings Corporation nach dem Recht von Texas.
„At the Effective Time, each share of common stock, without par value, of ExxonMobil … was automatically exchanged for one share of common stock, par value $0.001 per share, of ExxonMobil Holdings Corporation … ExxonMobil Holdings Corporation replaced ExxonMobil as the publicly held corporation traded on the New York Stock Exchange.“
Übersetzung: „Zum Wirksamkeitszeitpunkt wurde jede nennwertlose Stammaktie von ExxonMobil … automatisch in eine Stammaktie der ExxonMobil Holdings Corporation mit einem Nennwert von 0,001 US-Dollar getauscht … Die ExxonMobil Holdings Corporation ersetzte ExxonMobil als die an der New Yorker Börse gehandelte Publikumsgesellschaft.“
— ExxonMobil Holdings Corporation, SEC-Meldung 8-K12B vom 01.07.2026, Item 2.01
Für dich als Aktionär ändert sich rechnerisch nichts: Tausch eins zu eins, gleiche Stückzahl, gleicher Anteil, gleicher Ticker XOM an der NYSE. Auch der Vorstand und alle zwölf Verwaltungsratsmitglieder wurden unverändert übernommen. Zwei Dinge sind trotzdem wichtig. Erstens: Die alten Berichte liegen bei der SEC weiterhin unter der Kennung 0000034088, die neuen unter 0002115436. Zweitens gab es am 2. Juli 2026 eine Form 25-NSE — die Abmeldung der alten Stammaktie von der NYSE. Das sieht in einer Filing-Liste aus wie ein Delisting, ist aber nur der zweite Halbsatz des Tauschs. Was sich rechtlich verschoben hat, steht in Wahrheit Nr. 6.
Wie die Aktie auf unseren Tisch kam
Ehrlicherweise: nicht über ein Signal. Unser hauseigener Aktien-Scanner sortiert nach Kennzahlen — Bewertung, Bilanzqualität, Momentum. Bei einem Zykliker im mittleren Teil des Zyklus zeigen solche Filter fast nie in dieselbe Richtung, und die ganz großen Namen fallen ohnehin systematisch durch.
Diese Analyse stammt aus einer Bestandsaufnahme vom 28.07.2026: Wir haben die 100 größten US-Aktien nach Börsenwert aufgelistet und geprüft, für welche davon eine Analyse existiert. ExxonMobil stand auf Rang 16 — und hatte keine. Das ist der ganze Aufhänger. Kein Kaufsignal, sondern das Schließen einer Lücke.
Das ist auch die ehrlichere Reihenfolge: erst lesen, dann urteilen. Nicht erst ein Signal suchen und danach die Begründung dazu.
Die Zahlen über die Jahre — ehrlich gewürdigt
Fangen wir mit dem an, was tatsächlich beeindruckt. Und da gibt es einiges.
ExxonMobil hat seine Förderung in zwei Jahren um rund eine Million Fass am Tag gesteigert — von 3,7 Millionen (2023) über 4,3 Millionen (2024) auf 4,7 Millionen (2025). Das ist keine Kleinigkeit: Eine Million Fass am Tag entspricht ungefähr der Tagesproduktion eines mittelgroßen OPEC-Landes. Getragen wurde das vom Permian-Becken und von Guyana, wo im August 2025 mit der ONE GUYANA die vierte schwimmende Förderplattform in Betrieb ging. Im ersten Quartal 2026 stellte Guyana mit über 900 Tausend Fass am Tag brutto einen neuen Quartalsrekord auf. Ende März 2026 produzierte außerdem der erste Strang der Flüssiggas-Anlage Golden Pass, an der ExxonMobil 30 Prozent hält, erstmals Flüssigerdgas.
Die Bilanz ist ebenfalls solide. Zum 31.03.2026 standen 464.410 Millionen US-Dollar Bilanzsumme gegen 203.414 Millionen Verbindlichkeiten und 254.381 Millionen Eigenkapital der ExxonMobil-Aktionäre. Der Zinsaufwand des Jahres 2025 betrug 603 Millionen bei einem Vorsteuerergebnis von 41.268 Millionen. Diese Firma hat kein Schuldenproblem.
Und trotzdem: Das Ergebnis folgt nicht der Förderung
Jetzt der Teil, den man bei einem Zykliker sehen muss. Denn während die Förderung 2023 bis 2025 um rund ein Viertel stieg, fiel der Gewinn in denselben drei Jahren um ein Fünftel.
Die Reihe in Zahlen, jeweils Jahresergebnis der Aktionäre und Eigenkapitalrendite:
- 2020: −22.440 Mio. US-Dollar, Rendite −12,9 Prozent
- 2021: +23.040 Mio., Rendite 14,1 Prozent
- 2022: +55.740 Mio., Rendite 30,7 Prozent
- 2023: +36.010 Mio., Rendite 18,0 Prozent
- 2024: +33.680 Mio., Rendite 14,4 Prozent
- 2025: +28.844 Mio., Rendite 11,0 Prozent
Merksatz: Bei einem Zykliker ist der Durchschnitt die Wahrheit und das einzelne Jahr die Momentaufnahme. Über die sechs Jahre 2020 bis 2025 verdiente ExxonMobil im Mittel 25.812 Millionen US-Dollar im Jahr — deutlich weniger als 2022 und etwas weniger als 2025.
Der Mittelzufluss
Marge ist Buchhaltung, Cashflow ist Wahrheit — und dieser Cashflow ist beachtlich. Aus dem laufenden Geschäft flossen ExxonMobil 2025 51.970 Millionen US-Dollar zu (2024: 55.022, 2023: 55.369). Auch im schwachen Jahr 2020 waren es noch 14.668 Millionen, also positiv, während in der Gewinn- und Verlustrechnung ein Fehlbetrag von 22,4 Milliarden stand. Der Grund: Abschreibungen. 2025 betrugen sie einschließlich Wertminderungen 25.993 Millionen — Buchwertverzehr, kein Geldabfluss.
Das erste Quartal 2026 zeigt die Bandbreite im Kleinen: 85.138 Millionen US-Dollar Erlöse, 4.183 Millionen Gewinn, 1,00 US-Dollar je Aktie — gegenüber 7.713 Millionen und 1,76 US-Dollar im Vorjahresquartal. Der Konzern führt den Rückgang überwiegend auf Bewertungseffekte aus offenen Sicherungsgeschäften zurück, die sich in Folgequartalen wieder auflösen, und auf Lieferstörungen im Nahen Osten.
Unbequeme Wahrheit Nr. 1: ein Dollar sind 700 Millionen
Wenn du dir aus dieser Analyse eine einzige Zahl merkst, dann diese. Sie steht im Geschäftsbericht 2025, im Abschnitt über Marktrisiken, und sie ist so präzise, wie eine Abhängigkeit nur beziffert werden kann.
„For the year 2026, a $1 per barrel change in the Brent price would have an approximately $700 million annual after-tax effect on Upstream consolidated plus equity company earnings, excluding the impact of derivatives.“
Übersetzung: „Für das Jahr 2026 hätte eine Veränderung des Brent-Preises um 1 US-Dollar je Fass einen Jahreseffekt von rund 700 Millionen US-Dollar nach Steuern auf das Upstream-Ergebnis der konsolidierten Gesellschaften zuzüglich der Beteiligungsgesellschaften, ohne Berücksichtigung von Derivaten.“
— Exxon Mobil Corporation, SEC-Geschäftsbericht 10-K für 2025, Abschnitt „Market Risks"
Rechne das einmal durch. Die von ExxonMobil erzielten Durchschnittspreise standen laut derselben Tabelle bei 69,06 US-Dollar je Fass Brent (2025), 80,76 (2024) und 82,62 (2023). Zwischen 2024 und 2025 fiel der Preis also um 11,70 US-Dollar. Mit der eigenen Faustregel des Konzerns ergibt das rund 8,2 Milliarden US-Dollar weniger Upstream-Ergebnis nach Steuern — bei einem tatsächlichen Gewinnrückgang von 4,8 Milliarden auf Konzernebene. Die andere Hälfte fingen Fördermenge, Kostensenkungen und die Weiterverarbeitung ab. Genau das ist der Sinn der Integration, und genau das ist ihre Grenze.
Für Erdgas nennt der Bericht dieselbe Rechnung: 0,10 US-Dollar Unterschied beim US-Preismarker Henry Hub bedeuten rund 90 Millionen, beim europäischen Marker TTF rund 20 Millionen US-Dollar im Jahr. Wer wissen will, wie stark diese Marker schwanken, findet das bei einem reinen Gasförderer wie Range Resources in noch unmittelbarerer Form.
Was der Konzern selbst für das laufende Quartal schätzt
Am 7. Juli 2026 veröffentlichte ExxonMobil eine Aufstellung der Faktoren, die das zweite Quartal 2026 gegenüber dem ersten verändern dürften. Das ist ausdrücklich keine Ergebnisprognose, sondern eine Sammlung von Einzeleffekten — und wir geben sie nur als das wieder: Höhere Flüssigkeitspreise sollen 3,5 bis 3,9 Milliarden US-Dollar bringen, bessere Margen bei Kraftstoffen 2,0 bis 2,4 Milliarden, bei Chemie 1,0 bis 1,2 Milliarden. Dagegen stehen Mengenausfälle durch die Ereignisse im Nahen Osten von 0,6 bis 0,8 Milliarden im Upstream und Wertminderungen von 0,8 bis 1,0 Milliarden bei Energy Products. Zum Vergleich: Das erste Quartal 2026 wies 4,2 Milliarden nach US-Bilanzrecht aus, 8,8 Milliarden nach der bereinigten Rechnung des Konzerns.
Merke dir die Größenordnung, nicht die einzelne Zahl: In einem einzigen Quartal bewegen Preise und Margen bei diesem Konzern mehr, als die meisten börsennotierten Unternehmen im Jahr verdienen.
Unbequeme Wahrheit Nr. 2: es wird mehr verteilt als übrig bleibt
ExxonMobil gilt als Musterbeispiel für Kapitaldisziplin, und in vielem ist der Konzern das auch. Bei einer Position stimmt das Bild seit drei Jahren nicht mehr.
Die Rechnung Jahr für Jahr, in Millionen US-Dollar:
- 2023: 55.369 zugeflossen, 21.919 investiert — 33.450 übrig. Ausgeschüttet 32.689 (14.941 Dividende, 17.748 Rückkauf). Gedeckt, knapp.
- 2024: 55.022 zugeflossen, 24.306 investiert — 30.716 übrig. Ausgeschüttet 36.333 (16.704 + 19.629). Fehlbetrag 5.617.
- 2025: 51.970 zugeflossen, 28.358 investiert — 23.612 übrig. Ausgeschüttet 37.504 (17.231 + 20.273). Fehlbetrag 13.892.
Beide Enden der Schere bewegen sich: Der Zufluss sinkt, weil der Preis sinkt; die Investitionen steigen, weil Guyana, das Permian-Becken und Golden Pass gebaut werden müssen; die Ausschüttung steigt, weil der Konzern sie angekündigt hat. Bezahlt wird die Lücke aus der Kasse und mit Schulden. Der Kassenbestand fiel von 23.187 Millionen US-Dollar (Ende 2024) auf 10.681 Millionen (Ende 2025). Die Nettoverschuldungsquote — Nettoschulden im Verhältnis zu Nettoschulden plus Eigenkapital — stieg von 4,5 Prozent (2023) über 6,5 (2024) auf 11,0 Prozent (2025).
Im ersten Quartal 2026 setzte sich das fort: 8.705 Millionen zugeflossen, 6.470 Millionen investiert, 9.202 Millionen ausgeschüttet (4.334 Dividende, 4.868 Rückkauf). Die Lücke wurde mit 9.075 Millionen neu aufgenommenen kurzfristigen Geldmarktpapieren geschlossen; der Kassenbestand sank weiter auf 8.435 Millionen, das Eigenkapital der Aktionäre von 259.386 auf 254.381 Millionen.
Und jetzt die Einordnung, die dazugehört: Das ist kein Substanzproblem. Bei einem Eigenkapital von über 250 Milliarden US-Dollar und Zinskosten von 603 Millionen im Jahr ist eine Nettoverschuldungsquote von 11 Prozent bequem tragbar. Es ist eine Entscheidung: ExxonMobil hält die Ausschüttung durch den Preistiefpunkt hindurch und finanziert die Differenz aus der Bilanz. Genau dafür wurde die Bilanz in den guten Jahren repariert. Die offene Frage ist nur, wie lange man das tun kann, wenn der Preis nicht zurückkommt. Für 2026 kündigte der Konzern in seiner Planaktualisierung vom 09.12.2025 erneut Aktienrückkäufe über 20 Milliarden US-Dollar an — ausdrücklich unter dem Vorbehalt „angemessener Marktbedingungen".
Wer sehen will, wie ein anderer Schwergewichts-Konzern denselben Zielkonflikt zwischen Ausschüttung und Bilanz löst, findet das in unserer Analyse von JPMorgan Chase — dort steuert die Aufsicht mit, hier nur der Verwaltungsrat.
Unbequeme Wahrheit Nr. 3: 57 Milliarden zurückgekauft, mehr Aktien als vorher
Aktienrückkauf heißt: Das Unternehmen kauft eigene Anteile und vernichtet sie, dein Stück vom Kuchen wird größer. In den Jahren 2023 bis 2025 gab ExxonMobil dafür zusammen 57.650 Millionen US-Dollar aus. Man würde erwarten, dass danach deutlich weniger Aktien existieren.
Das Gegenteil ist der Fall. Die gewichtete durchschnittliche Aktienzahl lag 2023 bei 4.052 Millionen, 2024 bei 4.298 Millionen und 2025 bei 4.305 Millionen. Nach 57,7 Milliarden US-Dollar Rückkäufen gibt es also 6,2 Prozent mehr Aktien als zwei Jahre zuvor. Der Grund steht in einer Fußnote der Kapitalflussrechnung.
„The Corporation acquired Pioneer Natural Resources Company in an all-stock transaction on May 3, 2024, having issued 545 million shares of ExxonMobil common stock having a fair value of $63 billion and assumed debt with a fair value of $5 billion.“
Übersetzung: „Der Konzern erwarb die Pioneer Natural Resources Company am 3. Mai 2024 in einer reinen Aktientransaktion und gab dafür 545 Millionen ExxonMobil-Stammaktien mit einem Zeitwert von 63 Milliarden US-Dollar aus und übernahm Schulden mit einem Zeitwert von 5 Milliarden.“
— Exxon Mobil Corporation, SEC-Geschäftsbericht 10-K für 2025, Kapitalflussrechnung und Anhang 20
Verwässerung heißt: Dein Stück vom Kuchen wird kleiner, weil mehr Stücke geschnitten werden. Genau das passierte hier, und es war eine bewusste Entscheidung — ExxonMobil bezahlte den größten Zukauf seiner jüngeren Geschichte nicht mit Geld, sondern mit eigenen Anteilen. Dafür bekam der Konzern laut Anhang 20 Sachanlagen im Zeitwert von 84 Milliarden US-Dollar, überwiegend Öl- und Gasvorkommen im Permian-Becken. Der Firmenwert — der Aufschlag über den Zeitwert der einzelnen Vermögensgegenstände hinaus — betrug nur 1 Milliarde. Das ist bemerkenswert wenig und spricht dafür, dass hier tatsächlich Substanz gekauft wurde und nicht Erwartung.
Die ehrliche Bilanz dieser Rechnung: Die Rückkäufe haben die Verwässerung aus dem Pioneer-Zukauf inzwischen fast wieder eingeholt. Zum 31.03.2026 waren 4.145 Millionen Aktien ausstehend, nach 4.179 Millionen zum Jahresende 2025. Aber wer den Aktienrückkauf als reine Renditequelle betrachtet, hat bei diesem Konzern zwei Jahre lang nur die Wirkung einer Übernahme rückgängig gemacht.
Unbequeme Wahrheit Nr. 4: die Steuern zahlt Exxon woanders
Bei einem Öl- und Gaskonzern ist die Steuerquote keine Nebengröße, sondern ein Teil des Geschäftsmodells. Wer in einem Förderland produziert, zahlt dort in aller Regel deutlich mehr als 21 Prozent — das ist der Preis für den Zugang zum Vorkommen. ExxonMobil legt in Anhang 15 des Geschäftsberichts offen, wohin die Steuern tatsächlich flossen.
Von 11.563 Millionen US-Dollar bar gezahlter Ertragsteuern gingen 2025:
- 5.000 Millionen in die Vereinigten Arabischen Emirate
- 1.207 Millionen nach Kanada
- 1.100 Millionen nach Guyana
- 1.114 Millionen in die USA (944 Bundessteuer, 170 Bundesstaaten)
- 3.142 Millionen in alle übrigen Länder
ExxonMobil zahlte 2025 also in den Emiraten rund viereinhalbmal so viel Ertragsteuer wie im gesamten Heimatland — bei einem Vorsteuerergebnis, das mit 11.000 Millionen US-Dollar in den USA und 30.268 Millionen außerhalb ohnehin stark im Ausland liegt. In der Überleitungsrechnung zur Steuerquote erscheint das als eigene Zeile: Die Satzdifferenz der Emirate erhöhte die Konzernsteuerquote 2025 um 3.405 Millionen US-Dollar beziehungsweise 8 Prozentpunkte. Die ausgewiesene Quote lag bei 28 Prozent nach US-Bilanzrecht und bei 31 Prozent, wenn man die Steuern der Beteiligungsgesellschaften einrechnet.
Das ist kein Vorwurf — es ist die Mechanik des Geschäfts. Aber es bedeutet zweierlei: Erstens ist ein Teil der Kosten politisch, nicht betriebswirtschaftlich. Zweitens hilft eine Steuersenkung in den USA diesem Konzern viel weniger, als die Schlagzeile vermuten lässt.
Unbequeme Wahrheit Nr. 5: die Reserven reichen gut zehn Jahre
Ein Ölkonzern verkauft sein Anlagevermögen. Jedes geförderte Fass ist ein Fass weniger im Boden. Deshalb ist die wichtigste Mengenangabe nicht die Förderung, sondern der Bestand: die nachgewiesenen Reserven.
Zum 31.12.2025 wies ExxonMobil 19.311 Millionen Fass Öläquivalent nachgewiesener Reserven aus, konsolidierte Gesellschaften und Beteiligungen zusammen. Bei einer Jahresförderung von 1,8 Milliarden Fass — so nennt es der Bericht in der Reservenüberleitung — reicht dieser Bestand rechnerisch gut zehn Jahre. Das ist eine eigene Rechnung aus zwei Angaben desselben Berichts, keine Konzernangabe.
Interessanter ist, wie sich der Bestand 2025 verändert hat:
- Förderung: −1,8 Milliarden Fass
- Verkäufe: −0,1 Milliarden
- Abwärtsrevisionen, überwiegend in den USA: −0,9 Milliarden
- Erweiterungen und Funde, vor allem USA und Guyana: +2,1 Milliarden
- Zukäufe in den USA: +0,1 Milliarden
Unter dem Strich wurden also 1,3 Milliarden Fass neu hinzugefügt gegenüber 1,8 Milliarden geförderten — das entspricht einer Ersatzquote von rund 72 Prozent. Ohne die Abwärtsrevisionen wären es 122 Prozent gewesen. Beides sind eigene Rechnungen aus den Angaben des Berichts.
Ein zweiter Punkt gehört dazu: 7,0 Milliarden Fass oder 36 Prozent der Reserven sind unerschlossen. Sie stehen also erst in den Büchern, weil das Management die Erschließung finanziell zugesagt hat — gefördert wird daraus noch nichts. Bei manchen Vorkommen in Australien und in den Emiraten ist dieser Zustand seit über fünf Jahren unverändert.
Warum eine Bewertungskennzahl hier nicht funktioniert
Die SEC verlangt zusätzlich das sogenannte standardisierte Maß: den auf 10 Prozent abgezinsten künftigen Netto-Zahlungsstrom aus den nachgewiesenen Reserven. Er lag zum 31.12.2025 bei 154.266 Millionen US-Dollar — nach 185.664 Millionen ein Jahr zuvor und 149.129 Millionen Ende 2023. Der Einbruch von 2024 auf 2025 um 31,4 Milliarden hat mit den Vorkommen nichts zu tun; er entsteht fast vollständig daraus, dass die Vorschrift den Durchschnittspreis des jeweiligen Jahres unterstellt. ExxonMobil sagt dazu selbst deutlich, was von der Zahl zu halten ist:
„The Corporation believes the standardized measure does not provide a reliable estimate of the Corporation's expected future cash flows to be obtained from the development and production of its oil and gas properties or of the value of its proved oil and gas reserves.“
Übersetzung: „Der Konzern ist der Auffassung, dass das standardisierte Maß keine verlässliche Schätzung der erwarteten künftigen Zahlungsströme aus Erschließung und Förderung seiner Öl- und Gasvorkommen und auch keine verlässliche Schätzung des Werts seiner nachgewiesenen Reserven liefert.“
— Exxon Mobil Corporation, SEC-Geschäftsbericht 10-K für 2025, Ergänzungsangaben zu Öl- und Gasaktivitäten
Das ist ein wichtiger Satz — er gilt sinngemäß für fast jede Kennzahl bei einem Zykliker. Wir nennen die Zahl deshalb als Größenordnung und Verlaufsgröße, nicht als Wertmaßstab.
Und was am Ende zurückgebaut werden muss
Wer fördert, muss irgendwann zurückbauen. Für diese Verpflichtungen standen zum 31.12.2025 12.518 Millionen US-Dollar in der Bilanz, nach 12.032 Millionen ein Jahr zuvor. Für 2026 und 2027 rechnet der Konzern mit Zahlungen von 1,3 und 1,5 Milliarden. Bemerkenswert ist der Zusatz für die Verarbeitungsanlagen: Weil diese Standorte auf unbestimmte Zeit weiterbetrieben werden, lässt sich der Zeitpunkt ihrer Stilllegung nach Angabe des Konzerns nicht schätzen — und damit auch der Zeitwert der Verpflichtung nicht bemessen. Sie steht deshalb gar nicht in den 12,5 Milliarden drin.
Unbequeme Wahrheit Nr. 6: der Umzug nach Texas
Zurück zur Sitzverlegung aus Kapitel 2 — denn sie war nicht unumstritten. Auf der Hauptversammlung am 27. Mai 2026 stimmten 2.216.403.048 Aktien (71,2 Prozent) dafür und 896.852.562 Aktien (28,8 Prozent) dagegen. Zum Vergleich: Die Entlastung des Abschlussprüfers bekam 96,4 Prozent, die Vergütungspolitik 92,9 Prozent. Fast 900 Millionen Aktien gegen einen Vorschlag des Verwaltungsrats sind bei ExxonMobil ungewöhnlich viel.
Was ändert sich rechtlich? Der Konzern nennt im Einladungsschreiben als Hauptgrund den Schutz vor „mutwilligen, verschwenderischen Rechtsstreitigkeiten". Konkret: Texas verlangt vor einer Aktionärsklage im Namen der Gesellschaft eine förmliche schriftliche Aufforderung. Für die Einsicht in Bücher und Unterlagen muss ein Aktionär mindestens 5 Prozent halten oder seit sechs Monaten eingetragen sein — und eine börsennotierte texanische Gesellschaft darf Einsichtsverlangen von Aktionären ablehnen, mit denen sie im Rechtsstreit liegt oder zu liegen erwartet. Außerdem rechtfertigt ein Verfahren, das nur zu zusätzlichen Angaben führt, in Texas kein Anwaltshonorar für die Klägerseite mehr.
Fairerweise gehört dazu: Der Verwaltungsrat hat mehrere weitergehende Möglichkeiten des texanischen Rechts nicht genutzt. Weder wurde eine Mindestbeteiligung für Aktionärsklagen eingeführt, noch wurden die Hürden für Aktionärsanträge zur Hauptversammlung erhöht; hier bleibt es bei der US-Wertpapierregel 14a-8. Das steht so im Einladungsschreiben vom 08.04.2026.
Unser Punkt ist nicht, dass das gut oder schlecht wäre. Unser Punkt ist: Wenn eine Gesellschaft den Rechtsrahmen wechselt, ändern sich die Werkzeuge, mit denen Aktionäre nachfragen können. Das gehört in eine Analyse — auch und gerade dann, wenn wirtschaftlich alles beim Alten bleibt.
Was die Aktie kostet
Und jetzt der Teil, bei dem man bei einem Zykliker am leichtesten falsch abbiegt. Zum Datenstand 29. Juli 2026 lag der Börsenwert bei rund 634 Milliarden US-Dollar, der Unternehmenswert einschließlich Schulden bei rund 681 Milliarden. Daraus ergeben sich, jeweils gerundet:
- Kurs-Gewinn-Verhältnis rund 26 auf die letzten zwölf Monate, rund 14 auf die Erwartung des kommenden Jahres
- Kurs-Umsatz-Verhältnis rund 2,0
- Kurs-Buchwert-Verhältnis rund 2,5
- Dividendenrendite rund 2,6 Prozent
Ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 26 wirkt für einen Ölkonzern hoch. Genau hier liegt die Falle — und sie funktioniert bei jedem Zykliker gleich: Am Gewinntief ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis hoch, am Gewinnhoch ist es niedrig. Auf den Rekordgewinn von 2022 gerechnet läge dasselbe Unternehmen bei einem KGV von etwa 11. Auf das Verlustjahr 2020 gerechnet gäbe es gar keins. Beide Zahlen sagen nichts über den Wert des Geschäfts, sondern nur darüber, wo im Zyklus man gerade steht.
Belastbarer ist der Durchschnitt: Über die sechs Jahre 2020 bis 2025 verdiente ExxonMobil im Mittel 25.812 Millionen US-Dollar im Jahr. Gemessen daran zahlt die Börse zum Datenstand 29.07.2026 rund das 25-Fache eines Durchschnittsgewinns dieses Zyklus. Das ist die ehrlichere Größenordnung — und sie enthält bereits das Verlustjahr.
Der Buchwert von rund 62 US-Dollar je Aktie (Ende 2025) ist bei einem Öl- und Gaskonzern nur eingeschränkt aussagekräftig: Er enthält Anschaffungskosten von Vorkommen, die nach der Erfolgsmethode bilanziert werden. Erfolglose Bohrungen werden sofort abgeschrieben, erfolgreiche über die Fördermenge — was der Bilanz nach vielen guten Jahren einen Wert gibt, der weder Marktpreis noch Wiederbeschaffungswert ist. Wertminderungen kommen dann in Wellen: 2023 waren es 3,4 Milliarden US-Dollar nach Steuern, 2024 nichts Wesentliches, 2025 wieder 2,0 Milliarden.
Chancen und Risiken auf einen Blick
Chancen
- Wachstum aus wenigen, sehr günstigen Quellen. Rund zwei Drittel der Förderung stammen laut Geschäftsbericht 2025 aus dem Permian-Becken, Guyana und dem Flüssiggasgeschäft; dieser Anteil soll weiter steigen. Uaru, Whiptail und das im September 2025 beschlossene Projekt Hammerhead bringen zusätzliche Kapazität von je rund 250 Tausend Fass am Tag.
- Bilanzstärke als Puffer. Eine Nettoverschuldungsquote von 11,0 Prozent und Zinskosten von 603 Millionen US-Dollar im Jahr geben dem Konzern die Möglichkeit, eine Preisschwäche auszusitzen, ohne Projekte abzubrechen.
- Verlässliche Ausschüttung. Für Januar 2026 beschloss der Verwaltungsrat 1,03 US-Dollar Quartalsdividende; für 2026 sind erneut 20 Milliarden US-Dollar Aktienrückkauf angekündigt.
- Kostensenkung ist belegt. Der Konzern weist strukturelle Einsparungen gegenüber 2019 aus und beziffert sie in jedem Quartalsbericht — ein seltener Fall messbarer Selbstverpflichtung.
Risiken
- Preisabhängigkeit, vom Konzern selbst beziffert. 1 US-Dollar Brent entspricht rund 700 Millionen US-Dollar Ergebnis nach Steuern im Jahr. Diese Zahl setzt niemand im Unternehmen.
- Ausschüttung über dem freien Mittelzufluss. 2025 betrug die Lücke 13.892 Millionen US-Dollar, im ersten Quartal 2026 knapp 7 Milliarden. Finanziert wird sie aus Kasse und kurzfristigen Schulden.
- Politische Klumpen. In Kasachstan erzielte ExxonMobil 2025 rund 1,1 Milliarden US-Dollar Ergebnis nach Steuern bei rund 320 Tausend Fass am Tag Anteilsförderung; der Abtransport läuft über eine Pipeline, die durch Russland zum Schwarzen Meer führt. Der Konzern benennt eine mögliche Unterbrechung ausdrücklich als Risiko.
- Klimaklagen. Bundesstaaten, Kommunen und weitere Kläger in den USA fordern Ersatz für Schäden, die sie dem Klimawandel zuschreiben; Kommunen in Louisiana klagen zusätzlich auf Wiederherstellung von Küstenmarschen. ExxonMobil hält die Klagen für unbegründet und ein wesentliches Ergebnis für unwahrscheinlich, bildet dafür also keine Rückstellung.
- Rückbau und Reservenqualität. 12.518 Millionen US-Dollar Rückbaurückstellungen zum 31.12.2025, für Verarbeitungsanlagen ausdrücklich nicht bezifferbar; 36 Prozent der Reserven sind unerschlossen; 2025 gab es 0,9 Milliarden Fass Abwärtsrevisionen.
Ein menschliches Fazit
Zurück zur Riesen-Illusion vom Anfang. Sie besteht nicht darin, dass ExxonMobil kein guter Konzern wäre — im Gegenteil: Hier arbeitet ein Unternehmen, das in einem schlechten Jahr immer noch 52 Milliarden US-Dollar aus dem laufenden Geschäft zieht, das seine Förderung in zwei Jahren um eine Million Fass am Tag gesteigert hat und dessen größter Zukauf einen Firmenwert von gerade einmal einer Milliarde erzeugte. Das ist Handwerk auf hohem Niveau.
Die Illusion besteht darin, aus dieser Größe Berechenbarkeit abzuleiten. Sie ist nicht da. Der Konzern schreibt selbst hin, dass ein einziger Dollar am Ölmarkt 700 Millionen bewegt — und dass die Bewertungskennzahl, die die Aufsicht für seine Reserven vorschreibt, seiner eigenen Ansicht nach nichts über den Wert dieser Reserven aussagt. Ehrlicher kann ein Unternehmen kaum sagen: Wir liefern die Leistung, den Preis liefert die Welt.
Die Frage, die du dir deshalb stellen musst, ist nicht „Ist ExxonMobil ein gutes Unternehmen?" — die Antwort darauf steht in den Zahlen und lautet ja. Die Frage ist: Bist du bereit, ein Ergebnis zu besitzen, das zwischen minus 22 und plus 56 Milliarden schwanken kann, ohne dass jemand im Unternehmen daran etwas ändern könnte? Wer das aushält und über einen Zyklus denkt, hält hier ein außergewöhnlich robustes Geschäft in der Hand. Wer den nächsten Preisverfall nicht aussitzen kann, kauft nicht die Fördermenge, sondern die Wette auf einen Rohstoffpreis.
Was du daraus machst, ist deine Entscheidung. Und das ist auch gut so.
Quellen
- Quartalsbericht 10-Q zum 31.03.2026, Exxon Mobil Corporation, eingereicht 04.05.2026 (SEC EDGAR, CIK 0000034088)
- Geschäftsbericht 10-K für 2025, eingereicht 18.02.2026 — Segmente, Marktrisiken, Anhänge 7, 9, 15 und 20 sowie die Ergänzungsangaben zu Öl- und Gasaktivitäten
- Geschäftsbericht 10-K für 2022, eingereicht 22.02.2023 — Quelle der Zyklusjahre 2020 bis 2022
- Ergebnismitteilung zum ersten Quartal 2026, 8-K vom 01.05.2026, Item 2.02, Anlage 99.1
- „2Q 2026 Earnings Considerations", 8-K vom 07.07.2026, Item 7.01, Anlage 99.1 (ExxonMobil Holdings Corporation, CIK 0002115436)
- Meldung 8-K12B zur Sitzverlegung, eingereicht 01.07.2026
- Hauptversammlungsergebnis 8-K, Item 5.07, eingereicht 29.05.2026
- Einladungsschreiben DEF 14A zur Hauptversammlung 2026, eingereicht 08.04.2026 — Vergleich der Aktionärsrechte New Jersey/Texas
- Fundamentaldaten (Bewertungskennzahlen, Börsenwert; Datenstand 29. Juli 2026)
Hinweis zur Einordnung. Dieser Beitrag ist journalistische Einordnung öffentlich zugänglicher Unternehmensberichte und keine Anlageberatung, keine Empfehlung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Alle Zahlen stammen aus den oben genannten Quellen und tragen den dort angegebenen Stichtag; sie können sich seither geändert haben. Aktien unterliegen Kursschwankungen bis hin zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals. Der Autor hält zum Zeitpunkt der Veröffentlichung keine Position in ExxonMobil.
Unser Fazit auf einen Blick
- Operative Leistung positiv
- Die Förderung stieg von 3,7 (2023) über 4,3 (2024) auf 4,7 Mio. Fass Öläquivalent am Tag (2025) — laut Konzernangabe der höchste Stand seit über 40 Jahren. Das Permian-Becken erreichte 1,6 Mio. Fass netto, Guyana 715 Tsd. Fass brutto im Jahresmittel und über 900 Tsd. im ersten Quartal 2026.
- Bilanz positiv
- Zum 31.03.2026 standen 254.381 Mio. US-$ Eigenkapital der Aktionäre gegen 43.537 Mio. US-$ Gesamtschulden (Stand 31.12.2025). Der Zinsaufwand betrug 2025 lediglich 603 Mio. US-$ bei einem Vorsteuerergebnis von 41.268 Mio. Kein Substanzrisiko erkennbar.
- Ergebnisschwankung negativ
- Das Jahresergebnis lief von −22.440 Mio. US-$ (2020) über +55.740 Mio. (2022) auf +28.844 Mio. (2025), die Eigenkapitalrendite von −12,9 über 30,7 auf 11,0 %. Der Konzern beziffert die Ursache selbst: 1 US-$ Brent entspricht rund 700 Mio. US-$ Jahresergebnis nach Steuern (10-K 2025, Market Risks).
- Ausschüttungsdeckung negativ
- Nach Sachinvestitionen blieben 2025 noch 23.612 Mio. US-$; ausgeschüttet wurden 37.504 Mio. Die Lücke von 13.892 Mio. wurde aus der Kasse (23.187 → 10.681 Mio.) und über Schulden gedeckt. Die Nettoverschuldungsquote stieg von 4,5 % (2023) über 6,5 % (2024) auf 11,0 % (2025).
- Reserven und Rückbau neutral
- Nachgewiesene Reserven 19.311 Mio. Fass Öläquivalent (31.12.2025), rechnerisch gut zehn Jahresförderungen, davon 36 % unerschlossen. 2025 standen 2,2 Mrd. Fass Zugängen 0,9 Mrd. Fass Abwärtsrevisionen gegenüber. Rückbaurückstellungen 12.518 Mio. US-$, für Verarbeitungsanlagen ausdrücklich nicht bemessbar.
- Kapitalallokation und Governance neutral
- Der Pioneer-Zukauf vom 03.05.2024 kostete 545 Mio. eigene Aktien (Zeitwert 63 Mrd. US-$) bei nur 1 Mrd. Firmenwert — teuer bezahlt, aber mit Substanz unterlegt. Die Sitzverlegung nach Texas zum 01.07.2026 wurde mit 71,2 % angenommen; 28,8 % der abgegebenen Stimmen votierten dagegen (8-K vom 29.05.2026).
ExxonMobil förderte 2025 so viel wie seit über 40 Jahren nicht und zog 51.970 Mio. US-$ aus dem laufenden Geschäft — verdiente aber nur halb so viel wie im Rekordjahr 2022, weil der erzielte Brent-Preis von 82,62 auf 69,06 US-$ je Fass fiel. Der Konzern beziffert diese Abhängigkeit selbst mit rund 700 Mio. US-$ Jahresergebnis je US-Dollar Preisunterschied. Gleichzeitig lag die Ausschüttung 2025 um 13.892 Mio. US-$ über dem, was nach Investitionen übrig blieb; finanziert wurde das aus Kasse und Schulden. Keine Anlageberatung.
Was unsere Einordnung bedeutet
Offene Fragen
Das Geschäft funktioniert grundsätzlich, aber eine wesentliche Frage ist offen. Solange sie offen ist, tragen unsere Befunde kein Qualitätsurteil.
Das Geschäft trägt unstrittig: 51.970 Mio. US-$ operativer Mittelzufluss im schwächsten Jahr des Zyklus, 254.381 Mio. US-$ Eigenkapital, 603 Mio. US-$ Zinsaufwand, eine Förderung auf dem höchsten Stand seit über 40 Jahren und ein Zukauf, der mit 1 Mrd. Firmenwert auf 63 Mrd. Kaufpreis erkennbar Substanz und nicht Erwartung eingekauft hat. Kein Going-Concern-Hinweis, kein negatives Eigenkapital, keine existenzielle Abhängigkeit von einer einzelnen Gegenpartei, kein Bilanz- oder Governance-Bruch. Zwei operative Fragen bleiben aber offen und wiegen zusammen schwer genug für die vorsichtigere Stufe: Erstens schwankt die Profitabilität so stark, dass 2020 ein Fehlbetrag von 22.440 Mio. US-$ stand — die Ursache liegt außerhalb des Unternehmens und ist von ihm mit 700 Mio. US-$ je Dollar Brent selbst beziffert. Zweitens überstieg die Ausschüttung 2025 den nach Investitionen verbleibenden Mittelzufluss um 13.892 Mio. US-$, das dritte Jahr mit sinkender Deckung; Kasse und Verschuldungsquote zeigen die Rechnung. Getrennt davon steht die Preisfrage: Mit rund dem 26-Fachen des nachlaufenden Gewinns wirkt die Aktie teuer, doch bei einem Zykliker ist genau das die typische Optik am Gewinntief — gemessen am Durchschnittsgewinn der Jahre 2020 bis 2025 sind es rund das 25-Fache. Das ist ein Bewertungsargument, kein Qualitätsargument, und ändert an der Ampel nichts.
Journalistische Einschätzung der Redaktion zum Analysezeitpunkt auf Basis öffentlicher Quellen — keine Anlageberatung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf. Deine persönlichen Umstände (Anlageziele, Risikotragfähigkeit, Steuern) können dabei nicht berücksichtigt werden. Was unsere Stufen bedeuten, wie Urteile entstehen und welche Interessenkonflikte bestehen →
Bitte beachten
- Aufhänger: Bestandsaufnahme der 100 größten US-Aktien nach Börsenwert vom 28.07.2026. ExxonMobil stand auf Rang 16 und hatte keine Analyse. Kein Scanner-Treffer.
- Datenstand: Quartalsbericht 10-Q zum 31.03.2026 (eingereicht 04.05.2026), Geschäftsberichte 10-K für 2025 und 2022, Ergebnismitteilung 8-K vom 01.05.2026, 8-K vom 07.07.2026 (Anlage 99.1). Fundamentaldaten zum 29.07.2026.
- Verwechslungsgefahr Kennung: Berichte bis einschließlich Q1 2026 liegen bei der SEC unter CIK 0000034088 (Exxon Mobil Corporation, New Jersey), neuere unter CIK 0002115436 (ExxonMobil Holdings Corporation, Texas). Der Ticker XOM und die Notierung an der NYSE blieben unverändert.
- Die Form 25-NSE vom 02.07.2026 betrifft die Stammaktie der Vorgängergesellschaft und ist Folge des Aktientauschs, kein Delisting-Signal.
- Peak-Earnings-Hinweis: ExxonMobil ist ein Zykliker. Ertrag, Mittelzufluss und Kapitalrendite werden hier über den vollen Zyklus 2020 bis 2025 gezeigt. Preisszenarien erscheinen ausschließlich als die vom Unternehmen selbst veröffentlichte Sensitivität, nicht als eigene Prognose.
Häufige Fragen
Am 1. Juli 2026 wurde die Sitzverlegung nach Texas wirksam. Die ExxonMobil Holdings Corporation (Texas, CIK 0002115436) trat als Nachfolge-Registrantin an die Stelle der 1882 gegründeten Exxon Mobil Corporation (New Jersey, CIK 0000034088). Jede Aktie wurde eins zu eins getauscht, der Ticker XOM an der NYSE blieb unverändert. Alle Jahres- und Quartalsberichte bis einschließlich des ersten Quartals 2026 liegen unter der alten Kennung.
Nein. Die Form 25-NSE vom 2. Juli 2026 meldet die Abmeldung der Stammaktie der Vorgängergesellschaft von der New York Stock Exchange nach 17 CFR 240.12d2-2(a)(3). Sie ist die zweite Hälfte des Aktientauschs: Die alte Aktie verschwindet, die neue Aktie der ExxonMobil Holdings Corporation wird seit dem 2. Juli 2026 unter demselben Kürzel XOM an derselben Börse gehandelt.
Der Konzern beziffert es im Geschäftsbericht 2025 selbst: Für das Jahr 2026 entspricht 1 US-Dollar Unterschied im Brent-Preis rund 700 Millionen US-Dollar Jahresergebnis nach Steuern im Upstream-Geschäft, ohne Derivate. Bei Erdgas sind es rund 90 Millionen je 0,10 US-Dollar am US-Marker Henry Hub und rund 20 Millionen je 0,10 US-Dollar am europäischen Marker TTF.
Weil der Gewinn mit dem Rohstoffpreis schwankt, das Kurs-Gewinn-Verhältnis am Gewinntief also hoch und am Gewinnhoch niedrig ist. Auf den Gewinn von 2025 gerechnet lag ExxonMobil bei rund 26, auf den Rekordgewinn von 2022 bei etwa 11, im Verlustjahr 2020 bei gar keinem Wert. Belastbarer ist der Durchschnitt über einen ganzen Auf- und Abschwung: 25.812 Millionen US-Dollar im Mittel der Jahre 2020 bis 2025.
Gemessen am freien Mittelzufluss ja, seit 2024. 2025 flossen 51.970 Millionen US-Dollar aus dem laufenden Geschäft zu, 28.358 Millionen gingen in Sachanlagen — es blieben 23.612 Millionen. Ausgeschüttet wurden 37.504 Millionen. Die Lücke von 13.892 Millionen wurde aus der Kasse und über Schulden gedeckt; die Nettoverschuldungsquote stieg von 4,5 Prozent (2023) auf 11,0 Prozent (2025).
ExxonMobil gab am 3. Mai 2024 dafür 545 Millionen eigene Aktien mit einem Zeitwert von 63 Milliarden US-Dollar aus und übernahm Schulden im Zeitwert von 5 Milliarden. Erworben wurden identifizierbare Vermögenswerte von 88 Milliarden, überwiegend Sachanlagen im Permian-Becken; der Firmenwert betrug nur 1 Milliarde. Bezahlt wurde also mit Anteilen, nicht mit Geld — deshalb liegt die Aktienzahl trotz hoher Rückkäufe über dem Stand von 2023.
Zum 31. Dezember 2025 wies der Konzern 19.311 Millionen Fass Öläquivalent nachgewiesener Reserven aus. Bei der im Bericht genannten Jahresförderung von 1,8 Milliarden Fass sind das rechnerisch gut zehn Jahre — eine eigene Rechnung aus zwei Angaben desselben Berichts. 36 Prozent dieser Reserven sind noch unerschlossen. 2025 kamen 2,2 Milliarden Fass hinzu, gleichzeitig gab es 0,9 Milliarden Fass Abwärtsrevisionen.
Von 11.563 Millionen US-Dollar bar gezahlter Ertragsteuern flossen 2025 rund 5.000 Millionen in die Vereinigten Arabischen Emirate, 1.207 Millionen nach Kanada, 1.100 Millionen nach Guyana und 1.114 Millionen in die USA. Die Satzdifferenz der Emirate allein hob die Konzernsteuerquote um 8 Prozentpunkte an. Ausgewiesen wurden 28 Prozent nach US-Bilanzrecht, 31 Prozent einschließlich der Steuern von Beteiligungsgesellschaften.
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