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Abivax: Ein Wirkstoff, 69 Mitarbeiter — und 111 von 125 Dollar je Aktie sind reine Erwartung

Abivax: Ein Wirkstoff, 69 Mitarbeiter — und 111 von 125 Dollar je Aktie sind reine Erwartung

Die Studiendaten von Abivax sind so gut, wie Studiendaten sein können: Im Juni 2026 erreichten 51,3 Prozent der Patienten unter obefazimod nach 44 Wochen eine klinische Remission, unter Placebo waren es 10,4 Prozent, p kleiner 0,0001. Nur steht in denselben Berichten an die US-Börsenaufsicht SEC auch die andere Hälfte: kein Cent Produktumsatz, 336,1 Millionen Euro Verlust im Jahr 2025, 161,1 Millionen Euro Mittelabfluss und 96,5 Prozent der Forschungsausgaben in einem einzigen Molekül. Bezahlt wird das mit Aktien — 62,9 Millionen Stück Ende 2023, rund 86,1 Millionen nach der Emission vom 30. Juni 2026. In deren Prospekt rechnet Abivax selbst vor, dass von 125,00 US-Dollar Ausgabepreis 110,78 Dollar Verwässerung sind. Der Londoner Hedgefonds Helikon Investments ist im ersten Quartal 2026 neu eingestiegen. Keine Anlageberatung — nur die Rechnung, wie viel von einem Aktienkurs Beweis ist und wie viel Vorschuss auf eine Zulassung, die noch nicht einmal beantragt wurde.

Thomas Mücke Gründer & Herausgeber
· 19 Min. Lesezeit
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Abivax: Ein Wirkstoff, 69 Mitarbeiter — und 111 von 125 Dollar je Aktie sind reine Erwartung
Eigene Darstellung: Börsenlotse · Quelle: Fundamentaldaten & SEC-Berichte (20-F/6-K)

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Hinweis: reine Faktenanalyse, keine Anlageberatung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf. Angaben ohne Gewähr.

Es gibt eine Anleger-Falle, die ausgerechnet dort zuschnappt, wo besonders sauber gearbeitet wurde — nennen wir sie die p-Wert-Falle. Sie geht so: Du liest ein Studienergebnis, und es ist von einer Härte, die es an der Börse sonst nie gibt. 1.275 Patienten, 36 Länder, doppelt verblindet, Placebo-kontrolliert, und am Ende steht eine Zahl wie p < 0,0001. Übersetzt heißt das: Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Effekt Zufall war, liegt unter eins zu zehntausend. Dein Kopf verbucht das als „bewiesen" — und hört auf zu fragen. Dabei hat der p-Wert nur eine einzige Frage beantwortet: Wirkt das Medikament? Er sagt nichts darüber, ob es zugelassen wird, was es kosten darf, wer es bezahlt, wie viele Aktien es bis dahin noch braucht und was das Unternehmen an der Börse wert ist. Bei Abivax S.A. (Nasdaq: ABVX; zugleich Euronext Paris) ist genau das die Lage: ein Pariser Biotech mit 69 Vollzeitkräften, einem einzigen relevanten Wirkstoff und den vielleicht besten Phase-3-Daten, die 2026 in der Gastroenterologie veröffentlicht wurden. Machen wir also einen Deal: Bevor du die Studienstärke mit Anlagesicherheit verwechselst, lesen wir gemeinsam, was Abivax selbst der US-Börsenaufsicht SEC gemeldet hat — den Geschäftsbericht (20-F) für 2025, den Zwischenbericht zum 31. März 2026 und den Prospekt zur Aktienemission vom 30. Juni 2026. Ein SEC-Bericht ist unter Strafandrohung ehrlich. Und dieser erzählt von einem Molekül, das funktioniert, von einer Kasse, die einen Zeitplan hat, und von einem Ausgabepreis, bei dem die Firma selbst ausrechnet, wie viel davon Substanz ist. Am Ende entscheidest du selbst.

Was Abivax eigentlich macht — eine Firma, ein Molekül

Abivax ist ein klinisches Biotechnologieunternehmen, gegründet 2013 in Paris, seit Juni 2015 an der Euronext Paris und seit Oktober 2023 zusätzlich an der Nasdaq notiert. „Klinisch" ist dabei das entscheidende Wort: Die Firma entwickelt ein Medikament, sie verkauft keines. Es gibt kein zugelassenes Produkt, keinen Vertrieb, keine Apotheke, in der man etwas von Abivax kaufen könnte — und entsprechend keinen Produktumsatz. Was es gibt, ist obefazimod (früher ABX464), eine Tablette, die einmal täglich genommen wird und die Produktion eines körpereigenen Botenmoleküls namens miR-124 verstärkt. Übersetzt in ein Alltagsbild: Das Immunsystem eines Menschen mit chronisch entzündlicher Darmerkrankung verhält sich wie eine Alarmanlage, die dauerhaft schrillt, obwohl kein Einbrecher da ist. Die meisten modernen Therapien schneiden einzelne Kabel dieser Anlage durch — sie blockieren jeweils einen Botenstoff. Obefazimod dreht stattdessen die Empfindlichkeit der Anlage insgesamt herunter, indem es einen körpereigenen Dämpfer verstärkt. Zielkrankheit Nummer eins ist die Colitis ulcerosa (UC), eine chronische Entzündung des Dickdarms; Zielkrankheit Nummer zwei ist Morbus Crohn (CD), für den eine Phase-2b-Studie läuft.

Wie sehr alles an diesem einen Molekül hängt, zeigt der Forschungsetat. Von 177,8 Millionen Euro Forschungs- und Entwicklungsausgaben im Jahr 2025 entfielen 171,6 Millionen auf obefazimod — 96,5 Prozent. Davon wiederum 117,4 Millionen auf Colitis ulcerosa und 17,6 Millionen auf Morbus Crohn. Die restlichen 6,2 Millionen Euro verteilen sich auf alles andere, was das Unternehmen sonst noch tut. Mit 69 Vollzeitkräften zum 31. Dezember 2025 — 49 davon in Forschung und Entwicklung, 42 in Frankreich und 27 in den USA — ist Abivax gemessen an seiner Börsenbewertung eine der kleinsten Belegschaften, die man an der Nasdaq findet. Damit ist das Spannungsfeld dieser Analyse benannt, und es zieht sich durch jedes Kapitel: Die Wirksamkeit von obefazimod ist so gut belegt wie kaum eine andere Neuentwicklung dieser Jahre — der wirtschaftliche Erfolg ist vollständig unbewiesen, und der Aktienkurs rechnet den zweiten Teil bereits ein.

Wie die Aktie auf unseren Tisch kam

Nicht über einen unserer Momentum- oder Value-Scanner, sondern über eine Pflichtmeldung — und über einen Widerspruch, der neugierig macht. Der Londoner Hedgefonds Helikon Investments Ltd meldet in seinem 13F-Bericht zum Stichtag 31. März 2026 (eingereicht am 8. Mai 2026) 1.013.324 Abivax-Aktien im Wert von 112.833.627 US-Dollar. Das Bemerkenswerte ist nicht die Größe, sondern die Herkunft: Zum 30. Juni 2025, zum 30. September 2025 und zum 31. Dezember 2025 hielt der Fonds jeweils null Stück. Es ist also eine komplett neue Position. Und sie steht in einem Portfolio, in das sie erst einmal nicht passt: Helikon meldet 17 US-Positionen mit zusammen 2.648.555.113 US-Dollar, dominiert von Minengesellschaften (Skeena, Allied Gold, Collective Mining, Silvercorp) und argentinischen Werten (Corporación América Airports, TGS, IRSA, Edenor). Ein französisches Klinik-Biotech ohne Umsatz ist in dieser Nachbarschaft ein Fremdkörper. Im selben Quartal stieg der Fonds in sechs Werte neu ein und verkaufte sechs andere komplett — Abivax gehört zu den Neuzugängen.

Bevor daraus ein Signal wird, gehört die Einordnung dazu, die in jeder solchen Meldung fehlt: Ein 13F ist ein Rückspiegel, kein Fahrplan. Er zeigt nur US-gelistete Long-Positionen, erscheint mit 35 bis 45 Tagen Verzögerung und enthält weder Leerverkäufe noch Derivate noch europäische Bestände — bei einem an der Euronext Paris zweitnotierten Wert ist das besonders relevant. Was zwischen Stichtag und Veröffentlichung passiert ist, weiß niemand außer dem Fonds. Belegbar ist genau eine Tatsache: Ein professioneller Investor ist im ersten Quartal 2026 neu eingestiegen. Warum, sagt er nicht.

Und die klassischen Kennzahlen unseres hauseigenen Aktien-Scanners? Sie helfen hier kaum — und das gehört ehrlich gesagt, statt es mit einer schönen Tabelle zu überdecken (Datenstand 23. Juli 2026). Ein Kurs-Gewinn-Verhältnis existiert nicht, weil es keinen Gewinn gibt. Der Piotroski-F-Score, ein Neun-Punkte-Test für die Verbesserung der Bilanzqualität, steht bei 4 von 9 — bei einer Firma ohne Umsatz und ohne Gewinn misst dieser Test allerdings vor allem Rauschen. Die Eigenkapitalquote von 77,9 Prozent zum 31. Dezember 2025 sieht kerngesund aus und ist es auch, sagt aber nur, dass die Bilanz fast ausschließlich aus eingesammeltem Aktionärsgeld besteht. Und drei Kennzahlen fehlen ganz: Altman-Z-Score, Net Current Asset Value und Kassenbestand werden von unserem System bewusst nicht ausgewiesen, weil Abivax seine Bilanz in Euro führt, die Aktie aber in US-Dollar notiert — ein Währungsschutz, der lieber ein leeres Feld zeigt als eine falsche Zahl. Auch die Umsatzreihe taugt nicht: Abivax berichtet in Frankreich halbjährlich, in vier der letzten acht Quartale steht schlicht null, und in einem Quartal steht sogar ein negativer Wert, weil eine Forschungssteuergutschrift nachträglich korrigiert wurde. Merke dir den Befund gleich zu Beginn: Bei einem Klinik-Biotech misst man nicht mit Umsatz und Marge, sondern mit Kasse, Mittelabfluss, Studienstand und Aktienzahl. Genau das tun wir jetzt.

Die Zahlen über die Jahre — ehrlich gewürdigt

Erst das, was wirklich für Abivax spricht, und das ist die Substanz des ganzen Falls: die Studiendaten. Das Phase-3-Programm ABTECT umfasste zwei Induktionsstudien und eine Erhaltungsstudie in 36 Ländern; insgesamt wurden 1.275 Patienten randomisiert und 1.272 behandelt. In der gepoolten Auswertung der Induktion (veröffentlicht am 22. Juli 2025) erreichten nach acht Wochen 20,8 Prozent der Patienten unter 50 mg obefazimod eine klinische Remission gegenüber 4,4 Prozent unter Placebo. Der eigentliche Beweis kam am 1. Juni 2026 aus der Erhaltungsstudie: Nach 44 Wochen waren 51,3 Prozent der Patienten unter 50 mg und 50,8 Prozent unter 25 mg in klinischer Remission — gegenüber 10,4 Prozent unter Placebo. Alle wichtigen sekundären Endpunkte wurden erreicht, von der endoskopischen Heilung bis zur kortisonfreien Remission. Und das war eine schwierige Patientengruppe: Rund die Hälfte hatte bereits mindestens eine moderne Therapie erfolglos hinter sich, etwa jeder Fünfte davon auch einen JAK-Hemmer. Wer wissen will, wie selten solche Zahlen sind: Die Placebo-Remissionsrate von 10,4 Prozent ist nach Angaben des Unternehmens die niedrigste, die je in einer Phase-3-Erhaltungsstudie bei Colitis ulcerosa berichtet wurde. Der Zulassungsantrag bei der FDA ist laut derselben Meldung für das späte vierte Quartal 2026 geplant.

Und jetzt die andere Hälfte derselben Firma. Diese Studien haben Geld gekostet, sehr viel Geld, und eingenommen hat Abivax dabei nichts:

Balkendiagramm 2023 bis 2025 in Millionen Euro: Kasse zum Jahresende 251,9, 144,2 und 516,7 (grün); operativer Mittelabfluss des Jahres 97,1, 154,1 und 161,1 (rot); blaue Linie für den Nettoverlust mit 147,7, 176,2 und 336,1.
Ende 2024 war die Kasse (144,2 Millionen Euro) kleiner als der Mittelabfluss eines einzigen Jahres (154,1 Millionen) — bis die Nasdaq-Emission vom Juli 2025 die Kasse auf 516,7 Millionen füllte. Quelle: Fundamentaldaten & SEC-Berichte (20-F/6-K). Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

Der Nettoverlust stieg von 147,7 Millionen Euro (2023) über 176,2 Millionen (2024) auf 336,1 Millionen Euro (2025) — ein Plus von 91 Prozent. Der operative Mittelabfluss, also das Geld, das tatsächlich das Haus verlässt, lag 2025 bei 161,1 Millionen Euro (2024: 154,1; 2023: 97,1). Im ersten Quartal 2026 waren es bereits 50,5 Millionen Euro nach 33,3 Millionen im Vorjahresquartal — der Abfluss beschleunigt sich, weil parallel zur laufenden Studie die Vorbereitung einer Markteinführung bezahlt wird. Die einzigen Einnahmen der Firma sind 4,6 Millionen Euro „sonstige betriebliche Erträge" (2025), im Wesentlichen die französische Forschungssteuergutschrift CIR von 3,1 Millionen. Zum Vergleich: Das ist weniger, als Abivax in zwei Wochen ausgibt.

Ein Detail, das man leicht überliest und das die Fallhöhe zeigt: Zum 31. Dezember 2024 betrug das gesamte Eigenkapital der Gesellschaft nur noch 40,6 Millionen Euro — nach 196,0 Millionen ein Jahr zuvor. Zu diesem Zeitpunkt war Abivax rechnerisch weniger als ein Quartal vom Kapitalbedarf entfernt. Was die Firma gerettet hat, waren nicht Einnahmen, sondern die Börse: Am 28. Juli 2025 platzierte Abivax 11.679.400 ADS zu 64,00 US-Dollar und nahm damit brutto 747,5 Millionen US-Dollar (637,5 Millionen Euro) ein. Merke dir das Muster, es ist der Kern dieses Geschäftsmodells: Ein Klinik-Biotech verdient sein Geld nicht am Markt, sondern am Kapitalmarkt — und der zahlt in Aktien.

Was in den Berichten steht — die unbequemen Wahrheiten

Unbequeme Wahrheit Nr. 1: Alles hängt an einem einzigen Molekül

Der Geschäftsbericht formuliert diese Abhängigkeit ungewöhnlich direkt — kein Marketing, kein Konjunktiv:

„Our ability to generate revenue related to sales, if any, will in the near future depend entirely on the successful development and regulatory approval of obefazimod."

Übersetzung: „Unsere Fähigkeit, überhaupt Umsatz aus Verkäufen zu erzielen, wird in naher Zukunft vollständig von der erfolgreichen Entwicklung und der behördlichen Zulassung von obefazimod abhängen."

— Abivax S.A., SEC-Geschäftsbericht 20-F für 2025, Item 3.D „Risk Factors"

Gelb markierte Textstelle aus dem Abivax-Geschäftsbericht 20-F für 2025: Die Fähigkeit des Unternehmens, Umsatz zu erzielen, hängt in naher Zukunft vollständig von der erfolgreichen Entwicklung und Zulassung von obefazimod ab.
Die markierte Stelle im Original: „will in the near future depend entirely on the successful development and regulatory approval of obefazimod". Quelle: SEC-Geschäftsbericht 20-F für 2025 (sec.gov), Hervorhebung von uns. Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

Übersetzt in ein Alltagsbild: Stell dir einen Handwerksbetrieb vor, der seit dreizehn Jahren an einem einzigen Auftrag arbeitet, dafür sämtliche Ersparnisse und mehrere Kredite eingesetzt hat und dessen gesamte Zukunft davon abhängt, ob die Bauabnahme klappt. Die Arbeit ist exzellent, die Gutachten sind glänzend — aber es gibt keinen zweiten Auftrag, der einen Fehlschlag auffangen würde. Bei Abivax steht dieses zweite Standbein nur als Zeile im Forschungsetat: 17,6 Millionen Euro für Morbus Crohn, wo die Phase-2b-Studie ENHANCE-CD läuft und deren Ergebnisse laut Unternehmensmeldung Mitte 2027 erwartet werden — also nach der geplanten Zulassungsentscheidung für Colitis ulcerosa. Fairerweise gehört dazu: Die Sicherheitsdaten sehen bislang unauffällig aus. Bis zum Datenschnitt 30. September 2025 hatten 1.372 Patienten obefazimod erhalten, 324 davon länger als ein Jahr; häufigste Nebenwirkung ist Kopfschmerz. In der Erhaltungsstudie traten in der 50-mg-Gruppe drei Krebserkrankungen jenseits von hellem Hautkrebs auf, die die Prüfärzte als nicht behandlungsbedingt einstuften — bei einem Medikament, das lebenslang genommen werden soll, ist das eine Zahl, die man in den kommenden Jahren im Auge behält.

Unbequeme Wahrheit Nr. 2: Die Kasse hat ein Ablaufdatum — und das Unternehmen nennt es selbst

Bei einer Firma ohne Umsatz ist die wichtigste Kennzahl nicht die Marge, sondern die Kassenreichweite: Wie lange trägt das Geld, das da ist? Abivax beantwortet diese Frage im Geschäftsbericht selbst — und knüpft sie an eine Bedingung:

„Based on our existing cash and cash equivalents and other short-term investments of €530.4 million as of December 31, 2025, we expect […] to be able to fund our forecasted cash flow requirements into the fourth quarter of 2027, allowing us to reach 12 months of expected cash runway following the planned new drug application ("NDA") submission of obefazimod for UC, assuming positive results from its Phase 3 maintenance trial."

Übersetzung: „Auf Basis unserer vorhandenen Zahlungsmittel und kurzfristigen Geldanlagen von 530,4 Millionen Euro zum 31. Dezember 2025 erwarten wir […], unseren prognostizierten Finanzbedarf bis in das vierte Quartal 2027 decken zu können, womit wir zwölf Monate erwartete Kassenreichweite nach der geplanten Einreichung des Zulassungsantrags (NDA) für obefazimod in Colitis ulcerosa erreichen — unter der Annahme positiver Ergebnisse aus der Phase-3-Erhaltungsstudie."

— Abivax S.A., SEC-Geschäftsbericht 20-F für 2025, Item 5.B „Liquidity and Capital Resources"

Gelb markierte Textstelle aus dem Abivax-Geschäftsbericht 20-F für 2025: 530,4 Millionen Euro Liquidität zum 31. Dezember 2025 reichen nach Einschätzung des Unternehmens bis in das vierte Quartal 2027, also zwölf Monate nach der geplanten NDA-Einreichung.
Die markierte Stelle im Original: Reichweite bis ins vierte Quartal 2027 — ausdrücklich unter der Annahme positiver Phase-3-Daten. Quelle: SEC-Geschäftsbericht 20-F für 2025 (sec.gov), Hervorhebung von uns. Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

Zum 31. März 2026 lag diese Liquidität bei 491,6 Millionen Euro, die Reichweitenaussage blieb unverändert. Rechne selbst mit: Bei zuletzt rund 50 Millionen Euro Mittelabfluss im Quartal — Tendenz steigend — trägt eine halbe Milliarde ungefähr zwei bis zweieinhalb Jahre. Genau deshalb hat Abivax nicht gewartet. Nach den positiven Erhaltungsdaten vom 1. Juni 2026 platzierte die Gesellschaft am 30. Juni 2026 6.400.000 neue ADS zu 125,00 US-Dollar; der Nettoerlös von rund 759,8 Millionen US-Dollar (666,8 Millionen Euro) floss zum 6. Juli 2026 zu. Pro forma stünden damit rund 1.105 Millionen Euro in der Kasse. Das ist die gute Nachricht — und zugleich die Überleitung zur nächsten unbequemen Wahrheit, denn dieses Geld ist nicht geschenkt.

Unbequeme Wahrheit Nr. 3: Vom Ausgabepreis 125 Dollar sind 111 Dollar Erwartung — nachzulesen im eigenen Prospekt

Jede Kapitalerhöhung eines Biotechs ist eine Verwässerung: Dein Stück vom Kuchen wird kleiner, weil ständig neue Stücke abgeschnitten werden — nur dass hier mit dem Erlös derselbe Kuchen weitergebacken wird. Bei Abivax lässt sich der Vorgang lückenlos nachzählen. Die Aktienzahl lag Ende 2023 bei 62.928.818 Stück, Ende 2024 bei 63.347.837, Ende 2025 nach der Juli-Emission und der Wandlung sämtlicher Wandelanleihen bei 78.536.412, zum 31. März 2026 bei 79.291.188. Nach dem Royalty-Rückkauf im Mai und der Emission Ende Juni 2026 sind es rund 86,1 Millionen Stück — ein Plus von 37 Prozent in zweieinhalb Jahren.

Balkendiagramm der Abivax-Aktienzahl in Millionen Stück: 62,9 zum 31. Dezember 2023, 63,3 zum 31. Dezember 2024, 78,5 zum 31. Dezember 2025, 79,3 zum 31. März 2026 und 86,1 nach der Emission vom 30. Juni 2026, der letzte Balken rot hervorgehoben.
Jeder Sprung in der Aktienzahl ist eine Finanzierungsrunde: Juli 2025 (11,7 Millionen ADS zu 64,00 US-Dollar), Mai 2026 (403.347 ADS für den Royalty-Rückkauf) und Juni 2026 (6,4 Millionen ADS zu 125,00 US-Dollar). Quelle: Fundamentaldaten & SEC-Berichte (20-F/6-K). Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

Was ein Käufer für seinen Ausgabepreis tatsächlich an Substanz bekommt, rechnet Abivax im Prospekt zu dieser Emission selbst vor — in einem Abschnitt, den fast niemand liest:

„If you purchase ADSs in the offering, you will experience substantial and immediate dilution of $110.78 per ADS (€97.27 per ordinary share) in as adjusted net tangible book value after giving effect to the Royalty Certificate Repurchase and this offering at the public offering price of $125.00 per ADS in the offering, because the price that you pay will be substantially greater than the as adjusted net tangible book value per ADS that you acquire."

Übersetzung: „Wenn Sie in dieser Emission ADS erwerben, erleiden Sie eine erhebliche und unmittelbare Verwässerung von 110,78 US-Dollar je ADS (97,27 Euro je Stammaktie) beim angepassten materiellen Buchwert — nach Berücksichtigung des Rückkaufs der Royalty-Zertifikate und dieser Emission zum öffentlichen Ausgabepreis von 125,00 US-Dollar je ADS —, weil der von Ihnen gezahlte Preis erheblich über dem angepassten materiellen Buchwert je ADS liegt, den Sie erwerben."

— Abivax S.A., SEC-Prospektergänzung 424B5 vom 2. Juli 2026, Abschnitt „Dilution"

Gelb markierte Textstelle aus der Abivax-Prospektergänzung 424B5 vom 2. Juli 2026: Käufer der neuen ADS erleiden eine sofortige Verwässerung von 110,78 US-Dollar je ADS beim materiellen Buchwert, bei einem Ausgabepreis von 125,00 US-Dollar.
Die markierte Stelle im Original: 110,78 US-Dollar Verwässerung je ADS bei 125,00 US-Dollar Ausgabepreis — pro forma bleiben 14,22 US-Dollar materieller Buchwert. Quelle: SEC-Prospektergänzung 424B5 vom 02.07.2026 (sec.gov), Hervorhebung von uns. Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

Das ist keine Anklage, sondern eine Definition. Bei einem Klinik-Biotech muss der Kurs weit über dem Buchwert liegen — der Wert steckt im Molekül, nicht im Anlagevermögen. Aber die Größenordnung sollte man kennen, bevor man von „günstig" oder „teuer" spricht: Von 125,00 US-Dollar Ausgabepreis sind 14,22 US-Dollar in der Bilanz greifbar und 110,78 Dollar eine Erwartung an die Zukunft. Rund 89 Prozent des Preises sind Hoffnung — sehr gut begründete Hoffnung, aber eben Hoffnung. Und die Verwässerung ist noch nicht zu Ende: Ein Rahmen für Aktienverkäufe über die Börse („at the market") von bis zu 150,0 Millionen US-Dollar liegt seit November 2024 bereit und wurde bislang nicht genutzt; dazu kommen ausstehende Gratisaktien und Optionsscheine. Merke dir die Rechnung: Wer ein Biotech vor der Zulassung kauft, kauft nicht die Bilanz — er kauft den Zeitplan.

Unbequeme Wahrheit Nr. 4: 2,9 Millionen eingesammelt, 90 Millionen zurückgezahlt

Im September 2022 war Abivax klamm. Die Gesellschaft holte sich damals 49,2 Millionen Euro — davon 46,2 Millionen über eine Kapitalerhöhung und den Rest über ein Instrument, das in der Bilanz kaum auffiel:

„The royalty certificates give right to their holders to royalties equal to 2% of the future net sales of obefazimod (worldwide and for all indications) as from the commercialization of such product. The amount of royalties that may be paid under the royalty certificates is capped at €172,000 thousand."

Übersetzung: „Die Royalty-Zertifikate geben ihren Inhabern Anspruch auf Lizenzgebühren in Höhe von 2 Prozent der künftigen Nettoumsätze von obefazimod (weltweit und für alle Indikationen), beginnend mit der Vermarktung dieses Produkts. Der Betrag der aus den Royalty-Zertifikaten zahlbaren Lizenzgebühren ist auf insgesamt 172,0 Millionen Euro begrenzt."

— Abivax S.A., SEC-Geschäftsbericht 20-F für 2025, Note 15.9 „Royalty certificates"

Der Zeichnungspreis für diese 2 Prozent betrug 2.931 Tausend Euro. Solange obefazimod ein Forschungsprojekt war, war das ein billiger Kredit; der Zeitwert der Zertifikate fiel bis Ende 2024 sogar auf 7,3 Millionen Euro. Dann kamen die Phase-3-Daten, und mit ihnen die Wahrscheinlichkeit echter Umsätze: Ende 2025 bewertete Abivax dieselben Papiere mit 102,0 Millionen Euro. Am 4. Mai 2026 zog die Gesellschaft die Reißleine und kaufte alle Zertifikate von sieben Fonds zurück — für 90 Millionen US-Dollar, die Hälfte bar, die Hälfte gegen 403.347 neue ADS zu 111,57 US-Dollar. Der Ergebniseffekt: rund 43,0 Millionen Euro Aufwand im zweiten Quartal 2026, mehr als ein ganzer Quartalsverlust. Der Vorgang ist wirtschaftlich vernünftig — 2 Prozent vom Umsatz eines potenziellen Blockbusters sind auf Dauer teurer als 90 Millionen einmalig. Aber er zeigt den Preis, den ein Biotech vor dem Beweis für Kapital zahlt: Was in der Not 2,9 Millionen wert war, kostete im Erfolg 76,5 Millionen Euro zurückzukaufen.

Gelb markierte Textstelle aus dem Abivax-Zwischenbericht 6-K zum 31. März 2026: Die Inhaber der Royalty-Zertifikate verkaufen alle Zertifikate für einen Kaufpreis von 90 Millionen US-Dollar, davon 45 Millionen in bar am 7. Mai 2026.
Die markierte Stelle im Original: Rückkauf aller Royalty-Zertifikate für 90 Millionen US-Dollar — vier Jahre nach dem Verkauf für 2,9 Millionen Euro. Quelle: SEC-Zwischenbericht 6-K zum 31.03.2026, Note 3.3 (sec.gov), Hervorhebung von uns. Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

Unbequeme Wahrheit Nr. 5: Die Buchhaltung hat seit drei Jahren dieselben Lücken

Für eine Firma, die 2025 rund 250 Millionen Euro ausgegeben und über eine halbe Milliarde eingesammelt hat, ist der folgende Satz bemerkenswert unbequem:

„These material weaknesses continue to exist as of December 31, 2025."

Übersetzung: „Diese wesentlichen Schwächen bestehen zum 31. Dezember 2025 fort."

— Abivax S.A., SEC-Geschäftsbericht 20-F für 2025, Item 3.D „Risk Factors"

Gemeint sind vier „material weaknesses" — im deutschen Sprachgebrauch: wesentliche Mängel der internen Kontrollen über die Rechnungslegung. Sie betreffen die Risikoeinschätzung, die dokumentierten Kontrollverfahren, den internen Informationsfluss und die Überwachung, und sie gehen laut Bericht auf zu wenige Fachkräfte mit einschlägiger Kontrollerfahrung zurück. Erstmals gemeldet wurden sie im Börsenprospekt zum Nasdaq-Gang und im Bericht für 2023 — sie bestehen also seit drei Jahren. Abivax betont zwei Dinge, die zur Fairness gehören: Die Mängel haben zu keiner falschen Darstellung im Abschluss geführt, und als Emerging Growth Company muss der Abschlussprüfer die internen Kontrollen noch nicht gesondert testieren. Trotzdem schreibt das Unternehmen selbst, es könne keinen Zeitplan für die Behebung nennen. Übersetzt in ein Alltagsbild: Die Kasse stimmt, aber die Kassenbuchführung wird von zu wenigen Leuten gemacht — und je größer die Beträge werden, desto weniger komfortabel ist das.

Bewertung: Wer Abivax kauft, kauft einen Zeitplan

Ein Kurs-Gewinn-Verhältnis gibt es nicht, ein Kurs-Umsatz-Verhältnis auch nicht — bei null Umsatz ist jede solche Kennzahl entweder unendlich oder sinnlos. Der einzige saubere, datierte Anker ist der Preis, zu dem das Unternehmen selbst zuletzt Aktien verkauft hat: 125,00 US-Dollar je ADS am 30. Juni 2026. Multipliziert mit den rund 86,1 Millionen Aktien nach der Emission ergibt das eine Größenordnung von etwa 10,8 Milliarden US-Dollar Börsenwert — für ein Unternehmen mit 69 Beschäftigten, ohne Zulassung, ohne Umsatz und mit rund 1,1 Milliarden Euro Liquidität. Anders gerechnet: Der Markt bewertet obefazimod, abzüglich der Kasse, mit ungefähr neun Milliarden US-Dollar. Ob das viel oder wenig ist, entscheidet eine einzige Frage: Wie groß wird der Umsatz mit einer oralen Tablette in einem Markt, der bisher von gespritzten Antikörpern und JAK-Hemmern beherrscht wird — und wie schnell kommt er?

Damit ist auch klar, welche Größen bei Abivax zählen und welche nicht. Nicht Marge, nicht Buchwert, nicht Piotroski. Sondern: der Termin der NDA-Einreichung (geplant spätes viertes Quartal 2026), die Entscheidung der FDA danach, der Mittelabfluss je Quartal (zuletzt 50,5 Millionen Euro), die Aktienzahl (zuletzt rund 86,1 Millionen) und die Frage, ob die Firma die Markteinführung allein stemmt oder einen Partner braucht. Wie der Weg danach aussieht, zeigt der Blick auf ein Biotech, das ihn schon gegangen ist: unsere Analyse zu Aurinia Pharmaceuticals beschreibt eine Firma mit zugelassenem Medikament, echten Umsätzen — und dem mühsamen Geschäft, Ärzte und Kostenträger zu überzeugen. Und wer sehen will, wie ein Klinik-Biotech dieselbe Wette mit fremdem Geld statt mit eigenen Aktien finanziert, findet das in unserer Analyse zu Arcus Biosciences. Beide Vergleiche lohnen sich, weil sie zeigen: Der Beweis der Wirksamkeit ist bei einem Medikament nicht das Ende der Geschichte, sondern der Anfang des Geschäfts.

Chancen und Risiken auf einen Blick

Was für Abivax spricht:

  • Außergewöhnlich klare Studiendaten: In der Phase-3-Erhaltungsstudie erreichten nach 44 Wochen 51,3 Prozent (50 mg) beziehungsweise 50,8 Prozent (25 mg) der Patienten eine klinische Remission gegenüber 10,4 Prozent unter Placebo (p<0,0001), sämtliche wichtigen sekundären Endpunkte wurden erreicht — und zwar in einer Patientengruppe, die zur Hälfte bereits moderne Therapien erfolglos hinter sich hatte.
  • Eine Tablette gegen Spritzen: Obefazimod wird einmal täglich oral eingenommen und wirkt über einen neuen Mechanismus (miR-124-Verstärkung) statt über die Blockade einzelner Botenstoffe — in einem Markt, der von Infusionen und Injektionen geprägt ist, ist das ein echtes Unterscheidungsmerkmal.
  • Volle Kasse und kein Fremdkapital: 491,6 Millionen Euro Liquidität zum 31. März 2026, pro forma rund 1,1 Milliarden nach der Emission vom 30. Juni 2026 (Nettoerlös 759,8 Millionen US-Dollar); sämtliche Wandelanleihen und besicherten Darlehen wurden 2025 gewandelt oder zurückgezahlt, die Eigenkapitalquote lag zum 31. Dezember 2025 bei 77,9 Prozent.
  • Klarer, terminierter Fahrplan: NDA-Einreichung bei der FDA geplant für das späte vierte Quartal 2026, dazu die Phase-2b-Ergebnisse für Morbus Crohn Mitte 2027 als zweite, unabhängige Wertquelle; 912,9 Millionen Euro steuerliche Verlustvorträge würden erste Gewinne lange steuerfrei stellen.
  • Die belastende Altlast ist beseitigt: Die 2022 verkauften Royalty-Zertifikate über 2 Prozent aller künftigen obefazimod-Umsätze wurden im Mai 2026 zurückgekauft und annulliert — künftige Umsätze fließen ungeschmälert an die Aktionäre.

Was dagegen spricht:

  • Alles-oder-nichts: 171,6 von 177,8 Millionen Euro Forschungsausgaben (96,5 Prozent) flossen 2025 in obefazimod; der Geschäftsbericht sagt selbst, die Umsatzfähigkeit hänge „vollständig" von dessen Zulassung ab. Ein Rückschlag bei der FDA hat keinen Auffangbereich — die Crohn-Ergebnisse kommen erst Mitte 2027.
  • Kein Umsatz, hoher und steigender Mittelabfluss: 336,1 Millionen Euro Nettoverlust 2025 (+91 Prozent), 161,1 Millionen operativer Mittelabfluss im Jahr, bereits 50,5 Millionen allein im ersten Quartal 2026 nach 33,3 Millionen im Vorjahresquartal; die einzigen Erträge sind 4,6 Millionen Euro sonstige betriebliche Erträge, überwiegend eine Steuergutschrift.
  • Dauerhafte Verwässerung: Die Aktienzahl stieg von 62,9 Millionen (Ende 2023) auf rund 86,1 Millionen nach der Emission vom Juni 2026 (+37 Prozent); laut Prospekt entstehen dabei 110,78 US-Dollar Verwässerung je ADS bei 125,00 US-Dollar Ausgabepreis. Ein ungenutzter Rahmen über 150,0 Millionen US-Dollar für Verkäufe über die Börse steht bereit.
  • Der Preis vergangener Finanzierungen: Royalty-Zertifikate, 2022 für 2,9 Millionen Euro verkauft, mussten im Mai 2026 für 90 Millionen US-Dollar zurückgekauft werden — mit rund 43,0 Millionen Euro Aufwand im zweiten Quartal 2026. 2025 kosteten kursgetriebene Effekte (Arbeitgeberabgaben auf Gratisaktien, Zeitwerte der Wandelinstrumente) rund 93 Millionen Euro.
  • Strukturelle Schwachstellen: Die seit 2023 gemeldeten wesentlichen Mängel der internen Kontrollen bestehen zum 31. Dezember 2025 fort, ohne Zeitplan für die Behebung; 69 Beschäftigte müssen parallel Studie, Zulassungsantrag und den Aufbau einer Vertriebsorganisation stemmen, wobei 205,1 Millionen Euro außerbilanzielle Bestellverpflichtungen gegenüber Auftragsforschern offen sind.

Ein menschliches Fazit

Zurück zur p-Wert-Falle vom Anfang. Ihr Kern ist nicht, dass die Studien schlecht wären — sie sind das Gegenteil. Abivax hat in einem der härtesten Prüfverfahren, das die Wissenschaft kennt, gezeigt, dass eine Tablette Menschen mit schwerer Colitis ulcerosa hilft: die Hälfte der Patienten nach 44 Wochen in Remission gegen jeden zehnten unter Placebo. Das ist eine echte Leistung, und niemand sollte sie kleinreden. Ihr Kern ist, dass diese Sicherheit eine medizinische Sicherheit ist und dein Depot eine wirtschaftliche braucht. Die wirtschaftlichen Fragen sind alle noch offen: Der Zulassungsantrag ist noch nicht eingereicht. Die Behörde hat noch nicht entschieden. Kein Kostenträger hat einen Preis akzeptiert. Kein Arzt hat das Mittel verordnet. Und bis dahin fließen jedes Quartal rund 50 Millionen Euro ab, bezahlt von Aktionären, deren Anteil mit jeder Runde kleiner wird. Die ehrliche Frage an dich lautet deshalb nicht „Wirkt das Medikament?" — das ist so gut beantwortet, wie es vor einer Zulassung sein kann. Sondern: Würdest du 125 Dollar für etwas zahlen, von dem 14 Dollar in der Bilanz stehen und 111 Dollar ein Terminplan sind, den eine Behörde jederzeit verschieben kann? Wenn ja, kennst du deinen Einsatz und deinen Zeithorizont — und du hast eine These. Wenn nein, hattest du ein Studienergebnis. Was du daraus machst, ist deine Entscheidung. Und das ist auch gut so.

Quellen

Alle in dieser Analyse verwendeten Originaldokumente — zum Selbst-Nachlesen:

Transparenz & Disclaimer: Diese Analyse ist eine journalistische Einordnung öffentlich zugänglicher Informationen und keine Anlageberatung, keine Finanzanalyse im aufsichtsrechtlichen Sinn und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Sie ist ausdrücklich keine medizinische Information und keine Aussage über die Eignung eines Arzneimittels. Aktien-Investments sind mit erheblichen Risiken bis hin zum Totalverlust verbunden. Alle Angaben ohne Gewähr; Stand der Daten ist jeweils im Text vermerkt. Der Autor hält zum Zeitpunkt der Veröffentlichung keine Position in Abivax-Aktien.

Unser Fazit auf einen Blick

Studienlage & Wirksamkeit positiv
Die Phase-3-Erhaltungsstudie ABTECT erreichte am 1. Juni 2026 den primären Endpunkt deutlich: 51,3 Prozent klinische Remission nach 44 Wochen unter 50 mg und 50,8 Prozent unter 25 mg gegen 10,4 Prozent unter Placebo (p<0,0001), alle wichtigen sekundären Endpunkte erreicht — in einer Patientengruppe, die zur Hälfte bereits moderne Therapien erfolglos hinter sich hatte. Die Induktionsdaten vom Juli 2025 zeigten 20,8 gegen 4,4 Prozent nach acht Wochen.
Klumpenrisiko negativ
96,5 Prozent der Forschungsausgaben 2025 (171,6 von 177,8 Millionen Euro) flossen in obefazimod; der Geschäftsbericht 20-F für 2025 schreibt, die Umsatzfähigkeit hänge in naher Zukunft „vollständig" von dessen Entwicklung und Zulassung ab. Die zweite Indikation Morbus Crohn liefert erst Mitte 2027 Daten — ein Rückschlag im Zulassungsverfahren hätte keinen Auffangbereich.
Kasse & Reichweite neutral
491,6 Millionen Euro Liquidität zum 31. März 2026, pro forma rund 1,1 Milliarden nach der Emission vom 30. Juni 2026 (Nettoerlös 759,8 Millionen US-Dollar), keine Wandelanleihen und keine besicherten Darlehen mehr. Dem steht ein Mittelabfluss von 161,1 Millionen Euro im Jahr 2025 und bereits 50,5 Millionen allein im ersten Quartal 2026 gegenüber; die Reichweitenaussage bis ins vierte Quartal 2027 gilt ausdrücklich nur bei positivem Studienverlauf.
Verwässerung negativ
Die Aktienzahl stieg von 62.928.818 Stück (31. Dezember 2023) auf rund 86,1 Millionen nach der Emission vom 30. Juni 2026, ein Plus von 37 Prozent. Der Prospekt beziffert die unmittelbare Verwässerung mit 110,78 US-Dollar je ADS bei 125,00 US-Dollar Ausgabepreis — pro forma bleiben 14,22 US-Dollar materieller Buchwert. Ein ungenutzter Rahmen über 150,0 Millionen US-Dollar für Verkäufe über die Börse steht bereit.
Finanzierungs-Altlasten neutral
Die 2022 für 2.931 Tausend Euro verkauften Royalty-Zertifikate über 2 Prozent aller künftigen obefazimod-Umsätze wurden im Mai 2026 für 90 Millionen US-Dollar zurückgekauft und annulliert — richtig für die Zukunft, teuer für das zweite Quartal 2026 (rund 43,0 Millionen Euro Aufwand). 2025 kosteten kursgetriebene Effekte rund 93 Millionen Euro, davon 27,3 Millionen Arbeitgeberabgaben auf Gratisaktien.
Governance & Kontrollen negativ
Die im Börsenprospekt und im Bericht für 2023 gemeldeten wesentlichen Mängel der internen Kontrollen über die Rechnungslegung bestehen laut 20-F auch zum 31. Dezember 2025 fort — vier Bereiche von der Risikoeinschätzung bis zur Überwachung, ohne nennbaren Zeitplan für die Behebung. Zu einer falschen Darstellung im Abschluss haben sie bislang nicht geführt; als Emerging Growth Company muss der Prüfer die Kontrollen noch nicht testieren.

Abivax ist die p-Wert-Falle in Reinform: Die medizinische Frage ist so gut beantwortet, wie sie vor einer Zulassung beantwortet werden kann — 51,3 Prozent klinische Remission nach 44 Wochen gegen 10,4 Prozent unter Placebo, p<0,0001, alle wichtigen sekundären Endpunkte erreicht. Die wirtschaftlichen Fragen sind sämtlich offen: kein Produktumsatz, 336,1 Millionen Euro Nettoverlust 2025, 161,1 Millionen Mittelabfluss, 96,5 Prozent der Forschung in einem einzigen Molekül, 69 Beschäftigte für Zulassung und Markteinführung. Bezahlt wird der Weg dorthin mit Aktien: 37 Prozent mehr Stück seit Ende 2023, und laut eigenem Prospekt 110,78 von 125,00 US-Dollar Ausgabepreis reine Erwartung. Keine Anlageberatung.

Was unsere Einordnung bedeutet

Wenn Du die Aktie nicht hast
Die belegten Risiken überwiegen aus unserer Sicht deutlich — wir sehen keine Grundlage für einen Einstieg.
Wenn Du sie im Depot hast
Die Befunde sind aus unserer Sicht gewichtig genug, das eigene Engagement kritisch zu hinterfragen.

Journalistische Einschätzung der Redaktion zum Analysezeitpunkt auf Basis öffentlicher Quellen — keine Anlageberatung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf. Deine persönlichen Umstände (Anlageziele, Risikotragfähigkeit, Steuern) können dabei nicht berücksichtigt werden. Was unsere Kategorien bedeuten, wie Urteile entstehen und welche Interessenkonflikte bestehen →

Bitte beachten

  • Auf die Rechercheliste kam Abivax nicht über einen Momentum- oder Value-Scanner, sondern über den 13F-Bericht der Helikon Investments Ltd zum Stichtag 31. März 2026: 1.013.324 Aktien im Wert von 112.833.627 US-Dollar, eine komplett neue Position (Vorquartale jeweils null Stück) in einem Portfolio, das sonst von Minen- und Argentinien-Titeln geprägt ist. Ein 13F zeigt nur US-gelistete Long-Positionen, erscheint mit 35 bis 45 Tagen Verzug und enthält weder Leerverkäufe noch Derivate noch die Euronext-Bestände — ein Rückspiegel, kein Fahrplan.
  • Klassische Kennzahlen greifen bei Abivax nicht: Es gibt kein Kurs-Gewinn- und kein Kurs-Umsatz-Verhältnis, der Piotroski-F-Score von 4 von 9 misst bei einer Firma ohne Umsatz vor allem Rauschen, und Altman-Z-Score, Net Current Asset Value sowie Kassenbestand werden bewusst nicht ausgewiesen, weil die Bilanz in Euro geführt wird und die Aktie in US-Dollar notiert. Aussagekräftig sind Liquidität, Mittelabfluss, Studienstand und Aktienzahl.
  • Bewertungsangaben datiert und evergreen: Der einzige saubere Anker ist der eigene Ausgabepreis von 125,00 US-Dollar je ADS am 30. Juni 2026 (Größenordnung rund 10,8 Milliarden US-Dollar Börsenwert bei rund 86,1 Millionen Aktien); Analysen sind evergreen, Tageskurse sind kein Kaufargument. Wiedervorlage: der Halbjahresbericht 2026 am 21. September 2026 mit dem Aufwand aus dem Royalty-Rückkauf, die geplante NDA-Einreichung im späten vierten Quartal 2026, die Phase-2b-Ergebnisse zu Morbus Crohn Mitte 2027 und der nächste 13F-Bericht (Stichtag 30.06.2026, Veröffentlichung Mitte August 2026).

Häufige Fragen

Abivax S.A. (Nasdaq: ABVX, zugleich Euronext Paris) aus Paris ist ein klinisches Biotechnologieunternehmen ohne zugelassenes Produkt und ohne Produktumsatz. Es entwickelt obefazimod, eine einmal täglich einzunehmende Tablette, die ein körpereigenes Botenmolekül namens miR-124 verstärkt und dadurch überschießende Entzündungen dämpft. Hauptindikation ist die Colitis ulcerosa, zweite Indikation Morbus Crohn. 2025 flossen 171,6 von 177,8 Millionen Euro Forschungsausgaben in diesen einen Wirkstoff.

Ungewöhnlich gut. In der Phase-3-Erhaltungsstudie ABTECT (Ergebnisse vom 1. Juni 2026) erreichten nach 44 Wochen 51,3 Prozent der Patienten unter 50 mg und 50,8 Prozent unter 25 mg eine klinische Remission, gegenüber 10,4 Prozent unter Placebo (Differenz 40,3 beziehungsweise 39,3 Prozentpunkte, p<0,0001). Alle wichtigen sekundären Endpunkte wurden erreicht. In der Induktionsphase lag die Remissionsrate nach acht Wochen bei 20,8 Prozent (50 mg) gegenüber 4,4 Prozent unter Placebo.

Laut der SEC-Meldung vom 2. Juni 2026 beabsichtigt Abivax, den Zulassungsantrag (New Drug Application, NDA) für obefazimod in Colitis ulcerosa im späten vierten Quartal 2026 bei der US-Arzneimittelbehörde FDA einzureichen. Eine Marktzulassung ist damit nicht erteilt: Nach der Einreichung folgt das Prüfverfahren der Behörde. Die Ergebnisse der Phase-2b-Studie für Morbus Crohn werden für Mitte 2027 erwartet.

Der Geschäftsbericht (20-F) für 2025 nennt auf Basis von 530,4 Millionen Euro Liquidität zum 31. Dezember 2025 eine Reichweite bis in das vierte Quartal 2027 — zwölf Monate nach der geplanten Einreichung des Zulassungsantrags und ausdrücklich unter der Annahme positiver Studiendaten. Zum 31. März 2026 lag die Liquidität bei 491,6 Millionen Euro. Durch die Emission vom 30. Juni 2026 kamen rund 759,8 Millionen US-Dollar netto hinzu; pro forma wären das rund 1.105 Millionen Euro.

Die Aktienzahl stieg von 62.928.818 Stück (31. Dezember 2023) auf 78.536.412 (31. Dezember 2025) und nach dem Royalty-Rückkauf im Mai 2026 sowie der Emission von 6.400.000 ADS am 30. Juni 2026 auf rund 86,1 Millionen — ein Plus von 37 Prozent in zweieinhalb Jahren. Der Prospekt zur Juni-Emission beziffert die unmittelbare Verwässerung mit 110,78 US-Dollar je ADS: Dem Ausgabepreis von 125,00 US-Dollar stehen pro forma 14,22 US-Dollar materieller Buchwert gegenüber.

Im September 2022 gab Abivax Royalty-Zertifikate für einen Zeichnungspreis von 2.931 Tausend Euro aus. Sie verbrieften 2 Prozent aller künftigen weltweiten Nettoumsätze von obefazimod, gedeckelt bei 172,0 Millionen Euro. Nach den Phase-3-Daten stieg ihr Zeitwert bis Ende 2025 auf 102,0 Millionen Euro. Am 4. Mai 2026 kaufte Abivax alle Zertifikate für 90 Millionen US-Dollar zurück (45 Millionen bar, 45 Millionen in 403.347 neuen ADS) und annullierte sie; der Aufwand von rund 43,0 Millionen Euro fällt im zweiten Quartal 2026 an.

Die Helikon Investments Ltd aus London meldet Abivax in ihrem 13F-Bericht zum Stichtag 31. März 2026 mit 1.013.324 Aktien im Wert von 112.833.627 US-Dollar — eine komplett neue Position, denn zum 30. Juni 2025, 30. September 2025 und 31. Dezember 2025 hielt der Fonds jeweils null Stück. Ein 13F zeigt allerdings nur US-gelistete Long-Positionen, erscheint mit 35 bis 45 Tagen Verzug und enthält weder Leerverkäufe noch Derivate noch europäische Bestände — er ist ein Rückspiegel, kein Fahrplan.

Ein Kurs-Gewinn-Verhältnis lässt sich nicht bilden, weil Abivax keinen Gewinn erzielt und keinen Produktumsatz hat. Altman-Z-Score, Net Current Asset Value und Kassenbestand weisen wir bewusst nicht aus, weil die Bilanz in Euro geführt wird, die Aktie aber in US-Dollar notiert — ein Währungsschutz, der ein leeres Feld einer falschen Zahl vorzieht. Aussagekräftig sind bei einem Klinik-Biotech stattdessen Liquidität (491,6 Millionen Euro zum 31. März 2026), Mittelabfluss (50,5 Millionen im ersten Quartal 2026), Studienstand und Aktienzahl.

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