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SOPHiA GENETICS: Die Plattform wächst schnell — die Kasse hält das Tempo nur mit fremdem Geld

SOPHiA GENETICS: Die Plattform wächst schnell — die Kasse hält das Tempo nur mit fremdem Geld

SOPHiA GENETICS aus Rolle in der Schweiz wertet mit der Plattform SOPHiA DDM genomische Daten für Kliniken und Pharmafirmen aus. Der Umsatz stieg 2025 um 19 Prozent auf 77,3 Millionen US-Dollar, im ersten Quartal 2026 um 22 Prozent. Der Nettoverlust blieb mit 79,0 Millionen aber genauso hoch wie zwei Jahre zuvor, das Eigenkapital fiel binnen zwölf Monaten von 96,5 auf 47,1 Millionen — und im Juni 2026 verkaufte die Firma 12.104.900 neue Aktien zu 4,75 US-Dollar. Dazu kommen 50 Millionen besicherte Schulden zu mindestens 10,25 Prozent Zins und eine Patentklage des US-Wettbewerbers Guardant Health, die ausgerechnet den Markt trifft, aus dem 72 Prozent des Umsatzes stammen. Keine Anlageberatung — nur die Frage, wie lange die Startbahn reicht.

Thomas Mücke Gründer & Herausgeber
· 18 Min. Lesezeit
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SOPHiA GENETICS: Die Plattform wächst schnell — die Kasse hält das Tempo nur mit fremdem Geld
Eigene Darstellung: Börsenlotse · Quelle: Fundamentaldaten & SEC-Berichte (Jahresbericht 20-F, Zwischenberichte 6-K)

Chart

Interaktiver Kurs-Chart (TradingView).

Hinweis: reine Faktenanalyse, keine Anlageberatung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf. Angaben ohne Gewähr.

Es gibt eine Anleger-Falle, die ausgerechnet die aufmerksamen Leser erwischt — weil sie sich wie gründliche Arbeit anfühlt: die Tempofalle. Sie geht so: Du liest eine Wachstumszahl, und dein Kopf rechnet sofort weiter. Plus 22 Prozent im Quartal, plus 19 Prozent im Jahr, Netto-Umsatzbindung 117 Prozent — das lässt sich hochrechnen, das fühlt sich nach Kontrolle an. Was der Kopf dabei nicht rechnet, ist die zweite Frage, die jeder Pilot vor dem Start stellt: Wie lang ist die Startbahn? Denn Tempo ist nur dann eine gute Nachricht, wenn du weißt, wie viel Bahn noch vor dir liegt. SOPHiA GENETICS SA (Nasdaq: SOPH) aus dem Waadtländer Städtchen Rolle ist genau so ein Fall: eine Firma, deren Produkt in über 990 Kliniken und Laboren läuft, deren Umsatz seit Jahren zweistellig wächst — und deren Kasse im Juni 2026 zum zweiten Mal in einem halben Jahr mit frischem Aktionärsgeld aufgefüllt werden musste. Machen wir also einen Deal: Wir lesen gemeinsam, was die Firma selbst der US-Börsenaufsicht SEC gemeldet hat — den Jahresbericht 20-F für 2025, den Zwischenbericht 6-K zum 31. März 2026 und den Prospekt-Nachtrag zur Kapitalerhöhung vom 17. Juni 2026. Diese Papiere sind unter Strafandrohung ehrlich. Am Ende entscheidest du selbst, ob dir die Startbahn lang genug ist.

Was SOPHiA GENETICS eigentlich macht — der Bäcker, der den Ofen nicht kauft

Stell dir vor, jedes Krankenhaus müsste seine eigene Großbäckerei bauen, nur um ein Brot zu backen. Ungefähr so war Genanalyse lange organisiert: Wer den Tumor eines Patienten genetisch untersuchen wollte, schickte die Probe an ein zentrales Speziallabor — und gab damit Probe, Daten und Deutungshoheit aus der Hand. SOPHiA GENETICS dreht das um. Die Kliniken und Labore sequenzieren im eigenen Haus, mit den Geräten, die sie ohnehin haben, und laden anschließend nur noch die Daten in die Cloud-Plattform SOPHiA DDM. Dort läuft die Auswertung: Welche Genveränderung liegt vor, was bedeutet sie, was haben andere Häuser bei ähnlichen Fällen gesehen. Bezahlt wird meist je Analyse — die Plattform selbst ist für klinische Kunden kostenfrei zugänglich. Der Bericht nennt das nüchtern:

„We envision a future in which all clinical diagnostic test data is channeled through a decentralized analytics platform that will provide insights powered by large real-world data sets and AI.“

Übersetzung: „Wir stellen uns eine Zukunft vor, in der alle klinischen Diagnosedaten durch eine dezentrale Analyseplattform laufen, die Erkenntnisse liefert — gestützt auf große Datenbestände aus der Versorgungswirklichkeit und auf künstliche Intelligenz.“

— SOPHiA GENETICS SA, SEC-Jahresbericht 20-F für 2025, Item 4.B „Business Overview“

Die Größenordnung zum 31. Dezember 2025: mehr als 993 Kunden aus Krankenhäusern, Laboren und der Pharmaindustrie in 75 Ländern, rund 2,3 Millionen ausgewertete Genomprofile seit dem Start und 2.712 wissenschaftliche Veröffentlichungen, die auf der Plattform beruhen. 528 dieser Kunden zählt die Firma zum harten Kern (Kunden, die im Jahr tatsächlich Analysen bezahlt haben); im ersten Quartal 2026 waren es 537. Verkauft wird über 105 eigene Außendienstler in 60 Ländern plus Vertriebspartner in 50 weiteren. Und weil die Analyse selbst Software ist, bleibt vom Umsatz viel hängen: Die Rohmarge lag 2025 bei 67,4 Prozent, bereinigt um die Abschreibung selbst entwickelter Software bei 74,2 Prozent. Zum Vergleich: Ein klassisches Labor mit eigenen Geräten und Reagenzien kommt selten über 40 Prozent. Damit ist das Spannungsfeld dieser Analyse gesetzt, und es zieht sich durch jedes Kapitel: Die Wachstumsgeschichte wird in den USA erzählt — das Geld kommt zu 72 Prozent aus Europa, dem Nahen Osten und Afrika. Und genau dort verklagt ein US-Wettbewerber die Firma.

Wie die Aktie auf unseren Tisch kam — über ein Wertpapierprospekt, nicht über einen Scanner

Ehrlichkeit an dieser Stelle: SOPHiA GENETICS ist kein Scanner-Treffer. Am 29. Juli 2026 haben wir unsere eigenen Trefferlisten abgefragt — der Titel stand in keiner einzigen. Kein Momentum-Filter, kein Qualitätsfilter, kein Bewertungsfilter hat ihn nach oben gespült, und das ist bei einem Unternehmen, das seit dem Börsengang 2021 jedes Jahr Verlust schreibt, auch kein Wunder. Unsere Listen werden täglich neu berechnet; die Aussage gilt also für diesen Stichtag. Auf den Tisch kam die Aktie über einen anderen Weg, den wir bei jeder Analyse mitlesen: den Einreichungsstrom der US-Börsenaufsicht SEC. Am 17. Juni 2026 tauchte dort ein Prospekt-Nachtrag auf (Formular 424B5) — der Papierkram, mit dem ein Unternehmen neue Aktien verkauft. Dreizehn Tage zuvor, am 4. Juni 2026, hatte SOPHiA eine Absichtserklärung über ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York gemeldet, einem der bekanntesten Krebszentren der Welt. Gute Nachricht, dann Kapitalerhöhung — diese Reihenfolge ist an der Börse so alt wie die Börse selbst, und sie ist immer einen zweiten Blick wert. Merke dir den Reflex: Wenn kurz nach einer Schlagzeile ein Prospekt kommt, lies zuerst den Prospekt. Genau das tun wir gleich.

Die Zahlen über die Jahre — ehrlich gewürdigt

Erst das, was wirklich beeindruckt, und das ist einiges. Der Umsatz stieg von 62,4 Millionen US-Dollar (2023) über 65,2 Millionen (2024) auf 77,3 Millionen (2025) — ein Plus von 19 Prozent im letzten Jahr, nach nur 4 Prozent im Jahr davor. Das Wachstum beschleunigt sich also, statt abzuflachen. Im ersten Quartal 2026 kamen 21,7 Millionen herein, 22 Prozent mehr als im Vorjahresquartal (währungsbereinigt 14 Prozent). Dahinter stehen echte Mengen: 2025 liefen mehr als 391.000 Analysen über die Plattform, im ersten Quartal 2026 allein 108.000 — ein Rekord. Und die Bestandskunden werden größer: Die Netto-Umsatzbindung, also wie viel dieselben Kunden ein Jahr später zahlen, stieg von 104 Prozent (2024) auf 115 Prozent (2025) und 117 Prozent (erstes Quartal 2026). Ein Wert über 100 heißt: Auch ohne einen einzigen Neukunden würde der Umsatz wachsen. 2025 kamen trotzdem 124 neue Kernkunden dazu, so viele wie nie. Nun die Kurve, die alles andere erklärt:

Balkendiagramm zu SOPHiA GENETICS für die Geschäftsjahre 2023 bis 2025 in Millionen US-Dollar: Umsatz 62,4, 65,2 und 77,3 in Blau; Nettoergebnis −79,0, −62,5 und −79,0 in Rot. Der Umsatz steigt, der Verlust bleibt gleich hoch.
Der Umsatz wächst um ein Viertel, der Verlust steht 2025 wieder dort, wo er 2023 schon war: bei 79,0 Millionen US-Dollar. Quelle: Fundamentaldaten & SEC-Berichte (Jahresbericht 20-F für 2025). Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

Zwei Balkenpaare, eine unangenehme Botschaft. Der blaue Balken wird jedes Jahr länger, der rote nicht kürzer. 2024 sah es kurz nach Besserung aus (−62,5 Millionen), 2025 stand der Verlust wieder bei 79,0 Millionen US-Dollar — bis auf 18.000 Dollar genau dort, wo er zwei Jahre zuvor schon stand (78,999 gegen 78,981 Millionen). Und die zweite Grafik zeigt, wo dieses Geschäft tatsächlich sein Geld verdient:

Gruppiertes Balkendiagramm des SOPHiA-GENETICS-Umsatzes nach Regionen für 2023 bis 2025 in Millionen US-Dollar: EMEA 44,0, 46,9 und 55,6; Nordamerika 10,7, 11,3 und 13,4; Asien-Pazifik 3,7, 4,1 und 5,2; Lateinamerika 4,0, 2,9 und 3,1.
72 Prozent des Umsatzes 2025 stammen aus EMEA (55,6 von 77,3 Millionen US-Dollar), auf die USA entfallen 10,9 Millionen. Die Wachstumsgeschichte der Firma spielt in Nordamerika — die Kasse füllt Europa. Quelle: Fundamentaldaten & SEC-Berichte (Jahresbericht 20-F für 2025, Anhang 4). Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

Die Verschiebung über drei Jahre ist dabei überschaubar: EMEA wuchs von 44,0 (2023) über 46,9 (2024) auf 55,6 Millionen US-Dollar, Nordamerika von 10,7 über 11,3 auf 13,4, Asien-Pazifik von 3,7 über 4,1 auf 5,2 — allein Lateinamerika schrumpfte von 4,0 auf 2,9 und erholte sich 2025 auf 3,1. Frankreich (11,3 Millionen US-Dollar), Italien (10,8) und Spanien (6,0) bringen 2025 zusammen mehr Umsatz als die gesamten USA (10,9). Das ist keine Kritik — europäische Kliniken sind gute, treue Kunden. Aber es verschiebt das Risiko: Wer glaubt, hier eine US-Wachstumsaktie zu kaufen, kauft in Wahrheit ein europäisches Diagnostikgeschäft mit amerikanischer Erzählung. Merke dir das Bild: Die Story fährt in Amerika, die Kasse steht in Europa. Wie ähnlich sich solche Muster in der KI-getriebenen Biotech-Welt sind, haben wir in unserer Analyse von Recursion Pharmaceuticals gesehen — auch dort finanziert der Kapitalmarkt eine Plattform, die operativ noch nicht trägt.

Was in den Berichten steht — die unbequemen Wahrheiten

Unbequeme Wahrheit Nr. 1: Ein Fünftel des Umsatzes geht in Aktien für die eigene Mannschaft — und verschwindet in der „bereinigten“ Zahl

Wenn eine Firma Verlust macht, greift das Management gern zu einer freundlicheren Kennzahl. Bei SOPHiA heißt sie bereinigtes EBITDA und lag 2025 bei −41,5 Millionen US-Dollar statt −79,0 Millionen Nettoverlust. Das ist erlaubt und wird sauber offengelegt. Nur lohnt sich der Blick darauf, was herausgerechnet wird. Der größte Einzelposten ist die aktienbasierte Vergütung: 16,2 Millionen US-Dollar im Jahr 2025 (2024: 16,5 Millionen). Das sind 21 Prozent des Jahresumsatzes. Übersetzt in ein Alltagsbild: Ein Handwerksbetrieb bezahlt jeden fünften Euro seines Umsatzes nicht in Geld, sondern in Anteilen am Betrieb — und rechnet diese Kosten aus seiner Erfolgsrechnung heraus, weil ja „kein Geld geflossen“ ist. Für den Betrieb stimmt das. Für dich als Miteigentümer nicht: Dein Anteil am Kuchen wird kleiner, Jahr für Jahr. Genau das ist Verwässerung, und sie ist keine Buchhaltungsfrage, sondern eine Vermögensfrage.

Dass die Vergütung ein Thema ist, findet man nicht nur im Anhang, sondern im Abstimmungsergebnis der Hauptversammlung vom 18. Juni 2026. Dort bewilligten die Aktionäre für die Geschäftsleitung eine variable Vergütung von höchstens 17.500.000 US-Dollar für das laufende Jahr 2026 — bei einem Konzernumsatz von 77,3 Millionen im Jahr davor. Bemerkenswert ist die Quote: Während die Routinepunkte — Jahresabschluss, Entlastung, Abschlussprüfer, unabhängiger Stimmrechtsvertreter — durchweg über 99 Prozent Zustimmung kamen, erreichte dieser Punkt nur 66,02 Prozent, bei 11,07 Prozent Gegenstimmen und 22,91 Prozent Enthaltungen. Fast ein Viertel der vertretenen Stimmen wollte sich nicht dahinterstellen. Und es blieb nicht bei diesem einen Punkt: Auch die Vergütung des Verwaltungsrats (84,49 Prozent), die feste Vergütung der Geschäftsleitung (89,12 Prozent) und die Erhöhung des bedingten Kapitals (85,91 Prozent) bekamen die schwächsten Ergebnisse des Tages. Ein Höchstbetrag ist zwar keine Auszahlung — nur wurde er zuletzt fast ausgeschöpft: Die Einladung zur Hauptversammlung stellt der für 2025 bewilligten Obergrenze von 15,95 Millionen US-Dollar eine tatsächlich gewährte variable Vergütung von 15,16 Millionen gegenüber, also 95 Prozent; 2024 waren es erst 48 Prozent (6,92 von 14,50 Millionen). Dieselbe Hauptversammlung besiegelte übrigens den Führungswechsel: Mitgründer Jurgi Camblong wurde zum Verwaltungsratspräsidenten gewählt, und seit dem 1. Juli 2026 führt Ross Muken — zuvor Präsident und bis 2024 Finanzchef des Hauses — das Unternehmen als Vorstandschef.

Unbequeme Wahrheit Nr. 2: Die Kasse hält, weil Aktionäre zweimal in einem halben Jahr nachgelegt haben

Jetzt zum Kern. Zum 31. Dezember 2025 lagen 70,3 Millionen US-Dollar in der Kasse, ein Jahr zuvor waren es 80,2 Millionen und Ende 2023 noch 123,3 Millionen. Im ersten Quartal 2026 flossen aus dem laufenden Geschäft 15,1 Millionen ab, dazu 2,6 Millionen für Investitionen — zusammen 17,7 Millionen in drei Monaten. Ohne frisches Geld wäre die Kasse damit rechnerisch im Winter 2026/27 leer gewesen. Also besorgte sich die Firma frisches Geld, und zwar zweimal. Erstens über ein laufendes Verkaufsprogramm an der Börse: 2.795.485 eigene Aktien für 14,3 Millionen US-Dollar brutto, verkauft bis zum 20. Februar 2026 zu einem gewichteten Durchschnitt von 5,12 US-Dollar. Zweitens, und deutlich größer, über eine klassische Platzierung im Juni 2026:

„The Shares were offered to investors at $4.75 per Share. The gross proceeds from the offering, before deducting the underwriting discounts and commissions and offering expenses, were approximately $57.5 million. The offering closed on June 18, 2026.“

Übersetzung: „Die Aktien wurden Investoren zu 4,75 US-Dollar je Aktie angeboten. Der Bruttoerlös aus der Platzierung, vor Abzug der Übernahmeabschläge, Provisionen und Platzierungskosten, betrug rund 57,5 Millionen US-Dollar. Die Platzierung wurde am 18. Juni 2026 abgeschlossen.“

— SOPHiA GENETICS SA, SEC-Zwischenbericht 6-K vom 22.06.2026

Insgesamt 12.104.900 Aktien, einschließlich der vollständig ausgeübten Mehrzuteilungsoption über 1.578.900 Stück. Was das für dich als Altaktionär bedeutet, steht schwarz auf weiß im Prospekt-Nachtrag vom 17. Juni 2026 — und es ist eine der ehrlichsten Zahlen, die es an der Börse gibt:

Gelb markierter Abschnitt aus dem SOPHiA-GENETICS-Prospekt-Nachtrag vom 17.06.2026: materielles Nettovermögen zum 31.03.2026 von 9,9 Millionen US-Dollar oder 0,14 US-Dollar je Aktie, nach der Platzierung 55,7 Millionen oder 0,68 US-Dollar je Aktie, sofortige Verwässerung von 4,07 US-Dollar je Aktie für neue Zeichner.
Die markierte Stelle im Original: 0,14 US-Dollar materielles Nettovermögen je Aktie vor der Platzierung, 0,68 danach — und 4,07 US-Dollar sofortige Verwässerung für jeden, der zu 4,75 zeichnete. Quelle: SEC-Prospekt-Nachtrag 424B5 vom 17.06.2026 (sec.gov), Hervorhebung von uns. Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

Lies die Zeile in der Mitte noch einmal: Das materielle Nettovermögen — alles, was die Firma besitzt, minus immaterielle Werte, minus alle Schulden — betrug zum 31. März 2026 ganze 9,9 Millionen US-Dollar oder 14 Cent je Aktie. Nach der Platzierung sind es 55,7 Millionen oder 68 Cent (mit voll ausgeübter Mehrzuteilung 75 Cent). Wer zu 4,75 US-Dollar zeichnete, zahlte also 4,07 US-Dollar über dem, was rechnerisch an Substanz dahintersteht (bei voller Option 4,00). Das ist bei einem Software-Unternehmen nicht per se falsch — der Wert steckt im Kundenstamm, nicht im Anlagevermögen. Aber es beantwortet die Frage, warum die Aktienzahl so schnell wächst: von 66,7 Millionen (31.12.2024) über 68,5 Millionen (31.12.2025) und 71,8 Millionen (31.03.2026) auf 83,9 Millionen nach der Juni-Platzierung. Das sind rund 26 Prozent mehr Aktien in achtzehn Monaten. Und der Überhang ist noch nicht abgetragen: Zum 31. März 2026 standen zusätzlich 13,8 Millionen Aktien aus Optionen, 2,3 Millionen aus Aktienzusagen, 5,3 Millionen aus Planreserven und 0,5 Millionen aus Optionsscheinen im Raum — zusammen rund 21,9 Millionen Aktien, gut ein Viertel des heutigen Bestands. Und der Topf, aus dem Mitarbeiterbeteiligungen bedient werden, ist seither größer geworden: Die Hauptversammlung vom 18. Juni 2026 hat Artikel 4b der Statuten geändert, das bedingte Kapital für Beteiligungsprogramme umfasst jetzt bis zu 24.807.564 Aktien.

Unbequeme Wahrheit Nr. 3: Die Schulden kosten mindestens 10,25 Prozent — und sind mit dem ganzen Unternehmen besichert

Neben dem Eigenkapital gibt es eine zweite Geldquelle, und die ist teuer. Im Mai 2024 schloss SOPHiA einen Kreditvertrag mit dem Spezialfinanzierer Perceptive Credit Holdings IV über bis zu 50,0 Millionen US-Dollar; 15,0 Millionen flossen sofort, die restlichen 35,0 Millionen am 25. Juni 2025. Der Zinssatz: Term SOFR mit einer Untergrenze von 4 Prozent, plus 6,25 Prozentpunkte — also mindestens 10,25 Prozent im Jahr, fällig 2029. Im Verzugsfall steigt der Aufschlag auf 9,25 Punkte. Der Zinsaufwand kletterte entsprechend von 1,9 Millionen (2024) auf 4,6 Millionen US-Dollar (2025) und lag im ersten Quartal 2026 bei 1,7 Millionen. Interessanter als der Zins sind aber die Bedingungen:

Gelb markierter Absatz aus dem SOPHiA-GENETICS-Jahresbericht 20-F für 2025: Der Perceptive-Kreditvertrag verlangt eine Mindestliquidität von 3,0 Millionen US-Dollar und einen Zwölfmonatsumsatz von 67,4 Millionen zum 31. Dezember 2025 und ist mit im Wesentlichen dem gesamten Vermögen besichert.
Die markierte Stelle im Original: Mindestliquidität 3,0 Millionen US-Dollar, Zwölfmonatsumsatz-Auflage 67,4 Millionen zum 31.12.2025 — und eine Besicherung mit „im Wesentlichen dem gesamten“ Vermögen von SOPHiA und einzelner Tochtergesellschaften. Quelle: SEC-Jahresbericht 20-F für 2025 (sec.gov), Hervorhebung von uns. Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

Zwei Dinge sind hier wichtig, und beide sind erst einmal beruhigend: Die Umsatzauflage von 67,4 Millionen US-Dollar wurde 2025 mit 77,3 Millionen klar erfüllt, und die Firma war laut Bericht zum 31. Dezember 2025 und 2024 vollständig auflagenkonform — der Zwischenbericht bestätigt das auch für den 31. März 2026. Die Mindestliquidität von 3,0 Millionen ist bei 65,4 Millionen Kassenbestand (31.03.2026) kein Thema. Unangenehm ist die Struktur dahinter: Ein Kreditgeber, der praktisch das gesamte Unternehmen als Pfand hält, sitzt bei jeder künftigen Entscheidung mit am Tisch — der Vertrag begrenzt ausdrücklich neue Schulden, Verkäufe von Geschäftsteilen und Ausschüttungen. Im Januar 2026 kam ein Nachtrag hinzu, und der enthält eine Zahl, die man sich merken sollte:

Gelb markierter Absatz aus dem SOPHiA-GENETICS-Jahresbericht 20-F für 2025 zum Kreditnachtrag vom 23. Januar 2026: zwei zusätzliche Tranchen über je 12,5 Millionen US-Dollar, die zweite erst abrufbar, wenn der Umsatz der zurückliegenden zwölf Monate 85,0 Millionen übersteigt; Zins Term SOFR mit 4-Prozent-Untergrenze plus 6,25 Prozent, Fälligkeit 2029.
Die markierte Stelle im Original: Tranche D über 12,5 Millionen US-Dollar wird erst abrufbar, wenn der Zwölfmonatsumsatz 85,0 Millionen übersteigt — zum 31.03.2026 lag er bei 81,2 Millionen. Quelle: SEC-Jahresbericht 20-F für 2025 (sec.gov), Hervorhebung von uns. Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

Das ist ein seltener Glücksfall für aufmerksame Leser: eine nachrechenbare Schwelle. Der Zwölfmonatsumsatz zum 31. März 2026 lag bei 81,2 Millionen US-Dollar (Geschäftsjahr 2025 mit 77,3 minus erstes Quartal 2025 mit 17,8 plus erstes Quartal 2026 mit 21,7). Bis zur 85-Millionen-Marke fehlen also 3,8 Millionen. Das zweite Quartal 2025 brachte 18,3 Millionen — liegt das zweite Quartal 2026 über rund 22,1 Millionen, ist die Schwelle genommen und weitere 12,5 Millionen Kredit stehen bereit. Die bestätigte Jahresprognose von 92 bis 94 Millionen unterstellt für die verbleibenden drei Quartale im Schnitt 23,4 bis 24,1 Millionen. Zum Preis dieser Option gehört: Mit jeder gezogenen Tranche wird für den Kreditgeber ein Optionsschein über weitere 100.000 Aktien ausübbar. Auch Fremdkapital kostet hier am Ende Anteile.

Unbequeme Wahrheit Nr. 4: Der US-Wettbewerber klagt — und zwar in Europa, wo das Geld verdient wird

Das Produkt, mit dem SOPHiA in den letzten zwei Jahren am schnellsten gewachsen ist, heißt MSK-ACCESS — eine sogenannte Flüssigbiopsie, bei der Krebsspuren nicht aus dem Tumor, sondern aus einer Blutprobe gelesen werden. Insgesamt 100 Kunden in mehr als 30 Ländern hatten sich bis Ende März 2026 für MSK-ACCESS oder die verwandte Tumor-Anwendung MSK-IMPACT entschieden; im ersten Quartal 2026 liefen knapp 3.000 Flüssigbiopsie-Analysen, mehr als doppelt so viele wie ein Jahr zuvor. Und genau dieses Produkt greift der US-Wettbewerber Guardant Health juristisch an:

Gelb markierter Anhang 25 aus dem SOPHiA-GENETICS-Jahresbericht 20-F für 2025: Guardant Health klagte 2025 in Großbritannien und vor dem Einheitlichen Patentgericht in Paris gegen den Test MSK-ACCESS; im Januar 2026 wies das Gericht den Eilantrag ab und sprach SOPHiA 400.000 Euro Kosten zu; das britische Verfahren läuft weiter, eine Rückstellung wurde nicht gebildet.
Die markierte Stelle im Original: Klagen in Großbritannien und vor dem Einheitlichen Patentgericht in Paris, Eilantrag im Januar 2026 abgewiesen, 400.000 Euro Kostenerstattung zugunsten von SOPHiA, Berufung anhängig — und keine Rückstellung zum 31.12.2025. Quelle: SEC-Jahresbericht 20-F für 2025, Anhang 25 (sec.gov), Hervorhebung von uns. Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

Der Zwischenstand ist für SOPHiA gut: Am 23. Januar 2026 wies das Einheitliche Patentgericht in Paris den Antrag auf einstweilige Maßnahmen endgültig ab und verurteilte Guardant zu 400.000 Euro Kostenerstattung; am 9. Februar 2026 legte Guardant Berufung ein, und am 18. Februar 2026 lehnte das Berufungsgericht es ab, die Kostenentscheidung auszusetzen oder den Betrag zu kürzen. Trotzdem gehören zwei Sätze aus dem Bericht dazu. Erstens der nüchterne Hinweis der Firma selbst: „Patent litigation is inherently uncertain, and even favorable preliminary rulings do not guarantee ultimate success“ — Patentstreitigkeiten sind ihrer Natur nach unsicher, und selbst günstige vorläufige Entscheidungen garantieren keinen endgültigen Erfolg. Zweitens die Geografie: Beklagt sind vor dem Einheitlichen Patentgericht vier Konzerngesellschaften — SOPHiA GENETICS SA, SAS, SRL und GmbH —, und die Patentverletzung wird für Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, die Niederlande, Schweden, die Schweiz und Spanien geltend gemacht; das britische Verfahren läuft daneben. Das ist exakt die Region, aus der 72 Prozent des Umsatzes kommen. Ein Verbot hier wöge ungleich schwerer als eines in den USA. Bezahlt wird derweil schon jetzt: 2,4 Millionen US-Dollar Rechtskosten allein im zweiten Halbjahr 2025, weitere 0,7 Millionen im ersten Quartal 2026 — Beträge, die im „bereinigten“ EBITDA ebenfalls herausgerechnet werden. Eine Rückstellung hat SOPHiA nicht gebildet: Verluste aus diesem Verfahren gelten zum 31. Dezember 2025 als nicht wahrscheinlich.

Bewertung: rund das Fünffache des Umsatzes — für ein Geschäft ohne Gewinn

Ein Kurs-Gewinn-Verhältnis gibt es nicht, weil es keinen Gewinn gibt. Bleibt der Umsatz als Maßstab — und ein sauberer, datierter Anker aus dem Prospekt selbst: Am 16. Juni 2026 schloss die Aktie an der Nasdaq bei 4,93 US-Dollar. Mit den 83.895.266 Aktien, die nach der Platzierung ausstehen, ergibt das einen Börsenwert von rund 414 Millionen US-Dollar. Gemessen am Zwölfmonatsumsatz von 81,2 Millionen (Stand 31.03.2026) ist das das 5,1-Fache, gemessen an der Mitte der Prognose für 2026 (93 Millionen) das 4,5-Fache. Zieht man die pro forma rund 118 Millionen Kasse ab (Kassenbestand 31.03.2026 plus Nettoerlös der Platzierung) und die 50 Millionen Schulden hinzu, liegt der Unternehmenswert bei rund 346 Millionen — das 4,3-Fache des Zwölfmonatsumsatzes. Die Fundamentaldaten weisen zum 28. Juli 2026 einen Börsenwert von 467 Millionen aus; die Differenz von rund 13 Prozent ist Kursbewegung in diesen sechs Wochen, kein Datenfehler. Wir nennen beide Anker mit Datum, statt einen davon zum einzig richtigen zu erklären.

Ist das viel? Für ein Software-Unternehmen mit 74 Prozent bereinigter Rohmarge und beschleunigendem Wachstum ist ein Umsatzvielfaches von vier bis fünf kein Ausreißer — profitable Plattformen dieser Größenordnung handeln oft höher. Für ein Unternehmen, das seit dem Börsengang jedes Jahr Verlust schreibt und dessen materielles Nettovermögen vor der Kapitalerhöhung bei 14 Cent je Aktie lag, ist es andererseits kein Schnäppchen mit Sicherheitsmarge. Der Blick der Profis fällt deutlich freundlicher aus: Sechs Analysten führen im Konsens ein Kursziel von 9,00 US-Dollar — also knapp das Doppelte des Junipreises. Solche Konsensziele sind allerdings notorisch optimistisch und bilden meist die Prognosen der Firma fort; sie sind ein Stimmungsbild, kein Beweis. Wer die Diskrepanz zwischen Plattformversprechen und Kassenlage in reiner Form sehen will, findet sie auch in unserer Analyse von Alpha Tau Medical — ein anderes Geschäft, dieselbe Grundfrage.

Chancen und Risiken auf einen Blick

Was für SOPHiA GENETICS spricht:

  • Beschleunigendes Wachstum aus echten Mengen: Umsatz +19 Prozent auf 77,3 Millionen US-Dollar (2025) und +22 Prozent im ersten Quartal 2026; mehr als 391.000 Analysen 2025, 108.000 allein im ersten Quartal 2026.
  • Bestandskunden werden größer: Netto-Umsatzbindung von 104 (2024) auf 115 Prozent (2025) und 117 Prozent (erstes Quartal 2026); 124 neue Kernkunden 2025, durchschnittlicher Vertragswert neuer Abschlüsse rund 120 Prozent höher als im Vorjahr.
  • Software-Ökonomie statt Laborbetrieb: bereinigte Rohmarge 74,2 Prozent (2025, plus 1,4 Prozentpunkte), obwohl das verarbeitete Datenvolumen um 40 Prozent stieg — die Plattform skaliert nachweislich.
  • Türöffner in den USA: Absichtserklärung über ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem Memorial Sloan Kettering Cancer Center (4. Juni 2026), dazu Mount Sinai und NYU Langone sowie zwei große Klinikverbünde, die zusammen rund 60.000 Analysen im Jahr zugesagt haben und ab dem zweiten Halbjahr 2026 hochlaufen sollen.
  • Finanzierung vorerst gesichert: pro forma rund 118 Millionen US-Dollar Kasse — 65,4 Millionen zum 31. März 2026 plus 52,9 Millionen Nettoerlös der Platzierung vom 18. Juni 2026, der Mittelabfluss der Monate April bis Juni ist darin nicht abgezogen —, dazu 25 Millionen zugesagte, noch nicht gezogene Kreditlinien; der Verwaltungsrat erklärt die Mittel für mindestens zwölf Monate als ausreichend.

Was dagegen spricht:

  • Der Verlust wächst mit: 79,0 Millionen US-Dollar Nettoverlust 2025 — genauso viel wie 2023; bereinigtes EBITDA von −40,2 auf −41,5 Millionen verschlechtert; Vertriebs- und Verwaltungskosten stiegen 2025 um 12,4 auf 88,7 Millionen — also um mehr, als der Umsatz im selben Jahr überhaupt zulegte (12,1 Millionen).
  • Das Eigenkapital halbierte sich binnen zwölf Monaten von 96,5 auf 47,1 Millionen US-Dollar; das materielle Nettovermögen betrug zum 31. März 2026 nur 9,9 Millionen oder 14 Cent je Aktie.
  • Fortlaufende Verwässerung: Aktienzahl von 66,7 Millionen (31.12.2024) auf 83,9 Millionen nach Juni 2026, dazu ein Überhang von rund 21,9 Millionen Aktien aus Optionen, Zusagen, Reserven und Optionsscheinen; aktienbasierte Vergütung 16,2 Millionen 2025 — 21 Prozent des Umsatzes.
  • Teure, besicherte Schulden: 50,0 Millionen US-Dollar zu Term SOFR (Untergrenze 4 Prozent) plus 6,25 Prozentpunkte bis 2029, gesichert mit im Wesentlichen dem gesamten Vermögen, mit Auflagen zu Mindestliquidität und Zwölfmonatsumsatz.
  • Patentstreit mit Guardant Health in Großbritannien und vor dem Einheitlichen Patentgericht — also im Markt, aus dem 72 Prozent des Umsatzes stammen; erste Instanz gewonnen, Berufung anhängig, keine Rückstellung gebildet, Rechtskosten 2,4 Millionen US-Dollar allein im zweiten Halbjahr 2025.
  • Klumpenrisiko Europa: 55,6 von 77,3 Millionen US-Dollar Umsatz 2025 aus EMEA, die USA tragen 10,9 Millionen — wer die US-Wachstumsstory kauft, kauft heute ein europäisches Geschäft.

Ein menschliches Fazit

Zurück zur Tempofalle vom Anfang. Ihr Kern ist nicht, dass Wachstum schlecht wäre — SOPHiA GENETICS hat ein Produkt, das in fast tausend Häusern läuft, eine Marge, um die viele Labore sie beneiden, und Kunden, die jedes Jahr mehr bestellen. Ihr Kern ist, dass eine schöne Wachstumszahl die zweite Frage verdrängt: Wie viel Bahn liegt noch vor der Maschine? Die Antwort steht in den Berichten und ist weder Panik noch Entwarnung: Pro forma — 65,4 Millionen US-Dollar Kasse zum 31. März 2026 plus 52,9 Millionen Nettoerlös der Platzierung vom 18. Juni 2026 — liegen rund 118 Millionen in der Kasse; bei zuletzt 17,7 Millionen Abfluss je Quartal sind das höchstens gut sechs Quartale, denn der Abfluss der Monate April bis Juni fehlt in dieser Rechnung noch — und die Firma will Ende 2026 an der Schwelle zum ausgeglichenen bereinigten EBITDA stehen. Sie kann es also schaffen, bevor die Bahn zu Ende ist. Nur ist das eine Absicht, kein Ergebnis, und bezahlt wird der Weg dorthin bisher von den Aktionären: 26 Prozent mehr Aktien in achtzehn Monaten, 21 Prozent des Umsatzes in Mitarbeiterbeteiligungen, mindestens 10,25 Prozent Zins auf 50 Millionen Schulden. Die ehrliche Frage an dich lautet deshalb nicht „Wächst die Firma schnell genug?“, sondern: Bist du bereit, das nächste Stück Startbahn mitzubezahlen — und was passiert mit deinem Anteil, wenn danach noch ein Stück fehlt? Wenn du darauf eine ruhige Antwort hast, hast du eine These. Wenn nicht, hattest du nur eine Wachstumszahl. Was du daraus machst, ist deine Entscheidung. Und das ist auch gut so.

Quellen

Alle in dieser Analyse verwendeten Originaldokumente — zum Selbst-Nachlesen:

Transparenz & Disclaimer: Diese Analyse ist eine journalistische Einordnung öffentlich zugänglicher Informationen und keine Anlageberatung, keine Finanzanalyse im aufsichtsrechtlichen Sinn und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Aktien-Investments sind mit erheblichen Risiken bis hin zum Totalverlust verbunden. Alle Angaben ohne Gewähr; Stand der Daten ist jeweils im Text vermerkt. Der Autor hält zum Zeitpunkt der Veröffentlichung keine Position in SOPHiA-GENETICS-Aktien.

Unser Fazit auf einen Blick

Wachstum & Kundenbindung positiv
Der Umsatz stieg 2025 um 19 Prozent auf 77,3 Millionen US-Dollar und im ersten Quartal 2026 um 22 Prozent auf 21,7 Millionen. Die Netto-Umsatzbindung — wieviel Bestandskunden im Folgejahr zahlen — kletterte von 104 Prozent (2024) auf 115 Prozent (2025) und 117 Prozent (erstes Quartal 2026). 2025 kamen 124 neue Kern-Genomik-Kunden hinzu, so viele wie nie.
Geschäftsmodell & Marge positiv
Die Plattform verdient an jeder Auswertung, ohne Proben und Labore zu betreiben: Rohmarge 67,4 Prozent 2025, bereinigt 74,2 Prozent — 1,4 Prozentpunkte mehr als 2024, obwohl das verarbeitete Datenvolumen um 40 Prozent zulegte. Der dezentrale Ansatz ist ein echtes Unterscheidungsmerkmal gegenüber zentralen Labordienstleistern.
Ergebnis & Mittelabfluss negativ
Der Nettoverlust lag 2025 mit 79,0 Millionen US-Dollar exakt auf dem Niveau von 2023 (2024: 62,5 Millionen); das bereinigte EBITDA verschlechterte sich von −40,2 auf −41,5 Millionen. Im ersten Quartal 2026 flossen aus laufendem Geschäft und Investitionen 17,7 Millionen ab. Der Weg zum ausgeglichenen bereinigten EBITDA — vom Unternehmen für Ende 2026 in Aussicht gestellt — ist unbewiesen.
Bilanz & Finanzierung negativ
Das Eigenkapital fiel binnen zwölf Monaten von 96,5 auf 47,1 Millionen US-Dollar (31.12.2025) und weiter auf 45,7 Millionen (31.03.2026), das materielle Nettovermögen betrug am selben Stichtag nur 9,9 Millionen. Dem stehen 50,0 Millionen besicherte Schulden zu Term SOFR plus 6,25 Prozent gegenüber. Die Kasse hält nur, weil 2026 zweimal neue Aktien verkauft wurden — zuletzt 12,1 Millionen Stück zu 4,75 US-Dollar.
Rechtsstreit & Regionenmix negativ
Guardant Health klagt seit Juli bzw. August 2025 in Großbritannien und vor dem Einheitlichen Patentgericht in Paris gegen den Flüssigbiopsie-Test MSK-ACCESS — also in dem Markt, aus dem 2025 mit 55,6 von 77,3 Millionen US-Dollar 72 Prozent des Umsatzes stammten. Die erste Instanz in Paris ging am 23.01.2026 für SOPHiA aus, die Berufung läuft, das britische Verfahren ebenfalls; eine Rückstellung gibt es nicht.
Governance & Verwässerung neutral
Die Berichte sind ausführlich und offen, der Prüfer PricewaterhouseCoopers begleitet seit 2020, ein Going-Concern-Vorbehalt fehlt. Aber die Aktienzahl stieg seit Ende 2024 um rund 26 Prozent, die aktienbasierte Vergütung kostete 2025 16,2 Millionen US-Dollar, und die Hauptversammlung vom 18.06.2026 bewilligte bis zu 17,5 Millionen variable Vergütung für 2026 — mit nur 66,02 Prozent Zustimmung der vertretenen Stimmen. Zum 01.07.2026 übernahm Ross Muken den Chefposten von Mitgründer Jurgi Camblong, der Verwaltungsratspräsident wurde.

SOPHiA GENETICS verkauft keine Geschichte, sondern eine laufende Plattform: 391.000 Analysen im Jahr 2025, 528 Kern-Genomik-Kunden, 19 Prozent Umsatzwachstum und eine bereinigte Rohmarge von 74,2 Prozent. Nur trägt sich dieses Geschäft noch nicht selbst. Der Nettoverlust lag 2025 mit 79,0 Millionen US-Dollar so hoch wie 2023, das Eigenkapital halbierte sich binnen eines Jahres auf 47,1 Millionen, und die Kasse hält vor allem deshalb, weil im Juni 2026 12,1 Millionen neue Aktien zu 4,75 US-Dollar verkauft wurden. Dazu kommen 50,0 Millionen besicherte Schulden zu mindestens 10,25 Prozent und eine Patentklage von Guardant Health in genau der Region, aus der 72 Prozent des Umsatzes stammen. Wer hier investiert, kauft ein gutes Produkt mit einer offenen Rechnung. Keine Anlageberatung.

Was unsere Einordnung bedeutet

Offene Fragen

Das Geschäft funktioniert grundsätzlich, aber eine wesentliche Frage ist offen. Solange sie offen ist, tragen unsere Befunde kein Qualitätsurteil.

Gelb, weil eine wesentliche operative Frage offen ist — nicht, weil die Aktie teuer wäre. Für Rot fehlen die Belege: Der Abschluss 2025 ist ohne Going-Concern-Vorbehalt aufgestellt, das Eigenkapital ist mit 45,7 Millionen US-Dollar positiv (31.03.2026), die Kreditauflagen waren zuletzt zum 31.03.2026 vollständig eingehalten (davor zum 31.12.2025 und 2024), und pro forma — Kasse zum 31.03.2026 plus Nettoerlös der Platzierung vom 18. Juni 2026 — liegen rund 118 Millionen in der Kasse; bei zuletzt 17,7 Millionen Abfluss je Quartal sind das höchstens gut sechs Quartale Startbahn, weil der Abfluss des zweiten Quartals darin noch fehlt. Für Grün fehlt der Beweis, dass die Firma sich selbst tragen kann: Der Verlust ist seit 2023 nicht kleiner geworden, das Eigenkapital hat sich in zwölf Monaten halbiert, die Aktienzahl ist seit Ende 2024 um rund 26 Prozent gestiegen, und die angekündigte Wende zum ausgeglichenen bereinigten EBITDA Ende 2026 ist eine Absicht, kein Ergebnis. Prüfbar wird das an drei Zahlen im nächsten Zwischenbericht: Umsatzwachstum, bereinigter EBITDA-Verlust und Kassenbestand.

Journalistische Einschätzung der Redaktion zum Analysezeitpunkt auf Basis öffentlicher Quellen — keine Anlageberatung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf. Deine persönlichen Umstände (Anlageziele, Risikotragfähigkeit, Steuern) können dabei nicht berücksichtigt werden. Was unsere Stufen bedeuten, wie Urteile entstehen und welche Interessenkonflikte bestehen →

Bitte beachten

  • Auf die Rechercheliste kam SOPHiA GENETICS nicht über eine unserer Trefferlisten — am 29. Juli 2026 stand der Titel in keinem unserer Scanner —, sondern über den Einreichungsstrom der US-Börsenaufsicht SEC: den Prospekt-Nachtrag 424B5 vom 17. Juni 2026 zur Aktienplatzierung. Scannerlisten werden täglich neu berechnet.
  • Zur Bewertung: Wir rechnen mit dem letzten in einem Filing dokumentierten Kurs von 4,93 US-Dollar (Schlusskurs 16.06.2026, genannt im Prospekt-Nachtrag vom 17.06.2026) und 83.895.266 Aktien — rund 414 Millionen US-Dollar. Die Fundamentaldaten weisen zum 28. Juli 2026 einen Börsenwert von 467 Millionen aus; die Abweichung von rund 13 Prozent ist der Kursbewegung dieser sechs Wochen geschuldet und liegt innerhalb unserer Toleranz. Beide Anker sind im Text datiert genannt.
  • Zur Datenherkunft: SOPHiA GENETICS ist bei der SEC als ausländischer Emittent registriert und reicht deshalb einen Jahresbericht 20-F sowie Zwischenberichte 6-K ein — ein Quartalsbericht 10-Q existiert nicht. Alle Quartalszahlen dieser Analyse stammen aus dem Zwischenbericht 6-K zum 31.03.2026 und seinen Anlagen; Bilanzierung nach IFRS in US-Dollar, obwohl der Sitz in der Schweiz liegt.
  • Nicht verwechseln: „Bereinigtes EBITDA“ ist bei dieser Firma kein Nebenschauplatz — die Überleitung rechnet für 2025 unter anderem 16,2 Millionen US-Dollar aktienbasierte Vergütung, 9,5 Millionen Abschreibungen (4,0 auf Sachanlagen, 5,6 auf immaterielle Werte) und 2,4 Millionen Prozesskosten heraus. Aus 79,0 Millionen IFRS-Verlust werden so 41,5 Millionen. Beide Zahlen sind richtig, aber nur die erste enthält die Verwässerung, die Altaktionäre tatsächlich trifft.

Häufige Fragen

SOPHiA GENETICS SA (Nasdaq: SOPH) aus Rolle in der Schweiz betreibt SOPHiA DDM, eine Cloud-Plattform für die Auswertung genomischer und weiterer medizinischer Daten. Kliniken und Labore sequenzieren im eigenen Haus und laden nur die Daten hoch; die Analyse läuft in der Cloud, bezahlt wird meist je Auswertung. 2025 liefen so mehr als 391.000 Analysen für 528 Kern-Genomik-Kunden, im ersten Quartal 2026 waren es 108.000 Analysen und 537 Kunden.

Weil das Unternehmen bei der US-Börsenaufsicht SEC als ausländischer Emittent geführt wird (Foreign Private Issuer). Diese Firmen reichen statt des US-Geschäftsberichts 10-K einen Jahresbericht auf Formular 20-F ein und statt der Quartalsberichte 10-Q Zwischenberichte auf Formular 6-K. Der jüngste Jahresbericht 20-F deckt das Geschäftsjahr 2025 ab und wurde am 3. März 2026 eingereicht, der jüngste Zwischenbericht 6-K betrifft das erste Quartal 2026 und stammt vom 5. Mai 2026.

Zum 31. März 2026 lagen 65,4 Millionen US-Dollar in der Kasse. Im Juni 2026 kamen aus der Aktienplatzierung laut Prospekt rund 52,9 Millionen netto hinzu (bei voller Mehrzuteilung), zusammen also pro forma etwa 118 Millionen; der Prospekt selbst weist zum 31. März 2026 pro forma 111,3 Millionen aus — noch ohne die später vollständig ausgeübte Mehrzuteilung. Im ersten Quartal 2026 flossen aus laufendem Geschäft und Investitionen zusammen 17,7 Millionen ab. Zu diesem Tempo reicht das Geld rund 6,7 Quartale; legt man den Durchschnitt der letzten zwölf Monate zugrunde, sind es gut neun Quartale. Beides sind Obergrenzen: Der Mittelabfluss von April bis Juni 2026 ist in der Kassenzahl noch nicht abgezogen. Der Verwaltungsrat erklärte im Jahresbericht, die Mittel reichten für mindestens zwölf Monate.

Weil die Kosten mitwachsen. 2025 stieg der Umsatz um 19 Prozent auf 77,3 Millionen US-Dollar, gleichzeitig kletterten Vertriebs- und Verwaltungskosten von 76,3 auf 88,7 Millionen. Der Nettoverlust lag damit wieder bei 79,0 Millionen — genauso hoch wie 2023. Das bereinigte EBITDA verschlechterte sich leicht von −40,2 auf −41,5 Millionen. Für 2026 stellt das Unternehmen einen bereinigten EBITDA-Verlust von 29 bis 32 Millionen in Aussicht.

Guardant Health verklagte SOPHiA GENETICS im Juli 2025 in Großbritannien und im August 2025 vor dem Einheitlichen Patentgericht in Paris wegen des Flüssigbiopsie-Tests MSK-ACCESS. Am 23. Januar 2026 wies das Gericht den Antrag auf einstweilige Maßnahmen endgültig ab und sprach SOPHiA 400.000 Euro Kostenerstattung zu; Guardant legte Berufung ein. Das britische Verfahren läuft weiter. Die Verteidigung kostete allein im zweiten Halbjahr 2025 rund 2,4 Millionen US-Dollar; eine Rückstellung wurde nicht gebildet.

Die Zahl der ausstehenden Aktien stieg von 66,7 Millionen (31.12.2024) über 68,5 Millionen (31.12.2025) und 71,8 Millionen (31.03.2026) auf 83,9 Millionen nach der Platzierung vom Juni 2026 — ein Plus von rund 26 Prozent in achtzehn Monaten. Der Prospekt vom 17. Juni 2026 beziffert die sofortige Verwässerung für neue Zeichner auf 4,07 US-Dollar je Aktie. Hinzu kommen rund 21,9 Millionen Aktien aus Optionen, Aktienzusagen, Planreserven und Optionsscheinen (31.03.2026).

Ein Kurs-Gewinn-Verhältnis gibt es mangels Gewinn nicht. Als datierter Anker dient der letzte im Prospekt vom 17. Juni 2026 dokumentierte Schlusskurs von 4,93 US-Dollar (16.06.2026): Mit 83,9 Millionen Aktien sind das rund 414 Millionen US-Dollar Börsenwert, gut das Fünffache des Zwölfmonatsumsatzes von 81,2 Millionen und rund das 4,5-Fache der Umsatzprognose für 2026. Die Fundamentaldaten weisen zum 28. Juli 2026 einen Börsenwert von 467 Millionen aus. Sechs Analysten nennen im Schnitt ein Kursziel von 9,00 US-Dollar.

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