Recursion Pharmaceuticals: 20 Milliarden Dollar stehen im Bericht — 6,5 Millionen kamen im Quartal herein, und die kosteten 12,5
Recursion aus Salt Lake City ist das Aushängeschild der KI-Wirkstoffsuche: ein eigener Supercomputer, Partner wie Roche, Sanofi und Bayer, ein Geschäftsbericht, der über 20 Milliarden US-Dollar an möglichen künftigen Meilensteinen nennt. Im selben Bericht stehen auch die Ist-Zahlen: 74,7 Millionen US-Dollar Umsatz 2025, 644,8 Millionen Verlust, und im ersten Quartal 2026 kosteten 6,5 Millionen Umsatz direkte 12,5 Millionen. Die Aktienzahl stieg von 191,0 Millionen Ende 2022 auf 530,8 Millionen zum 31. März 2026. Der Wirtschaftsprüfer verweigerte dem internen Kontrollsystem für 2025 das Testat, und der Firmengründer verließ zur Hauptversammlung am 17. Juni 2026 den Verwaltungsrat. Keine Anlageberatung — nur die Frage, wie viel Zukunft ein Anleger vorfinanzieren will.
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Es gibt einen Denkfehler, gegen den auch nüchterne Anleger machtlos sind, weil er nicht über die Gier läuft, sondern über die Mathematik im Kopf: den Ankereffekt. Er funktioniert so — jemand nennt dir eine sehr große Zahl, und ab diesem Moment misst dein Gehirn alles Weitere an ihr. Bei Recursion Pharmaceuticals (Nasdaq: RXRX) steht diese Zahl im eigenen Geschäftsbericht: über 20 Milliarden US-Dollar an möglichen künftigen Meilensteinzahlungen aus den Pharma-Partnerschaften. Wenn dieser Anker erst einmal liegt, wirken 74,7 Millionen US-Dollar Jahresumsatz wie ein Rundungsfehler und 644,8 Millionen Verlust wie eine Investition. Machen wir deshalb einen Deal: Wir lassen den Anker liegen, wo er ist, und lesen daneben, was dieselbe Firma der US-Börsenaufsicht SEC über ihre Gegenwart gemeldet hat — den Geschäftsbericht (10-K) für 2025 vom 25. Februar 2026, den Quartalsbericht (10-Q) zum 31. März 2026 vom 6. Mai 2026 und alles, was danach kam. Ein SEC-Bericht ist unter Strafandrohung ehrlich. Und dieser erzählt von einem Umsatz, der im letzten gemeldeten Quartal mehr kostete, als er einbrachte, von einer Aktienzahl, die sich in dreieinhalb Jahren fast verdreifacht hat, von einem Wirtschaftsprüfer, der dem internen Kontrollsystem das Testat verweigert — und von einem Gründer, der im Juni 2026 den Verwaltungsrat verlassen hat. Am Ende entscheidest du selbst.
Was Recursion eigentlich macht — eine Fabrik für Zellbilder
Stell dir eine Fabrikhalle vor, in der rund um die Uhr Roboter menschliche Zellen in Millionen winziger Näpfchen ansetzen, jede mit einem anderen Wirkstoff oder einer anderen genetischen Veränderung behandeln und anschließend fotografieren. Aus diesen Bildern lernt ein Computer, wie eine kranke Zelle aussieht und welche Substanz sie wieder in Richtung „gesund“ schiebt. Genau das ist Recursion: ein Biotech-Unternehmen aus Salt Lake City, Utah, gegründet 2013, seit dem 16. April 2021 an der Nasdaq notiert, mit knapp 600 Beschäftigten (Geschäftsbericht 10-K für 2025). Die Firma nennt ihr Gesamtsystem aus Laborrobotik, Bilddaten und Modellen das „Recursion OS“ und trainiert es auf einem eigenen Supercomputer, dem BioHive-2 — laut Geschäftsbericht mit 63 NVIDIA-DGX-Systemen und 504 H100-Grafikprozessoren bestückt und 2025 auf Platz 76 der weltweiten Top-500-Liste. Nachdem der Konzern im November 2024 den britischen KI-Wirkstoffdesigner Exscientia übernommen hat, gehört auch die Chemieseite dazu: Moleküle werden nicht nur gefunden, sondern am Rechner entworfen.
So weit die Fabrik. Jetzt die Kasse. Recursion hat kein einziges zugelassenes Medikament. Das Geld, das als Umsatz in der Gewinn- und Verlustrechnung landet, stammt vollständig aus Forschungsallianzen: Roche und Genentech, Sanofi, Bayer und Merck KGaA bezahlen dafür, dass Recursion für sie Zielstrukturen sucht und Moleküle entwirft. Der Quartalsbericht formuliert es nüchtern: „Operating revenue is generated through research and development agreements derived from strategic alliances.“ — der operative Umsatz entsteht aus Forschungs- und Entwicklungsvereinbarungen aus strategischen Allianzen. Und damit ist das Spannungsfeld dieser Analyse benannt, das sich durch jedes Kapitel zieht: Recursion verkauft Rechenleistung und Laborarbeit an Pharmakonzerne — aber dieser Verkauf trägt sich nicht selbst, und alles Übrige bezahlen die Aktionäre mit immer neuen Aktien.
Wie die Aktie auf unseren Tisch kam
Recursion kam nicht über eine Kursbewegung auf die Rechercheliste, sondern über zwei nüchterne Auffälligkeiten. Erstens die Fundamentaldaten-Durchsicht: ein Börsenwert von rund 1,6 Milliarden US-Dollar gegen einen Umsatz der letzten zwölf Monate von 66,4 Millionen — ein Kurs-Umsatz-Verhältnis von rund 24 (Datenstand 28. Juli 2026). Ein hohes Kurs-Umsatz-Verhältnis allein ist noch kein Befund; bei einer jungen Software- oder Biotech-Firma ist es üblich. Auffällig wurde es erst durch die zweite Zahl daneben: Der Quartalsumsatz war gegenüber dem Vorjahresquartal um 56 Prozent gefallen. Teuer und schrumpfend zugleich — das ist die Kombination, die den Griff zu den Originaldokumenten auslöst.
Zweitens der Einreichungsverlauf bei der SEC selbst. Seit Juli 2026 laufen dort fast täglich Form-144-Meldungen ein — das sind Voranzeigen geplanter Aktienverkäufe durch Personen, die dem Unternehmen nahestehen. Wer diese Meldungen öffnet, findet dahinter immer denselben Namen; dazu kommen wir im Kapitel über die unbequemen Wahrheiten. Merke dir für den Anfang nur diesen Arbeitsschritt, er kostet nichts und ist bei jeder Aktie machbar: Sieh dir nicht nur die Berichte an, sondern die Liste, in welcher Reihenfolge sie eingereicht wurden. Häufungen erzählen oft mehr als einzelne Dokumente.
Die Zahlen über die Jahre — ehrlich gewürdigt
Zuerst das, was wirklich für Recursion spricht, und das ist mehr als nur Hoffnung. Der Umsatz wächst: von 44,6 Millionen US-Dollar (2023) über 58,8 Millionen (2024) auf 74,7 Millionen (2025) — ein Plus von 27 Prozent im letzten Jahr. Die Partner sind keine Startups, sondern Roche, Sanofi, Bayer und Merck KGaA; laut Geschäftsbericht sind daraus bereits mehr als 500 Millionen US-Dollar an Vorab- und fortschrittsabhängigen Meilensteinzahlungen geflossen. Die Bilanz ist für ein Unternehmen dieser Art bemerkenswert solide: 665,2 Millionen US-Dollar an Zahlungsmitteln einschließlich verfügungsbeschränkter Mittel, 1.024,8 Millionen Eigenkapital bei einer Bilanzsumme von 1.339,5 Millionen (alle Werte zum 31. März 2026) — und praktisch keine Finanzschulden: Der Geschäftsbericht nennt zum 31. Dezember 2025 lediglich 18,7 Millionen US-Dollar, im Wesentlichen aus dem Leasing des Supercomputers und Mieterausbauten.
Auch das Sparprogramm wirkt. Nach dem Personalabbau von rund 20 Prozent im Juni 2025 fiel der Forschungsaufwand im ersten Quartal 2026 auf 87,9 Millionen US-Dollar (Vorjahresquartal: 129,6 Millionen), die Verwaltungskosten auf 34,6 Millionen (54,7 Millionen). Der Nettoverlust halbierte sich fast: 117,5 Millionen US-Dollar gegenüber 202,5 Millionen im ersten Quartal 2025. Der operative Mittelabfluss sank von 132,0 auf 81,1 Millionen. Das ist echte Disziplin, und man sollte sie anerkennen, bevor man das Aber ausspricht.
Und hier ist das Aber, in einer einzigen Grafik:
Übersetzt in ein Alltagsbild: Stell dir einen Handwerker vor, der einen Auftrag für 74,70 Euro annimmt und dafür Material und Arbeitszeit im Wert von 71 Euro einsetzt. Es bleiben 3,70 Euro. Damit sind die Werkstattmiete, der Meisterbrief und der neue Lieferwagen noch nicht bezahlt. Bei Recursion heißen diese Posten Forschung (475,3 Millionen US-Dollar im Jahr 2025) und Verwaltung (176,6 Millionen) — und deshalb steht unter dem Strich ein Betriebsverlust von 648,1 Millionen US-Dollar. Merke dir diesen Satz, er trägt die ganze Analyse: Der Umsatz ist bei Recursion keine Ertragsquelle, sondern eine Kostenerstattung — und in den meisten Quartalen deckt er nicht einmal die.
Was in den Berichten steht — die unbequemen Wahrheiten
Unbequeme Wahrheit Nr. 1: Der Anker von 20 Milliarden steht direkt neben 74,7 Millionen
Die Zahl, die den Ankereffekt bei dieser Aktie auslöst, steht nicht in einer Werbebroschüre, sondern im Pflichtdokument. Der Geschäftsbericht für 2025 schreibt im Kapitel über die Partnerschaften:
„Through our partnerships with leading pharmaceutical companies including Roche and Genentech, Sanofi, Bayer, and Merck KGaA (Darmstadt, Germany), we have secured more than $500 million in upfront and progress-based milestone payments to date, with the potential for over $20 billion in additional milestones before royalties.“
Übersetzung: „Durch unsere Partnerschaften mit führenden Pharmaunternehmen, darunter Roche und Genentech, Sanofi, Bayer und Merck KGaA (Darmstadt, Deutschland), haben wir bislang mehr als 500 Millionen US-Dollar an Vorab- und fortschrittsabhängigen Meilensteinzahlungen gesichert, mit dem Potenzial für über 20 Milliarden US-Dollar an weiteren Meilensteinen vor Lizenzgebühren.“
— Recursion Pharmaceuticals, Inc., SEC-Geschäftsbericht 10-K für 2025, Item 1 „Impact Through Partnered Pipeline“
Beide Zahlen sind korrekt — und beide bedeuten etwas völlig anderes. Die 500 Millionen sind über mehrere Jahre tatsächlich geflossen, unter anderem 150 Millionen US-Dollar Vorabzahlung von Roche im Januar 2022 sowie zwei Meilensteine von je 30 Millionen im September 2024 und im Oktober 2025. Die 20 Milliarden dagegen sind die Summe aller theoretisch erreichbaren Zahlungen, wenn jedes Programm in jedem Vertrag alle Stufen bis zur Marktreife durchläuft. In der Sprache der Rechnungslegung heißt das: Recursion hat diese Beträge als variable Gegenleistung vollständig eingeschränkt — sie werden erst dann als Umsatz erfasst, wenn sie hinreichend wahrscheinlich sind. Übersetzt: Die 20 Milliarden stehen im Bericht, aber in keiner Bilanz. Der Vertrag mit Roche etwa ist buchhalterisch mit einem Transaktionspreis von 210,0 Millionen US-Dollar angesetzt — nicht mit Milliarden. Wer den Anker also mitnimmt, sollte wissen: Er misst eine Möglichkeit, keine Forderung.
Unbequeme Wahrheit Nr. 2: Zwei Kunden sind praktisch der ganze Umsatz
Wenn dir ein Bekannter erzählt, seine Firma laufe glänzend, und du erfährst nebenbei, dass zwei Kunden praktisch den gesamten Umsatz stellen — würdest du kurz schlucken? Genau diese Lage steht bei Recursion im Anhang:
„Revenue from two customers exceeded 10% of total revenue, and those two customers represented substantially all of Recursion’s operating revenue during the year ended December 31, 2025.“
Übersetzung: „Der Umsatz mit zwei Kunden überstieg jeweils 10 Prozent des Gesamtumsatzes, und diese beiden Kunden stellten im Geschäftsjahr zum 31. Dezember 2025 praktisch den gesamten operativen Umsatz von Recursion.“
— Recursion Pharmaceuticals, Inc., SEC-Geschäftsbericht 10-K für 2025, Anhang „Additional Revenue Disclosures“
Wie schnell so eine Abhängigkeit sichtbar wird, zeigt das erste Quartal 2026. Der Umsatz fiel von 14,7 auf 6,5 Millionen US-Dollar — minus 56 Prozent. Die Begründung im Quartalsbericht ist unspektakulär und gerade deshalb lehrreich: Bei Roche seien bestimmte Projektphasen im Vorjahreszeitraum erfolgreich abgeschlossen worden, entsprechend weniger Umsatz sei jetzt zu erfassen. Kein Streit, keine Kündigung — nur ein Projektabschnitt, der endet. Wenn ein einziger solcher Abschnitt den Quartalsumsatz halbiert, dann ist die Umsatzzeile kein verlässlicher Motor, sondern ein Taktgeber fremder Kalender. Fairerweise gehört dazu: Recursion ist auf diesen Umsatz nicht angewiesen, um zu überleben — dafür sorgt die Kasse. Nur trägt eben genau deshalb der Umsatz auch nichts zur Bewertung bei, die ein Kurs-Umsatz-Verhältnis von 24 unterstellt.
Unbequeme Wahrheit Nr. 3: Der Umsatz kostet fast jedes Quartal mehr, als er einbringt
Recursion weist die direkten Kosten der Partnerarbeit getrennt aus — Material, Arbeitsstunden der eigenen Leute, Abschreibungen auf die Laborgeräte. Diese Zeile heißt „Cost of revenue“. Auf Jahressicht blieb davon zuletzt immer ein Rest übrig: 2023 nach 42,6 Millionen US-Dollar Kosten noch 2,0 Millionen, 2024 nach 45,2 Millionen immerhin 13,6 Millionen, 2025 nach 71,0 Millionen noch 3,7 Millionen — das sind 4, 23 und 5 Prozent vom Umsatz. Von einer Verbesserung kann also keine Rede sein, aber auch nicht von einem sauberen Trend: Die Zahl springt.
Der Blick auf die Quartale ist dagegen eindeutig — und unangenehm. In allen vier Quartalen, die Recursion zuletzt einzeln ausgewiesen hat, lagen die direkten Kosten über dem Umsatz: erstes Quartal 2025 14,7 gegen 21,8 Millionen US-Dollar, zweites Quartal 2025 19,2 gegen 20,2, drittes Quartal 2025 5,2 gegen 14,7 und erstes Quartal 2026 6,5 gegen 12,5 Millionen — jedes Mal ein Rohverlust, bevor auch nur ein Dollar für Forschung, Verwaltung oder Rechenzentrum ausgegeben ist. In den ersten neun Monaten 2025 summierte sich das auf 39,1 Millionen Umsatz gegen 56,7 Millionen Kosten, ein Minus von 17,5 Millionen.
Dass das Jahr 2025 am Ende trotzdem mit einem Plus von 3,7 Millionen dasteht, hängt an einem einzigen Quartal. Zieht man die Neunmonatszahlen von den Jahreszahlen ab, blieben im vierten Quartal 2025 aus 35,5 Millionen Umsatz nach 14,3 Millionen Kosten rund 21,3 Millionen übrig — mehr als der ganze Jahresrohertrag. Merke: Eine Jahreszahl, die an einem Quartal hängt, ist kein Geschäftsmodell, sondern ein Zufallstreffer im Kalender der Partner.
Das ist der Punkt, an dem die Erzählung „unsere Partner finanzieren die Plattform mit“ ihre Prüfung nicht besteht. Fair bleibt: Die Umsatzerfassung bei Meilensteinverträgen schwankt naturgemäß, ein einzelnes schwaches Quartal beweist nichts. Nur ist es eben kein einzelnes — es sind vier von fünf. Für die Beurteilung heißt das: Von jedem Dollar, den ein Pharmapartner überweist, bleibt in den meisten Quartalen nichts hängen, was die eigene Forschung mitbezahlen könnte.
Unbequeme Wahrheit Nr. 4: Die Rechnung bezahlen die Aktionäre — mit immer neuen Aktien
Wenn der Umsatz nichts abwirft und trotzdem jedes Quartal rund 81 Millionen US-Dollar abfließen, muss das Geld irgendwoher kommen. Bei Recursion kommt es fast vollständig aus der Ausgabe neuer Aktien. Der Quartalsbericht zum 31. März 2026 nennt 829,0 Millionen US-Dollar netto aus Aktienausgaben seit 2024. Allein 2025 verkaufte das Unternehmen über ein Verkaufsprogramm mit Citigroup 99,9 Millionen Aktien und erlöste netto 491,7 Millionen. Dazu kamen 2024 eine Platzierung von 35,4 Millionen Aktien zu 6,50 US-Dollar (netto 216,4 Millionen) und die 102,1 Millionen Aktien, mit denen im November 2024 die Übernahme von Exscientia bezahlt wurde.
Verwässerung ist einer der Begriffe, die man leicht überliest. Das Alltagsbild dazu: Dein Stück vom Kuchen wird kleiner, wenn ständig neue Stücke abgeschnitten werden — auch wenn der Kuchen selbst wächst. Wie stark er hier geschnitten wurde, zeigt die zweite Grafik:
Und der nächste Schnitt liegt schon bereit. Im Februar 2026 schloss Recursion ein neues Verkaufsprogramm über 300 Millionen US-Dollar mit TD Securities. Zum Quartalsstichtag war davon noch nichts abgerufen:
„For the three months ended March 31, 2026, the Company sold no shares. As of March 31, 2026, an amount of $300.0 million remained available for future sales under the Sales Agreement.“
Übersetzung: „In den drei Monaten zum 31. März 2026 verkaufte das Unternehmen keine Aktien. Zum 31. März 2026 standen unter der Verkaufsvereinbarung weiterhin 300,0 Millionen US-Dollar für künftige Verkäufe zur Verfügung.“
— Recursion Pharmaceuticals, Inc., SEC-Quartalsbericht 10-Q zum 31.03.2026, Note 8 „Common Stock“
Wichtig für die Einordnung: Recursion ist damit nicht in akuter Geldnot. Die Ergebnismitteilung zum ersten Quartal 2026 bestätigt eine Kassenreichweite „into early 2028“ — bis Anfang 2028, ohne weitere Finanzierung, bei einem geplanten Mittelabfluss von unter 390 Millionen US-Dollar im Jahr 2026. Rechnerisch decken die 665,2 Millionen US-Dollar Liquidität rund acht Quartale des zuletzt gemeldeten Abflusses. Die Verwässerung ist also kein Notfall, sondern das Geschäftsmodell der Finanzierungsseite: Wachstum, das mit frischen Aktien bezahlt wird, ist nie ganz gratis.
Unbequeme Wahrheit Nr. 5: Der Wirtschaftsprüfer verweigert dem Kontrollsystem das Testat
Ein Jahresabschluss bekommt bei US-Konzernen zwei Urteile: eines über die Zahlen und eines über das System, das diese Zahlen erzeugt. Bei Recursion fällt das erste positiv aus — die Abschlüsse geben die Lage „in allen wesentlichen Belangen“ zutreffend wieder. Das zweite Urteil lautet:
„Also in our opinion, the Company did not maintain, in all material respects, effective internal control over financial reporting as of December 31, 2025.“
Übersetzung: „Nach unserer Auffassung hat das Unternehmen zudem zum 31. Dezember 2025 in allen wesentlichen Belangen kein wirksames internes Kontrollsystem für die Rechnungslegung unterhalten.“
— PricewaterhouseCoopers LLP für Recursion Pharmaceuticals, Inc., SEC-Geschäftsbericht 10-K für 2025, Bericht des unabhängigen Abschlussprüfers
Die Mängel stammen aus der Übernahme von Exscientia: fehlende einheitliche Prüfschritte im Abschlussprozess und fehlende IT-Grundkontrollen, einschließlich der sauberen Trennung von Zuständigkeiten. Recursion schreibt selbst, diese Mängel könnten zu einer Falschdarstellung „praktisch aller Kontensalden oder Angaben“ führen. Bisher ist daraus nur ein unwesentlicher Fehler entstanden, in der Abgrenzung noch nicht verdienter Umsätze für 2024 — es gab keine Korrektur früherer Abschlüsse. Aber: Erstmals festgestellt wurden die Mängel für das Geschäftsjahr 2024, und zum 31. März 2026 stufte die Geschäftsführung die Offenlegungskontrollen erneut als „ineffective“ ein. Ein neues Warenwirtschafts- und Beschaffungssystem wurde im ersten Quartal 2026 eingeführt, die Behebung läuft. Übersetzt in ein Alltagsbild: Die Buchhaltung liefert bisher richtige Zahlen — aber der Prüfer sagt, dass die Schlösser an der Tür noch nicht alle funktionieren. Wer eine Firma nach ihren Zahlen bewertet, sollte wissen, wie gut das Haus gesichert ist, in dem sie entstehen.
Unbequeme Wahrheit Nr. 6: Der Gründer ist aus dem Verwaltungsrat ausgeschieden — und verkauft
Zurück zu den Form-144-Meldungen aus dem Kapitel über den Rechercheweg. Der Weg dorthin beginnt im November 2025: Am 4. November beschloss der Verwaltungsrat, dass Najat Khan — zuvor Forschungs- und Entwicklungsvorständin, davor bei Johnson & Johnson für Datenwissenschaft zuständig — zum 1. Januar 2026 Vorstandsvorsitzende wird. Mitgründer Christopher Gibson, seit den Anfängen Vorstandsvorsitzender, wechselte zum selben Datum an die Spitze des Verwaltungsrats. Fünf Monate später, am 28. April 2026, teilte er mit, zur Hauptversammlung am 17. Juni 2026 nicht erneut zu kandidieren; das Unternehmen hält ausdrücklich fest, dass dem keine Meinungsverschiedenheit über Geschäftspolitik zugrunde liegt. Bei der Hauptversammlung wurden zwei andere Personen gewählt — Gibson gehört dem Gremium seither nicht mehr an.
Seitdem laufen die Verkaufsanzeigen. In der jüngsten Form-144-Meldung vom 27. Juli 2026 listet die depotführende Bank alle Verkäufe der vergangenen drei Monate für Christopher Gibson und die ihm zurechenbaren Vehikel (ein Familientrust und eine Gesellschaft) auf: zusammen rund 2,32 Millionen Aktien mit einem Bruttoerlös von etwa 8,1 Millionen US-Dollar, überwiegend seit Anfang Juli in Tranchen von 100.000 Stück an nahezu jedem Handelstag. Als Verhältnis zum Unternehmen ist dort „Former Director“ vermerkt — ehemaliges Verwaltungsratsmitglied.
Ordnen wir das ehrlich ein: Die verkaufte Menge entspricht rund 0,4 Prozent aller ausstehenden Aktien — für den Kurs ist das keine Lawine. Verkäufe eines Gründers haben viele legitime Gründe: Steuern, Vermögensstreuung, ein vorab festgelegter Verkaufsplan. Und ein Aktienverkauf ist keine Aussage über das Unternehmen; das steht sogar wörtlich in jedem Formular. Trotzdem gehört der Vorgang in eine Analyse, weil er ein Kapitel abschließt: Der Mann, dessen Idee das Recursion OS war, ist nicht mehr Vorstand, nicht mehr im Verwaltungsrat und baut seine Beteiligung ab. Wer in die Aktie investiert, investiert damit in die Bilanz und in die neue Führung — nicht mehr in die Gründerfigur.
Bewertung: Was zahlt man hier eigentlich?
Ein Kurs-Gewinn-Verhältnis gibt es nicht, weil es keinen Gewinn gibt — 2025 stand ein Verlust von 1,44 US-Dollar je Aktie, im ersten Quartal 2026 von 0,22 US-Dollar. Bleibt der Umsatz als Maßstab: Bei einem Börsenwert von rund 1,6 Milliarden US-Dollar und 66,4 Millionen US-Dollar Umsatz der letzten zwölf Monate liegt das Kurs-Umsatz-Verhältnis bei rund 24 (Datenstand 28. Juli 2026). Zur Einordnung: Ein solches Vielfaches verlangt normalerweise eine Umsatzzeile, die schnell wächst und Geld abwirft. Hier schrumpft sie im jüngsten Quartal um 56 Prozent und wirft nichts ab. Das Kurs-Umsatz-Verhältnis ist bei dieser Firma also schlicht die falsche Brille.
Die richtigere Brille ist die Bilanz. Das Eigenkapital lag zum 31. März 2026 bei 1.024,8 Millionen US-Dollar, davon 665,2 Millionen in Zahlungsmitteln; dagegen stehen Geschäfts- und Firmenwert (160,2 Millionen) und übrige immaterielle Vermögenswerte (294,1 Millionen) aus den Zukäufen, die keinen eigenen Kassenwert haben. Die Börse bewertet das Unternehmen also mit rund dem Anderthalbfachen seines Buchwerts — anders gesagt: Rund 570 Millionen US-Dollar des Börsenwerts sind die Plattform, die Pipeline und die Hoffnung, alles Übrige ist Kasse und Bilanz. Ob 570 Millionen für ein Wirkstoff-Suchsystem samt sieben klinischer und präklinischer Programme viel oder wenig sind, ist genau die offene Frage, die dieser Artikel nicht beantworten kann und auch nicht soll.
Als datierten Ankerpunkt lohnt ein Blick in ein Pflichtformular statt auf eine Kurstafel: Die Form-144-Meldung vom 27. Juli 2026 dokumentiert einen Verkauf vom 21. Juli 2026 über 100.000 Aktien mit einem Bruttoerlös von 304.262,54 US-Dollar — rechnerisch rund 3,04 US-Dollar je Aktie. Multipliziert mit den 529,9 Millionen ausstehenden Class-A- und Class-B-Aktien (Stand 1. Mai 2026) ergibt das einen Börsenwert von etwa 1,61 Milliarden US-Dollar; die Fundamentaldaten liegen mit rund 1,60 Milliarden weniger als ein Prozent daneben. Die Bewertungsangaben in dieser Analyse stehen damit auf geprüftem Boden. Der Blick der Profis passt ins Bild: Von acht ausgewerteten Analystenstimmen raten sechs zum Halten, je eine zum Kaufen und zum starken Kaufen, keine zum Verkaufen (Datenstand 28. Juli 2026). Wer sich fragt, wie andere Anleger mit derselben Ausgangslage umgehen — kein Produkt, viel Kasse, große Erzählung —, findet das Muster auch in unserer Analyse zu ImmunityBio und in der Capricor-Analyse wieder.
Chancen und Risiken auf einen Blick
Was für Recursion spricht:
- Solide Kasse ohne Schuldenlast: 665,2 Millionen US-Dollar Zahlungsmittel einschließlich verfügungsbeschränkter Mittel und 1.024,8 Millionen Eigenkapital zum 31. März 2026, dem lediglich 18,7 Millionen Finanzschulden gegenüberstanden (31. Dezember 2025). Die eigene Reichweitenangabe reicht bis Anfang 2028.
- Erstklassige Partner mit echtem Zahlungsverhalten: Roche und Genentech, Sanofi, Bayer und Merck KGaA haben zusammen bereits mehr als 500 Millionen US-Dollar an Vorab- und Meilensteinzahlungen geleistet, zuletzt 30 Millionen im Oktober 2025 für die zweite akzeptierte Neurowissenschafts-Karte.
- Der Sparkurs wirkt messbar: Nach dem Personalabbau von rund 20 Prozent im Juni 2025 sank der Forschungsaufwand im ersten Quartal 2026 auf 87,9 Millionen US-Dollar (Vorjahresquartal 129,6), die Verwaltung auf 34,6 Millionen (54,7), der operative Mittelabfluss von 132,0 auf 81,1 Millionen.
- Ein erster klinischer Beleg für die Plattform: Im Programm REC-4881 gegen die Erbkrankheit FAP meldete das Unternehmen im ersten Quartal 2026 eine Verringerung der Polypenlast um im Median 43 Prozent nach 13 Wochen und 53 Prozent nach 25 Wochen; die Abstimmung mit der US-Arzneimittelbehörde FDA über einen Zulassungsweg läuft, ein Zwischenstand ist für das zweite Halbjahr 2026 angekündigt.
- Eigene Recheninfrastruktur statt Mietkosten: Der Supercomputer BioHive-2 mit 504 Grafikprozessoren stand 2025 auf Platz 76 der weltweiten Top-500-Liste und gehört dem Unternehmen — ein Kostenvorteil, wenn die Modellrechnungen zunehmen.
Was dagegen spricht:
- Der Umsatz trägt sich nicht: In allen vier zuletzt einzeln ausgewiesenen Quartalen lagen die direkten Kosten über dem Umsatz, zuletzt 12,5 gegen 6,5 Millionen US-Dollar im ersten Quartal 2026. Der Jahresrohertrag 2025 von 3,7 Millionen (74,7 minus 71,0) stammt rechnerisch allein aus dem Schlussquartal. Zugleich fiel der Quartalsumsatz um 56 Prozent, weil bei Roche Projektphasen ausliefen.
- Massive Verwässerung: Die Aktienzahl stieg von 191,0 Millionen Ende 2022 auf 530,8 Millionen zum 31. März 2026; allein 2025 kamen 99,9 Millionen Aktien für netto 491,7 Millionen US-Dollar dazu. Ein weiterer Rahmen über 300 Millionen — rund 19 Prozent des Börsenwerts — war zum 31. März 2026 unangetastet abrufbar.
- Kontrollmängel ohne Testat: Der Abschlussprüfer beurteilte das interne Kontrollsystem zum 31. Dezember 2025 als nicht wirksam; die Mängel aus der Exscientia-Übernahme bestehen seit dem Geschäftsjahr 2024 und waren auch zum 31. März 2026 nicht behoben.
- Klumpenrisiko und Programmrisiko: Zwei Kunden stellten 2025 praktisch den gesamten operativen Umsatz. In der Pipeline wurden im Mai 2025 gleich drei klinische Programme gestoppt (REC-2282 gegen NF2, REC-994 gegen CCM, REC-3964 gegen Clostridioides difficile), und kein Wirkstoff hat bislang eine Zulassung.
- Aufgelaufener Verlust von 2,2 Milliarden US-Dollar zum 31. März 2026 bei einer Bewertung von rund dem Anderthalbfachen des Buchwerts; der Gründer hat Vorstand und Verwaltungsrat verlassen und meldet seit Juli 2026 nahezu täglich Aktienverkäufe.
Ein menschliches Fazit
Zurück zum Ankereffekt vom Anfang. Die 20 Milliarden aus dem Geschäftsbericht sind keine Lüge — sie sind eine ehrlich beschriebene Möglichkeit. Aber sie tun im Kopf genau das, wofür große Zahlen gemacht sind: Sie machen alles daneben klein. 74,7 Millionen Umsatz wirken neben ihnen wie ein Anfang statt wie ein Ergebnis nach zwölf Jahren. 644,8 Millionen Verlust wirken wie eine Vorleistung statt wie eine Rechnung. Und 340 Millionen zusätzliche Aktien seit Ende 2022 wirken wie ein technisches Detail statt wie das, was sie sind — der Preis, den die bisherigen Eigentümer für die Fortsetzung der Geschichte bezahlt haben.
Man kann Recursion mit guten Gründen für ein faszinierendes Unternehmen halten. Es hat Geld, gute Partner, ein erstes klinisches Signal und eine Führung, die den Gürtel sichtbar enger schnallt. Es hat aber auch keinen Umsatz, der sich selbst trägt, kein zugelassenes Produkt, ein Kontrollsystem ohne Testat und ein Finanzierungsmodell, bei dem der nächste Schritt fast zwangsläufig neue Aktien bedeutet. Die ehrliche Frage an dich lautet deshalb nicht „Ist KI die Zukunft der Wirkstoffsuche?“ — darauf würden viele mit Ja antworten. Sie lautet: Willst du diese Zukunft vorfinanzieren, in dem Wissen, dass dein Anteil daran mit jedem Finanzierungsschritt kleiner wird? Wenn ja, hast du eine These und weißt, worauf du wartest. Wenn nein, hattest du nur einen Anker. Was du daraus machst, ist deine Entscheidung. Und das ist auch gut so.
Quellen
Alle in dieser Analyse verwendeten Originaldokumente — zum Selbst-Nachlesen:
- Recursion Pharmaceuticals, Inc. — SEC-Quartalsbericht 10-Q zum 31.03.2026 (eingereicht 6. Mai 2026)
- Recursion Pharmaceuticals, Inc. — SEC-Geschäftsbericht 10-K für 2025 (eingereicht 25. Februar 2026)
- Recursion Pharmaceuticals, Inc. — SEC-Quartalsbericht 10-Q zum 30.09.2025 (eingereicht 5. November 2025)
- Recursion Pharmaceuticals, Inc. — SEC-Quartalsbericht 10-Q zum 30.06.2025 (eingereicht 5. August 2025)
- Recursion Pharmaceuticals, Inc. — Ergebnismitteilung zum ersten Quartal 2026, Anlage 99.1 zum 8-K vom 6. Mai 2026
- Recursion Pharmaceuticals, Inc. — SEC-Meldung 8-K vom 5. November 2025 (Wechsel an der Vorstandsspitze)
- Recursion Pharmaceuticals, Inc. — SEC-Meldung 8-K vom 30. April 2026 (Verzicht des Gründers auf eine erneute Kandidatur)
- Recursion Pharmaceuticals, Inc. — SEC-Meldung 8-K vom 18. Juni 2026 (Ergebnisse der Hauptversammlung)
- Recursion Pharmaceuticals, Inc. — SEC-Meldung 8-K vom 10. Juni 2025 (Personalabbau und Kassenreichweite)
- Christopher Gibson — SEC-Formular 144 vom 27. Juli 2026 (Voranzeige geplanter Aktienverkäufe, mit Aufstellung der Verkäufe der letzten drei Monate)
- Vollständige SEC-Einreichungshistorie von Recursion Pharmaceuticals, Inc.: EDGAR-Übersicht (sec.gov)
- Fundamentaldaten (Börsenwert, Kurs-Umsatz-Verhältnis, Analystenlage; Datenstand 28. Juli 2026), abgeglichen mit den SEC-Berichten.
Transparenz & Disclaimer: Diese Analyse ist eine journalistische Einordnung öffentlich zugänglicher Informationen und keine Anlageberatung, keine Finanzanalyse im aufsichtsrechtlichen Sinn und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Aktien-Investments sind mit erheblichen Risiken bis hin zum Totalverlust verbunden. Alle Angaben ohne Gewähr; Stand der Daten ist jeweils im Text vermerkt. Der Autor hält zum Zeitpunkt der Veröffentlichung keine Position in Recursion-Aktien.
Unser Fazit auf einen Blick
- Bilanz & Finanzierung positiv
- Zum 31. März 2026 standen 665,2 Millionen US-Dollar an Zahlungsmitteln einschließlich verfügungsbeschränkter Mittel und 1.024,8 Millionen Eigenkapital gegen praktisch keine Finanzschulden (18,7 Millionen zum 31. Dezember 2025). Bei zuletzt 81,1 Millionen operativem Mittelabfluss je Quartal reicht das rechnerisch rund acht Quartale; das Unternehmen selbst nennt eine Reichweite bis Anfang 2028.
- Ertragskraft des Umsatzes negativ
- Der Umsatz deckt seine eigenen direkten Kosten nicht: In allen vier zuletzt einzeln ausgewiesenen Quartalen lagen die Kosten des Umsatzes darüber — Q1 2025 (14,7 gegen 21,8 Millionen US-Dollar), Q2 2025 (19,2 gegen 20,2), Q3 2025 (5,2 gegen 14,7) und Q1 2026 (6,5 gegen 12,5). Der Jahresrohertrag 2025 von 3,7 Millionen (74,7 minus 71,0) stammt rechnerisch allein aus dem Schlussquartal. Der Quartalsumsatz fiel um 56 Prozent, weil bei Roche Projektphasen ausliefen.
- Verwässerung negativ
- Die Aktienzahl (Class A, B und Exchangeable) stieg von 191,0 Millionen Ende 2022 auf 530,8 Millionen zum 31. März 2026; allein 2025 kamen 99,9 Millionen Aktien für netto 491,7 Millionen US-Dollar hinzu. Ein weiterer Verkaufsrahmen über 300 Millionen — rund 19 Prozent des Börsenwerts von etwa 1,6 Milliarden (Datenstand 28. Juli 2026) — war zum 31. März 2026 unangetastet abrufbar.
- Kontrollen & Governance negativ
- Der Abschlussprüfer beurteilte das interne Kontrollsystem für die Rechnungslegung zum 31. Dezember 2025 als nicht wirksam; die Mängel aus der Exscientia-Übernahme bestehen seit dem Geschäftsjahr 2024 und galten auch zum 31. März 2026 als nicht behoben. Die Abschlüsse selbst erhielten ein uneingeschränktes Testat, entstanden ist bislang nur ein unwesentlicher Fehler. Mitgründer Christopher Gibson schied zur Hauptversammlung am 17. Juni 2026 aus dem Verwaltungsrat aus.
- Plattform & Pipeline neutral
- Erstmals gibt es ein klinisches Signal aus der eigenen Plattform: REC-4881 senkte in der Phase-2-Auswertung die Polypenlast bei FAP im Median um 43 Prozent nach 13 Wochen und 53 Prozent nach 25 Wochen, die Abstimmung mit der FDA über einen Zulassungsweg läuft. Zugleich wurden im Mai 2025 drei klinische Programme gestoppt, und kein Wirkstoff hat eine Zulassung.
- Partnerlage neutral
- Roche und Genentech, Sanofi, Bayer und Merck KGaA haben zusammen mehr als 500 Millionen US-Dollar an Vorab- und Meilensteinzahlungen geleistet, zuletzt 30 Millionen im Oktober 2025. Die im Geschäftsbericht genannten „über 20 Milliarden“ an möglichen weiteren Meilensteinen sind bilanziell vollständig eingeschränkt; der Roche-Vertrag ist mit einem Transaktionspreis von 210,0 Millionen angesetzt. 2025 stellten zwei Kunden praktisch den gesamten operativen Umsatz.
Recursion ist die Ankerfalle in Reinform: Im Geschäftsbericht steht die Möglichkeit von über 20 Milliarden US-Dollar an künftigen Meilensteinen — daneben stehen 74,7 Millionen Umsatz (2025), 644,8 Millionen Nettoverlust und ein erstes Quartal 2026, in dem 6,5 Millionen Umsatz direkte 12,5 Millionen kosteten. Die Bilanz ist mit 665,2 Millionen Liquidität und kaum Schulden robust, die Reichweite reicht nach eigener Angabe bis Anfang 2028; bezahlt wurde sie mit einer Aktienzahl, die von 191,0 auf 530,8 Millionen gestiegen ist, und 300 Millionen weiterer Verkaufsrahmen liegen abrufbar bereit. Dazu ein Kontrollsystem ohne Testat und ein Gründer, der Vorstand und Verwaltungsrat verlassen hat. Keine Anlageberatung.
Was unsere Einordnung bedeutet
Offene Fragen
Das Geschäft funktioniert grundsätzlich, aber eine wesentliche Frage ist offen. Solange sie offen ist, tragen unsere Befunde kein Qualitätsurteil.
Gelb, weil die entscheidende operative Frage offen ist, die Substanz aber nicht akut bedroht: Das Geschäftsmodell hat nach zwölf Jahren keinen Umsatz hervorgebracht, der seine eigenen direkten Kosten deckt — im ersten Quartal 2026 kosteten 6,5 Millionen US-Dollar Umsatz 12,5 Millionen —, und der Beweis, dass aus dem Recursion OS zugelassene Medikamente werden, steht noch aus. Für Rot fehlen die Belege: kein Hinweis auf eine Fortführungsgefährdung, 1.024,8 Millionen Eigenkapital, 665,2 Millionen Liquidität gegen 18,7 Millionen Finanzschulden und eine Kassenreichweite von rund acht Quartalen (alle Werte zum 31. März 2026 bzw. 31. Dezember 2025). Die unbehobenen Kontrollmängel und die starke Verwässerung drücken das Urteil deutlich, kippen es aber nicht: Die Abschlüsse selbst haben ein uneingeschränktes Testat, und bislang ist daraus nur ein unwesentlicher Fehler entstanden. Dass die Aktie gemessen am Umsatz teuer ist, gehört in die Bewertung, nicht in die Ampel.
Journalistische Einschätzung der Redaktion zum Analysezeitpunkt auf Basis öffentlicher Quellen — keine Anlageberatung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf. Deine persönlichen Umstände (Anlageziele, Risikotragfähigkeit, Steuern) können dabei nicht berücksichtigt werden. Was unsere Stufen bedeuten, wie Urteile entstehen und welche Interessenkonflikte bestehen →
Bitte beachten
- Aufhänger der Recherche: Kurs-Umsatz-Verhältnis von rund 24 bei einem gleichzeitig um 56 Prozent gefallenen Quartalsumsatz (Datenstand 28. Juli 2026), dazu die auffällige Häufung von Form-144-Meldungen im SEC-Einreichungsverlauf seit Juli 2026.
- Datenstand: Geschäftsbericht 10-K für 2025 (eingereicht 25. Februar 2026), Quartalsbericht 10-Q zum 31. März 2026 (eingereicht 6. Mai 2026), für die Quartalsreihe zusätzlich die 10-Q zum 30. Juni und 30. September 2025, sowie alle danach eingereichten Meldungen bis zum 27. Juli 2026. Der Börsenwert aus den Fundamentaldaten wurde gegen Aktienzahl mal dokumentierten Verkaufskurs aus dem Formular 144 gegengeprüft (Abweichung unter einem Prozent).
- Verwechslungsgefahr: Recursion Pharmaceuticals, Inc. hieß vor dem Börsengang Recursion Pharmaceuticals, LLC — es handelt sich um dieselbe Gesellschaft nach einem reinen Rechtsformwechsel, nicht um einen Nachfolgekonzern. Der 2024 übernommene britische Wirkstoffdesigner Exscientia plc ist seither nicht mehr eigenständig notiert.
- Die im Geschäftsbericht genannten „über 20 Milliarden US-Dollar“ sind die Summe theoretisch erreichbarer Meilensteine über alle Partnerverträge hinweg und bilanziell vollständig eingeschränkt — sie sind keine Forderung und in keiner Bilanzzeile enthalten.
Häufige Fragen
Recursion Pharmaceuticals, Inc. (Nasdaq: RXRX) aus Salt Lake City ist ein Biotech-Unternehmen in der klinischen Phase. In automatisierten Laboren erzeugt es massenhaft Bilder behandelter Zellen und wertet sie mit Maschinenlernen aus, um Wirkstoffe zu finden und am Rechner zu entwerfen. Das Gesamtsystem heißt „Recursion OS“ und läuft auf dem eigenen Supercomputer BioHive-2. Zugelassene Medikamente gibt es bislang keine; der Umsatz stammt aus Forschungsallianzen mit Roche und Genentech, Sanofi, Bayer und Merck KGaA.
Der Umsatz betrug 2025 74,7 Millionen US-Dollar (2024: 58,8 Millionen, 2023: 44,6 Millionen) und stammt vollständig aus Partnerschaftsverträgen, nicht aus verkauften Medikamenten. Im ersten Quartal 2026 fiel er auf 6,5 Millionen US-Dollar gegenüber 14,7 Millionen im Vorjahresquartal — ein Minus von 56 Prozent, weil bei Roche bestimmte Projektphasen im Vorjahreszeitraum abgeschlossen wurden. Dem Umsatz standen im ersten Quartal 2026 direkte Umsatzkosten von 12,5 Millionen US-Dollar gegenüber.
Zum 31. März 2026 verfügte Recursion über 665,2 Millionen US-Dollar an Zahlungsmitteln einschließlich verfügungsbeschränkter Mittel (31. Dezember 2025: 753,9 Millionen). Der operative Mittelabfluss lag im ersten Quartal 2026 bei 81,1 Millionen. Das Unternehmen selbst erklärte in der Ergebnismitteilung vom 6. Mai 2026, die Mittel reichten ohne weitere Finanzierung bis Anfang 2028, bei einem geplanten Mittelabfluss von unter 390 Millionen US-Dollar im Jahr 2026.
Deutlich. Die Zahl der ausstehenden Aktien (Class A, B und Exchangeable) stieg von 191,0 Millionen Ende 2022 auf 234,3 Millionen (2023), 396,8 Millionen (2024), 528,2 Millionen (2025) und 530,8 Millionen zum 31. März 2026. Allein 2025 verkaufte das Unternehmen 99,9 Millionen Aktien und erlöste netto 491,7 Millionen US-Dollar. Im Februar 2026 kam ein weiteres Verkaufsprogramm über 300 Millionen US-Dollar hinzu, das zum 31. März 2026 noch vollständig unangetastet war.
PricewaterhouseCoopers bescheinigte den Abschlüssen für 2025 zwar Ordnungsmäßigkeit, kam aber zugleich zu dem Ergebnis, dass das Unternehmen zum 31. Dezember 2025 in allen wesentlichen Belangen kein wirksames internes Kontrollsystem für die Rechnungslegung unterhalten habe. Grund sind Mängel im übernommenen Exscientia-Geschäft: fehlende einheitliche Prüfschritte im Abschlussprozess und fehlende IT-Grundkontrollen samt Funktionstrennung. Die Mängel bestehen seit dem Geschäftsjahr 2024 und galten auch zum 31. März 2026 als nicht behoben.
Mitgründer Christopher Gibson gab die Position des Vorstandsvorsitzenden zum 1. Januar 2026 an Najat Khan ab und wechselte an die Spitze des Verwaltungsrats. Am 28. April 2026 teilte er mit, zur Hauptversammlung am 17. Juni 2026 nicht erneut zu kandidieren; laut Unternehmen lag dem keine Meinungsverschiedenheit zugrunde. Seither meldet er über Formular 144 laufend Aktienverkäufe: In den drei Monaten bis zum 27. Juli 2026 waren es zusammen mit ihm zurechenbaren Vehikeln rund 2,32 Millionen Aktien für etwa 8,1 Millionen US-Dollar brutto.
Ein Kurs-Gewinn-Verhältnis lässt sich mangels Gewinn nicht bilden (Verlust je Aktie 2025: 1,44 US-Dollar). Gemessen am Umsatz ist die Aktie teuer: rund 1,6 Milliarden US-Dollar Börsenwert gegen 66,4 Millionen Umsatz der letzten zwölf Monate ergeben ein Kurs-Umsatz-Verhältnis von etwa 24 (Datenstand 28. Juli 2026). Gemessen am Buchwert ist sie moderat: Dem Börsenwert stehen 1.024,8 Millionen US-Dollar Eigenkapital zum 31. März 2026 gegenüber, davon 665,2 Millionen in Zahlungsmitteln.
Laut Geschäftsbericht für 2025 laufen unter anderem REC-4881 gegen die Erbkrankheit FAP (Phase 1b/2, Studie TUPELO), REC-617 gegen fortgeschrittene solide Tumoren, REC-1245 und REC-3565. Für REC-4539 kündigte der Geschäftsbericht den Start einer Phase 1 für 2026 an; die Ergebnismitteilung vom 6. Mai 2026 meldete die erste Dosierung eines Patienten. Im Mai 2025 wurden im Zuge einer Straffung drei klinische Programme eingestellt oder zur Auslizenzierung gestellt: REC-2282 gegen NF2, REC-994 gegen CCM und REC-3964 gegen Clostridioides difficile. Eine Marktzulassung hat bislang kein Wirkstoff.
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