Rocket Companies: 19,4 Milliarden Dollar, die niemand bezahlt hat
Rocket Mortgage ist der größte Hypothekengeber der USA — und seit dem Zukauf von Mr. Cooper auch der größte Verwalter fremder Hausdarlehen: 2,1 Billionen US-Dollar betreutes Kreditvolumen, 9,4 Millionen Kredite. 2025 stieg der Nettoumsatz um 31 Prozent auf 6.695 Millionen US-Dollar. Unterm Strich stand trotzdem ein Verlust von 234 Millionen. Der Grund steht eine Zeile darüber: Die Bedienungsrechte an den Krediten verloren 1.530 Millionen an Wert — ein Posten, den niemand kauft, niemand verkauft und niemand anfassen kann. Wir lesen den Geschäftsbericht für 2025 und den Quartalsbericht zum 31. März 2026 und schauen nach, wie diese 19,4 Milliarden zustande kommen, wer bei Rocket wirklich abstimmt und was am 30. Juni 2026 lautlos passiert ist. Am Ende steht keine Empfehlung, sondern eine Zahl, die Du selbst einordnen musst.
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Es gibt eine Denkfalle, die uns bei Bilanzen fast immer erwischt, weil sie so harmlos aussieht: die Schätzwert-Falle. Sie funktioniert so. In einer Bilanz stehen Zahlen untereinander, alle im selben Schriftgrad, alle mit Dollarzeichen. Dein Kopf behandelt sie deshalb gleich. Dabei sind manche davon gezählt — Geld auf dem Konto, ausgezahlte Kredite, bezahlte Gebäude — und manche sind geschätzt. Bei Rocket Companies, Inc. (NYSE: RKT) ist der mit Abstand größte Posten geschätzt: 19.377 Millionen US-Dollar Bedienungsrechte zum 31. März 2026, also mehr als das Doppelte des Kassenbestands, der Gebäude und der Ausrüstung zusammen. Niemand hat diesen Betrag bezahlt. Er ist das Ergebnis eines Modells.
Machen wir also einen Deal: Bevor wir über die Aktie reden, lesen wir gemeinsam, was die Firma selbst der US-Börsenaufsicht SEC gemeldet hat — den Geschäftsbericht (10-K) für 2025 vom 2. März 2026 und den Quartalsbericht (10-Q) zum 31. März 2026 vom 12. Mai 2026. Ein SEC-Bericht ist unter Strafandrohung ehrlich. Und dieser hier erzählt von einem Rekordjahr, das mit einem Verlust endete, von einem Bewertungsmodell, das mitten im Jahr gewechselt wurde, und von einem Kalendertermin im Juni 2026, den kaum jemand bemerkt hat.
Inhalt dieser Analyse
- Was Rocket eigentlich macht — Kredit vergeben ist nur die erste Hälfte
- Wo die Aktie auf unseren Tisch kam
- Die Zahlen über die Jahre — was hier wirklich beeindruckt
- Was in den Berichten steht — fünf unbequeme Wahrheiten
- Bewertung — was der Markt für diesen Buchwert zahlt
- Chancen und Risiken auf einen Blick
- Ein menschliches Fazit
- Quellen
Was Rocket eigentlich macht — Kredit vergeben ist nur die erste Hälfte
Rocket ist ein Konzern aus Detroit im US-Bundesstaat Michigan mit rund 23.500 Beschäftigten (Stand 31. Dezember 2025) in den USA, Kanada und Indien. Das bekannteste Stück heißt Rocket Mortgage und ist nach eigener Angabe im Geschäftsbericht der nach Stückzahl größte Hypothekengeber der USA. Daneben gehören dazu: Redfin (Immobilienportal und Maklergeschäft, übernommen zum 1. Juli 2025), Rocket Close (Titel- und Abwicklungsdienste), Rocket Money (eine Abo-App fürs Haushaltsbudget), Rocket Loans (Privatkredite) und seit dem 1. Oktober 2025 Mr. Cooper, bis dahin der größte Verwalter von US-Wohnbaudarlehen.
Das Geschäft hat zwei Hälften, und die zweite ist der Kern dieser Analyse. Die erste Hälfte ist Vergabe: Rocket schreibt einen Hausdarlehensvertrag, verkauft ihn kurz darauf an den Zweitmarkt — meist an die staatsnahen Institute Fannie Mae und Freddie Mac — und verdient an der Differenz. 2025 waren das 130.352 Millionen US-Dollar Kreditvolumen. Die zweite Hälfte ist Bedienung („Servicing“): Rocket behält das Recht, den Kredit weiter zu verwalten — Rate einziehen, Grundsteuer und Versicherung weiterleiten, mahnen, im Ernstfall zwangsversteigern. Dafür gibt es eine kleine Jahresgebühr, üblicherweise ein Bruchteil eines Prozents der Restschuld. Dieses Recht ist ein handelbarer Vermögenswert und heißt in den Berichten Mortgage Servicing Right, kurz MSR — wir nennen es hier Bedienungsrecht.
Alltagsbild dazu: Stell Dir vor, Du vermittelst eine Wohnung und verkaufst sie sofort weiter — behältst aber den Hausmeistervertrag. Der bringt Dir jeden Monat eine kleine Gebühr, solange die Wohnung bewohnt bleibt. Der Wert dieses Vertrags hängt daran, wie lange die Bewohner bleiben. Genau so ist es bei Rocket: Wenn die Zinsen fallen, schulden viele Kunden um, der Kredit verschwindet, das Bedienungsrecht ist wertlos. Wenn die Zinsen steigen, bleibt jeder in seinem alten billigen Kredit sitzen — und das Bedienungsrecht wird wertvoller. Der Geschäftsbericht schreibt das selbst so:
„Historically, the value of MSRs has increased when interest rates rise, as higher interest rates lead to decreased prepayment rates; the value of MSRs has decreased when interest rates decline, as lower interest rates lead to increased prepayment rates.“
Übersetzung: „Historisch ist der Wert der Bedienungsrechte gestiegen, wenn die Zinsen stiegen, weil höhere Zinsen zu weniger vorzeitigen Rückzahlungen führen; er ist gefallen, wenn die Zinsen sanken, weil niedrigere Zinsen zu mehr vorzeitigen Rückzahlungen führen.“
— Rocket Companies, Inc., SEC-Geschäftsbericht 10-K für 2025, Item 1A (Risk Factors)
Damit hast Du die eingebaute Schaukel dieses Unternehmens verstanden: Fallen die Zinsen, läuft das Neugeschäft — und der Bestand verliert an Wert. Steigen die Zinsen, stirbt das Neugeschäft — und der Bestand gewinnt. Rocket nennt das selbst einen natürlichen Ausgleich. Der Haken: Der eine Teil ist echtes Geld, der andere eine Buchung.
Zur Größenordnung: Zum 31. Dezember 2025 betreute Rocket ein Kreditvolumen von 2,1 Billionen US-Dollar — 2.121.883 Millionen, nach 593.261 Millionen ein Jahr zuvor. Das ist eine Verdreieinhalbfachung in zwölf Monaten, und sie ist fast vollständig gekauft. Damit ist das Spannungsfeld dieser Analyse benannt, das sich durch jedes weitere Kapitel zieht: Rocket ist über Nacht zum größten Hypothekenverwalter der USA geworden. Der Preis dafür ist eine Bilanz, deren wertvollster Posten kein Vertrag mit einem Käufer ist, sondern ein Modell mit Annahmen.
Wo die Aktie auf unseren Tisch kam
Wir lassen täglich rund 3.200 Aktien durch unsere Scanner laufen. Auf die Rechercheliste kam Rocket über den hauseigenen Aktien-Scanner „Turnaround-Kandidaten“: Platz 27 von 60 US-Treffern, Wende-Check 6 von 8, Stand 26. Juli 2026. Zum Selbst-Nachmachen: Scanner öffnen, Länderfilter auf „US“ stellen, nach der Spalte „Wende-Check“ sortieren. Diese Listen werden täglich neu berechnet — Platzierung und Punktestand sind eine datierte Momentaufnahme, kein Dauerzustand. Auf unserer englischsprachigen Schwesterseite stand RKT am selben Tag auf Platz 26 derselben 60 Treffer; die kleine Abweichung entsteht bei Punktgleichstand.
Das Modell hat zwei Pflicht-Säulen. Wer eine davon reißt, fliegt sofort aus der Liste, egal wie gut oder schlecht das Geschäft läuft:
- Säule 1 — der Absturz: Die Aktie muss mindestens 50 Prozent unter ihrem Allzeithoch stehen. Ohne echten Absturz kein Turnaround. Das ist die Säule, die eine Aktie verliert, sobald sie sich erholt — je besser der Kurs läuft, desto näher rückt der Ausschluss.
- Säule 2 — das Überleben: Der Altman-Z-Wert (ein Frühwarnwert für Insolvenzen, berechnet aus mehreren Bilanzkennzahlen) muss über 1,1 liegen, das Eigenkapital positiv sein, höchstens ein Bilanz-Warnsignal vorliegen. Dazu die Handelbarkeit: Kurs über 3 US-Dollar, durchschnittlicher Tagesumsatz über 2 Millionen US-Dollar.
Beide Säulen waren am 26. Juli 2026 erfüllt — aber die zweite verdient bei diesem Unternehmen eine Warnung, die wir uns nicht sparen: Der Altman-Z-Wert ist bei einem Hypothekenfinanzierer ohne Aussagekraft. Die Formel wurde für Industrie- und Handelsunternehmen entwickelt und misst unter anderem das Verhältnis von Umlaufvermögen zu Bilanzsumme. Bei einer Bilanz, die zu einem Drittel aus Bedienungsrechten und zu einem weiteren Viertel aus Krediten auf dem Weg zum Zweitmarkt besteht, ergeben diese Verhältnisse schlicht keinen wirtschaftlichen Sinn. Unsere Daten weisen für Rocket am 26. Juli 2026 einen Altman-Z von 3,98 aus. Wir nennen die Zahl, weil sie die Aufnahme in die Liste erklärt — als Qualitätsurteil verwenden wir sie ausdrücklich nicht, und Du solltest das auch nicht tun. Merksatz: Eine Kennzahl ist nur so gut wie die Bilanz, für die sie gebaut wurde.
Interessanter ist Säule 1, denn dort steckt das Verfallsdatum dieses Aufhängers. Unsere Daten führen für RKT einen Abstand zum Allzeithoch von −57,9 Prozent, gemessen bei einem Kurs von 14,78 US-Dollar im selben Datensatz. Wir haben diesen Wert gegen die Kurshistorie gegengeprüft, weil in unserem Datenbestand rund 60 Titel ein um den Faktor 1.000 verrutschtes Allzeithoch tragen. Ergebnis: Der höchste dividendenbereinigte Schlusskurs seit dem Börsengang liegt bei 34,95 US-Dollar am 2. März 2021 (roher Schlusskurs 41,60, Tageshoch 43,00 US-Dollar — die Differenz kommt von der Sonderdividende, die im April 2025 gezahlt wurde). Daraus folgt bei 14,78 US-Dollar ein Abstand von −57,7 Prozent. Die Abweichung liegt unter 0,2 Prozentpunkten — bei Rocket ist der gespeicherte Wert sauber.
Damit lässt sich die Ausschlussschwelle ausrechnen: 50 Prozent von 34,95 US-Dollar sind rund 17,50 US-Dollar. Steigt der Kurs von 13,10 US-Dollar (Datenstand 26. Juli 2026) um rund ein Drittel auf diesen Wert, verschwindet Rocket aus der Turnaround-Liste — ohne dass sich am Geschäft irgendetwas geändert haben muss. Eine Verwechslung, die hier leicht passiert: Die Tabellenspalte „v. Hoch“ zeigt −39,3 Prozent, das ist aber der Abstand zum 52-Wochen-Hoch, nicht zum Allzeithoch. Wie sehr Kurschart und Geschäftslage auseinanderlaufen können, haben wir in dieser Serie schon an einer Bank durchgerechnet — nachzulesen in der Analyse zu First BanCorp.
Erst nach den Pflicht-Säulen zählt der eigentliche Wende-Check: acht Punkte, vier aus den Quartalszahlen (Umsatzrichtung, Nettomarge, operativer Mittelzufluss, Bilanzheilung) und vier aus dem Marktverhalten (Kurs über der 50-Tage-Linie, relative Stärke der letzten drei gegen die letzten zwölf Monate, Insiderkäufe netto, Fondsaufstockung). Angezeigt wird, wer mindestens 6 von 8 erreicht; Rocket stand am 26. Juli 2026 bei 6. Ehrlich dazugehört: Am selben Tag war RKT auch Treffer in unserem Warnsignal-Scanner „Beneish M-Score“ — einem Indikator für mögliche Ergebnis-Kosmetik. Das ist kein Beweis für irgendetwas, sondern genau das, was die Scanner-Seite selbst dazu schreibt: ein Grund, die Bilanz genau zu lesen. Machen wir das.
Die Zahlen über die Jahre — was hier wirklich beeindruckt
Fangen wir mit dem an, was ehrlich beeindruckt. Rocket wächst — und zwar nicht nur durch Zukäufe. Das Kreditvolumen stieg von 78.712 Millionen US-Dollar (2023) über 101.152 (2024) auf 130.352 Millionen (2025), also um 66 Prozent in zwei Jahren, und das in einem Markt, in dem Hypothekenzinsen um sechseinhalb Prozent lagen. Die Qualität der Kredite ist dabei nicht gesunken, im Gegenteil: Der gewichtete durchschnittliche Beleihungsauslauf verbesserte sich von 74,86 auf 72,36 Prozent, die durchschnittliche Kreditwürdigkeit der Kunden von 733 auf 741 Punkte. Und die Kundenbindung im Bestand lag zum Jahresende 2025 bei 97 Prozent.
Beim Umsatz sieht die Reihe genauso gut aus. Beim Ergebnis nicht:
Die Reihe liest sich so: Nettoumsatz 3.799 Millionen US-Dollar (2023), 5.101 (2024), 6.695 (2025). Nettoergebnis −390, +636, −234. Zwei Verlustjahre in drei Jahren, dazwischen ein guter Jahrgang. Wichtig zum Verständnis: Der ausgewiesene Umsatz ist bei Rocket netto — die Wertänderung der Bedienungsrechte ist darin bereits abgezogen. Das erklärt, warum der Umsatz selbst schwanken kann, ohne dass ein einziger Kredit weniger geschrieben wurde.
Das erste Quartal 2026 hat die Richtung gedreht: 2.941 Millionen US-Dollar Nettoumsatz nach 1.101 im Vorjahresquartal, 297 Millionen Nettogewinn nach einem Verlust von 212 Millionen, 0,11 US-Dollar Gewinn je Aktie. Das Kreditvolumen verdoppelte sich auf 44.653 Millionen. Bevor Du das hochrechnest, zwei ehrliche Einschränkungen: Erstens ist im Vorjahresquartal Mr. Cooper noch gar nicht enthalten — der Vergleich misst zu einem großen Teil den Zukauf, nicht die eigene Leistung. Zweitens sank die Marge beim Kreditverkauf im selben Quartal von 2,89 auf 2,74 Prozent. Mehr Volumen bei dünnerer Marge ist eine andere Geschichte als mehr Volumen bei gleicher Marge.
Was in den Berichten steht — fünf unbequeme Wahrheiten
Nr. 1: Das Rekordjahr endete im Minus — wegen einer Zeile, die kein Geld bewegt
2025 war das größte Jahr der Firmengeschichte: 130.352 Millionen US-Dollar Kreditvolumen, 6.695 Millionen Nettoumsatz, 2,1 Billionen betreutes Portfolio. Und ein Verlust vor Steuern von 214 Millionen US-Dollar, ein Nettoverlust von 234 Millionen. Der Weg dahin steht in der Ergebnisrechnung: Dem Gewinn aus dem Kreditverkauf von 3.807 Millionen und Bedienungsgebühren von 2.317 Millionen steht eine Zeile mit minus 1.530 Millionen US-Dollar gegenüber — „Change in fair value of MSRs, net“, die Wertänderung der Bedienungsrechte. Im Jahr davor waren es minus 579 Millionen.
Zwei Drittel dieses Betrags sind ökonomisch nicht überraschend: Wenn Kredite planmäßig getilgt werden, schrumpft das Recht, sie zu verwalten. Das nennt der Bericht „Collection/realization of cash flows“ und beziffert es für 2025 auf 1.398 Millionen. Der Rest — 274 Millionen — entstand allein durch geänderte Modellannahmen. Merke: Ein Unternehmen, dessen Ergebnis an einem Bewertungsmodell hängt, kann in seinem besten Jahr Verlust machen.
Nr. 2: 19,4 Milliarden Dollar, die niemand bezahlt hat
So kam der Posten zustande, der diese Analyse ihren Titel gegeben hat:
Zum 31. März 2026 stehen die Bedienungsrechte mit 19.377 Millionen US-Dollar in der Bilanz. Zur Einordnung, und das ist die wichtigste Rechnung dieser Analyse: Das Eigenkapital beträgt 23.230 Millionen. Der Posten entspricht also 83 Prozent des gesamten Eigenkapitals. Zieht man vom Eigenkapital den Firmenwert (10.611 Millionen) und die sonstigen immateriellen Werte (2.109 Millionen) ab, bleiben rund 10.510 Millionen materielles Eigenkapital — die Bedienungsrechte sind damit fast doppelt so groß wie die harte Substanz der Firma.
Wie belastbar ist die Schätzung? Der Bericht rechnet es selbst vor. Ein ungünstiger Zinsaufschlag von 100 Basispunkten kostet 718 Millionen, von 200 Basispunkten 1.384 Millionen. Zehn Prozent schnellere vorzeitige Rückzahlungen kosten 504 Millionen, zwanzig Prozent 972 Millionen. Und zehn Prozent höhere Kosten je betreutem Kredit kosten 122 Millionen:
„The sensitivities presented are hypothetical and are intended to provide directional information only. The resulting change in fair value from adverse movements in significant assumptions may not be proportionate, as valuation outcomes can respond in a non-linear manner to changes in inputs. Further, the analysis reflects changes in one assumption at a time, with all other assumptions unchanged. In practice, multiple assumptions may change simultaneously and may be interdependent, which could cause the actual effect on fair value to differ from the amounts indicated.“
Übersetzung: „Die dargestellten Empfindlichkeiten sind hypothetisch und sollen nur die Richtung anzeigen. Die daraus folgende Änderung des Zeitwerts bei ungünstigen Bewegungen wesentlicher Annahmen muss nicht proportional ausfallen, da Bewertungsergebnisse auf Änderungen der Eingangswerte nichtlinear reagieren können. Zudem berücksichtigt die Analyse jeweils die Änderung einer einzigen Annahme, während alle übrigen unverändert bleiben. In der Praxis können sich mehrere Annahmen gleichzeitig ändern und voneinander abhängen, wodurch die tatsächliche Wirkung auf den Zeitwert von den angegebenen Beträgen abweichen kann.“
— Rocket Companies, Inc., SEC-Quartalsbericht 10-Q zum 31.03.2026, Note 4 (Mortgage Servicing Rights)
Das ist bemerkenswert offen formuliert und verdient Respekt. Es heißt aber auch: Die Firma sagt Dir selbst, dass die einzelne Zahl in der Tabelle nicht das Ende der Geschichte ist. Alltagsbild: Es ist der Unterschied zwischen „mein Auto ist 20.000 Euro wert“ und „ich habe mein Auto für 20.000 Euro verkauft“. Das eine ist eine Meinung, das andere ein Beleg.
Nr. 3: Die Bewertungsmethode wurde mitten im Wachstumsjahr gewechselt
Im selben Quartal, in dem sich das Portfolio durch die Mr.-Cooper-Übernahme fast verdreifachte, änderte Rocket das Verfahren, mit dem der größte Vermögensposten bewertet wird. Note 4 des Geschäftsberichts erklärt es in zwei Fußnoten:
„Beginning in the fourth quarter of 2025, the Company valued MSRs using a stochastic OAS instead of a static discount rate.“
Übersetzung: „Ab dem vierten Quartal 2025 hat das Unternehmen die Bedienungsrechte mit einem stochastischen optionsbereinigten Zinsaufschlag statt mit einem festen Diskontsatz bewertet.“
— Rocket Companies, Inc., SEC-Geschäftsbericht 10-K für 2025, Note 4 (Mortgage Servicing Rights and Related Liabilities)
Übersetzt in Alltagssprache: Vorher wurde mit einem einzigen festen Abschlagssatz gerechnet, jetzt mit einem Verfahren, das viele mögliche Zinspfade durchspielt und daraus einen Wert ableitet. Fachlich ist das die anspruchsvollere und in der Branche übliche Methode — ein Fortschritt, kein Trick. Für Dich als Leser hat es zwei Folgen. Erstens: Die Zeitreihe bricht. Die Tabelle für 2024 misst noch einen Diskontsatz (100 Basispunkte ungünstig: minus 332 Millionen), die für 2025 einen optionsbereinigten Aufschlag (minus 718 Millionen). Das sind zwei verschiedene Größen, auch wenn sie untereinander stehen. Zweitens: Auch die Kosten je betreutem Kredit wurden erst ab diesem Quartal ausdrücklich als wesentlicher Eingangswert geführt. Merke: Wenn sich Maßstab und Messgegenstand gleichzeitig ändern, ist der Vorjahresvergleich keine Aussage mehr, sondern eine Anordnung von Zahlen.
Nr. 4: Die Stimmenmehrheit steht nicht an der Börse
Rocket hat zwei Aktiengattungen. An der New Yorker Börse gehandelt wird ausschließlich die Class A: 980.550.267 Stück zum 4. Mai 2026, nach 970.935.922 auf dem Deckblatt des Geschäftsberichts vom 23. Februar 2026. Daneben existieren 1.848.879.455 Class-L-Aktien, für die es keinen öffentlichen Markt gibt. Beide haben eine Stimme je Aktie und den gleichen Gewinnanspruch — die Class L stellt damit rund 65 Prozent aller Stimmen. Sie liegt bei Gründer und Aufsichtsratsvorsitzendem Dan Gilbert sowie 70 weiteren eingetragenen Haltern. Der Geschäftsbericht formuliert die Folge unmissverständlich:
„Mr. Gilbert holds more than a majority of the combined voting power of our common stock. So long as Mr. Gilbert continues to directly or indirectly own a significant amount of our equity, even if such amount is less than a majority of the combined voting power of our common stock, Mr. Gilbert will continue to be able to substantially influence the outcome of votes on all matters requiring approval by the stockholders, including our ability to enter into certain corporate transactions.“
Übersetzung: „Herr Gilbert hält mehr als die Mehrheit der gesamten Stimmrechte unserer Stammaktien. Solange Herr Gilbert unmittelbar oder mittelbar einen erheblichen Anteil an unserem Eigenkapital hält, wird er — selbst wenn dieser Anteil unter der Mehrheit der gesamten Stimmrechte liegt — weiterhin den Ausgang von Abstimmungen über alle zustimmungspflichtigen Angelegenheiten wesentlich beeinflussen können, einschließlich unserer Möglichkeit, bestimmte Unternehmenstransaktionen einzugehen.“
— Rocket Companies, Inc., SEC-Geschäftsbericht 10-K für 2025, Item 1A (Risk Factors)
Weil das so ist, gilt Rocket als controlled company im Sinne der Regeln der New Yorker Börse. Der Bericht sagt ausdrücklich, welche Schutzvorschriften damit entfallen: Der Verwaltungsrat muss nicht mehrheitlich aus unabhängigen Mitgliedern bestehen, und weder der Nominierungs- noch der Vergütungsausschuss müssen vollständig unabhängig besetzt sein. Ob man das gut findet, ist Geschmackssache — bei Familien- und Gründerunternehmen ist es üblich und hat oft Vorteile. Wissen sollte man es trotzdem, bevor man kauft.
Und dann steht in demselben Kapitel ein Kalender, den viele überlesen haben:
Der Strukturumbau, auf den sich diese Fristen beziehen, wurde am 30. Juni 2025 abgeschlossen. Item 5 des Geschäftsberichts nennt die Termine direkt: Danach wandelt sich die Class L-1 am 30. Juni 2026 automatisch eins zu eins in Class A um, die Class L-2 am 30. Juni 2027. Der erste dieser Termine ist verstrichen; eine Pflichtmitteilung, die davon abweicht, gibt es bis zum 26. Juli 2026 nicht. Rechnerisch sind das je rund 924 Millionen Aktien — die börsennotierte Gattung verdoppelt sich damit ungefähr. Ganz wichtig für die Einordnung: Das ist keine Verwässerung. Die Class-L-Aktien stecken längst im Gewinn je Aktie und im Börsenwert; niemandes Anteil am Kuchen wird kleiner. Was sich ändert, ist das Angebot an handelbaren Stücken. Ob und wie viel davon tatsächlich verkauft wird, steht in keinem Bericht — die neue Class-A-Zahl steht erstmals auf dem Deckblatt des nächsten Quartalsberichts.
Nr. 5: Die neue Größe kostet Zinsen — und seit dem 16. Juli 2026 auch Auflagen
Mr. Cooper wurde in Aktien bezahlt (Gegenleistung insgesamt 16.973 Millionen US-Dollar, davon 13.667 Millionen in Class-A-Aktien), Redfin ebenfalls (1.742 Millionen). Bar flossen dabei 3.113 beziehungsweise 252 Millionen — im Wesentlichen zur Ablösung der übernommenen Schulden. Was blieb, ist ein Firmenwert von 10.611 Millionen US-Dollar in einer Bilanzsumme von 59.439 Millionen und ein deutlich gewachsener Schuldenberg: 10.430 Millionen unbesicherte und 15.882 Millionen besicherte Finanzierungen zum 31. März 2026. Ein Jahr zuvor lagen allein die Anleihen bei 4.039 Millionen.
Danach ging es weiter. Am 9. Juni 2026 kündigte Rocket eine Anleihe-Emission an und stockte sie noch am selben Tag auf: 900 Millionen US-Dollar zu 6,125 Prozent mit Fälligkeit 2031 und 600 Millionen zu 6,500 Prozent mit Fälligkeit 2034. Der Erlös löste die alten Rocket-Mortgage-Anleihen mit 2,875 Prozent (zurückgezahlt am 19. Juni 2026) und 5,250 Prozent (9. Juli 2026) ab. Die neue Verzinsung liegt also spürbar über der alten — das ist der Preis dafür, dass die Zinsen inzwischen anders stehen als 2021.
Und am 16. Juli 2026, zehn Tage vor unserem Datenstand, kam eine neue unbesicherte Kreditlinie über 2,5 Milliarden US-Dollar mit JPMorgan Chase als Konsortialführer hinzu, fällig am 16. Juli 2029:
„The Company is also subject to certain financial maintenance covenants under the 2026 Credit Agreement, which require the Company and its subsidiaries to not exceed specified net leverage and corporate net debt ratios at the end of each fiscal quarter, and to maintain minimum liquidity and tangible net worth.“
Übersetzung: „Das Unternehmen unterliegt zudem bestimmten laufenden Finanzauflagen aus der Kreditvereinbarung 2026, die das Unternehmen und seine Tochtergesellschaften verpflichten, festgelegte Netto-Verschuldungs- und Netto-Konzernschuldenquoten zum Ende jedes Geschäftsquartals nicht zu überschreiten sowie eine Mindestliquidität und ein Mindest-Niveau des materiellen Eigenkapitals einzuhalten.“
— Rocket Companies, Inc., SEC-Pflichtmitteilung 8-K vom 16.07.2026, Item 1.01
Warum das mehr ist als Vertragsprosa: Materielles Eigenkapital ist genau die Größe, die bei Rocket am kleinsten ist. 23.230 Millionen Eigenkapital minus 10.611 Millionen Firmenwert minus 2.109 Millionen immaterielle Werte ergeben rund 10.510 Millionen. Eine Abschreibung auf den Firmenwert würde diese Zahl nicht berühren — sie ist ja schon abgezogen. Ein schlechtes Quartal beim Bewertungsmodell der Bedienungsrechte dagegen schon. Wie hoch die Mindestschwelle konkret liegt, verrät die Meldung nicht; der nächste Quartalsbericht muss es sagen. Wer sehen will, wie schnell aus einem Milliardenzukauf eine Zinsrechnung wird, findet den gleichen Mechanismus in unserer Analyse zu CBIZ.
Bewertung — was der Markt für diesen Buchwert zahlt
Bei einem Hypothekenkonzern führt das Kurs-Gewinn-Verhältnis in die Irre: 2025 gab es keinen Gewinn, 2024 einen hohen, 2023 wieder keinen. Sinnvoller ist der Blick auf den Buchwert. Bei einem Kurs von 13,10 US-Dollar (Datenstand 26. Juli 2026) und 2.829.429.722 Aktien beider Gattungen (Stand 4. Mai 2026) liegt der Börsenwert bei rund 37 Milliarden US-Dollar. Dem steht ein bilanzielles Eigenkapital von 23.230 Millionen gegenüber — das ist etwa das 1,6-Fache des Buchwerts.
Rechnet man den Firmenwert und die immateriellen Werte heraus, sieht es anders aus: Gegen rund 10.510 Millionen materielles Eigenkapital zahlt der Markt etwa das 3,5-Fache. Beide Zahlen sind richtig, sie messen nur Verschiedenes. Die erste sagt: Der Markt zahlt einen moderaten Aufschlag auf die Bücher. Die zweite sagt: Ein erheblicher Teil dieser Bücher besteht aus dem, was Rocket für Redfin und Mr. Cooper bezahlt hat, plus einer Modellrechnung.
Der Blick der Profis ist auffällig unaufgeregt. In unseren Daten liegen zum 26. Juli 2026 zwölf Analystenschätzungen vor: eine ausdrückliche Kaufempfehlung, elf Mal „Halten“, keine Verkaufsempfehlung. Das durchschnittliche Kursziel liegt bei rund 19 US-Dollar. Für 2026 erwarten die Schätzungen einen Gewinn von rund 0,69 US-Dollar je Aktie, für 2027 rund 0,99 — daraus ergäbe sich ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von etwa 19 beziehungsweise 13. Das ist keine Schnäppchen-Bewertung, aber auch keine Wachstumsfantasie. Elf Mal „Halten“ ist im Klartext: Niemand weiß so recht, wohin.
Ein Wort zur Aktienzahl, weil es dabei regelmäßig Verwirrung gibt: Datendienste weisen für RKT häufig rund 981 Millionen Aktien aus. Das ist nur die börsennotierte Class A. Für die Bewertung zählen beide Gattungen zusammen, also rund 2,83 Milliarden Aktien. Wer mit der kleineren Zahl rechnet, kommt auf einen Börsenwert von rund 13 Milliarden — und damit auf ein völlig falsches Bild.
Chancen und Risiken auf einen Blick
Was für Rocket spricht:
- Marktposition: größter US-Hypothekengeber nach Stückzahl und nach der Mr.-Cooper-Übernahme größter Verwalter von Wohnbaudarlehen — 2.109.774 Millionen US-Dollar betreutes Volumen und 9,44 Millionen Kredite zum 31. März 2026.
- Der Bestand ist ein Vertriebskanal: 97 Prozent Kundenbindung im betreuten Portfolio (31. Dezember 2025). Wer die Rate schon an Rocket zahlt, wird beim Umschulden zuerst gefragt.
- Der eingebaute Ausgleich: Fallen die Zinsen, boomt die Neuvergabe und dämpft den Wertverlust der Bedienungsrechte; steigen sie, ist es umgekehrt. Zwei Geschäfte, die sich gegenseitig stützen sollen.
- Die Wende ist sichtbar: 297 Millionen US-Dollar Nettogewinn im ersten Quartal 2026 nach einem Verlust von 212 Millionen im Vorjahresquartal, bei einem auf 44.653 Millionen verdoppelten Kreditvolumen.
- Kreditqualität: Beleihungsauslauf 72,36 Prozent, mittlere Kreditwürdigkeit 741 Punkte, Verzugsquote (60 Tage und mehr) 1,45 Prozent zum 31. März 2026.
Was gegen Rocket spricht:
- Modellrisiko im Kern der Bilanz: 19.377 Millionen US-Dollar Bedienungsrechte, 83 Prozent des Eigenkapitals, bewertet mit einem Verfahren, das im vierten Quartal 2025 gewechselt wurde. 200 Basispunkte ungünstiger Zinsaufschlag kosten laut Bericht 1.384 Millionen.
- Zinsabhängigkeit ohne Steuerrad: Weder die Hypothekenzinsen noch das Tempo vorzeitiger Rückzahlungen kann das Unternehmen beeinflussen. Beides bestimmt das Ergebnis mehr als jede Managemententscheidung.
- Integrationsrisiko: Der Firmenwert liegt bei 10.611 Millionen US-Dollar. Die Prüfung der internen Kontrollen für 2025 schloss Redfin und Mr. Cooper ausdrücklich aus — sie standen für 26 Prozent der Bilanzsumme (ohne erworbenen Firmenwert und immaterielle Werte) und 16 Prozent des Umsatzes.
- Höhere Zinslast: 6,125 und 6,500 Prozent auf die im Juni 2026 begebenen 1,5 Milliarden US-Dollar, gegenüber 2,875 Prozent auf die abgelöste Anleihe. Dazu seit dem 16. Juli 2026 erstmals laufende Finanzauflagen inklusive einer Untergrenze für das materielle Eigenkapital.
- Governance: „controlled company“ mit Ausnahmen von den Unabhängigkeitsregeln der New Yorker Börse; die Stimmenmehrheit liegt bei einer nicht gehandelten Aktiengattung.
- Angebotsdruck: Zum 30. Juni 2026 wandelte sich die Class L-1 automatisch in handelbare Class-A-Aktien um, zum 30. Juni 2027 folgt die Class L-2 — rechnerisch je rund 924 Millionen Stück.
Ein menschliches Fazit
Zurück zur Schätzwert-Falle vom Anfang. Rocket ist kein zweifelhaftes Unternehmen. Es ist der größte Anbieter seiner Branche, es schreibt mehr Kredite als je zuvor, es hat im ersten Quartal 2026 wieder Geld verdient, und es beschreibt seine eigenen Unsicherheiten in den Berichten so offen, wie man es selten liest. Wer die Sensitivitätstabelle samt Vorbehalt in seinen Quartalsbericht schreibt, versteckt nichts.
Und trotzdem bleibt die eine Zahl stehen, die alles andere trägt: 19,377 Milliarden US-Dollar, für die niemand einen Preis bezahlt hat. Sie ist ordentlich ermittelt, nach anerkannten Regeln, geprüft von Wirtschaftsprüfern. Sie ist nur eben keine Kasse. Wer diese Aktie kauft, kauft ein exzellentes Vertriebshaus und eine Modellrechnung — und muss sich darüber im Klaren sein, dass er beide zusammen bekommt.
Die zweite Zahl, die wir Dir mitgeben, ist ein Datum: der 30. Juni 2026. An diesem Tag wurde die Hälfte des Gründer-Pakets zu ganz normalen, handelbaren Aktien. Das verändert wirtschaftlich nichts an Deinem Anteil — aber es verändert, wie viele Stücke jemand verkaufen könnte, ohne jemanden fragen zu müssen. Was Du daraus machst, ist Deine Entscheidung. Und das ist auch gut so.
Quellen
- Rocket Companies, Inc. — Geschäftsbericht (Form 10-K) für das Geschäftsjahr 2025, eingereicht am 2. März 2026 (SEC EDGAR, CIK 0001805284)
- Rocket Companies, Inc. — Quartalsbericht (Form 10-Q) zum 31. März 2026, eingereicht am 12. Mai 2026
- Pflichtmitteilung (Form 8-K) vom 16. Juli 2026 — neue unbesicherte Kreditlinie über 2,5 Milliarden US-Dollar (Items 1.01, 1.02, 2.03)
- Pflichtmitteilung (Form 8-K) vom 16. Juni 2026 — Abschluss der Emission von 900 Millionen US-Dollar zu 6,125 Prozent (2031) und 600 Millionen zu 6,500 Prozent (2034)
- Pflichtmitteilung (Form 8-K) vom 10. Juni 2026 — Aufstockung und Preisfestsetzung der Emission, bedingte Rückzahlungsankündigungen
- Verzugsanzeige (Form 12b-25 / NT 10-Q) vom 12. Mai 2026 — technische Übermittlungsverzögerung; der Quartalsbericht wurde am 11. Mai 2026 um 17:39 Uhr von der SEC angenommen
- Fundamentaldaten (Kennzahlen, Kurs- und Bewertungsdaten), Datenstand 26. Juli 2026
- Hauseigener Aktien-Scanner „Turnaround-Kandidaten“, Stand 26. Juli 2026 (60 US-Treffer, RKT auf Platz 27, Wende-Check 6 von 8)
Diese Analyse ist journalistische Einordnung auf Basis öffentlicher Unterlagen und keine Anlageberatung. Sie ist weder eine Aufforderung zum Kauf noch zum Verkauf von Wertpapieren. Aktieninvestments können zum Totalverlust führen. Alle Zahlen tragen den Stichtag ihrer Quelle; Kurs- und Bewertungsangaben sind datierte Anker, keine Kaufargumente. Der Autor hält zum Zeitpunkt der Veröffentlichung keine Position in Rocket Companies, Inc.
Unser Fazit auf einen Blick
- Marktstellung & Geschäftsmodell positiv
- Rocket Mortgage ist nach Stückzahl der größte Hypothekengeber der USA und seit der Mr.-Cooper-Übernahme vom 1. Oktober 2025 auch der größte Verwalter von Wohnbaudarlehen: 2.109.774 Millionen US-Dollar betreutes Volumen und 9,44 Millionen Kredite zum 31. März 2026. Die Kundenbindung im Bestand lag zum 31. Dezember 2025 bei 97 Prozent — der Bestand ist zugleich der wichtigste Vertriebskanal für neue Kredite.
- Bilanzqualität & Modellrisiko negativ
- Der größte Vermögensposten ist eine Schätzung: 19.377 Millionen US-Dollar Bedienungsrechte zum 31. März 2026 entsprechen 83 Prozent des Eigenkapitals von 23.230 Millionen und rund dem 1,8-Fachen des materiellen Eigenkapitals von etwa 10.510 Millionen. Der Bericht beziffert selbst, dass 200 Basispunkte ungünstiger Zinsaufschlag 1.384 Millionen kosten würden. Dazu kommt ein Firmenwert von 10.611 Millionen aus den beiden Zukäufen.
- Ertragslage & Schwankung neutral
- Zwei Verlustjahre in drei Jahren: minus 390 Millionen US-Dollar (2023), plus 636 (2024), minus 234 (2025) — bei stetig steigendem Nettoumsatz von 3.799 über 5.101 auf 6.695 Millionen. Das erste Quartal 2026 drehte mit 297 Millionen Gewinn nach minus 212 im Vorjahresquartal, allerdings ohne Mr. Cooper im Vergleichszeitraum und bei einer von 2,89 auf 2,74 Prozent gesunkenen Marge beim Kreditverkauf.
- Bewertungstransparenz neutral
- Rocket legt die Sensitivitäten der Bedienungsrechte offen und weist im Quartalsbericht zum 31. März 2026 ausdrücklich darauf hin, dass sie hypothetisch sind und nur die Richtung anzeigen. Das ist mehr Offenheit als üblich. Gleichzeitig wurde die Bewertungsmethode zum vierten Quartal 2025 von einem festen Diskontsatz auf einen stochastischen optionsbereinigten Zinsaufschlag umgestellt und die Kosten je betreutem Kredit als neuer Eingangswert aufgenommen — der Vorjahresvergleich der Sensitivitäten misst deshalb zwei verschiedene Größen.
- Verschuldung & Auflagen negativ
- Zum 31. März 2026 standen 10.430 Millionen US-Dollar unbesicherte und 15.882 Millionen besicherte Finanzierungen in der Bilanz. Im Juni 2026 platzierte Rocket 900 Millionen zu 6,125 Prozent (2031) und 600 Millionen zu 6,500 Prozent (2034) und löste damit Anleihen mit 2,875 und 5,250 Prozent ab. Seit dem 16. Juli 2026 gelten aus einer neuen Kreditlinie über 2,5 Milliarden US-Dollar erstmals laufende Finanzauflagen, darunter eine Untergrenze für das materielle Eigenkapital.
- Eigentümerstruktur & Angebot negativ
- Zum 4. Mai 2026 standen 980.550.267 börsennotierten Class-A-Aktien 1.848.879.455 nicht gehandelte Class-L-Aktien gegenüber — je eine Stimme, rund 65 Prozent der Stimmen liegen damit außerhalb der Börse. Rocket ist eine „controlled company“ und nimmt Ausnahmen von den Unabhängigkeitsregeln der New Yorker Börse in Anspruch. Die Class L-1 wandelte sich am 30. Juni 2026 automatisch in handelbare Class-A-Aktien um, die Class L-2 folgt am 30. Juni 2027 — rechnerisch je rund 924 Millionen Stück.
Rocket Companies ist über zwei Zukäufe in zwölf Monaten zum größten Hypothekenhaus der USA geworden: 130.352 Millionen US-Dollar Kreditvolumen im Jahr 2025, 2,1 Billionen betreutes Portfolio, 9,44 Millionen Kredite. Der Nettoumsatz stieg 2025 um 31,3 Prozent auf 6.695 Millionen — und trotzdem stand ein Verlust von 234 Millionen in den Büchern, weil die Bedienungsrechte 1.530 Millionen an Wert verloren. Genau dort liegt das Thema dieser Aktie: Mit 19.377 Millionen US-Dollar zum 31. März 2026 sind diese Rechte 83 Prozent des Eigenkapitals und rund das 1,8-Fache der materiellen Substanz — bewertet mit einem Modell, dessen Methode im vierten Quartal 2025 gewechselt wurde. Das erste Quartal 2026 zeigt mit 297 Millionen Gewinn, dass das Geschäft trägt, wenn die Zinsen mitspielen. Es zeigt aber auch, wie sehr das Ergebnis von einer Größe abhängt, die niemand im Unternehmen steuern kann. Keine Anlageberatung.
Was unsere Einordnung bedeutet
Offene Fragen
Das Geschäft funktioniert grundsätzlich, aber eine wesentliche Frage ist offen. Solange sie offen ist, tragen unsere Befunde kein Qualitätsurteil.
Die Ampel beurteilt das Unternehmen, nicht den Kurs. Ein belegter Substanzbefund liegt nicht vor: Das Eigenkapital ist mit 23.230 Millionen US-Dollar positiv, die Eigenkapitalquote liegt bei rund 39 Prozent, es gibt keinen Hinweis auf eine gefährdete Unternehmensfortführung, keine Notierungsgefahr und im ersten Quartal 2026 einen Gewinn von 297 Millionen. Offen ist dafür die entscheidende operative Frage — und zwar gleich doppelt. Erstens hängt das Ergebnis an einem Vermögenswert, den niemand handelt: 19.377 Millionen US-Dollar Bedienungsrechte, 83 Prozent des Eigenkapitals und rund das 1,8-Fache der materiellen Substanz, bewertet mit einem Modell, dessen Methode im vierten Quartal 2025 von einem festen Diskontsatz auf einen stochastischen Zinsaufschlag umgestellt wurde. Zweitens ist der Zusammenschluss von Rocket, Redfin und Mr. Cooper noch nicht bewiesen: 10.611 Millionen Firmenwert stehen in den Büchern, und die Prüfung der internen Kontrollen für 2025 klammerte beide Zukäufe ausdrücklich aus — 26 Prozent der Bilanzsumme und 16 Prozent des Umsatzes. Ausdrücklich nicht in diese Farbe eingeflossen sind Kurs, Bewertung, Streubesitz oder Schwankungsbreite. Der in unseren Daten ausgewiesene Altman-Z von 3,98 ist ebenfalls nicht eingeflossen: Die Formel ist für Industrie- und Handelsunternehmen gebaut und bei einem Hypothekenfinanzierer ohne Aussagekraft. Die Entscheidung liegt bei Dir.
Journalistische Einschätzung der Redaktion zum Analysezeitpunkt auf Basis öffentlicher Quellen — keine Anlageberatung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf. Deine persönlichen Umstände (Anlageziele, Risikotragfähigkeit, Steuern) können dabei nicht berücksichtigt werden. Was unsere Stufen bedeuten, wie Urteile entstehen und welche Interessenkonflikte bestehen →
Bitte beachten
- Auf die Rechercheliste kam Rocket Companies über den hauseigenen Aktien-Scanner „Turnaround-Kandidaten“: Platz 27 von 60 US-Treffern auf boersenlotse.de und Platz 26 von 60 auf der englischsprachigen Schwesterseite, Wende-Check jeweils 6 von 8, beide Listen mit dem Stand 26. Juli 2026. Diese Listen werden täglich neu berechnet — Platzierung und Punktestand sind eine datierte Momentaufnahme. Am selben Tag war RKT zusätzlich Treffer im Warnsignal-Scanner „Beneish M-Score“, einem Indikator für mögliche Ergebnis-Kosmetik; das ist kein Beweis, sondern ein Anlass, die Bilanz genau zu lesen.
- Die beiden Pflicht-Säulen des Scanners sind ein Abstand von mindestens 50 Prozent zum Allzeithoch und ein Altman-Z-Wert von mindestens 1,1 bei positivem Eigenkapital und höchstens einem Bilanz-Warnsignal. Säule 2 ist rechnerisch erfüllt (Altman-Z 3,98, Eigenkapitalquote 39,1 Prozent), taugt bei einem Hypothekenfinanzierer aber nicht als Qualitätsurteil. Über den Verbleib entscheidet Säule 1: Der gespeicherte Abstand zum Allzeithoch beträgt −57,86 Prozent, gemessen bei einem Kurs von 14,78 US-Dollar im selben Datensatz. Gegenprobe gegen die Kurshistorie seit dem Börsengang: höchster dividendenbereinigter Schlusskurs 34,95 US-Dollar am 2. März 2021 (roher Schlusskurs 41,60, Tageshoch 43,00), daraus folgt bei 14,78 ein Abstand von −57,7 Prozent. Die Abweichung liegt unter 0,2 Prozentpunkten — der in diesem Datenbestand bei rund 60 Titeln bekannte Faktor-1000-Fehler beim Allzeithoch liegt bei RKT nicht vor. Ausschlussschwelle: rund 17,50 US-Dollar, von 13,10 aus also gut ein Drittel Kursanstieg.
- Nicht verwechseln: Die Spalte „v. Hoch“ in der Scanner-Tabelle zeigt −39,3 Prozent und misst den Abstand zum 52-Wochen-Hoch, nicht zum Allzeithoch. Beide Werte stehen nebeneinander im Datensatz und werden regelmäßig verwechselt.
- Kurs- und Bewertungsangaben sind datierte Anker, keine Kaufargumente: Kurs 13,10 US-Dollar mit Datenstand 26. Juli 2026. Der Börsenwert von rund 37 Milliarden ist aus den 2.829.429.722 Aktien beider Gattungen (Deckblatt des Quartalsberichts, 4. Mai 2026) gerechnet. Der Fundamentaldaten-Satz selbst weist zum Schlusskurs 13,05 US-Dollar vom 24. Juli 2026 einen Börsenwert von 36,9 Milliarden aus, die Scanner-Tabelle zeigt aus einem älteren Abruf 42,4 Milliarden — alle drei Werte liegen im Rahmen üblicher Datenstand-Unterschiede. Datendienste, die nur die 981 Millionen Class-A-Aktien ansetzen, kommen dagegen auf ein grob falsches Bild.
- Jüngster Periodenbericht ist der Quartalsbericht 10-Q zum 31.03.2026 (eingereicht am 12.05.2026). Danach wurden bis zum Datenstand 26.07.2026 eingereicht: Pflichtmitteilungen 8-K vom 09.06.2026 (Anleihe-Emission, bedingte Rückzahlungen und Zahlen zu Mr. Cooper), 10.06.2026 (Aufstockung und Preisfestsetzung), 16.06.2026 (Abschluss der Emission), 10.06.2026 (Hauptversammlungsbeschlüsse, Item 5.07) und 16.07.2026 (neue Kreditlinie über 2,5 Milliarden US-Dollar) sowie Insider-Meldungen (Form 4). Die Verzugsanzeige NT 10-Q vom 12.05.2026 betrifft ausschließlich eine technische Übermittlungsverzögerung: Der Quartalsbericht wurde laut Anzeige am 11. Mai 2026 um 17:39 Uhr von der SEC angenommen, also nach dem Redaktionsschluss um 17:30 Uhr. Es geht weder um Zahlen noch um Prüfungsfragen.
- Zum Datenstand 26.07.2026 läuft kein Übernahme-, Fusions- oder Take-private-Verfahren. Rocket trat zuletzt selbst als Käufer auf: Redfin Corporation zum 1. Juli 2025, Mr. Cooper Group Inc. zum 1. Oktober 2025. Beide Verfahren sind abgeschlossen; das jüngste Formular 425 datiert vom 1. August 2025, die jüngste Registrierung S-4/A vom 25. Juli 2025. Ein neues S-4, ein SC 13E3, ein Formular 25 oder ein Formular 15 liegen nicht vor.
- Verwechslungsgefahr: Rocket Companies, Inc. (RKT) ist nicht Rocket Lab (RKLB) und nicht Rocket Pharmaceuticals (RCKT). Mr. Cooper Group Inc. handelte bis zum 30. September 2025 selbst unter dem Kürzel COOP und ist seit dem 1. Oktober 2025 Teil von Rocket; Redfin Corporation handelte bis zum 30. Juni 2025 unter RDFN.
Häufige Fragen
Rocket Companies ist die Muttergesellschaft von Rocket Mortgage, dem nach Stückzahl größten Hypothekengeber der USA. Das Unternehmen vergibt Hausdarlehen, verkauft sie an den Zweitmarkt und behält meist das Recht, sie weiter zu verwalten. Dazu kommen das Immobilienportal Redfin, der Kreditverwalter Mr. Cooper, Titel- und Abwicklungsdienste, eine Budget-App und Privatkredite. Zum 31. Dezember 2025 arbeiteten rund 23.500 Menschen für den Konzern.
Weil der Wert der Bedienungsrechte an den betreuten Krediten sank. Die Zeile „Change in fair value of MSRs, net“ belastete das Jahr 2025 mit 1.530 Millionen US-Dollar, nach 579 Millionen im Jahr 2024. Der Nettoumsatz stieg zwar um 31,3 Prozent auf 6.695 Millionen, unterm Strich blieb aber ein Verlust von 234 Millionen. Rund 1.398 Millionen der Wertänderung entfielen auf planmäßige Tilgung, 274 Millionen auf geänderte Modellannahmen.
Das Recht, einen Hausdarlehensvertrag zu verwalten: Rate einziehen, Grundsteuer und Versicherung weiterleiten, mahnen, im Ernstfall verwerten. Dafür fließt eine kleine Jahresgebühr. Das Recht ist handelbar und steht bei Rocket zum 31. März 2026 mit 19.377 Millionen US-Dollar in der Bilanz. Sein Wert steigt, wenn die Zinsen steigen, weil dann weniger Kunden umschulden — und fällt, wenn die Zinsen sinken.
Er ist eine Modellschätzung, keine Marktnotierung. Der Quartalsbericht zum 31. März 2026 beziffert selbst, was ungünstige Annahmen kosten würden: 100 Basispunkte höherer Zinsaufschlag 718 Millionen US-Dollar, 200 Basispunkte 1.384 Millionen, zehn Prozent schnellere Rückzahlungen 504 Millionen. Das Unternehmen weist ausdrücklich darauf hin, dass diese Werte hypothetisch sind und nur die Richtung anzeigen sollen.
Die Stimmenmehrheit liegt bei Gründer Dan Gilbert. Zum 4. Mai 2026 standen 980.550.267 börsennotierte Class-A-Aktien 1.848.879.455 nicht gehandelten Class-L-Aktien gegenüber; beide haben eine Stimme je Aktie, die Class L stellt damit rund 65 Prozent. Rocket gilt deshalb als „controlled company“ und nimmt Ausnahmen von den Unabhängigkeitsregeln der New Yorker Börse in Anspruch.
Die Class L-1 wandelte sich laut Geschäftsbericht automatisch eins zu eins in Class-A-Aktien um; die Class L-2 folgt am 30. Juni 2027. Rechnerisch sind das je rund 924 Millionen Stück. Wirtschaftlich verwässert das niemanden — die Class L steckt längst in Gewinn je Aktie und Börsenwert. Es erhöht aber die Zahl handelbarer Papiere deutlich. Die neue Class-A-Zahl steht erstmals auf dem Deckblatt des nächsten Quartalsberichts.
Weil beide Pflicht-Kriterien am 26. Juli 2026 erfüllt waren: mindestens 50 Prozent Abstand zum Allzeithoch und ein Altman-Z-Wert über 1,1 bei positivem Eigenkapital. RKT stand an diesem Tag auf Platz 27 von 60 US-Treffern mit 6 von 8 Punkten im Wende-Check. Der Altman-Z von 3,98 ist bei einem Hypothekenfinanzierer allerdings ohne Aussagekraft. Entscheidend ist der Absturz: rund 57,9 Prozent unter dem Allzeithoch von etwa 34,95 US-Dollar. Ab rund 17,50 US-Dollar fällt der Titel aus der Liste.
Nein. Zum Datenstand 26. Juli 2026 liegt kein laufendes Übernahme-, Fusions- oder Take-private-Verfahren vor. Rocket war zuletzt selbst Käufer: Redfin wurde zum 1. Juli 2025 übernommen, Mr. Cooper Group zum 1. Oktober 2025. Beide Verfahren sind abgeschlossen; das jüngste Formular 425 datiert vom 1. August 2025. Ein neues Formular S-4, ein SC 13E3, ein Formular 25 oder ein Formular 15 liegen nicht vor.
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