Oracle: 638 Milliarden im Auftragsbuch — und 23,7 Milliarden aus der Kasse
Oracle meldet für das Geschäftsjahr bis zum 31. Mai 2026 einen Auftragsbestand von 638 Milliarden US-Dollar — fast das Fünffache des Vorjahres. Im selben Jahr flossen 55,7 Milliarden in Rechenzentren, der freie Mittelfluss kippte auf minus 23,7 Milliarden, und die Schulden stiegen auf 129,5 Milliarden. Die Aktie steht 65 Prozent unter ihrem Allzeithoch und damit ausgerechnet in unserem Turnaround-Scanner. Wir lesen den Geschäftsbericht, den Quartalsbericht und die Anleihe-Unterlagen — und finden 260 Milliarden Mietverpflichtungen, die in keiner Bilanz stehen. Ein Auftragsbuch ist ein Versprechen. Ein Rechenzentrum ist eine Rechnung.
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Es gibt eine Anleger-Falle, die besonders gern bei sehr großen Zahlen zuschnappt: die Auftragsbuch-Falle. Sie funktioniert so, dass dein Kopf eine Zahl mit dem Wort „Auftrag“ davor automatisch als Geld verbucht. Oracle Corporation (NYSE: ORCL) hat für das Geschäftsjahr bis zum 31. Mai 2026 einen Auftragsbestand von 638 Milliarden US-Dollar gemeldet. Ein Jahr zuvor waren es 138 Milliarden. Das ist fast das Fünffache, und es ist eine Zahl, gegen die selbst der Jahresumsatz von 67,4 Milliarden klein wirkt.
Machen wir also einen Deal, bevor die Zahl ihre Arbeit tut: Wir lesen gemeinsam nach, was Oracle der US-Börsenaufsicht SEC gemeldet hat — den Geschäftsbericht (10-K) für das Geschäftsjahr 2026, den Quartalsbericht (10-Q) zum 28. Februar 2026 und alles, was danach eingereicht wurde. Ein SEC-Bericht ist unter Strafandrohung ehrlich. Und dieser erzählt neben dem Auftragsbuch von 55,7 Milliarden US-Dollar, die in einem Jahr in Rechenzentren geflossen sind, von 43 Milliarden neuen Anleihen mit Laufzeiten bis 2066, von 260 Milliarden Mietverpflichtungen, die in keiner Bilanzzeile stehen — und von einem Satz im Risikoteil, den man zweimal lesen sollte.
Inhalt dieser Analyse
- Was Oracle eigentlich macht — die Datenbank und das Kraftwerk
- Wo die Aktie auf unseren Tisch kam — Platz 20 bei den Turnaround-Kandidaten
- Die Zahlen über die Jahre — ehrlich gewürdigt
- Was in den Berichten steht — die unbequemen Wahrheiten
- Bewertung — was die Börse gerade bezahlt
- Chancen und Risiken auf einen Blick
- Ein menschliches Fazit
- Quellen
Was Oracle eigentlich macht — die Datenbank und das Kraftwerk
Oracle verkauft im Kern zwei sehr verschiedene Dinge, und der Unterschied erklärt fast alles, was in dieser Analyse folgt. Das erste ist ein Gedächtnis: die Oracle-Datenbank, in der Banken, Versicherer, Behörden und Konzerne ihre Daten ablegen, dazu Unternehmenssoftware für Buchhaltung, Personal und Lieferketten. Dieses Geschäft ist alt, klebrig und wunderbar berechenbar. Wer seine Buchhaltung einmal auf Oracle laufen lässt, wechselt nicht mal eben. Der Wartungsvertrag dazu — im Bericht „software support“ — brachte im Geschäftsjahr 2026 19,804 Milliarden US-Dollar und wuchs um genau ein Prozent. Langweilig, aber verlässlich wie eine Miete.
Das zweite ist ein Kraftwerk: Oracle Cloud Infrastructure, kurz OCI. Hier vermietet Oracle Rechenleistung — Server, Grafikprozessoren, Speicher, Netz —, auf der andere Firmen ihre Programme und ihre künstliche Intelligenz laufen lassen. Dieses Geschäft ist jung, hungrig und wuchs im Geschäftsjahr 2026 um 77 Prozent auf 18,101 Milliarden US-Dollar. Der Unterschied zum Gedächtnis-Geschäft ist der entscheidende: Eine Datenbanklizenz kostet Oracle fast nichts in der Herstellung. Ein Rechenzentrum kostet Milliarden, bevor der erste Kunde einen Cent zahlt.
Dazwischen liegen die Cloud-Anwendungen (15,888 Milliarden, plus 11 Prozent), die klassischen Softwarelizenzen (4,737 Milliarden, minus 9 Prozent), das Hardwaregeschäft (3,084 Milliarden) und die Beratung (5,743 Milliarden). Insgesamt kamen im Geschäftsjahr 2026 51 Prozent des Umsatzes aus der Cloud, nach 43 Prozent im Vorjahr und 37 Prozent zwei Jahre zuvor. Der Konzern sitzt in Austin, Texas, beschäftigte zum 31. Mai 2026 rund 141.000 Menschen in Vollzeit — 43.000 davon in Forschung und Entwicklung — und steckte 10,272 Milliarden US-Dollar in eben diese Entwicklung.
Damit ist das Spannungsfeld dieser Analyse benannt, und es zieht sich durch jedes Kapitel: Oracle finanziert mit dem sicheren Geld von gestern eine Wette auf übermorgen — und muss die Rechnung dafür heute bezahlen.
Wo die Aktie auf unseren Tisch kam — Platz 20 bei den Turnaround-Kandidaten
Wir lassen täglich rund 3.500 Aktien durch unsere Scanner laufen. Oracle stand am 25. Juli 2026 in der Liste Turnaround-Kandidaten (US-Auswahl) auf Platz 20 von 62 Treffern, mit einem Wende-Check von 6 von 8 Punkten. Zum Selbst-Nachmachen: Scanner öffnen, Länderfilter auf „US“ stellen, die Spalte „Wende-Check“ sortiert die Liste.
Und jetzt der Satz, der bei diesem Namen zuerst kommen muss: Ein Konzern mit 331 Milliarden US-Dollar Börsenwert gehört normalerweise nicht in eine Sanierungsliste. Oracle steht dort auch nicht, weil das Geschäft kränkelt. Oracle steht dort, weil der Scanner keine Namen kennt, sondern zwei Pflichtbedingungen prüft — und beide sind rein rechnerisch.
Pflicht-Säule 1 — der Absturz. Die Aktie muss mindestens 50 Prozent unter ihrem Allzeithoch notieren. Ohne echten Absturz kein Turnaround; sonst fängt die Liste ganz normale Wachstumsaktien ein. Oracles höchster Schlusskurs war 328,33 US-Dollar am 10. September 2025. Am 24. Juli 2026 schloss die Aktie bei 114,99 US-Dollar — das sind 64,98 Prozent darunter. Die Bedingung ist also klar erfüllt. Rechne es einmal andersherum, dann verstehst du, wie eng so eine Liste ist: Steigt der Kurs über rund 164 US-Dollar, sind es keine 50 Prozent mehr — und Oracle fliegt aus dem Scanner. Nicht, weil etwas schiefging, sondern weil sich der Kurs erholt hat.
Pflicht-Säule 2 — das Überleben. Der Altman-Z-Score, ein bewährtes Pleite-Frühwarnsystem aus fünf Bilanzkennzahlen, muss außerhalb der Gefahrenzone liegen; unser Schwellenwert ist 1,1. Oracle kam am 25. Juli 2026 auf 1,43. Erfüllt — aber knapp, und die Zusammensetzung ist der ehrlichste Befund dieses Kapitels. Einer der fünf Bausteine ist der Börsenwert im Verhältnis zu den Schulden. Genau dieser Baustein steuert bei Oracle 0,91 von 1,43 Punkten bei, also rund 64 Prozent. Ohne ihn — also nur aus der Bilanz heraus — bliebe ein Wert von 0,52 übrig. Übersetzt heißt das: Was Oracle in dieser Liste am Leben hält, ist zu zwei Dritteln der Aktienkurs selbst. Und daraus folgt die zweite Schwelle: Fällt der Kurs unter rund 74 US-Dollar, rutscht der Altman-Z-Score unter 1,1 — und Oracle fliegt ebenfalls aus dem Scanner, diesmal von unten. Zur Einordnung: Als klassische Warnzone gelten Werte unter 1,8, als sichere Zone Werte über 3.
Erst danach zählt der Wende-Check, eine Checkliste mit acht Punkten. Vier prüfen die operative Wende — Umsatzrichtung, Nettomarge, operativer Mittelzufluss, heilende Bilanz —, vier die Markt-Bestätigung — Kurs über der 50-Tage-Linie, relative Stärke der letzten drei Monate über der der letzten zwölf, Insider kaufen netto, große Fonds stocken auf. Angezeigt wird, wer beide Pflicht-Säulen erfüllt und mindestens sechs der acht Punkte holt.
Drei der operativen Punkte lassen sich direkt aus dem Geschäftsbericht nachrechnen, und sie sind echt: Der Umsatz des Quartals bis zum 31. Mai 2026 lag mit 19,185 Milliarden US-Dollar um 20,6 Prozent über dem Vorjahresquartal. Die Nettomarge stieg auf 22,4 Prozent, nach 19,6 Prozent drei Quartale zuvor und 21,6 Prozent im Vorquartal. Und der operative Mittelzufluss dieses Quartals war mit 14,620 Milliarden klar positiv. Einen Punkt aus dem Markt-Block verfehlt Oracle dagegen nachweislich: Der Kurs von 114,99 US-Dollar lag am 24. Juli 2026 deutlich unter der 50-Tage-Linie von 171,55 US-Dollar — und auch unter der 200-Tage-Linie von 187,40.
Merke dir den Grundsatz, er gilt für jede Rangliste: Platzierung und Punktzahl sind ein Foto, kein Zustand. Die Listen werden täglich neu gerechnet. Was der Scanner misst, ist die Richtung weniger Quartale. Ob die Wette trägt, steht in den Berichten. Also lesen wir sie.
Die Zahlen über die Jahre — ehrlich gewürdigt
Erst das, was wirklich beeindruckt, und es ist eine Menge. Im Geschäftsjahr 2019 setzte Oracle 39,506 Milliarden US-Dollar um. Im Geschäftsjahr 2026 waren es 67,357 Milliarden — ein Plus von 70 Prozent in sieben Jahren, und allein im letzten Jahr plus 17,3 Prozent. Das Betriebsergebnis stieg von 13,535 auf 20,606 Milliarden, das entspricht einer operativen Marge von 30,6 Prozent. Der Nettogewinn lag bei 17,087 Milliarden US-Dollar oder 5,83 US-Dollar je verwässerter Aktie, nach 4,34 im Vorjahr. Das ist kein Sanierungsfall. Das ist ein Konzern in der besten Form seiner jüngeren Geschichte.
Auch beim Geld war das Jahr stark: Der operative Mittelzufluss stieg um 54 Prozent auf 31,977 Milliarden US-Dollar — das 1,87-Fache des Nettogewinns. Ein Unternehmen, das mehr Bargeld einnimmt, als es an Gewinn ausweist, hat in aller Regel eine saubere Ertragsrechnung. Und dann kommt die andere Seite des Blattes.
Die Investitionen in Sachanlagen — fast ausschließlich Rechenzentren — stiegen von 6,866 Milliarden US-Dollar im Geschäftsjahr 2024 über 21,215 Milliarden (2025) auf 55,663 Milliarden im Geschäftsjahr 2026. Das ist eine Verachtfachung in zwei Jahren. Die beiden Reihen der letzten fünf Geschäftsjahre nebeneinander, gerundet in Milliarden US-Dollar: operativer Mittelzufluss 9,5 · 17,2 · 18,7 · 20,8 · 32,0, Investitionen 4,5 · 8,7 · 6,9 · 21,2 · 55,7. Bis 2024 lag der Zufluss weit über den Investitionen, 2025 waren sie gleichauf, 2026 kippte das Verhältnis. In der Bilanz sieht man dieselbe Bewegung: Das Sachanlagevermögen wuchs von 43,522 auf 99,957 Milliarden US-Dollar. Oracle baut in einem Tempo, das mit dem klassischen Softwaregeschäft nichts mehr zu tun hat.
Was in den Berichten steht — die unbequemen Wahrheiten
Unbequeme Wahrheit Nr. 1: Der freie Mittelfluss ist gekippt
Zieht man von den 31,977 Milliarden operativem Mittelzufluss die 55,663 Milliarden Investitionen ab, bleibt der freie Mittelfluss — das Geld, das nach dem Erhalt und Ausbau des Geschäfts übrig bleibt. Oracle rechnet es im Geschäftsbericht selbst vor und kommt auf minus 23,686 Milliarden US-Dollar, nach minus 0,394 Milliarden im Vorjahr. In Prozent des Nettogewinns: minus 139 Prozent. Sieben Jahre lang war diese Zahl deutlich positiv: In Milliarden US-Dollar lag sie bei plus 12,9 (Geschäftsjahr 2019), plus 11,6 (2020), plus 13,8 (2021), plus 5,0 (2022), plus 8,5 (2023) und plus 11,8 (2024), bevor sie 2025 mit minus 0,4 knapp kippte und 2026 auf minus 23,7 abstürzte.
Wichtig für die Einordnung, und das gehört zur Fairness: Das ist kein Geldverbrennen im üblichen Sinn. Oracle verdient operativ hervorragend und gibt dieses Geld zuzüglich geliehener Mittel für Anlagen aus, die jahrzehntelang nutzbar sind. Der Bericht sagt auch deutlich, dass es so weitergeht:
Merksatz für die Ablage: Ein Gewinn sagt, wie gerechnet wurde. Der freie Mittelfluss sagt, wer gerade vorlegt. Bei Oracle legt derzeit der Kapitalmarkt vor. Woher das Geld kam, steht in der Kapitalflussrechnung: 42,7 Milliarden US-Dollar netto aus neuen Anleihen, 5,0 Milliarden aus einer Vorzugsaktie, 4,9 Milliarden aus dem Verkauf von Beteiligungen, 3,3 Milliarden aus kurzfristigen Finanzierungen für Investitionen und 1,3 Milliarden aus Mitarbeiter-Aktienprogrammen.
Unbequeme Wahrheit Nr. 2: 260 Milliarden Miete stehen in keiner Bilanzzeile
Das ist der Befund, der beim Lesen am längsten nachhallt. Wenn ein Unternehmen etwas mietet, muss es die Mietschuld seit einigen Jahren in die Bilanz aufnehmen — als Nutzungsrecht auf der einen und als Verbindlichkeit auf der anderen Seite. Oracle tut das auch: 30,190 Milliarden US-Dollar operative und 7,701 Milliarden Finanzierungs-Leasingverbindlichkeiten stehen zum 31. Mai 2026 in der Bilanz. Diese Pflicht gilt aber erst, wenn die Mietzeit begonnen hat. Und dann folgt dieser Absatz im Anhang:
„As of May 31, 2026, we had $260 billion of additional lease commitments, substantially all related to data center arrangements, that are generally expected to commence between the first quarter of fiscal 2027 and fiscal 2029 and for terms of fifteen to nineteen years that were not reflected on our consolidated balance sheet as of May 31, 2026 or in the maturities table above.“
Übersetzung: „Zum 31. Mai 2026 hatten wir 260 Milliarden US-Dollar an zusätzlichen Mietverpflichtungen, nahezu ausschließlich für Rechenzentren, deren Mietzeit voraussichtlich zwischen dem ersten Quartal des Geschäftsjahres 2027 und dem Geschäftsjahr 2029 beginnt, mit Laufzeiten von fünfzehn bis neunzehn Jahren — sie waren zum 31. Mai 2026 weder in unserer Konzernbilanz noch in der obigen Fälligkeitstabelle enthalten.“
— Oracle Corporation, SEC-Geschäftsbericht 10-K für das Geschäftsjahr 2026, Note 9 (Leases, Other Commitments and Certain Contingencies)
Nimm dir einen Moment für die Größenordnung. Die gesamte Bilanzsumme von Oracle beträgt zum selben Stichtag 261,759 Milliarden US-Dollar. Die Mietverpflichtungen, die noch nicht darin stehen, betragen 260 Milliarden. Es steht also fast noch einmal dieselbe Bilanz daneben, unsichtbar, mit Laufzeiten von 15 bis 19 Jahren. Das ist buchhalterisch völlig korrekt und wird offen berichtet — aber wer nur auf die Verschuldungsquote schaut, sieht die Hälfte des Bildes nicht.
In demselben Absatz steckt noch ein Detail, das man leicht überliest: Oracle hat für einen dieser Mietverträge bis zu 3,3 Milliarden US-Dollar der Kreditaufnahme des Vermieters verbürgt — fällig im September 2026. Im Quartalsbericht zum 28. Februar 2026 stand an derselben Stelle noch eine Bürgschaft über bis zu 2,2 Milliarden. Innerhalb eines Quartals ist die Zusage um 1,1 Milliarden gewachsen.
Unbequeme Wahrheit Nr. 3: Der Auftragsbestand ist eine Konzentration, keine Sicherheit
Jetzt zur Zahl aus der Überschrift. Der Auftragsbestand — im Bericht „remaining performance obligations“ — ist die Summe aller vertraglich zugesagten, aber noch nicht als Umsatz gebuchten Leistungen. Er sprang von 138 Milliarden US-Dollar (31. Mai 2025) über 552,6 Milliarden (28. Februar 2026) auf 638 Milliarden US-Dollar zum 31. Mai 2026.
Zwei Angaben in diesem Absatz verdienen mehr Aufmerksamkeit als die 638 selbst. Erstens die Formulierung: Der Anstieg beruht auf „certain significant cloud contracts“ — bestimmten bedeutenden Cloud-Verträgen. Wie viele Verträge das sind und mit wem, sagt der Bericht nicht. Zweitens der Zeitplan: Oracle erwartet, rund 12 Prozent des Auftragsbestands in den nächsten zwölf Monaten als Umsatz zu buchen, 34 Prozent in den Monaten 13 bis 36, weitere 34 Prozent in den Monaten 37 bis 60 und den Rest danach. 88 Prozent liegen damit jenseits des kommenden Jahres, rund ein Fünftel sogar jenseits von fünf Jahren.
Die gute Nachricht steht im Anhang: „No single customer accounted for 10% or more of our total revenues in fiscal 2026, 2025 or 2024.“ Kein Einzelkunde erreichte also zehn Prozent des Umsatzes. Die unbequeme Nachricht steht 50 Seiten davor, im Risikoteil, und sie ist der Satz, den man zweimal lesen sollte:
„Conversely, if we overestimate customer demand or any of our key customers are unable to pay or otherwise perform under their contracts with us, we could be locked into multi-year commitments for excess data center space and related capital expenditures, as well as associated financings, without receiving corresponding revenue. … In certain OCI offerings, we are more concentrated among a number of large customers, which could increase these risks.“
Übersetzung: „Wenn wir umgekehrt die Kundennachfrage überschätzen oder einer unserer Großkunden nicht zahlen oder seine Verträge nicht erfüllen kann, könnten wir in mehrjährigen Verpflichtungen für überschüssige Rechenzentrumsflächen und die zugehörigen Investitionen samt deren Finanzierungen gefangen sein, ohne die entsprechenden Erlöse zu erhalten. … In bestimmten OCI-Angeboten sind wir stärker auf eine Reihe von Großkunden konzentriert, was diese Risiken erhöhen kann.“
— Oracle Corporation, SEC-Geschäftsbericht 10-K für das Geschäftsjahr 2026, Item 1A (Risk Factors)
Das ist die ganze Wette in einem Satz, vom Unternehmen selbst formuliert. Oracle mietet Rechenzentren auf 15 bis 19 Jahre und finanziert sie mit Anleihen bis 2066. Die Kunden, die diese Kapazität abnehmen sollen, sind wenige und groß. Merke: Ein Auftragsbuch misst, was jemand versprochen hat — nicht, was er nächstes Jahr bezahlen kann. Denselben Mechanismus haben wir am anderen Ende der Kette in unserer Analyse zu Nvidia gesehen, wo die Nachfrage nach Grafikprozessoren von denselben wenigen Adressen kommt.
Unbequeme Wahrheit Nr. 4: 129,5 Milliarden Schulden — und der Anleihemarkt zahlt 89 Prozent
Die Finanzschulden stiegen von 92,6 Milliarden US-Dollar (31. Mai 2025) auf 129,5 Milliarden (31. Mai 2026). Allein im Geschäftsjahr 2026 begab Oracle 43,0 Milliarden US-Dollar neue Anleihen in vierzehn Tranchen — von 4,45 Prozent für fünf Jahre bis 6,85 Prozent für vierzig Jahre, fällig im Februar 2066. Der Zinsaufwand kletterte um 29 Prozent auf 4,599 Milliarden. Gemessen am Betriebsergebnis von 20,606 Milliarden ist die Zinsdeckung damit rund das 4,5-Fache — ausreichend, aber weit entfernt von der Sorglosigkeit früherer Jahre.
Und jetzt die Zahl, die in keiner Schlagzeile steht, aber mehr über die Lage sagt als jedes Kursziel. Der Anhang nennt für die langfristigen Anleihen einen Buchwert von 128,1 Milliarden US-Dollar — und einen Zeitwert von 114,4 Milliarden. Der Anleihemarkt bewertet Oracles Schulden also mit rund 89 Prozent des Buchwerts. Ein Jahr zuvor waren es 81,3 auf 90,3 Milliarden, also rund 90 Prozent, und zum 28. Februar 2026 lagen 118,4 gegen 130,9 Milliarden, ebenfalls rund 90 Prozent. Der Abschlag ist zum Teil ein Zinseffekt — alte Anleihen mit niedrigem Kupon verlieren, wenn die Marktzinsen steigen. Aber er ist auch ein Urteil. Die professionellen Gläubiger zahlen für Oracles Versprechen weniger als den Nennwert.
Fair bleiben heißt hier: Der Konzern ist nicht in Bedrängnis. Er verfügt seit dem 6. März 2026 über einen ungenutzten Kreditrahmen von 10 Milliarden US-Dollar (zuvor 6 Milliarden), ein auf 10 Milliarden erhöhtes Geldmarktprogramm mit 1,5 Milliarden Inanspruchnahme, 31,894 Milliarden Kasse und Wertpapiere — und er schreibt ausdrücklich: „We were in compliance with all debt-related covenants at May 31, 2026.“ Alle Kreditauflagen eingehalten. Die Fälligkeiten der nächsten Jahre sind überschaubar: 7,210 Milliarden im Geschäftsjahr 2027, 10,145 im Jahr darauf. Der Berg liegt weit hinten: 90,250 Milliarden fallen erst nach dem Geschäftsjahr 2031 an.
Unbequeme Wahrheit Nr. 5: Ein Teil des Rekordgewinns ist einmalig — und ein Teil des Bargelds ist geliehen
Zwei Posten, die man kennen muss, um die Rekordzahlen richtig einzuordnen. Der erste steht im nicht-operativen Ergebnis: Es sprang von 60 Millionen im Geschäftsjahr 2025 auf 3,547 Milliarden US-Dollar. Der Grund ist ein Verkauf. Am 25. November 2025 übernahm SoftBank sämtliche Anteile am Chipentwickler Ampere Computing; Oracle erhielt 4,3 Milliarden US-Dollar in bar und verbuchte daraus einen realisierten Gewinn von 2,7 Milliarden. Das ist bares Geld und völlig legitim — aber es kommt nicht wieder. Vom Sprung des Nettogewinns um 4,644 Milliarden US-Dollar entfällt gut die Hälfte auf diesen einen Vorgang. Das Betriebsergebnis stieg im selben Zeitraum „nur“ von 17,678 auf 20,606 Milliarden.
Der zweite Posten steht im Anhang zur Umsatzerfassung und ist noch feiner. Oracle erhielt im Geschäftsjahr 2026 4,6 Milliarden US-Dollar Vorauszahlungen von Kunden, die eine wesentliche Finanzierungskomponente enthalten — in den Geschäftsjahren 2025 und 2024 gab es solche Zahlungen gar nicht. Übersetzt: Kunden haben so weit im Voraus gezahlt, dass die Rechnungslegung darin wirtschaftlich einen Kredit erkennt. Das Geld ist echt und liegt im operativen Mittelzufluss. Es ist nur eben Geld für Leistungen, die Oracle noch erbringen muss. Ohne diesen Posten hätte der operative Mittelzufluss bei rund 27,4 statt 31,977 Milliarden gelegen.
Ein dritter Hinweis in derselben Richtung: Der Aktienrückkauf, jahrelang Oracles Markenzeichen, ist praktisch eingestellt. Im Geschäftsjahr 2026 kaufte der Konzern 0,4 Millionen Aktien für 93 Millionen US-Dollar zurück — nach 3,9 Millionen Aktien für 600 Millionen (2025) und 10,6 Millionen für 1,2 Milliarden (2024). Zum Vergleich: Im Geschäftsjahr 2019 flossen nach den Fundamentaldaten noch netto über 36 Milliarden US-Dollar in eigene Aktien. Ermächtigt wäre Oracle weiterhin für rund 6,3 Milliarden. Die Dividende dagegen läuft unverändert: 2,00 US-Dollar je Aktie im Geschäftsjahr 2026, zusammen 5,7 Milliarden.
Dazu kommen zwei neue Finanzierungswege, die es vorher nicht gab. Am 5. Februar 2026 gab Oracle 100 Millionen Hinterlegungsscheine auf 50.000 Vorzugsaktien der Serie D mit 6,50 Prozent Dividende aus und nahm netto 5,0 Milliarden US-Dollar ein; sie werden am 15. Januar 2029 zwingend in Stammaktien gewandelt, zu 499,8126 bis 624,7657 Stück je Vorzugsaktie. Rechne die obere Grenze aus, dann kennst du den Wandlungsboden: Erst unterhalb von rund 160 US-Dollar je Stammaktie erhalten die Vorzugsaktionäre die volle Stückzahl — und selbst dann weniger Wert, als sie eingezahlt haben. Und am 2. Februar 2026 richtete Oracle ein Programm ein, über das Stammaktien für bis zu 20 Milliarden US-Dollar nach und nach an der Börse verkauft werden dürfen. Bis zum 31. Mai 2026 wurde daraus keine einzige Aktie verkauft — am 23. Juni 2026, einen Tag nach dem Geschäftsbericht, wurde der Kreis der beauftragten Banken jedoch von fünf auf zwanzig erweitert.
Bewertung — was die Börse gerade bezahlt
Rechnen wir in Größenordnungen statt in Tageskursen. Zum Schlusskurs vom 24. Juli 2026 von 114,99 US-Dollar und bei 2.880.471.000 Aktien (Deckblatt des Geschäftsberichts, Stand 12. Juni 2026) lag der Börsenwert bei rund 331 Milliarden US-Dollar. Gemessen am verwässerten Gewinn von 5,83 US-Dollar je Aktie ist das ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 20; gemessen am Jahresumsatz von 67,357 Milliarden ein Kurs-Umsatz-Verhältnis von rund 4,9; gemessen am Eigenkapital von 43,056 Milliarden ein Kurs-Buchwert-Verhältnis von rund 8,8. Rechnet man die Nettoschulden hinzu, liegt der Unternehmenswert bei rund 460 Milliarden US-Dollar oder etwa dem 13,8-Fachen des operativen Ergebnisses vor Abschreibungen.
Für ein Software-Schwergewicht mit 30,6 Prozent operativer Marge ist ein Zwanzigfaches des Gewinns kein exotischer Preis. Der Haken liegt woanders: Der Gewinn je Aktie enthält den einmaligen Ampere-Effekt, und das Kapital, das ihn erwirtschaftet, wächst gerade schneller als der Gewinn. 43 Milliarden neue Anleihen und 5 Milliarden Vorzugskapital verlangen ab sofort Zinsen und Vorzugsdividenden — im Geschäftsjahr 2026 waren das 4,599 Milliarden Zinsen und 103 Millionen Vorzugsdividende.
Der Blick der Profis, eingeordnet: Aus 39 ausgewerteten Analystenstimmen ergibt sich ein Konsens-Kursziel von 248,15 US-Dollar (Datenstand 25. Juli 2026), bei 20 ausdrücklichen Kaufempfehlungen, 4 Käufen, 15 Halten und keiner Verkaufsempfehlung. Das ist mehr als das Doppelte des Kurses — und damit ein Wert, den man nicht als Prognose lesen sollte, sondern als Stimmungsbild eines Berufsstands, dessen Schätzungen dem Kurs in den vergangenen zwölf Monaten hinterhergelaufen sind. Wer wissen will, wie ein anderer stark gefallener Unternehmenssoftware-Wert aus derselben Scanner-Liste aussieht, findet die Gegenprobe in unserer Analyse zu ServiceNow.
Eine Randnotiz, die zum Bild gehört: Zum Datenstand 25. Juli 2026 waren rund 50,1 Millionen Aktien leerverkauft, nach 37,7 Millionen einen Monat zuvor — knapp drei Prozent aller ausstehenden Aktien. Und in Delaware läuft seit dem 3. Februar 2026 eine Sammelklage von Aktionären gegen Oracle, den Technikvorstand, die beiden Vorstandschefs, zwei weitere Manager und ein Verwaltungsratsmitglied wegen angeblich falscher Aussagen zum Cloud-Infrastruktur-Geschäft. Oracle hält die Klage für unbegründet und erwartet keine wesentlichen Auswirkungen; die Erwiderung ist bis zum 16. September 2026 zu Gericht zu bringen.
Chancen und Risiken auf einen Blick
Chancen
- Auftragsbestand von 638 Milliarden US-Dollar zum 31. Mai 2026 — vertraglich zugesagter Umsatz, der bei planmäßiger Erfüllung mehrere Jahre Wachstum vorzeichnet.
- Cloud-Infrastruktur wächst um 77 Prozent auf 18,101 Milliarden US-Dollar; der Cloud-Anteil am Konzernumsatz stieg binnen zwei Jahren von 37 auf 51 Prozent.
- Das alte Geschäft trägt weiter: 19,804 Milliarden US-Dollar Wartungserlöse mit hoher Wiederkehrquote finanzieren einen erheblichen Teil des Ausbaus.
- Operativer Mittelzufluss von 31,977 Milliarden US-Dollar, plus 54 Prozent und 187 Prozent des Nettogewinns — die Ertragsrechnung ist mit Bargeld unterlegt.
- Finanzierungsspielraum: 31,894 Milliarden Kasse und Wertpapiere, 10 Milliarden ungenutzter Kreditrahmen, 20 Milliarden unberührtes Aktienprogramm, alle Kreditauflagen eingehalten.
Risiken
- Freier Mittelfluss bei minus 23,686 Milliarden US-Dollar im Geschäftsjahr 2026, und Oracle erwartet selbst weiter steigende Investitionen im Geschäftsjahr 2027 und danach.
- 260 Milliarden US-Dollar Mietverpflichtungen außerhalb der Bilanz, mit Laufzeiten von 15 bis 19 Jahren, dazu 13,309 Milliarden unbedingte Kaufverpflichtungen und weitere 19 Milliarden nach dem Bilanzstichtag.
- 129,5 Milliarden US-Dollar Finanzschulden mit Fälligkeiten bis 2066, 4,599 Milliarden Zinsaufwand und eine Eigenkapitalquote von 16,4 Prozent; der Anleihemarkt bewertet die langfristigen Schulden mit rund 89 Prozent des Buchwerts.
- Konzentration auf wenige Großkunden in Teilen des OCI-Geschäfts — nach eigener Darstellung im Risikoteil; fällt einer aus, laufen Mietverträge und deren Finanzierung weiter.
- Qualität des Rekordgewinns: 2,7 Milliarden aus dem einmaligen Ampere-Verkauf und 4,6 Milliarden Kundenvorauszahlungen mit Finanzierungskomponente stützen die Rekordzahlen des Geschäftsjahres 2026.
- Verwässerungspfad: Vorzugsaktien mit Pflichtwandlung am 15. Januar 2029 und ein Aktienverkaufsprogramm über bis zu 20 Milliarden US-Dollar, dessen Bankenkreis am 23. Juni 2026 vervierfacht wurde.
Ein menschliches Fazit
Zurück zur Auftragsbuch-Falle vom Anfang. Sie ist deshalb so wirksam, weil sie nicht auf einer Lüge beruht. Die 638 Milliarden US-Dollar sind echt, sie stehen in einem Bericht, für den Vorstände persönlich haften, und sie sind das Ergebnis von Verträgen, die jemand unterschrieben hat. Der Fehler liegt nicht in der Zahl, sondern in dem, was unser Kopf automatisch daraus macht: ein Guthaben.
Was Oracle im Geschäftsjahr 2026 wirklich getan hat, lässt sich in einem Satz sagen: Der Konzern hat 55,7 Milliarden US-Dollar ausgegeben, 43 Milliarden geliehen und 5 Milliarden neues Vorzugskapital aufgenommen, um Kapazität für ein Auftragsbuch zu bauen, von dem 88 Prozent jenseits des nächsten Jahres liegen. Das kann eine der besten unternehmerischen Entscheidungen dieses Jahrzehnts sein. Es kann auch der Moment sein, in dem ein seit 1986 börsennotiertes Softwarehaus zum Vermieter von Rechenzentren wurde, mit allem, was dazugehört — Mietverträgen über 15 bis 19 Jahre, Bürgschaften für Vermieter und Anleihen, die im Jahr 2066 fällig werden.
Welche der beiden Geschichten stimmt, weiß heute niemand, und wer etwas anderes behauptet, verkauft dir etwas. Was du dagegen tun kannst, ist mitzählen: Wächst der Auftragsbestand weiter? Bleiben die Investitionen oben? Steht die Bürgschaft über 3,3 Milliarden nach dem September 2026 wieder im Bericht? Und werden Aktien aus dem 20-Milliarden-Programm verkauft? Jede dieser vier Zahlen steht im nächsten Quartalsbericht, und jede kostet dich fünf Minuten.
Was du daraus machst, ist deine Entscheidung. Und das ist auch gut so.
Quellen
- SEC-Geschäftsbericht 10-K, Oracle Corporation, Geschäftsjahr bis 31. Mai 2026, eingereicht am 22. Juni 2026 (Item 1 Business, Item 1A Risk Factors, Item 7 MD&A, Note 1, Note 3, Note 6, Note 9, Note 10, Note 15)
- SEC-Quartalsbericht 10-Q, Oracle Corporation, zum 28. Februar 2026, eingereicht am 11. März 2026
- SEC-Geschäftsbericht 10-K, Oracle Corporation, Geschäftsjahr bis 31. Mai 2025, eingereicht am 18. Juni 2025
- SEC-Prospekt-Nachtrag 424B5 vom 23. Juni 2026 (Aktienverkaufsprogramm über bis zu 20 Milliarden US-Dollar, zusätzliche Verkaufsagenten)
- SEC-Ad-hoc-Meldung 8-K vom 10. Juni 2026 (Quartals- und Jahresergebnis, Dividendenbeschluss, Notierung der Hinterlegungsscheine ORCL-PRD)
- SEC-Einreichungsverzeichnis zu CIK 0001341439 (Firmierung, Börsenplätze, Filing-Historie; Stand 26. Juli 2026)
- Screener- und Kennzahlendaten: hauseigener Aktien-Scanner (Datenstand 25. Juli 2026), darunter der Turnaround-Kandidaten-Scanner (US-Auswahl, Platz 20 von 62, Wende-Check 6 von 8) — die Listen werden täglich neu berechnet.
- Quelle: Fundamentaldaten & SEC-Berichte (Geschäfts- und Quartalsberichte, 10-K/10-Q); Kurs-, Bewertungs- und Analystendaten mit Datenstand 25. Juli 2026 auf Basis des Schlusskurses vom 24. Juli 2026.
Journalistische Einordnung, keine Anlageberatung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Aktien können einen Totalverlust bedeuten. Alle Zahlen stammen aus den oben verlinkten Originalquellen und tragen ihren jeweiligen Stichtag; Kennzahlen können sich seit dem Datenstand verändert haben. Der Autor hält zum Zeitpunkt der Veröffentlichung keine Position in Oracle-Aktien.
Unser Fazit auf einen Blick
- Geschäftsmodell und Marktstellung positiv
- Oracle verkauft die Datenbank, auf der ein großer Teil der Unternehmenswelt läuft, dazu Anwendungen und seit einigen Jahren Cloud-Rechenleistung. Im Geschäftsjahr 2026 kamen 51 Prozent des Umsatzes aus der Cloud, nach 37 Prozent zwei Jahre zuvor. Der Umsatz stieg auf 67,357 Milliarden US-Dollar, die operative Marge lag bei 30,6 Prozent, in Forschung und Entwicklung flossen 10,272 Milliarden.
- Auftragsbestand positiv
- Der Auftragsbestand sprang binnen zwölf Monaten von 138 auf 638 Milliarden US-Dollar (Stand 31. Mai 2026) — das ist vertraglich zugesagter, noch nicht gebuchter Umsatz. Selbst die konservativ erwarteten 12 Prozent für die nächsten zwölf Monate entsprechen rund 77 Milliarden und damit mehr als dem gesamten Jahresumsatz 2026.
- Mittelfluss und Investitionslast negativ
- Die Sachinvestitionen stiegen im Geschäftsjahr 2026 von 21,215 auf 55,663 Milliarden US-Dollar. Der freie Mittelfluss fiel damit auf minus 23,686 Milliarden — 139 Prozent des Jahresgewinns. Oracle erwartet ausdrücklich, dass dieser Aufwärtstrend im Geschäftsjahr 2027 und darüber hinaus anhält.
- Verschuldung negativ
- Die Finanzschulden stiegen zum 31. Mai 2026 auf 129,5 Milliarden US-Dollar nach 92,6 Milliarden im Vorjahr, der Zinsaufwand um 29 Prozent auf 4,599 Milliarden. Der Anleihemarkt bewertete 128,1 Milliarden Buchwert mit 114,4 Milliarden Zeitwert, also rund 89 Prozent. Die Eigenkapitalquote lag bei 16,4 Prozent, der Altman-Z-Score bei 1,43 (Datenstand 25. Juli 2026).
- Verpflichtungen außerhalb der Bilanz negativ
- 260 Milliarden US-Dollar Mietverpflichtungen für Rechenzentren stehen zum 31. Mai 2026 weder als Vermögen noch als Schuld in der Bilanz; sie beginnen zwischen dem Geschäftsjahr 2027 und 2029 und laufen 15 bis 19 Jahre. Dazu kommen 13,309 Milliarden unbedingte Kaufverpflichtungen und nach dem Stichtag weitere 19 Milliarden. Die gesamte Bilanzsumme beträgt 261,759 Milliarden.
- Klumpenrisiko neutral
- Kein Einzelkunde erreichte in den Geschäftsjahren 2024 bis 2026 zehn Prozent des Konzernumsatzes — das entlastet. Zugleich schreibt Oracle im Risikoteil selbst, in bestimmten Cloud-Infrastruktur-Angeboten sei man „stärker auf eine Reihe von Großkunden konzentriert“, und der Sprung des Auftragsbestands wird auf „bestimmte bedeutende Cloud-Verträge“ zurückgeführt. Wie viele Kunden dahinterstehen, nennt der Bericht nicht.
- Bewertung neutral
- Zum Schlusskurs vom 24. Juli 2026 von 114,99 US-Dollar und 2.880.471.000 Aktien lag der Börsenwert bei rund 331 Milliarden US-Dollar: das rund 20-Fache des verwässerten Gewinns von 5,83 US-Dollar je Aktie, rund das 4,9-Fache des Jahresumsatzes und rund das 8,8-Fache des Buchwerts. Das Konsens-Kursziel von 39 ausgewerteten Analystenhäusern lag bei 248,15 US-Dollar (Datenstand 25. Juli 2026).
Oracle hat im Geschäftsjahr 2026 zwei Rekorde gleichzeitig aufgestellt: 638 Milliarden US-Dollar Auftragsbestand und minus 23,686 Milliarden freien Mittelfluss. Beides gehört zusammen, denn das eine ist die Vorleistung für das andere. Das Tagesgeschäft trägt: 67,357 Milliarden Umsatz, 20,606 Milliarden Betriebsergebnis, 31,977 Milliarden operativer Mittelzufluss, 141.000 Beschäftigte, kein Einzelkunde über zehn Prozent des Umsatzes. Die Rechnung dafür steht daneben: 129,5 Milliarden Finanzschulden, 4,599 Milliarden Zinsaufwand, 16,4 Prozent Eigenkapitalquote — und 260 Milliarden Mietverpflichtungen für Rechenzentren, die in keiner Bilanzzeile auftauchen. Die entscheidende Frage stellt Oracle im eigenen Risikoteil: Was passiert, wenn Großkunden ihre Verträge nicht erfüllen können, die Mietverträge und deren Finanzierung aber weiterlaufen. Keine Anlageberatung.
Was unsere Einordnung bedeutet
Offene Fragen
Das Geschäft funktioniert grundsätzlich, aber eine wesentliche Frage ist offen. Solange sie offen ist, tragen unsere Befunde kein Qualitätsurteil.
Das Geschäft trägt, und zwar sichtbar: 67,357 Milliarden US-Dollar Umsatz im Geschäftsjahr 2026, 30,6 Prozent operative Marge, 31,977 Milliarden operativer Mittelzufluss — 187 Prozent des Nettogewinns —, eine Zinsdeckung von rund 4,5, kein Einzelkunde über zehn Prozent des Umsatzes und die Bestätigung im Geschäftsbericht, dass alle Kreditauflagen zum 31. Mai 2026 eingehalten wurden. Von einem Substanzbefund ist das weit entfernt: Das Eigenkapital beträgt 43,056 Milliarden, die Kasse samt Wertpapieren 31,894 Milliarden, dazu kommen ein ungenutzter Kreditrahmen über zehn Milliarden und ein Anleihemarkt, der Oracle allein im Geschäftsjahr 2026 43,0 Milliarden abgenommen hat. Offen ist dafür eine sehr große operative Frage, und sie ist der Kern dieser Analyse: Der Konzern hat 55,663 Milliarden in Rechenzentren investiert, 260 Milliarden Mietverpflichtungen außerhalb der Bilanz aufgebaut und den freien Mittelfluss auf minus 23,686 Milliarden gedrückt — gegen ein Auftragsbuch, von dem 88 Prozent jenseits der nächsten zwölf Monate liegen und dessen Zuwachs auf „bestimmte bedeutende Cloud-Verträge“ zurückgeht, deren Zahl der Bericht nicht nennt. Das ist keine belegte Qualität in der Bilanz, aber auch kein belegter Substanzbruch — deshalb Gelb. Dass die Aktie am 24. Juli 2026 rund 65 Prozent unter ihrem Höchstkurs stand, spielt für diese Farbe ausdrücklich keine Rolle: Preis ist kein Qualitätsmerkmal.
Journalistische Einschätzung der Redaktion zum Analysezeitpunkt auf Basis öffentlicher Quellen — keine Anlageberatung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf. Deine persönlichen Umstände (Anlageziele, Risikotragfähigkeit, Steuern) können dabei nicht berücksichtigt werden. Was unsere Stufen bedeuten, wie Urteile entstehen und welche Interessenkonflikte bestehen →
Bitte beachten
- Auf die Rechercheliste kam Oracle über den hauseigenen Aktien-Scanner: Platz 20 von 62 in der Liste „Turnaround-Kandidaten“ (US-Auswahl) mit einem Wende-Check von 6 von 8 Punkten, Stand 25. Juli 2026. Platzierung und Punktzahl sind eine Momentaufnahme dieses Tages — die Listen werden täglich neu berechnet, und in dieser Serie sind bereits mehrere Titel nach dem nächsten Rechenlauf herausgefallen. Die Liste verlangt zwei Pflicht-Säulen: mindestens 50 Prozent unter dem Allzeithoch (Oracle: 64,98 Prozent zum 24. Juli 2026) und gesichertes Überleben über den Altman-Z-Score von mindestens 1,1 (Oracle: 1,43), höchstens ein Bilanz-Warnsignal und positives Eigenkapital.
- Alle Zahlen tragen ihren eigenen Stichtag: Jahreszahlen aus dem Geschäftsbericht 10-K für das Geschäftsjahr 2026 (Periode bis 31.05.2026, eingereicht 22.06.2026), Quartals- und Vergleichszahlen aus dem Quartalsbericht 10-Q zum 28.02.2026 (eingereicht 11.03.2026), ATM-Angaben aus dem Prospekt-Nachtrag 424B5 vom 23.06.2026, Dividendenbeschluss aus der Pflichtmitteilung 8-K vom 10.06.2026, Aktienzahl vom Deckblatt des Geschäftsberichts (Stand 12.06.2026). Kurs- und Bewertungsdaten mit Datenstand 25. Juli 2026 auf Basis des Schlusskurses vom 24. Juli 2026 — evergreen gemeint, kein Tageskurs als Kaufargument.
- Verwechslungsgefahr und Aktualität: Der Ticker ORCL gehört der Oracle Corporation mit Sitz in Austin, Texas (CIK 0001341439). Die im SEC-Register geführte frühere Firmierung „Ozark Holding Inc.“ (19.10.2005 bis 01.02.2006) war das Vehikel für die Verlegung des Konzernsitzes nach Delaware, kein Eigentümerwechsel. Das an der NYSE gehandelte Kürzel ORCL-PRD bezeichnet nicht die Stammaktie, sondern Hinterlegungsscheine auf die 6,50-Prozent-Vorzugsaktie der Serie D. Nach dem Geschäftsbericht vom 22.06.2026 wurden bis zur jüngsten geprüften Einreichung vom 26.06.2026 nur der Prospekt-Nachtrag 424B5 zum ATM-Programm (23.06.2026) sowie Insider- und Veräußerungsmeldungen eingereicht — keine Übernahme, kein Take-private, kein Zusammenschluss.
Häufige Fragen
Am 31. Mai. Das Geschäftsjahr 2026 lief vom 1. Juni 2025 bis zum 31. Mai 2026 und deckt damit im Wesentlichen die zweite Hälfte des Kalenderjahres 2025 und die erste Hälfte 2026 ab. Der Geschäftsbericht (10-K) dazu ging am 22. Juni 2026 bei der US-Börsenaufsicht SEC ein. Wer Oracle mit Kalenderjahr-Bilanzierern vergleicht, verschiebt also immer um rund ein halbes Jahr.
Der Auftragsbestand („remaining performance obligations“) ist die Summe aller vertraglich zugesagten, aber noch nicht als Umsatz gebuchten Leistungen. Er stand zum 31. Mai 2026 bei 638 Milliarden US-Dollar nach 138 Milliarden ein Jahr zuvor. Oracle erwartet davon nur rund 12 Prozent als Umsatz der nächsten zwölf Monate. Der Rest verteilt sich über Jahre — und setzt voraus, dass die Kunden zahlungsfähig bleiben.
Weil der Scanner keine Namen kennt, sondern zwei Pflichtbedingungen prüft. Erstens muss die Aktie mindestens 50 Prozent unter dem Allzeithoch stehen — Oracle lag am 24. Juli 2026 mit 114,99 US-Dollar rund 65 Prozent unter dem Höchstkurs vom 10. September 2025. Zweitens muss der Altman-Z-Score über 1,1 liegen; Oracle kam auf 1,43. Beides erfüllt, also steht die Aktie auf der Liste.
Zum 31. Mai 2026 nennt der Geschäftsbericht 129,5 Milliarden US-Dollar Finanzschulden mit Fälligkeiten bis in das Kalenderjahr 2066, nach 92,6 Milliarden ein Jahr zuvor. Der Zinsaufwand stieg im Geschäftsjahr 2026 um 29 Prozent auf 4,599 Milliarden. Die zuletzt begebenen langen Anleihen tragen Kupons bis 6,85 Prozent. Oracle war zum Stichtag nach eigener Angabe mit allen Kreditauflagen im Einklang.
Oracle hat Rechenzentren angemietet, deren Mietzeit noch nicht begonnen hat — deshalb tauchen sie weder als Vermögen noch als Schuld in der Bilanz auf. Der Anhang beziffert sie zum 31. Mai 2026 auf 260 Milliarden US-Dollar, mit Beginn zwischen dem Geschäftsjahr 2027 und 2029 und Laufzeiten von 15 bis 19 Jahren. Zum Vergleich: Die gesamte Bilanzsumme beträgt 261,759 Milliarden.
Nein. Im Ergebnis des Geschäftsjahres 2026 steckt ein realisierter Gewinn von 2,7 Milliarden US-Dollar aus dem Verkauf der Beteiligung an Ampere Computing, die SoftBank am 25. November 2025 übernahm; Oracle erhielt dafür 4,3 Milliarden in bar. Das Betriebsergebnis selbst lag bei 20,606 Milliarden nach 17,678 Milliarden im Vorjahr — die operative Verbesserung ist also echt, der Sprung beim Nettogewinn aber zu einem Teil einmalig.
Am 5. Februar 2026 gab Oracle 100 Millionen Hinterlegungsscheine auf 50.000 Vorzugsaktien der Serie D aus und nahm damit netto 5,0 Milliarden US-Dollar ein. Sie werden am 15. Januar 2029 zwingend in Stammaktien gewandelt, zu 499,8126 bis 624,7657 Stück je Vorzugsaktie. Zusätzlich besteht seit dem 2. Februar 2026 ein Programm, über das Oracle Stammaktien für bis zu 20 Milliarden verkaufen darf — bis zum 31. Mai 2026 wurde keine Aktie daraus verkauft.
Die Dividende läuft: 2,00 US-Dollar je Stammaktie im Geschäftsjahr 2026, zusammen 5,7 Milliarden, dazu 63 Millionen an die Vorzugsaktionäre. Im Juni 2026 beschloss der Verwaltungsrat erneut 0,50 US-Dollar je Aktie. Die Rückkäufe dagegen sind praktisch eingestellt: 93 Millionen US-Dollar im Geschäftsjahr 2026 nach 600 Millionen (2025) und 1,2 Milliarden (2024). Ermächtigt wäre Oracle noch für rund 6,3 Milliarden.
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