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Karat Packaging: Ein Rekordgewinn, der ohne Steuerrückzahlung ein Rückgang gewesen wäre

Karat Packaging: Ein Rekordgewinn, der ohne Steuerrückzahlung ein Rückgang gewesen wäre

Karat Packaging meldet für das zweite Quartal 2026 einen Gewinnsprung von 168,3 Prozent — die Art Schlagzeile, an der sich Anleger sofort festbeißen. Wer nachrechnet, findet einen anderen Wert: Eine einzige Zollrückerstattung von 25,8 Millionen US-Dollar ist größer als der gesamte ausgewiesene Gewinnzuwachs — ohne sie wäre der Gewinn gefallen, nicht gestiegen. Wir haben den Quartalsbericht, drei Jahre Geschäftsberichte und zwölf Investoren-Calls gelesen und zeigen, was von der Zahl übrig bleibt, wenn man den ersten Anker löst.

Thomas Mücke Gründer & Herausgeber
· 17 Min. Lesezeit

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Stand heute

Stand: 7. August 2026

Schlusskurs
47,10 $ +11,10 %
Marktkapitalisierung
0,9 Mrd. $
KGV
30,4
Wachstums-Score
6/10
AAQS
9/10

Diese Analyse hat einen Stichtag. Der Aktien-Wächter meldet sich, wenn sich an den Zahlen etwas Wesentliches ändert. Zur kostenlosen Vormerkung

Karat Packaging: Ein Rekordgewinn, der ohne Steuerrückzahlung ein Rückgang gewesen wäre
Eigene Darstellung: Börsenlotse · Quelle: Fundamentaldaten & SEC-Berichte (Geschäfts- und Quartalsberichte, 10-K/10-Q)

Chart

Interaktiver Kurs-Chart (TradingView).

52-Wochen-Spanne: 21,10 $ bis 47,10 $ · Letzter Kurs: 47,10 $ (Stand: 7. August 2026)

Hinweis: reine Faktenanalyse, keine Anlageberatung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf. Angaben ohne Gewähr.

Es gibt einen psychologischen Trick, den unser eigenes Gehirn an uns verübt, ohne dass wir es merken: den Ankereffekt. Die erste Zahl, die wir zu einer Sache sehen, wird zum Maßstab, an dem wir alles Folgende messen — selbst wenn diese erste Zahl komplett irreführend ist. Ein Preisschild mit „statt 200 Euro" lässt 120 Euro günstig wirken, egal was das Produkt wert ist. Und eine Schlagzeile wie „Gewinn plus 168 Prozent" setzt sich im Kopf fest, bevor irgendjemand gefragt hat, woraus dieser Gewinn eigentlich besteht. Genau diesen Anker hat Karat Packaging (Nasdaq: KRT) am 6. August 2026 gesetzt, als der Hersteller und Distributor von Einweg-Foodservice-Verpackungen aus Chino, Kalifornien, seine Zahlen zum zweiten Quartal 2026 veröffentlichte. Die Schlagzeile stimmt sogar: 168,3 Prozent mehr Nettogewinn gegenüber dem Vorjahresquartal. Was in der Schlagzeile fehlt, steht ein paar Zeilen tiefer im selben Bericht, von Karat Packaging selbst offengelegt: Eine einzige, einmalige Zollrückerstattung ist größer als der gesamte ausgewiesene Gewinnzuwachs. Löst man den Anker und rechnet ohne sie, ist der Gewinn nicht gestiegen — er ist gefallen. Lies mit uns den frischen Quartalsbericht, drei Jahre Geschäftsberichte und zwölf Investoren-Calls, bevor du dich selbst auf die erste Zahl festlegst.

Was Karat Packaging eigentlich verkauft — die Ausrüstung hinter der Ausrüstung

Karat Packaging stellt her und vertreibt Einweg-Produkte für die Gastronomie: Take-out-Behälter, Tüten, Becher, Deckel, Besteck, Strohhalme, Handschuhe und Spezial-Getränkezutaten wie Sirup und Boba-Tee-Zutaten — übersetzt in ein Alltagsbild: alles, was zwischen der Küche eines Restaurants und deiner Hand landet, wenn du dir Essen zum Mitnehmen holst. Rund 8.400 unterschiedliche Artikel umfasst das Sortiment, aus Kunststoff, Papier, Biopolymer und weiteren kompostierbaren Materialien, ein gutes Drittel davon (34,1 Prozent des Umsatzes 2025) unter der hauseigenen Öko-Marke Karat Earth. Das Unternehmen wurde im Jahr 2000 als Lollicup gegründet, ging im April 2021 an die Börse und beschäftigte zum 31. Dezember 2025 rund 696 Mitarbeiter, davon 636 in Vollzeit — eine überschaubare Belegschaft, weil Karat Packaging bewusst „asset-light" fährt: Nur noch etwa 9 Prozent des Umsatzes stammen aus eigener Fertigung (2024: 11 Prozent), der Rest wird bei rund 150 Vendoren weltweit eingekauft, mit Taiwan als größtem Sourcing-Land (rund 50 Prozent laut Geschäftsbericht für 2025) und einem seit Jahren sinkenden China-Anteil — dazu gleich mehr, denn genau hier liegt eine der drei unbequemen Wahrheiten dieser Analyse. Verkauft wird über drei Kanäle: an nationale und regionale Restaurantketten sowie Großhändler (370,6 Mio. US-Dollar Umsatz 2025), an kleinere Einzelhandelskunden wie Bubble-Tea- und Coffee-Shops sowie über einen wachsenden Online-Kanal. Kein einzelner Kunde macht mehr als 10 Prozent des Umsatzes aus — eine breite Streuung, die das Unternehmen widerstandsfähiger gegen den Verlust eines Großkunden macht, als es viele Industriezulieferer sind. Geführt wird Karat Packaging von den beiden Mitgründern: Alan Yu als Chairman und CEO, Marvin Cheng als Vice President Manufacturing, dazu Jian Guo als CFO.

Damit ist das Spannungsfeld dieser Analyse umrissen: Karat Packaging ist ein solide wachsendes, diversifiziertes Konsumgüter-Unternehmen ohne Schulden — aber der aktuelle Rekordgewinn ist zu einem großen Teil ein Bilanzierungseffekt aus der US-Zollpolitik, nicht ein Beweis für mehr operative Stärke. Und genau dort, wo das Management zuletzt die größten Versprechen gemacht hat — Unabhängigkeit von China —, zeigen die eigenen Zahlen der letzten Quartale, dass davon bislang wenig eingelöst wurde.

Wo die Aktie auf unseren Tisch kam — 168 Prozent mehr Gewinn

Auf die Rechercheliste kam Karat Packaging über den Kalender: Am 6. August 2026 veröffentlichte das Unternehmen seine Ergebnismitteilung (8-K, Anlage 99.1) zum zweiten Quartal 2026, einen Tag später, am 7. August 2026, folgte der ausführliche Quartalsbericht (10-Q). Die Schlagzeile ist eindrucksvoll: 136,3 Mio. US-Dollar Umsatz (+9,9 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal) und ein Nettogewinn von 29,6 Mio. US-Dollar — ein Plus von 168,3 Prozent. Was diesen Bericht für uns interessant machte, war nicht nur die große Zahl, sondern ein einziger Nebensatz mitten im Text der eigenen Pressemitteilung: Karat Packaging schreibt selbst, dass „International Emergency Economic Powers Act ('IEEPA') tariff refunds reduced costs of goods sold by \$25.8 million" — auf Deutsch: Zollrückerstattungen nach dem International Emergency Economic Powers Act senkten die Kosten der verkauften Waren um 25,8 Millionen US-Dollar. Eine Zahl dieser Größenordnung verdient einen zweiten Blick, bevor man die Schlagzeile für bare Münze nimmt — und genau dorthin führt uns das nächste Kapitel.

Die Zahlen über die Jahre — solide, aber mit sinkender Marge

Bevor wir das frische Quartal sezieren, lohnt der Blick auf die längere Reihe. Karat Packaging ist seit dem Börsengang jedes Jahr gewachsen: Der Umsatz stieg von 405,7 Mio. US-Dollar (2023) über 422,6 Mio. (2024) auf 467,7 Mio. US-Dollar im Geschäftsjahr 2025 — ein Plus von 10,7 Prozent im letzten Jahr, laut Geschäftsbericht (10-K) getrieben von 11,2 Prozent mehr Volumen. Der Nettogewinn folgt dieser Kurve dagegen nicht eins zu eins: Er fiel von 33,2 Mio. US-Dollar (2023) auf 30,8 Mio. (2024), bevor er 2025 wieder auf 32,7 Mio. US-Dollar kletterte — ein Auf und Ab, das unter dem Umsatzwachstum liegt. Der Grund steht ebenfalls im Geschäftsbericht: Fracht- und Zollkosten haben sich von 14,7 Mio. US-Dollar (2024) auf 29,3 Mio. US-Dollar (2025) fast verdoppelt, was 22 Prozent mehr Importvolumen und höhere Zollsätze widerspiegelt. Die Bruttomarge fiel entsprechend von 38,9 Prozent (2024) auf 36,8 Prozent (2025) — ein Rückgang um 210 Basispunkte in einem einzigen Jahr.

Balkendiagramm von Umsatz und Nettogewinn bei Karat Packaging 2023 bis 2025 in Millionen US-Dollar: Umsatz 405,7 / 422,6 / 467,7; Nettogewinn 33,2 / 30,8 / 32,7. Der Umsatz steigt durchgehend, der Gewinn schwankt darunter.
Der Umsatz wächst seit 2023 durchgehend, der Nettogewinn schwankt darunter — Fracht- und Zollkosten fast verdoppelt (14,7 auf 29,3 Mio. US-Dollar 2024/2025) drücken die Marge. Quelle: Fundamentaldaten & SEC-Berichte (Geschäfts- und Quartalsberichte, 10-K/10-Q). Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

Diese Reihe ist wichtig, um das frische Quartal richtig einzuordnen: Karat Packaging ist kein Unternehmen, das seit Jahren mühelos seine Marge ausbaut — es ist ein Unternehmen, das seit zwei Jahren gegen steigende Zoll- und Frachtkosten ankämpft, bei weiterhin wachsendem Umsatz. Vor diesem Hintergrund wirkt ein Quartal mit angeblich 168 Prozent mehr Gewinn wie ein Ausreißer nach oben. Ob es einer ist, klärt das nächste Kapitel.

Der frische Quartalsbericht: ausgewiesen vs. bereinigt

Am 20. Februar 2026 entschied der US Supreme Court, dass bestimmte, unter dem International Emergency Economic Powers Act (IEEPA) erhobene Zölle verfassungswidrig waren. Der Fall wurde an den U.S. Court of International Trade zurückverwiesen, mit der Anweisung, die Rückerstattung aller gezahlten IEEPA-Zölle an die Importeure zu regeln. Karat Packaging reichte im April 2026 entsprechende Rückerstattungsanträge beim US-Zoll ein — und verbucht die zurückerhaltenen Beträge nach US-Bilanzierungsregeln (ASC 450) als Kostenminderung, sobald sie als wahrscheinlich gelten und die betroffene Ware bereits verkauft wurde. Der Quartalsbericht formuliert die rechtliche Grundlage selbst:

„On February 20, 2026, the U.S. Supreme Court held that certain tariffs previously imposed under IEEPA were unconstitutional. The case was remanded to the U.S. Court of International Trade for further instructions regarding the refund of all IEEPA tariffs paid by importers of record.“

Übersetzung: „Am 20. Februar 2026 entschied der US Supreme Court, dass bestimmte, zuvor unter dem IEEPA erhobene Zölle verfassungswidrig waren. Der Fall wurde an den U.S. Court of International Trade zurückverwiesen, mit weiteren Anweisungen zur Rückerstattung aller von Einführern gezahlten IEEPA-Zölle.“

— Karat Packaging Inc., SEC-Quartalsbericht 10-Q zum 30.06.2026

Gelb markierte Textstelle aus dem Karat-Packaging-Quartalsbericht 10-Q zum 30.06.2026: Der US Supreme Court erklärte am 20. Februar 2026 bestimmte IEEPA-Zölle für verfassungswidrig, der Fall wurde zur Regelung der Rückerstattungen an den U.S. Court of International Trade zurückverwiesen.
Die markierte Stelle im Original: die rechtliche Grundlage der Zollrückerstattung, wie Karat Packaging sie selbst beschreibt. Quelle: SEC-Quartalsbericht 10-Q zum 30.06.2026 (sec.gov), Hervorhebung von uns. Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

Im zweiten Quartal 2026 flossen daraus 25,8 Mio. US-Dollar in eine Verringerung der Kosten der verkauften Waren, plus 0,9 Mio. US-Dollar Zinserträge auf die Rückerstattung — zusammen ein Vorsteuereffekt von 26,7 Mio. US-Dollar. Wichtig zu verstehen: Das ist kein Bilanztrick, sondern die Rückzahlung von Zöllen, die Karat Packaging in den Vorquartalen tatsächlich gezahlt und als Kosten verbucht hatte — die Erstattung dreht also frühere, echte Kostenbelastungen um. Genau deshalb ist sie zugleich unwiederholbar: Sie taucht nur einmal auf, in dem Quartal, in dem der Zahlungseingang wahrscheinlich wurde.

Die ausgewiesenen Zahlen des Quartals sehen dadurch außergewöhnlich gut aus: Bruttomarge 56,6 Prozent (Vorjahr: 39,6 Prozent), Nettomarge 21,8 Prozent (Vorjahr: 8,9 Prozent), Adjusted EBITDA 41,6 Mio. US-Dollar (Vorjahr: 17,7 Mio.). Zieht man den IEEPA-Effekt heraus — und Karat Packaging selbst beziffert seinen Beitrag in jeder einzelnen Kennzahl —, kippt das Bild:

Wasserfall-Diagramm der Bereinigung des Nettogewinns von Karat Packaging im zweiten Quartal 2026 in Millionen US-Dollar: ausgewiesener Nettogewinn 29,6; minus Beitrag der IEEPA-Zollrückerstattung 20,2; bereinigter Nettogewinn 9,4 — niedriger als der Vorjahreswert von 11,1 Millionen US-Dollar.
Ausgewiesen plus 168,3 Prozent, bereinigt ein Rückgang: Der IEEPA-Effekt (20,2 Mio. US-Dollar Beitrag zum Nettogewinn) ist größer als der gesamte ausgewiesene Gewinnzuwachs gegenüber dem Vorjahresquartal (18,6 Mio. US-Dollar). Quelle: Ergebnismitteilung Q2 2026 (8-K vom 06.08.2026, Anlage 99.1). Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

Karat Packaging selbst nennt in der Ergebnismitteilung die exakten Beiträge: 20,2 Mio. US-Dollar des Nettogewinns, 1,00 US-Dollar des verwässerten Ergebnisses je Aktie von 1,46 US-Dollar, und 1.480 Basispunkte der Nettomarge von 21,8 Prozent stammen aus der Zollrückerstattung. Rechnet man das heraus: Der bereinigte Nettogewinn liegt bei rund 9,4 Mio. US-Dollar — niedriger als die 11,1 Mio. US-Dollar des Vorjahresquartals, ein Rückgang von rund 15 Prozent. Das bereinigte Ergebnis je Aktie fällt von 0,54 auf etwa 0,46 US-Dollar. Die bereinigte Bruttomarge liegt bei rund 37,7 Prozent (Vorjahr: 39,6 Prozent), das bereinigte Adjusted EBITDA bei rund 15,8 Mio. US-Dollar (Vorjahr: 17,7 Mio.) — beides niedriger als vor einem Jahr. Anders gesagt: Der Teil des Geschäfts, der sich wiederholen lässt, ist nicht gewachsen. Er ist geschrumpft, während Produktkosten (49,2 Prozent vom Umsatz, Vorjahr 48,5 Prozent) und Importkosten (11,1 Prozent, Vorjahr 9,5 Prozent) weiter zulegten. Über das erste Halbjahr 2026 wiederholt sich dasselbe Muster: 36,8 Mio. US-Dollar ausgewiesener Nettogewinn (+105,9 Prozent), davon 20,2 Mio. US-Dollar IEEPA-Beitrag — bereinigt bleiben rund 16,6 Mio. US-Dollar, eine Nettomarge von etwa 6,5 Prozent statt ausgewiesener 14,5 Prozent, ebenfalls unter den 7,8 Prozent des Vorjahreshalbjahres.

Was zwölf Conference-Calls verraten

Ein einzelnes Quartal erzählt nur die halbe Geschichte. Die andere Hälfte steht in dem, was das Management über mehrere Jahre hinweg öffentlich versprochen und dann tatsächlich geliefert hat — und besonders in den Fragerunden, in denen Analysten nachbohren dürfen, statt nur das vorbereitete Statement entgegenzunehmen. Wir haben zwölf Earnings-Calls von Anfang 2023 bis zum ersten Quartal 2026 durchgesehen (eine Mitschrift, das zweite Quartal 2024, war nicht verfügbar).

Am hartnäckigsten hat sich das Management auf den Rückzug aus China festgelegt — genau das Thema, das im nächsten Kapitel als unbequeme Wahrheit Nr. 2 wieder auftaucht. Im ersten Quartal 2025 fragte ein Analyst der Investmentbank Truist Securities in der Fragerunde konkret nach, wie schnell Karat die China-Abhängigkeit senken könne. CEO Alan Yu antwortete mit einer sehr konkreten Zahl:

„Our goal is actually, we're expected to be at no more than 1% or maybe 1% or a little bit more than that by August of this year.“

Übersetzung: „Unser Ziel ist eigentlich, dass wir bis August dieses Jahres bei nicht mehr als 1 Prozent liegen, vielleicht 1 Prozent oder ein bisschen mehr.“

— Alan Yu, CEO Karat Packaging Inc., Earnings-Call Q1/2025 (Fragerunde)

Die eigenen späteren Zahlen widersprechen diesem Versprechen deutlich. Im Call zum vierten Quartal 2025 nannte das Management den China-Anteil am Importmix mit 14 Prozent, im Call zum ersten Quartal 2026 lag er bei 11 Prozent — immerhin ein Rückgang gegenüber 18 Prozent im Vorjahresquartal, aber weit über dem selbst gesetzten „nicht mehr als 1 Prozent" für August 2025.

Ein zweites wiederkehrendes Versprechen betrifft Zukäufe. Seit dem Börsengang taucht in praktisch jedem Call der Hinweis auf, man befinde sich in aktiven Gesprächen über Übernahmen oder Partnerschaften. Im ersten Quartal 2024 wurde Yu in der Fragerunde konkret:

„We're hopeful that by the end of this year or third quarter, we should be able to have some results in terms of what acquisition or what partnership that we may have by third quarter of this year.“

Übersetzung: „Wir hoffen, dass wir bis zum Jahresende oder zum dritten Quartal einige Ergebnisse vorweisen können, was Übernahme oder Partnerschaft angeht, bis zum dritten Quartal dieses Jahres.“

— Alan Yu, CEO Karat Packaging Inc., Earnings-Call Q1/2024 (Fragerunde)

Bis zum jüngsten verfügbaren Call (erstes Quartal 2026) ist keine einzige Übernahme abgeschlossen — weder die für 2024 noch spätere in Aussicht gestellte. Eingehalten wurden dagegen die operativen Versprechen zu neuen Standorten: Die Distributionszentren in Chicago und Houston gingen wie im zweiten Quartal 2023 angekündigt im September 2023 in Betrieb, das Arizona-Lager — im vierten Quartal 2023 für den Beginn des zweiten Quartals 2024 angekündigt — war laut Call vom Mai 2024 voll betriebsbereit, und das große neue Verteilzentrum in Chino (187.000 Quadratfuß) meldete das Management wie im Call zum ersten Quartal 2025 angekündigt im Folgequartal als voll einsatzfähig.

Der deutlichste Stimmungsumschwung liegt zwischen dem ersten und dritten Quartal 2025. Im Call zum dritten Quartal 2025 fragte Analyst Michael Francis unverblümt, ob eine Rückkehr zur alten Bruttomarge „im hohen 30-Prozent-Bereich" angesichts der Zölle überhaupt realistisch sei. Yus Antwort klang spürbar vorsichtiger als noch im Frühjahr:

„We're trying to be conservative right now at this point because there's still uncertainty. But the good thing is we feel there's a tailwind.“

Übersetzung: „Wir versuchen, im Moment vorsichtig zu sein, weil es noch Unsicherheit gibt. Aber das Gute ist, wir spüren einen Rückenwind.“

— Alan Yu, CEO Karat Packaging Inc., Earnings-Call Q3/2025 (Fragerunde)

Interessant an dieser Antwort: Die Bruttomarge war im dritten Quartal 2025 auf 34,5 Prozent gefallen, nach 38,6 Prozent im Vorjahresquartal, und der operative Cashflow des Quartals schrumpfte laut Quartalsbericht (10-Q) um 95,0 Prozent auf 1,0 Mio. US-Dollar. Den Margendruck führte Yu aber nicht allein auf Zölle zurück, sondern ausdrücklich auch auf den Wechselkurs: Der taiwanesische Dollar hatte binnen drei Tagen um 11 Prozent gegenüber dem US-Dollar aufgewertet — für ein Unternehmen, das rund die Hälfte seiner Ware in Taiwan einkauft, verteuert das den Einkauf schlagartig. Bis zum Herbst 2025 war von diesen 11 Prozent laut Yu noch eine Aufwertung von rund 4,5 bis 5 Prozent übrig. Das zeigt: Die Marge von Karat Packaging hängt nicht nur an der US-Zollpolitik, sondern auch an Wechselkursen in den Beschaffungsländern — ein zusätzlicher Unsicherheitsfaktor, der in der offiziellen Kommunikation selten so offen benannt wird wie in dieser Fragerunde. Am schärfsten wurde es im Call zum ersten Quartal 2024, als Analyst Michael Hoffman von Stifel nach einer überraschenden Änderung bei der Umsatzverbuchung fragte und dem Management unverblümt riet:

„Sounds like you ought to get another auditor.“

Übersetzung: „Klingt so, als solltet ihr euch einen anderen Wirtschaftsprüfer suchen.“

— Michael Hoffman, Analyst (Stifel), Earnings-Call Q1/2024 (Fragerunde)

Eine bemerkenswerte Fußnote zu diesem Kommentar: Zwei Jahre später, im März 2026, wechselte Karat Packaging tatsächlich den Wirtschaftsprüfer — von PricewaterhouseCoopers zu BDO USA. Mehr dazu im Kapitel zur Governance. Die Bilanz dieses Abschnitts: Bei operativen Zusagen wie neuen Standorten liefert das Management verlässlich. Bei strategischen Versprechen — China-Diversifizierung, Übernahmen, Margen-Erholung — klaffen Ankündigung und Ergebnis deutlich auseinander, und im offenen Q&A wird das Management dabei sichtbar vorsichtiger, als es die vorbereiteten Statements vermuten lassen.

Unbequeme Wahrheit Nr. 1: Das Unternehmen sagt selbst, dass der Effekt weg ist

Wer noch daran zweifelt, dass die 56,6 Prozent Bruttomarge und die 30,5 Prozent Adjusted-EBITDA-Marge des zweiten Quartals 2026 ein Einmaleffekt waren, muss nur die eigene Prognose von Karat Packaging für das dritte Quartal 2026 lesen. Das Unternehmen erwartet eine Bruttomarge von 35 bis 37 Prozent und eine Adjusted-EBITDA-Marge von 9 bis 11 Prozent — ein Absturz um mehr als 20 Prozentpunkte gegenüber dem gerade gemeldeten Quartal, ausdrücklich mit dem Zusatz „including insignificant IEEPA tariff refunds anticipated during the quarter" (auf Deutsch: einschließlich unbedeutender, für das Quartal erwarteter IEEPA-Zollrückerstattungen). Die Guidance für das Gesamtjahr 2026 — Bruttomarge „in the low 40 percents", Adjusted-EBITDA-Marge „approximately mid-teens" — liegt ebenfalls weit unter dem, was das zweite Quartal für sich genommen suggeriert, auch wenn sie die im ersten Halbjahr bereits verbuchten Rückerstattungen noch enthält. Mit anderen Worten: Karat Packaging selbst rechnet vor, dass die Zahlen des dritten Quartals 2026 im direkten Vergleich zum zweiten Quartal wie ein herber Rückgang aussehen werden — nicht weil das Geschäft schlechter läuft, sondern weil der Einmaleffekt schlicht nicht wiederkommt. Wer die 168-Prozent-Schlagzeile als neues Normalniveau in die Zukunft fortschreibt, wird von der eigenen Prognose des Unternehmens widerlegt.

Unbequeme Wahrheit Nr. 2: Das gebrochene China-Versprechen

Die zweite unbequeme Wahrheit ist im vorigen Kapitel bereits angeklungen, gehört aber eigenständig hierher: Das Zoll-Thema ist mit der IEEPA-Rückerstattung nicht erledigt — es ist offen. Der Geschäftsbericht (10-K) für 2025 benennt das ausdrücklich als eines der zentralen Risiken:

„There remained substantial uncertainty regarding the duration of existing and newly announced tariffs, potential changes or pauses to such tariffs, tariff levels, and the availability, timing and amount of any potential refunds of such tariffs.“

Übersetzung: „Es bestand weiterhin erhebliche Unsicherheit über die Dauer bestehender und neu angekündigter Zölle, mögliche Änderungen oder Aussetzungen dieser Zölle, die Zollhöhe sowie die Verfügbarkeit, den Zeitpunkt und die Höhe etwaiger Rückerstattungen dieser Zölle.“

— Karat Packaging Inc., SEC-Geschäftsbericht 10-K für 2025

Gelb markierte Textstelle aus dem Karat-Packaging-Geschäftsbericht 10-K für 2025: erhebliche Unsicherheit über Dauer, Änderungen und Rückerstattung bestehender und neuer Zölle.
Die markierte Stelle im Original: Das Unternehmen selbst benennt anhaltende Unsicherheit über künftige Zölle und Rückerstattungen als Risiko. Quelle: SEC-Geschäftsbericht 10-K für 2025 (sec.gov), Hervorhebung von uns. Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

Übersetzt in ein Alltagsbild: Karat Packaging hat gerade eine Steuerrückzahlung für zu viel gezahlte Zölle der letzten Jahre erhalten — aber die US-Regierung hat laut demselben Geschäftsbericht bereits angekündigt, nach dem Supreme-Court-Urteil neue Zölle über andere Rechtsgrundlagen zu erheben. Es ist, als würde ein Handwerksbetrieb eine Steuerrückerstattung für zu viel gezahlte Abgaben aus den Vorjahren bekommen, während das Finanzamt gleichzeitig ein neues, noch unklares Abgabenmodell für die kommenden Jahre ankündigt. Genau in diesem Umfeld hat Karat Packaging sein „nicht mehr als 1 Prozent"-Ziel für die China-Beschaffung verfehlt: Mit 11 bis 14 Prozent China-Anteil im Importmix (Stand Ende 2025 / Anfang 2026) bleibt ein wesentlicher Teil der Lieferkette weiterhin dem unsichersten Teil der US-Handelspolitik ausgesetzt. Zur Einordnung, dass Karat Packaging mit diesem Problem nicht allein ist: Auch andere Importeure amerikanischer Konsumgüter mussten nach demselben Supreme-Court-Urteil Rückerstattungen verbuchen — wie wir in unserer Analyse zum Möbelhändler Lovesac gezeigt haben, der bis Mitte 2026 rund 3,6 Mio. US-Dollar zurückerhielt und ebenfalls mit einer margenbelastenden Zollstruktur kämpft. Der Unterschied bei Karat Packaging: Die Rückerstattung ist mit 25,8 Mio. US-Dollar um ein Vielfaches größer — und damit auch der Kontrast zwischen ausgewiesenem und bereinigtem Ergebnis.

Unbequeme Wahrheit Nr. 3: Governance in Gründerhand

Die dritte unbequeme Wahrheit betrifft nicht das operative Geschäft, sondern wer eigentlich entscheidet. Laut dem Stimmrechtsvertreter-Rundschreiben (DEF 14A) vom 24. April 2026 hält CEO Alan Yu 30,6 Prozent der ausstehenden Aktien, Mitgründer und VP Manufacturing Marvin Cheng weitere 26,3 Prozent. Zusammen mit den übrigen Direktoren und Führungskräften ergibt das eine geballte Machtposition:

„As of April 21, 2026, all directors and executive officers as a group have voting power representing approximately 57.9% of our outstanding common stock.“

Übersetzung: „Zum 21. April 2026 verfügten alle Direktoren und Führungskräfte als Gruppe über Stimmrechte, die rund 57,9 Prozent der ausstehenden Stammaktien des Unternehmens entsprechen.“

— Karat Packaging Inc., SEC-Stimmrechtsvertreter-Rundschreiben (DEF 14A) vom 24.04.2026

Gelb markierte Textstelle aus dem Karat-Packaging-Stimmrechtsvertreter-Rundschreiben: Alle Direktoren und Führungskräfte zusammen kontrollieren rund 57,9 Prozent der Stimmrechte.
Die markierte Stelle im Original: knapp 58 Prozent Stimmrechte in der Hand von Management und Board. Quelle: SEC-Stimmrechtsvertreter-Rundschreiben (DEF 14A) vom 24.04.2026 (sec.gov), Hervorhebung von uns. Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

Mehr als die Hälfte der Stimmrechte bei fünf Personen — das ist bei familiengeführten Mittelständlern nicht unüblich und schützt vor kurzfristigem Aktivisten-Druck, bedeutet aber auch: Externe Aktionäre haben faktisch kein Druckmittel, um eine Strategie zu ändern, die dem Management nicht passt. Verschärft wird das Bild durch eine zweite, konkrete Verflechtung: Ein Familienmitglied eines Karat-Aktionärs ist über die Firmen Keary Global und Keary International zugleich Einkaufsagent und Warenlieferant des Unternehmens in Übersee. Der Geschäftsbericht (10-K) für 2025 beziffert das Volumen exakt:

„Purchases for the years ended December 31, 2025 and 2024 from this related party were \$33,237,000 and \$35,109,000, respectively.“

Übersetzung: „Die Einkäufe von diesem verbundenen Unternehmen beliefen sich in den Geschäftsjahren zum 31. Dezember 2025 und 2024 auf 33.237.000 US-Dollar beziehungsweise 35.109.000 US-Dollar.“

— Karat Packaging Inc., SEC-Geschäftsbericht 10-K für 2025, Note 14 (Related Party Transactions)

Das entspricht gut 7 Prozent des Jahresumsatzes 2025, die durch eine einzige, familiär verbundene Lieferkette laufen — plus 15 Prozent aller offenen Warenverbindlichkeiten, die zum Bilanzstichtag bei genau diesem verbundenen Unternehmen standen, in beiden Jahren identisch. Auch beim Wirtschaftsprüfer gab es zuletzt Bewegung: Im März 2026 löste Karat Packaging PricewaterhouseCoopers als Abschlussprüfer ab und bestellte stattdessen BDO USA — ohne dass die Mitteilung (8-K) das als Streitfall darstellt. Offengelegt wird darin aber auch, dass es zuvor zwei sogenannte wesentliche Schwächen der internen Kontrollen gab: unzureichende IT-Kontrollen im Geschäftsjahr 2023 und eine unzureichende Funktionstrennung bei Journalbuchungen im Geschäftsjahr 2024 — beide nach eigener Angabe inzwischen behoben. Nichts davon ist ein Beweis für Fehlverhalten. Aber die Kombination — knapp 58 Prozent Stimmrechte in Gründerhand, ein siebenstelliger Anteil des Wareneinkaufs bei einer familiär verbundenen Firma, und zwei kurz aufeinanderfolgende, inzwischen geschlossene Kontrollschwächen — ist genau die Art von struktureller Abhängigkeit, die ein Anleger kennen sollte, bevor er sich allein auf die schuldenfreie Bilanz verlässt.

Bewertung: billig oder teuer, je nachdem, wen man fragt

Der Börsenwert von Karat Packaging lag am 7. August 2026 bei einem Schlusskurs von 47,09 US-Dollar und 19.931.721 ausstehenden Aktien (Stand des Quartalsberichts-Deckblatts vom 04.08.2026) bei rund 939 Mio. US-Dollar. Hier zeigt sich, wie sehr die Bewertung vom Anker abhängt, den man wählt: Auf Basis des ausgewiesenen Gewinns der letzten vier abgeschlossenen Quartale (2,51 US-Dollar je Aktie, inklusive des vollen IEEPA-Effekts im zweiten Quartal 2026) ergibt sich ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 19 — auf den ersten Blick eine moderate, fast günstige Bewertung für ein wachsendes Konsumgüter-Unternehmen. Zieht man stattdessen den einmaligen IEEPA-Beitrag von 1,00 US-Dollar je Aktie aus der TTM-Basis heraus (bereinigt: 1,51 US-Dollar je Aktie), steigt das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf rund 31 — ein deutlich anderer Preis für dieselbe Aktie am selben Tag. Dazu passt die Dividende: Am 4. August 2026 erhöhte der Vorstand die Quartalsdividende auf 0,47 US-Dollar je Aktie (zuvor 0,45 US-Dollar), was auf Jahresbasis rund 1,88 US-Dollar und bei 47,09 US-Dollar Kurs eine Rendite von etwa 4,0 Prozent ergibt — bei einer Ausschüttungsquote, die auf Basis des bereinigten statt des ausgewiesenen Gewinns deutlich höher liegt, als die Schlagzeilenzahl suggeriert. Diese Rechnung ist keine Aussage darüber, ob die Aktie in den kommenden Monaten steigt oder fällt — sie zeigt nur, dass „billig" oder „teuer" bei Karat Packaging aktuell fast vollständig davon abhängt, ob man den Ankereffekt aus dem zweiten Quartal mitnimmt oder nicht.

Chancen und Risiken auf einen Blick

Was für Karat Packaging spricht:

  • Durchgehendes Umsatzwachstum seit dem Börsengang: von 405,7 Mio. US-Dollar (2023) auf 467,7 Mio. US-Dollar (2025), plus 11,3 Prozent im ersten Halbjahr 2026 — getragen von einer breiten Kundenbasis ohne Klumpenrisiko bei einzelnen Großkunden.
  • Schuldenfreie, wachsende Bilanz: Eigenkapital von 156,9 auf 174,3 Mio. US-Dollar gestiegen (31.12.2025 auf 30.06.2026), keine gezogenen Finanzschulden, Covenant-Konformität bestätigt, dazu ein erstes Aktienrückkaufprogramm (15 Mio. US-Dollar, November 2025) und eine im August 2026 erhöhte Dividende.
  • Neue margenstarke Sparte im Aufbau: Der Papiertüten-/SOS-Bag-Umsatz stieg von 7,9 auf 13,7 Mio. US-Dollar (2024/2025), mit einem Zielvolumen von 100 Mio. US-Dollar Zusatzumsatz binnen zwei bis drei Jahren laut Management — bislang ohne Anzeichen, dass dieses Ziel verfehlt wird.
  • Operative Zusagen zu neuen Standorten wurden bislang zuverlässig eingehalten (Chicago, Houston, Arizona, Chino) — anders als die strategischen Ziele zu China und M&A.

Was dagegen spricht:

  • Der Rekordgewinn des zweiten Quartals 2026 ist zu einem großen Teil ein Einmaleffekt: 20,2 Mio. US-Dollar IEEPA-Zollrückerstattung sind größer als der gesamte ausgewiesene Gewinnzuwachs — bereinigt sinkt der Gewinn unter das Vorjahresniveau, und das Unternehmen selbst prognostiziert für das dritte Quartal 2026 einen Absturz der Margen um mehr als 20 Prozentpunkte.
  • Das eigene Ziel, die China-Beschaffung bis August 2025 auf „nicht mehr als 1 Prozent" zu senken, wurde deutlich verfehlt — 11 bis 14 Prozent des Importmix stammten noch Ende 2025/Anfang 2026 aus China, bei anhaltender Unsicherheit über künftige US-Zölle.
  • Governance-Konzentration: 57,9 Prozent der Stimmrechte bei Management und Board, dazu 33,2 Mio. US-Dollar Wareneinkauf 2025 bei einer familiär verbundenen Lieferkette (Keary Global/Keary International) — plus ein Wirtschaftsprüfer-Wechsel im März 2026 nach zuvor offengelegten, inzwischen behobenen Kontrollschwächen.
  • Fracht- und Zollkosten haben sich 2024/2025 fast verdoppelt (14,7 auf 29,3 Mio. US-Dollar) und drücken strukturell auf die Marge, unabhängig vom IEEPA-Sondereffekt.

Ein menschliches Fazit

Zurück zum Ankereffekt vom Anfang. Sein Kern ist nicht, dass die 168-Prozent-Schlagzeile falsch wäre — sie ist korrekt, geprüft und von Karat Packaging selbst so berichtet. Ihr Kern ist, dass diese eine Zahl im Kopf hängen bleibt, lange nachdem man den Nebensatz mit der Zollrückerstattung vergessen hat. Nach der Lektüre des Quartalsberichts, dreier Jahre Geschäftsberichte und zwölf Earnings-Calls lässt sich ein ehrlicheres Bild zeichnen: Karat Packaging ist ein solide wachsendes, schuldenfreies Konsumgüter-Unternehmen mit einer neuen, margenstarken Wachstumssparte — aber sein jüngster Rekordgewinn ist zu einem großen Teil eine Steuerrückzahlung, sein eigenes China-Versprechen ist bislang nicht eingelöst, und seine Stimmrechte liegen mehrheitlich bei den Gründern, deren Familie zugleich Teil der Lieferkette ist. Nichts davon macht Karat Packaging zu einem schlechten Unternehmen. Es macht die 168-Prozent-Schlagzeile aber zu etwas anderem als einem Beweis für dauerhaft höhere Profitabilität: zu einer einmaligen Steuerrückzahlung mit einem klaren Verfallsdatum, das das Unternehmen selbst für das dritte Quartal bereits angekündigt hat. Die ehrliche Frage an dich lautet deshalb nicht „Wächst der Gewinn auch im dritten Quartal um 168 Prozent weiter?", sondern: Welchen Anker hast du gesetzt, bevor du diesen Artikel gelesen hast — und hältst du an ihm fest, jetzt wo du die bereinigte Zahl kennst? Was du daraus machst, ist deine Entscheidung. Und das ist auch gut so.

Quellen

Alle in dieser Analyse verwendeten Originaldokumente — zum Selbst-Nachlesen:

Transparenz & Disclaimer: Diese Analyse ist eine journalistische Einordnung öffentlich zugänglicher Informationen und keine Anlageberatung, keine Finanzanalyse im aufsichtsrechtlichen Sinn und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Aktien-Investments sind mit erheblichen Risiken bis hin zum Totalverlust verbunden. Alle Angaben ohne Gewähr; Stand der Daten ist jeweils im Text vermerkt. Der Autor hält zum Zeitpunkt der Veröffentlichung keine Position in Karat-Packaging-Aktien.

Die Kennzahlen im Überblick

Alle Geldbeträge in Millionen $, Gewinn je Aktie wie berichtet.

Die Kennzahlen im Überblick
Kennzahl 2021 2022 2023 2024 2025
Umsatz 364,2 423,0 405,7 422,6 467,7
Betriebsergebnis (EBIT) 23,1 30,0 42,1 37,8 41,1
Nettogewinn 20,8 23,6 32,5 30,0 31,5
Nettomarge 5,7 % 5,6 % 8,0 % 7,1 % 6,7 %
Gewinn je Aktie 1,05 $ 1,19 $ 1,63 $ 1,49 $ 1,56 $

Quelle: Fundamentaldaten & SEC-Berichte (Geschäfts- und Quartalsberichte, 10-K/10-Q)

Unser Fazit auf einen Blick

Umsatzwachstum positiv
Durchgehendes Umsatzwachstum seit dem Börsengang: 405,7 Mio. US-Dollar (2023) auf 467,7 Mio. (2025), +11,3 Prozent im ersten Halbjahr 2026. Breite Kundenbasis, kein Einzelkunde über 10 Prozent des Umsatzes.
Bilanz & Kapitalrückführung positiv
Eigenkapital von 156,9 auf 174,3 Mio. US-Dollar gestiegen (31.12.2025 auf 30.06.2026), keine gezogenen Finanzschulden, Covenant-konform. Erstes Aktienrückkaufprogramm (November 2025) und im August 2026 erhöhte Dividende (0,47 US-Dollar je Aktie).
Bereinigte Ertragsqualität negativ
Der ausgewiesene Gewinnsprung im zweiten Quartal 2026 (+168,3 Prozent) stammt zu mehr als dem gesamten Zuwachs aus einer einmaligen Zollrückerstattung (20,2 Mio. US-Dollar). Bereinigt sinkt der Gewinn unter das Vorjahresniveau; das Unternehmen selbst prognostiziert für Q3 2026 einen Margen-Absturz.
Zoll- und China-Abhängigkeit negativ
Das eigene Ziel, die China-Beschaffung bis August 2025 auf „nicht mehr als 1 Prozent“ zu senken, wurde deutlich verfehlt (11 bis 14 Prozent Ende 2025/Anfang 2026). Fracht- und Zollkosten haben sich 2024/2025 fast verdoppelt, anhaltende Unsicherheit über künftige US-Zölle laut eigenem Risikofaktor.
Governance-Konzentration negativ
57,9 Prozent der Stimmrechte bei Management und Board, dazu 33,2 Mio. US-Dollar Wareneinkauf 2025 bei einer familiär verbundenen Lieferkette (Keary Global/Keary International). Wirtschaftsprüfer-Wechsel im März 2026 nach zuvor offengelegten, inzwischen behobenen Kontrollschwächen.

Karat Packaging ist ein solide wachsendes, schuldenfreies Konsumgüter-Unternehmen — aber sein jüngster Rekordgewinn ist zu einem großen Teil eine einmalige Zollrückerstattung, die größer ist als der gesamte ausgewiesene Gewinnzuwachs. Bereinigt sinkt der Gewinn unter das Vorjahresniveau, das eigene China-Versprechen ist bislang nicht eingelöst, und die Stimmrechte liegen mehrheitlich bei den Gründern, deren Familie zugleich Teil der Lieferkette ist. Keine Anlageberatung.

Was unsere Einordnung bedeutet

Offene Fragen

Das Geschäft funktioniert grundsätzlich, aber eine wesentliche Frage ist offen. Solange sie offen ist, tragen unsere Befunde kein Qualitätsurteil.

Bilanz und Kapitalrückführung sind solide, das operative Geschäft wächst durchgehend im Umsatz — Substanzrisiken sind nicht erkennbar. Auf Gelb steht die Ampel, weil eine wesentliche operative Frage offen ist: Wie profitabel ist Karat Packaging tatsächlich, wenn man den IEEPA-Einmaleffekt herausrechnet, und hält die selbst versprochene China-Diversifizierung dieses Mal Schritt? Beides sind offene operative Fragen, kein Substanzrisiko. Die Governance-Konzentration (57,9 Prozent Stimmrechte, familiär verbundener Großlieferant) verstärkt die Vorsicht zusätzlich, ohne für sich genommen ein Rot zu begründen. Die Ampel beurteilt das Unternehmen, nicht den Aktienkurs oder die Bewertung.

Journalistische Einschätzung der Redaktion zum Analysezeitpunkt auf Basis öffentlicher Quellen — keine Anlageberatung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf. Deine persönlichen Umstände (Anlageziele, Risikotragfähigkeit, Steuern) können dabei nicht berücksichtigt werden. Was unsere Stufen bedeuten, wie Urteile entstehen und welche Interessenkonflikte bestehen →

Bitte beachten

  • Auf die Rechercheliste kam Karat Packaging über den Kalender: die Ergebnismitteilung zum zweiten Quartal 2026 (8-K vom 06.08.2026) und den Quartalsbericht (10-Q, eingereicht 07.08.2026) — ein ausgewiesener Gewinnsprung von 168,3 Prozent.
  • Der IEEPA-Zollrückerstattungseffekt (20,2 Mio. US-Dollar Nettogewinn-Beitrag im zweiten Quartal 2026) ist ein von Karat Packaging selbst offengelegter, expliziter Einmaleffekt — die bereinigten Werte in dieser Analyse sind einfache Subtraktionen der vom Unternehmen selbst genannten Beiträge, keine eigene Schätzung.
  • Bewertungsangaben (Börsenwert rund 939 Mio. US-Dollar, KGV rund 19 bzw. 31) sind Datenstand 07.08.2026 und evergreen zu lesen — kein Kaufargument, nur ein datierter Anker.

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Aktien-Wächter

Diese Analyse ist Stand 8. August 2026. Was sich seitdem bei KRT geändert hat, meldet Dir der Aktien-Wächter.

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Wir bestätigen Deine Adresse zuerst per Mail (Double-Opt-in). Du kannst Dich jederzeit mit einem Klick wieder abmelden.

Häufige Fragen

Karat Packaging Inc. (Nasdaq: KRT, Chino/Kalifornien, rund 696 Beschäftigte zum 31.12.2025) stellt her und vertreibt Einweg-Foodservice-Produkte wie Take-out-Behälter, Tüten, Becher, Deckel, Besteck und Handschuhe aus Kunststoff, Papier und kompostierbaren Materialien, darunter die Öko-Marke Karat Earth. Jahresumsatz 2025: 467,7 Mio. US-Dollar.

Karat Packaging meldete für Q2 2026 einen Nettogewinn von 29,6 Mio. US-Dollar (+168,3 Prozent). Davon stammen laut eigener Angabe 20,2 Mio. US-Dollar aus einer einmaligen Rückerstattung von IEEPA-Zöllen. Bereinigt um diesen Effekt liegt der Gewinn bei rund 9,4 Mio. US-Dollar — unter dem Vorjahreswert von 11,1 Mio. US-Dollar.

Am 20. Februar 2026 erklärte der US Supreme Court bestimmte, unter dem International Emergency Economic Powers Act erhobene Zölle für verfassungswidrig. Karat Packaging erhielt daraufhin 25,8 Mio. US-Dollar Rückerstattung auf in Vorquartalen bereits gezahlte Zölle — eine Rückbuchung vergangener Kosten, die sich nicht wiederholt. Für das dritte Quartal 2026 rechnet das Unternehmen selbst nur noch mit „unbedeutenden“ IEEPA-Effekten.

Das Management versprach im ersten Quartal 2025, die China-Beschaffung bis August 2025 auf „nicht mehr als 1 Prozent“ zu senken. Laut eigenen Angaben lag der China-Anteil am Importmix Ende 2025 bei 14 Prozent und im ersten Quartal 2026 bei 11 Prozent — ein Rückgang gegenüber 18 Prozent im Vorjahr, aber weit über dem selbst gesetzten Ziel.

Die Bilanz ist solide: Eigenkapital von 174,3 Mio. US-Dollar (30.06.2026), keine gezogenen Finanzschulden, Einhaltung aller Kreditlinien-Covenants, ein Aktienrückkaufprogramm sowie eine im August 2026 auf 0,47 US-Dollar je Aktie erhöhte Quartalsdividende. Offene Fragen betreffen nicht die Substanz, sondern die operative Ertragsqualität und die Governance-Konzentration.

CEO Alan Yu hält 30,6 Prozent, Mitgründer Marvin Cheng 26,3 Prozent der Aktien; alle Direktoren und Führungskräfte zusammen kontrollieren 57,9 Prozent der Stimmrechte (Stand 21.04.2026). Zusätzlich ist ein Familienmitglied eines Aktionärs über die Firmen Keary Global und Keary International Einkaufsagent des Unternehmens (Einkaufsvolumen 2025: 33,2 Mio. US-Dollar).

Bei einem Börsenwert von rund 939 Mio. US-Dollar (Datenstand 07.08.2026) ergibt sich auf Basis des ausgewiesenen Gewinns ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 19 — bereinigt um den IEEPA-Einmaleffekt aus dem zweiten Quartal 2026 steigt es auf rund 31.

Ja. Am 4. August 2026 erhöhte der Vorstand die Quartalsdividende auf 0,47 US-Dollar je Aktie (zuvor 0,45 US-Dollar), zahlbar Ende August 2026. Auf Jahresbasis entspricht das rund 1,88 US-Dollar je Aktie beziehungsweise einer Rendite von etwa 4,0 Prozent beim Kurs vom 07.08.2026.

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