FIGS: Das beste Quartal der Firmengeschichte — und der Zoll, den ein Gericht kassierte
FIGS verkauft Kittel und Kasacks direkt an Pflegekräfte und Ärztinnen — und lieferte im ersten Quartal 2026 die stärksten Zahlen seit dem Börsengang: 159,9 Millionen US-Dollar Umsatz (+28,0 Prozent), 6,3 Millionen Nettogewinn nach 0,1 Millionen Verlust ein Jahr zuvor. Nur stammt ein Teil des Rückenwinds nicht aus dem Laden, sondern aus Washington: Der US-Supreme-Court kippte im Februar 2026 die IEEPA-Zölle, FIGS beantragte rund 20 Millionen US-Dollar Erstattung — Umfang und Zeitpunkt laut Quartalsbericht ungewiss. Unter der Wasserlinie liegen 45,6 Millionen Optionen und RSU zum durchschnittlichen Ausübungspreis von 4,09 US-Dollar (Stand 31. Dezember 2025) und eine Stimmrechtsstruktur, in der 4,97 Prozent des Kapitals 51,1 Prozent der Stimmen tragen. Der hauseigene Aktien-Scanner führt FIGS auf Platz 44 der Ergebnisüberraschungen (US-Auswahl, Stand 25. Juli 2026). Keine Empfehlung — nur die Frage, wie viel von diesem Quartal die Firma selbst verdient hat.
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Es gibt eine Anleger-Falle, die genau dann zuschnappt, wenn alles gut aussieht — die Rückenwind-Falle. Sie geht so: Eine Firma legt ein glänzendes Quartal vor, und dein Kopf schreibt das Verdienst automatisch der Mannschaft zu. Niemand fragt, wer den Wind gemacht hat. FIGS, Inc. (NYSE: FIGS) aus Santa Monica hat im ersten Quartal 2026 das beste Quartal seiner Geschichte geliefert: 159,9 Millionen US-Dollar Umsatz statt 124,9 Millionen ein Jahr zuvor, 6,3 Millionen US-Dollar Nettogewinn statt 0,1 Millionen Verlust. Nur wehte ein Teil dieses Windes aus Washington: Im Februar 2026 erklärte der Oberste Gerichtshof der USA den Einsatz des Notstandsgesetzes IEEPA für Zölle für unzulässig — und damit war die Zoll-Rechnung, die FIGS drei Monate zuvor noch mit rund 400 Basispunkten Margenbelastung für 2026 kalkuliert hatte, plötzlich eine andere. Machen wir also einen Deal: Bevor du das Quartal als Beweis für ein besseres Geschäftsmodell nimmst, lesen wir gemeinsam, was FIGS selbst der US-Börsenaufsicht SEC gemeldet hat — den Geschäftsbericht (10-K) für 2025, den Quartalsbericht (10-Q) zum 31. März 2026 und das Proxy-Statement zur Hauptversammlung 2026. Diese Berichte sind unter Strafandrohung ehrlich. Und sie erzählen von einer echten, wachsenden Marke, von 20 Millionen US-Dollar Zoll-Erstattung, die noch niemand hat, von 45,6 Millionen Optionen und Aktienzusagen unter der Wasserlinie — und von 4,97 Prozent des Kapitals, denen 51,1 Prozent der Stimmen gehören. Am Ende entscheidest du selbst.
Was FIGS eigentlich macht: eine Marke für ein Kleidungsstück, das keine hatte
Wenn du im Krankenhaus warst, hast du das Produkt gesehen, ohne es zu bemerken: die einfarbigen Hosen und Oberteile, die Pflegekräfte und Ärztinnen tragen. Im Englischen heißen sie Scrubs, auf Deutsch am ehesten Kasack und Kittel. Jahrzehntelang war das ein Massenprodukt ohne Namen — gekauft über Krankenhaus-Einkauf oder Uniformläden, aus dünnem Polyester, in wenigen Farben. FIGS, 2013 von Heather Hasson und Catherine Spear gegründet, hat daraus eine Marke gemacht: eigener Stoff („FIONx"), Passformen, Farbserien in limitierter Auflage, Verkauf direkt über die eigene Website und App an die Trägerinnen und Träger selbst, nicht an die Einkaufsabteilung.
Das Unternehmen nennt seine Kundschaft „Awesome Humans" und beschreibt sein Geschäftsmodell im Geschäftsbericht so nüchtern, wie es nur eine Pflichtveröffentlichung kann: Man habe „eine zuvor unmarkierte Branche markiert und ein zuvor zur Massenware gewordenes Produkt entkommodifiziert". Neben den Kasacks verkauft FIGS inzwischen Unterziehshirts, Jacken, Kittel, Schuhe und Kompressionsstrümpfe — im Bericht als „Non-Scrubwear" geführt. Im ersten Quartal 2026 entfielen 126,6 Millionen US-Dollar auf Scrubwear und 33,3 Millionen auf Non-Scrubwear; geografisch kamen 131,6 Millionen aus den USA und 28,3 Millionen aus dem Rest der Welt. Dazu kommen fünf eigene Läden, die FIGS „Community Hubs" nennt, und ein Geschäftskundenzweig namens TEAMS. Produziert wird nicht selbst: Die Fertigung lief 2025 „ungefähr zu gleichen Teilen" über Zulieferer in Vietnam und Jordanien, in kleinerem Umfang in China und Peru. Merke: FIGS ist ein Markenartikler mit Onlinehandel — die Fabriken gehören anderen, die Zölle zahlt trotzdem FIGS.
Zwei Dinge machen das Geschäft ungewöhnlich robust. Erstens ist Berufskleidung kein Wunsch, sondern eine Notwendigkeit: Wer im Schichtdienst arbeitet, verschleißt Kittel, und der Bericht nennt das Geschäft ausdrücklich „weitgehend nicht-diskretionär, nachkaufgetrieben". Zweitens gibt es kaum Saison: Anders als Modehandel verkauft FIGS das ganze Jahr über dieselben Kernartikel, nur das vierte Quartal liegt wegen Aktionen etwas höher. Der Preis dafür: Ein Markenaufschlag auf ein Basisprodukt muss jedes Jahr neu verdient werden — über Marketing, Farben und Neuheiten. Und genau dieses Marketing ist im ersten Quartal 2026 um 62,4 Prozent gestiegen.
Wo die Aktie auf unseren Tisch kam
FIGS ist uns nicht durch eine Kursbewegung aufgefallen, sondern durch eine Reihe: Der hauseigene Aktien-Scanner sucht Unternehmen, deren berichtetes Ergebnis deutlich über der Erwartung der Analysten lag — „Big Earnings Surprise". Dort steht FIGS auf Platz 44 von 81 US-Treffern, RS-Rating 64, Stand 25. Juli 2026. Wenn du das nachvollziehen willst: Die Liste liegt öffentlich unter Big Earnings Surprise; sie wird täglich neu berechnet, die Platzierung von heute ist also nicht die von morgen.
Was steht hinter der Platzierung? Vier Quartale in Folge über der Erwartung (Datenstand 25. Juli 2026, Konsens der Analysten):
- 1. Quartal 2026 (berichtet am 7. Mai 2026): 0,03 statt 0,02 US-Dollar je Aktie — +50 Prozent
- 4. Quartal 2025 (26. Februar 2026): 0,10 statt 0,02 US-Dollar — +400 Prozent
- 3. Quartal 2025 (6. November 2025): 0,05 statt 0,02 US-Dollar — +150 Prozent
- 2. Quartal 2025 (7. August 2025): 0,04 statt 0,02 US-Dollar — +100 Prozent
Diese Zahlen sind echt, aber sie brauchen eine Übersetzung. Eine Überraschung von „+400 Prozent" klingt gewaltig und ist doch nur ein Cent-Abstand: 0,10 statt 0,02 US-Dollar. Bei einer Firma, die gerade erst von der Nulllinie weggeht, ist der prozentuale Überraschungswert fast bedeutungslos — jede Abweichung um einen Cent erzeugt dreistellige Prozentzahlen. Das ist die erste Bewertung, die wir vornehmen: Die Serie ist eine echte Trendwende in der Ertragslage, aber ihre Prozentzahlen sind aufgeblasen. Interessanter ist, was der Markt daraus machte: Am 7. Mai 2026 schloss die Aktie bei 15,37 US-Dollar, am Tag nach dem Quartalsbericht bei 11,63 US-Dollar — knapp ein Viertel tiefer, trotz Übertreffen. Bis zum 24. Juli 2026 stand der Schlusskurs bei 9,51 US-Dollar. Eine Ergebnisüberraschung ist also kein Kaufsignal, sondern eine Frage: Warum hat der Markt sie nicht gefeiert? Die Antwort steht in den Berichten.
Die Zahlen über die Jahre — ehrlich gewürdigt
Fangen wir mit dem an, was wirklich beeindruckt. FIGS ist seit dem Börsengang im Mai 2021 in jedem einzelnen Jahr gewachsen — durch die Nachpandemie-Delle, durch die Inflationsjahre, durch die Zoll-Turbulenzen:
In Zahlen: 419,6 Millionen US-Dollar (2021), 505,8 (2022), 545,6 (2023), 555,6 (2024), 631,1 (2025) — das sind über vier Jahre 50 Prozent mehr Umsatz. Das Nettoergebnis lief dagegen Achterbahn: −9,6 Millionen (2021), +21,2 (2022), +22,6 (2023), +2,7 (2024), +34,3 (2025). Das Jahr 2024 war der Tiefpunkt: 1,8 Prozent Umsatzwachstum, eine um 1,5 Prozentpunkte gefallene Bruttomarge und 42,7 Millionen US-Dollar aktienbasierte Vergütung, die das Ergebnis fast vollständig auffraßen. 2025 kam die Wende: Der Umsatz stieg um 13,6 Prozent, die aktienbasierte Vergütung sank auf 26,9 Millionen, und aus 2,7 Millionen Gewinn wurden 34,3 Millionen.
Und dann das erste Quartal 2026. FIGS listet die Kennzahlen im Quartalsbericht selbst auf:
Die Begleitzahlen passen zum Bild: Die Bruttomarge stieg leicht von 67,6 auf 67,7 Prozent, das bereinigte Betriebsergebnis (adjustiertes EBITDA) von 9,2 auf 13,9 Millionen US-Dollar, die aktiven Kunden von 2,696 auf 3,024 Millionen. Der Umsatz je aktivem Kunden legte von 208 auf 220 US-Dollar zu, der durchschnittliche Bestellwert von 119 auf 124 US-Dollar. Auffällig stark war das Auslandsgeschäft: 28,3 statt 18,9 Millionen US-Dollar, ein Plus von rund 50 Prozent. Und die Bilanz ist eine der saubersten, die man in dieser Größenklasse findet: 74,3 Millionen US-Dollar Kasse plus 202,7 Millionen kurzfristige Anlagen zum 31. März 2026, gegen 132,8 Millionen Gesamtverbindlichkeiten — davon keine einzige aus Bankkrediten. Die 100-Millionen-Kreditlinie bei der Bank of America ist bis auf 8,4 Millionen Akkreditive ungenutzt und läuft seit der zweiten Änderung vom 3. November 2025 bis zum 3. November 2030.
Das ist die Spitze des Eisbergs, und sie ist echt. Jetzt tauchen wir.
Was in den Berichten steht
Unbequeme Wahrheit Nr. 1: Ein Gericht hat die Margenprognose umgeschrieben — und 20 Millionen liegen noch beim Zoll
Am 26. Februar 2026 legte FIGS den Geschäftsbericht für 2025 vor. Darin stand eine klare Warnung: Ohne Gegenmaßnahmen werde die Zoll-Belastung die Bruttomarge 2026 um rund 400 Basispunkte — also vier Prozentpunkte — drücken. Für ein Unternehmen mit 66,5 Prozent Bruttomarge wäre das ein spürbarer Schlag; 2025 hatte der Zoll bereits 120 Basispunkte gekostet, im vierten Quartal 2025 sogar 260.
Zweieinhalb Monate später, im Quartalsbericht vom 7. Mai 2026, klang derselbe Absatz anders. Grund: das Urteil des Obersten Gerichtshofs vom Februar 2026.
„In February 2026, the United States Supreme Court ruled that the use of the International Emergency Economic Powers Act (“IEEPA”) to impose tariffs was not permitted, invalidating a significant portion of U.S. tariffs that had been in effect since April 2025. … We have applied for a refund of approximately $20 million of IEEPA tariffs paid by us, however the ultimate extent and timing of such refunds remains uncertain.“
Übersetzung: „Im Februar 2026 entschied der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten, dass die Nutzung des International Emergency Economic Powers Act (‚IEEPA‘) zur Verhängung von Zöllen nicht zulässig war, wodurch ein erheblicher Teil der seit April 2025 geltenden US-Zölle ungültig wurde. … Wir haben eine Erstattung von rund 20 Millionen US-Dollar an von uns gezahlten IEEPA-Zöllen beantragt; der letztendliche Umfang und Zeitpunkt solcher Erstattungen bleibt jedoch ungewiss.“
— FIGS, Inc., SEC-Quartalsbericht 10-Q zum 31. März 2026, Recent Developments
Drei Dinge stehen in diesem einen Absatz, und alle drei sind für FIGS wichtig. Erstens: Die Regierung ersetzte die gekippten Zölle durch einen Zehn-Prozent-Zoll nach Section 122 des Handelsgesetzes von 1974, befristet auf 150 Tage — wirksam ab 24. Februar 2026, planmäßig auslaufend am 24. Juli 2026, sofern der Kongress nicht verlängert. Eine Absicht, den Satz auf 15 Prozent anzuheben, sei geäußert, aber nicht förmlich umgesetzt worden. Was seit dem 7. Mai 2026 daraus geworden ist, steht in keinem FIGS-Filing: Der nächste Quartalsbericht ist die erste Stelle, an der das Unternehmen den Ist-Zustand dokumentiert. Zweitens: FIGS revidierte seine eigene Prognose nach unten — die Zölle würden die Bruttomarge 2026 belasten, „allerdings in geringerem Umfang, als wir zuvor in unserem Geschäftsbericht 10-K für 2025 offengelegt haben". Drittens: Die beantragten 20 Millionen US-Dollar sind Geld, das FIGS bereits bezahlt hat und zurückhaben möchte. Sie stehen in keiner Bilanzzeile — und sie entsprechen 58 Prozent des gesamten Nettogewinns 2025.
Warum das für die Beurteilung zählt: Die Bruttomarge des ersten Quartals 2026 lag mit 67,7 Prozent nur 0,1 Prozentpunkte über dem Vorjahr — und FIGS führt den Anstieg auf Preiserhöhungen und Effizienz zurück, „weitgehend aufgezehrt durch höhere Zölle und Produktmix". Das heißt im Klartext: Die operative Verbesserung wurde vom Zoll fast vollständig geschluckt. Fällt der Zoll weg, ist Luft nach oben. Kommt er zurück oder steigt auf 15 Prozent, ist sie weg. Wer FIGS heute bewertet, bewertet auch eine Handelspolitik, auf die das Unternehmen keinen Einfluss hat. Ein vergleichbarer Fall aus derselben Zollwelle steht in unserer Analyse zu Hyster-Yale — dort schlug die Rechnung mit rund 100 Millionen US-Dollar zu Buche, und auch dort hält eine Familie die Stimmenmehrheit.
Unbequeme Wahrheit Nr. 2: Ein Viertel des Gewinns je Aktie gehört den Optionen
Verwässerung heißt im Alltagsbild: Dein Stück vom Kuchen wird kleiner, weil neue Gäste an den Tisch kommen — auch wenn der Kuchen selbst nicht schrumpft. Bei FIGS war dieser Effekt vier Jahre lang unsichtbar, und zwar aus einem buchhalterischen Grund: Solange ein Unternehmen Verlust macht, werden Optionen aus der Rechnung „Ergebnis je Aktie" herausgenommen, weil sie den Verlust je Aktie rechnerisch verkleinern würden. Im ersten Quartal 2025 betraf das 17.784.006 Optionen.
Im ersten Quartal 2026 machte FIGS Gewinn — und damit tauchten die Optionen auf:
Die gewichtete Aktienzahl stieg von 166.460.085 auf 196.090.295 — plus 25,06 Millionen aus Optionen und 4,57 Millionen aus Aktienzusagen (RSU). Das sind 17,8 Prozent mehr Aktien und ein Gewinn je Aktie von 0,03 statt 0,04 US-Dollar. Ein Viertel des Gewinns je Aktie verschwindet in der Verwässerung.
Der Vorrat dahinter ist größer als dieser eine Sprung. Zum 31. Dezember 2025 standen laut Proxy-Statement 37.791.945 Optionen zum durchschnittlichen Ausübungspreis von 4,09 US-Dollar und 7.839.905 RSU aus — zusammen 45,63 Millionen Titel bei 165,84 Millionen ausstehenden Aktien, also gut 27 Prozent. Weitere 9.264.545 Titel waren noch nicht ausgegeben, und der Aktienplan wächst jedes Jahr am 1. Januar automatisch um bis zu 5 Prozent der ausstehenden Aktien. Zur Einordnung des Ausübungspreises: 4,09 US-Dollar liegt weit unter dem Schlusskurs von 11,36 US-Dollar am 31. Dezember 2025 — diese Optionen sind tief im Geld und werden mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeübt. Dagegen hält FIGS mit Rückkäufen: Im ersten Quartal 2026 kaufte das Unternehmen 571.592 Aktien für rund 8,8 Millionen US-Dollar zurück; vom 100-Millionen-Rahmen waren zum 31. März 2026 noch 43,2 Millionen frei. Rechne das gegen: 8,8 Millionen US-Dollar Rückkauf im Quartal gegen einen Optionsberg, der beim aktuellen Ausübungspreis rund 155 Millionen US-Dollar an Kapital in die Kasse spülen, aber 37,8 Millionen neue Aktien schaffen würde. Der Rückkauf bremst die Verwässerung, er kehrt sie nicht um.
Unbequeme Wahrheit Nr. 3: 4,97 Prozent des Kapitals halten 51,1 Prozent der Stimmen — mit einem Schalter auf 82,7
FIGS hat zwei Aktiengattungen. Die Class A, die an der New Yorker Börse gehandelt wird, gibt eine Stimme je Aktie. Die Class B, die nicht gehandelt wird, gibt zwanzig. Zum Stichtag der Hauptversammlung am 8. April 2026 standen 158.761.109 Class-A- und 8.283.641 Class-B-Aktien aus. Die Class B macht damit 4,97 Prozent des Kapitals aus — und trägt laut Proxy-Statement 51,1 Prozent der Stimmrechte. FIGS ist deshalb formal eine „controlled company" nach den Regeln der New Yorker Börse und von Teilen der Governance-Vorschriften befreit; das Proxy-Statement weist ausdrücklich darauf hin, dass Aktionäre „möglicherweise nicht denselben Schutz genießen" wie bei anderen Gesellschaften.
Das allein wäre bei einem jungen US-Börsengang nichts Besonderes. Ungewöhnlich ist der Mechanismus darüber — ein Vertrag aus der Zeit des Börsengangs:
„As of April 8, 2026, Mses. Hasson and Spear retain the Exchange Right over a remaining 10,236,060 and 18,831,060 shares, respectively, underlying outstanding options.“
Übersetzung: „Zum 8. April 2026 behalten Frau Hasson und Frau Spear das Tauschrecht über verbleibende 10.236.060 beziehungsweise 18.831.060 Aktien, die ausstehenden Optionen zugrunde liegen.“
— FIGS, Inc., SEC-Proxy-Statement DEF 14A 2026, „Equity Award Exchange Agreement“
Rechne das zu Ende, und das Proxy-Statement tut es selbst: Würden beide Gründerinnen ihre Optionen ausüben und die entstehenden Class-A-Aktien vollständig in Class B tauschen, kämen sie zusammen auf 82,7 Prozent der gesamten Stimmrechte — Catherine Spear allein auf 69,6, Heather Hasson allein auf 49,5 Prozent. Beide sind zusätzlich durch eine Stimmbindungsvereinbarung („Voting Agreement") aneinander gebunden, die die gegenseitige Wahl in den Verwaltungsrat sichert. Die Class B wandelt sich automatisch erst am 1. Juni 2031 — zehn Jahre nach dem Börsengang — in Class A um.
Das ist kein Skandal und wird vollständig offengelegt. Aber es ist eine Tatsache mit Preisschild: Wer FIGS-Aktien kauft, kauft wirtschaftliche Beteiligung ohne Kontrolle. Eine Übernahme gegen den Willen der Gründerinnen ist bis 2031 praktisch ausgeschlossen; ein Aktivist, der auf Kostendisziplin oder Kapitalrückführung drängt, hat keine Hebel. Wer darin ein Problem sieht, sollte es vor dem Kauf sehen, nicht danach.
Unbequeme Wahrheit Nr. 4: Das Wachstum kostete 62 Prozent mehr Marketing — und der freie Mittelzufluss drehte ins Minus
Der freie Mittelzufluss ist das Geld, das nach Betrieb und Investitionen tatsächlich übrig bleibt — das Ehrlichste, was eine Gewinn-und-Verlust-Rechnung zu bieten hat. Bei FIGS drehte er im ersten Quartal 2026 von +7,9 auf −5,6 Millionen US-Dollar, obwohl der Nettogewinn im selben Zeitraum von −0,1 auf +6,3 Millionen stieg. Der operative Mittelzufluss fiel von +9,2 auf −3,2 Millionen. Wie geht das zusammen?
Zum Teil sind es Verschiebungen im Umlaufvermögen: Die Vorräte stiegen im Quartal um 11,4 Millionen, die Verbindlichkeiten aus Lieferungen fielen um 10,6 Millionen, die Rückstellungen für Personal um 12,3 Millionen (Bonuszahlungen für 2025). Das ist Timing, kein Substanzverlust. Der strukturelle Teil steht daneben:
„Marketing expense increased by $11.3 million, or 62.4%, for the three months ended March 31, 2026, compared to the prior year period … The increase in marketing expense as a percentage of net revenues was primarily driven by our 2026 Winter Olympics campaign, partially offset by leverage on higher net revenues.“
Übersetzung: „Der Marketingaufwand stieg im Dreimonatszeitraum zum 31. März 2026 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 11,3 Millionen US-Dollar oder 62,4 Prozent … Der Anstieg des Marketingaufwands als Anteil am Umsatz war in erster Linie auf unsere Kampagne zu den Olympischen Winterspielen 2026 zurückzuführen, teilweise ausgeglichen durch Skaleneffekte bei höherem Umsatz.“
— FIGS, Inc., SEC-Quartalsbericht 10-Q zum 31. März 2026, Operating Expenses
Die Marketingquote sprang damit von 14,5 auf 18,4 Prozent des Umsatzes. Das ist die entscheidende Frage für die kommenden Quartale, und sie lässt sich in einem Satz stellen: Hat FIGS 28 Prozent Wachstum gekauft — oder verdient? Für „verdient" spricht, dass Vertriebs- und Verwaltungskosten im selben Quartal um 3,4 Prozentpunkte an Umsatzanteil fielen und die Kundenzahl um 12,2 Prozent wuchs. Für „gekauft" spricht, dass Olympia einmalig ist: Ohne Kampagne wäre der Marketingaufwand kaum um 11,3 Millionen gestiegen, und ohne diese 11,3 Millionen hätte das Betriebsergebnis statt 4,5 Millionen rund 15,8 Millionen betragen. Die ehrliche Antwort lautet: beides — und das nächste Quartal ohne Olympia wird zeigen, in welchem Verhältnis. Ein weiterer Punkt gehört dazu: Die Steuerquote lag im ersten Quartal 2026 bei nur 2,4 Prozent statt 105,5 Prozent im Vorjahresquartal, weil eine Steuergutschrift aus aktienbasierter Vergütung anfiel. Von den 6,3 Millionen Nettogewinn stammen also spürbare Teile aus einem Steuereffekt, der an den Aktienkurs zum Vesting-Zeitpunkt gekoppelt ist — und damit nicht planbar ist.
Bewertung: was FIGS an der Börse kostet
Vorweg der ehrliche Hinweis, warum hier eine Spanne und keine Punktzahl steht. FIGS hatte zum 30. April 2026 167.047.253 Aktien ausstehend (158.763.612 Class A plus 8.283.641 Class B). Der letzte in einem SEC-Dokument belegte Handelspreis stammt aus der Meldung einer Insiderin: Am 2. April 2026 verkaufte Catherine Spear 62.335 Class-A-Aktien zu 14,44 US-Dollar, um Steuern auf gevestete Aktienzusagen zu decken. Der Schlusskurs am 24. Juli 2026 lag bei 9,51 US-Dollar. Zwischen diesen beiden datierten Ankern liegt ein Drittel — die Aktie ist in knapp vier Monaten deutlich gefallen. Beide Werte sind belegt, keiner ist „richtiger". Also rechnen wir mit beiden.
- Börsenwert: rund 1,59 Milliarden US-Dollar (24. Juli 2026) bis rund 2,41 Milliarden (2. April 2026).
- Kurs-Umsatz-Verhältnis (KUV): gemessen an 666,1 Millionen US-Dollar Umsatz der letzten zwölf Monate rund 2,4 bis 3,6. Für einen Markenartikler mit 66 bis 68 Prozent Bruttomarge und zweistelligem Wachstum ist das kein Schnäppchenpreis, aber auch keine Blase — Modehändler ohne Marke handeln bei 0,5 bis 1, Premiummarken mit gleicher Marge bei 3 bis 5.
- Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV): auf Basis von 0,22 US-Dollar verwässertem Gewinn je Aktie der letzten zwölf Monate rund 43 bis 66. Das ist teuer — und es zeigt, wie schmal die Gewinnbasis noch ist. Auf die Analystenschätzung für 2026 (0,27 US-Dollar je Aktie) bezogen sind es rund 36 bis 54.
- Unternehmenswert: rund 1,3 Milliarden US-Dollar am 24. Juli 2026, weil die 277,0 Millionen US-Dollar Kasse und kurzfristige Anlagen abgezogen werden und keine Finanzschulden gegenstehen. Rund 17 Prozent des Börsenwerts sind schlicht Geld.
- Buchwert: 430,6 Millionen US-Dollar Eigenkapital zum 31. März 2026, also 2,58 US-Dollar je Aktie — das Kurs-Buchwert-Verhältnis liegt bei rund 3,6 (Datenstand 25. Juli 2026).
Der Blick der Profis ist auffällig zurückhaltend: Von zehn erfassten Häusern raten zum Datenstand 25. Juli 2026 eines zum Kaufen, sieben zum Halten, zwei zum Verkaufen. Das durchschnittliche Kursziel liegt bei 17,63 US-Dollar und damit deutlich über dem letzten Schlusskurs — eine Kombination, die man ernst nehmen, aber nicht als Prognose lesen sollte: Kursziele werden seltener aktualisiert als Empfehlungen, und die Aktie hat zwischen dem Jahreshoch von 17,12 US-Dollar am 2. März 2026 und dem 24. Juli 2026 rund 44 Prozent verloren. Für das laufende Jahr erwartet der Konsens 729,0 Millionen US-Dollar Umsatz (+15,5 Prozent). Wie schnell eine gute Marke an der Börse trotzdem im Schlussverkauf landen kann, haben wir bei Deckers gesehen — auch dort standen Rekordzahlen gegen einen fallenden Kurs.
Chancen und Risiken auf einen Blick
Was für FIGS spricht:
- Echte Markenstärke in einer Nische, die vorher keine Marke hatte: 3,024 Millionen aktive Kunden zum 31. März 2026 (+12,2 Prozent), 220 US-Dollar Umsatz je aktivem Kunden, 66 bis 68 Prozent Bruttomarge — Werte, die im Bekleidungshandel sonst Luxusmarken vorbehalten sind.
- Nachfrage, die kaum vom Konjunkturzyklus abhängt: Berufskleidung im Schichtdienst wird verschlissen und ersetzt; der Bericht nennt das Geschäft „weitgehend nicht-diskretionär, nachkaufgetrieben".
- Bilanz ohne Schulden: 277,0 Millionen US-Dollar Kasse und kurzfristige Anlagen zum 31. März 2026, 430,6 Millionen Eigenkapital, keine gezogenen Kredite, eine bis 3. November 2030 laufende 100-Millionen-Linie — rund 17 Prozent des Börsenwerts sind Geld.
- Wachstumsreserve im Ausland und im Geschäftskundengeschäft: Der Auslandsumsatz stieg im ersten Quartal 2026 von 18,9 auf 28,3 Millionen US-Dollar, also um rund die Hälfte, und macht erst 17,7 Prozent des Gesamtumsatzes aus.
- Möglicher Einmaleffekt aus der Zoll-Erstattung: 20 Millionen US-Dollar wären 58 Prozent des gesamten Nettogewinns 2025 — und sie stehen in keiner Bilanzzeile, kosten also nichts, wenn sie ausbleiben.
Was dagegen spricht:
- Verwässerung von gut 27 Prozent: 37.791.945 Optionen (Ø-Ausübungspreis 4,09 US-Dollar) plus 7.839.905 RSU zum 31. Dezember 2025 bei 165,84 Millionen ausstehenden Aktien; im ersten Quartal 2026 drückte das den Gewinn je Aktie von 0,04 auf 0,03 US-Dollar. Der Rückkauf (8,8 Millionen US-Dollar im Quartal) bremst, kehrt aber nichts um.
- Keine Kontrolle für Kapitalgeber: 4,97 Prozent des Kapitals tragen 51,1 Prozent der Stimmen; über das Tauschrecht könnten die Gründerinnen auf 82,7 Prozent kommen. Die automatische Wandlung greift erst am 1. Juni 2031.
- Zoll- und Lieferkettenrisiko im Kern des Geschäfts: Die Produktion lief 2025 „ungefähr zu gleichen Teilen" über Vietnam und Jordanien; der Section-122-Zoll von 10 Prozent lief laut Quartalsbericht planmäßig am 24. Juli 2026 aus, eine Anhebung auf 15 Prozent war angekündigt, aber nicht umgesetzt. FIGS hat darauf keinen Einfluss.
- Ergebnisqualität: Die Steuerquote lag im ersten Quartal 2026 bei 2,4 statt 105,5 Prozent im Vorjahr — dank einer kursabhängigen Steuergutschrift aus aktienbasierter Vergütung. Und der freie Mittelzufluss drehte trotz Gewinnsprung von +7,9 auf −5,6 Millionen US-Dollar.
- Bewertung mit wenig Puffer: KGV rund 43 bis 66 auf die letzten zwölf Monate, KUV 2,4 bis 3,6; zehn Analystenhäuser stehen bei einem Kaufen, sieben Halten und zwei Verkaufen (Datenstand 25. Juli 2026). Dazu ein Rechtsrisiko: Die abgewiesene Sammelklage aus dem Börsengang liegt in der Berufung, die mündliche Verhandlung war für den 7. Juli 2026 angesetzt.
Ein menschliches Fazit
Zurück zur Rückenwind-Falle. Ihr Kern ist nicht, dass FIGS eine schlechte Firma wäre — im Gegenteil: Hier hat jemand ein Kleidungsstück, das niemand ernst nahm, in eine Marke verwandelt, mit der sich drei Millionen Menschen identifizieren, und dabei Bruttomargen erzielt, von denen Modehändler träumen. Der Kern der Falle ist, dass ein glänzendes Quartal die Frage erspart, aus welchen Teilen es besteht. Bei FIGS sind es mindestens vier: echtes Kundenwachstum (+12,2 Prozent), eine einmalige Olympia-Kampagne (11,3 Millionen US-Dollar zusätzliches Marketing), eine kursabhängige Steuergutschrift und ein Gerichtsurteil in Washington, das die Zollrechnung neu geschrieben hat. Drei davon kann FIGS steuern. Eines nicht.
Und unter der Wasserlinie liegt der Teil, der sich nicht vom Quartal beeindrucken lässt: 45,6 Millionen Optionen und Aktienzusagen zum Durchschnittspreis von 4,09 US-Dollar, die jedes künftige Gewinnwachstum auf mehr Köpfe verteilen — und eine Stimmrechtsstruktur, in der deine Aktie zwar am Gewinn teilnimmt, aber nicht an der Entscheidung. Die ehrliche Frage an dich lautet deshalb nicht „War das ein gutes Quartal?" — das war es. Sie lautet: Zahlst du für eine Marke, die 28 Prozent gewachsen ist, oder für ein Quartal, in dem vier günstige Dinge gleichzeitig passiert sind — und wärst du bereit, das ohne Stimmrecht bis 2031 auszusitzen? Wenn ja, hast du eine These. Wenn nein, hattest du eine Schlagzeile. Was du daraus machst, ist deine Entscheidung. Und das ist auch gut so.
Quellen
Alle in dieser Analyse verwendeten Originaldokumente — zum Selbst-Nachlesen:
- FIGS, Inc. — SEC-Quartalsbericht 10-Q zum 31.03.2026 (eingereicht 7. Mai 2026)
- FIGS, Inc. — SEC-Geschäftsbericht 10-K für 2025 (eingereicht 26. Februar 2026)
- FIGS, Inc. — SEC-Geschäftsbericht 10-K für 2024 (eingereicht 27. Februar 2025)
- FIGS, Inc. — SEC-Proxy-Statement DEF 14A zur Hauptversammlung 2026 (eingereicht 23. April 2026)
- Catherine Spear — SEC-Schedule 13D/A Nr. 10 (eingereicht 12. Mai 2026), Quelle des dokumentierten Handelspreises vom 2. April 2026
- Vollständige SEC-Einreichungshistorie von FIGS, Inc. (CIK 0001846576): EDGAR-Übersicht (sec.gov)
- Fundamentaldaten (Kennzahlen, Bewertung, Analysten-Konsens, Ergebnisüberraschungen; Datenstand 25. Juli 2026, Schlusskurse bis 24. Juli 2026), abgeglichen mit den SEC-Berichten.
- Aufhänger: hauseigener Aktien-Scanner, Liste Big Earnings Surprise (Platz 44 von 81 US-Treffern, RS-Rating 64, Stand 25. Juli 2026; täglich neu berechnet).
Transparenz & Disclaimer: Diese Analyse ist eine journalistische Einordnung öffentlich zugänglicher Informationen und keine Anlageberatung, keine Finanzanalyse im aufsichtsrechtlichen Sinn und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Aktien-Investments sind mit erheblichen Risiken bis hin zum Totalverlust verbunden. Alle Angaben ohne Gewähr; Stand der Daten ist jeweils im Text vermerkt. Der Autor hält zum Zeitpunkt der Veröffentlichung keine Position in FIGS-Aktien.
Unser Fazit auf einen Blick
- Marke und Kundenbindung positiv
- FIGS hat aus einem namenlosen Massenprodukt eine Marke gemacht: 3,024 Millionen aktive Kunden zum 31. März 2026 (+12,2 Prozent), 220 US-Dollar Umsatz je aktivem Kunden (Vorjahr 208) und eine Bruttomarge von 66,5 Prozent (2025) bis 67,7 Prozent (Q1 2026). Der Umsatz stieg seit dem Börsengang in jedem Jahr — von 419,6 Millionen US-Dollar (2021) auf 631,1 Millionen (2025).
- Bilanz und Liquidität positiv
- Zum 31. März 2026 standen 74,3 Millionen US-Dollar Kasse plus 202,7 Millionen kurzfristige Anlagen gegen 132,8 Millionen Gesamtverbindlichkeiten und keine gezogenen Kredite; die 100-Millionen-Linie läuft bis 3. November 2030. Rund 17 Prozent des Börsenwerts sind damit schlicht Geld — ein seltener Puffer in dieser Größenklasse.
- Ergebnisqualität neutral
- Der Nettogewinn des ersten Quartals 2026 (6,3 Millionen US-Dollar) profitierte von einer Steuerquote von 2,4 statt 105,5 Prozent im Vorjahresquartal — Ursache ist eine kursabhängige Gutschrift aus aktienbasierter Vergütung. Gleichzeitig drehte der freie Mittelzufluss von +7,9 auf −5,6 Millionen, weil Vorräte aufgebaut und 11,3 Millionen zusätzliches Marketing für die Olympia-Kampagne ausgegeben wurden.
- Verwässerung negativ
- Zum 31. Dezember 2025 standen 37.791.945 Optionen (durchschnittlicher Ausübungspreis 4,09 US-Dollar) und 7.839.905 RSU aus — gut 27 Prozent der 165,84 Millionen ausstehenden Aktien, dazu 9.264.545 noch nicht ausgegebene Titel. Im ersten Quartal 2026 hob das die Aktienzahl von 166,5 auf 196,1 Millionen und drückte den Gewinn je Aktie von 0,04 auf 0,03 US-Dollar.
- Governance und Kontrolle negativ
- 4,97 Prozent des Kapitals tragen 51,1 Prozent der Stimmen (Stichtag 8. April 2026), weil jede Class-B-Aktie zwanzig Stimmen hat. Über das Equity Award Exchange Agreement könnten die beiden Gründerinnen weitere 29,07 Millionen Optionsaktien in Class B tauschen und kämen dann auf 82,7 Prozent. FIGS gilt als „controlled company" und ist von Teilen der NYSE-Governance-Regeln befreit; die automatische Wandlung greift erst am 1. Juni 2031.
- Zoll- und Lieferkettenrisiko negativ
- Die Fertigung lief 2025 „ungefähr zu gleichen Teilen" über Vietnam und Jordanien. Zölle kosteten 2025 rund 120 Basispunkte Bruttomarge, im vierten Quartal 2025 sogar 260. Der Section-122-Zoll von 10 Prozent lief laut Quartalsbericht planmäßig am 24. Juli 2026 aus, eine Anhebung auf 15 Prozent war angekündigt, aber nicht umgesetzt — die beantragte Erstattung von rund 20 Millionen US-Dollar ist nach Umfang und Zeitpunkt ungewiss.
FIGS ist die Rückenwind-Falle in Reinform: eine echte, wachsende Marke mit Luxus-ähnlicher Bruttomarge, schuldenfreier Bilanz und dem besten Quartal ihrer Geschichte — 159,9 Millionen US-Dollar Umsatz (+28,0 Prozent) und 6,3 Millionen Nettogewinn im ersten Quartal 2026. Nur besteht dieses Quartal aus mindestens vier Teilen: echtem Kundenwachstum (+12,2 Prozent), einer einmaligen Olympia-Kampagne (11,3 Millionen US-Dollar zusätzliches Marketing), einer kursabhängigen Steuergutschrift (Steuerquote 2,4 statt 105,5 Prozent) und einem Urteil des US-Supreme-Court, das die eigene Zollprognose von rund 400 Basispunkten entwertete. Unter der Wasserlinie liegen 45,6 Millionen Optionen und RSU zum Durchschnittspreis von 4,09 US-Dollar sowie eine Stimmrechtsstruktur, in der 4,97 Prozent des Kapitals 51,1 Prozent der Stimmen tragen. Keine Anlageberatung.
Was unsere Einordnung bedeutet
Offene Fragen
Das Geschäft funktioniert grundsätzlich, aber eine wesentliche Frage ist offen. Solange sie offen ist, tragen unsere Befunde kein Qualitätsurteil.
Die Marke ist echt, die Bilanz ist sauber, das Wachstum ist belegt — aber die drei entscheidenden Fragen beantwortet erst der nächste Quartalsbericht. Erstens: Bleibt das Wachstum ohne die Olympia-Kampagne zweistellig, und fällt die Marketingquote von 18,4 Prozent zurück Richtung 15? Zweitens: Kommt die beantragte Zoll-Erstattung von rund 20 Millionen US-Dollar, und wie hoch ist die Zollbelastung nach dem 24. Juli 2026 tatsächlich? Drittens: Dreht der freie Mittelzufluss von −5,6 Millionen wieder ins Plus? Wer heute kauft, zahlt ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 43 bis 66 für eine Gewinnbasis, die vier Quartale alt ist, und nimmt eine Verwässerung von gut 27 Prozent sowie ein Stimmrecht ohne Gewicht bis 2031 in Kauf. Beobachten heißt hier: die vier Bausteine des Quartals einzeln nachrechnen, bevor man sie als Trend fortschreibt — die Entscheidung liegt bei Dir.
Journalistische Einschätzung der Redaktion zum Analysezeitpunkt auf Basis öffentlicher Quellen — keine Anlageberatung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf. Deine persönlichen Umstände (Anlageziele, Risikotragfähigkeit, Steuern) können dabei nicht berücksichtigt werden. Was unsere Stufen bedeuten, wie Urteile entstehen und welche Interessenkonflikte bestehen →
Bitte beachten
- Auf die Rechercheliste kam FIGS über den hauseigenen Aktien-Scanner, Liste „Big Earnings Surprise": Platz 44 von 81 US-Treffern, RS-Rating 64, Stand 25. Juli 2026. Die Listen werden täglich neu berechnet. Zur Einordnung der Überraschungsserie: Bei einem Gewinn nahe der Nulllinie erzeugt schon ein Cent Abweichung dreistellige Prozentwerte — die Q4-Überraschung von „+400 Prozent" bedeutet 0,10 statt 0,02 US-Dollar je Aktie.
- Bewertungsangaben bewusst als Spanne: Der Börsenwert von rund 1,59 Milliarden US-Dollar (167.047.253 Aktien × Schlusskurs 9,51 US-Dollar am 24. Juli 2026) wurde gegen den letzten in einem SEC-Dokument belegten Handelspreis geprüft — 14,44 US-Dollar am 2. April 2026 laut Schedule 13D/A, das entspricht rund 2,41 Milliarden. Die Abweichung stammt aus einem realen Kursrückgang (Jahreshoch 17,12 US-Dollar am 2. März 2026), nicht aus fehlerhaften Daten; deshalb tragen KUV, KGV und Börsenwert hier zwei datierte Anker statt einer Punktzahl.
- Aktualitäts-Stand: Der jüngste Periodenbericht ist das 10-Q zum 31. März 2026 (eingereicht 7. Mai 2026). Danach eingereichte Dokumente (8-K vom 8. Juni 2026 mit den Abstimmungsergebnissen der Hauptversammlung, Schedule 13D/A vom 12. Mai 2026, Insider-Meldungen Form 4, Verkaufsanzeigen Form 144) wurden durchgesehen und ändern das Bild nicht. Es läuft keine Übernahme: kein 8-K Item 1.01, kein DEFM14A oder PREM14A, kein SC 13E-3. Der Bericht für das zweite Quartal 2026 wurde für den 6. August 2026 erwartet.
- Nicht zu verwechseln: FIGS ist ein Bekleidungsunternehmen und wird in Datenbanken teils dem Gesundheitssektor zugeordnet, weil die Kundschaft dort arbeitet. Es ist kein Medizintechnik- oder Gesundheitsdienstleister. Der Ticker FIGS steht seit dem Börsengang im Mai 2021 unverändert für dieselbe Gesellschaft; frühere Namen gibt es laut SEC-Registrierung nicht.
Häufige Fragen
FIGS, Inc. (NYSE: FIGS) aus Santa Monica in Kalifornien verkauft medizinische Berufsbekleidung direkt an Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte — vor allem Kasacks und Kittel, im Englischen „Scrubs", dazu Unterziehshirts, Jacken, Schuhe und Kompressionsstrümpfe. Verkauft wird überwiegend über die eigene Website und App, ergänzt um fünf eigene Läden („Community Hubs") und ein Geschäftskundengeschäft namens TEAMS. Im Geschäftsjahr 2025 setzte das Unternehmen 631,1 Millionen US-Dollar um.
Der Umsatz stieg von 124,9 auf 159,9 Millionen US-Dollar (+28,0 Prozent), der Nettogewinn von −0,1 auf +6,3 Millionen, die aktiven Kunden von 2,696 auf 3,024 Millionen. Dahinter stehen mehrere Effekte gleichzeitig: mehr Bestellungen von neuen und bestehenden Kunden, ein höherer Durchschnittsbestellwert (124 statt 119 US-Dollar), eine großangelegte Kampagne zu den Olympischen Winterspielen 2026 und eine Steuerquote von nur 2,4 Prozent dank einer Gutschrift aus aktienbasierter Vergütung.
Die Produktion lief 2025 „ungefähr zu gleichen Teilen" über Vietnam und Jordanien, Zölle gehen daher direkt in die Herstellkosten. 2025 kosteten sie 120 Basispunkte Bruttomarge, im vierten Quartal 2025 sogar 260. Im Geschäftsbericht für 2025 rechnete FIGS für 2026 mit rund 400 Basispunkten; nach dem Supreme-Court-Urteil vom Februar 2026 hieß es im Quartalsbericht vom 7. Mai 2026, die Belastung falle „in geringerem Umfang als bisher offengelegt" aus.
Im Februar 2026 erklärte der Oberste Gerichtshof der USA den Einsatz des Notstandsgesetzes IEEPA für Zölle für unzulässig. FIGS hatte solche Zölle bereits gezahlt und beantragte laut Quartalsbericht vom 7. Mai 2026 eine Erstattung von rund 20 Millionen US-Dollar. Umfang und Zeitpunkt sind ausdrücklich ungewiss, und in der Bilanz zum 31. März 2026 steht dafür keine Forderung. Zur Einordnung: 20 Millionen entsprechen 58 Prozent des gesamten Nettogewinns 2025.
Zum 31. Dezember 2025 standen 37.791.945 Optionen zum durchschnittlichen Ausübungspreis von 4,09 US-Dollar und 7.839.905 Aktienzusagen (RSU) aus — zusammen 45,63 Millionen Titel bei 165,84 Millionen ausstehenden Aktien, also gut 27 Prozent. Im ersten Quartal 2026 hob das die gewichtete Aktienzahl von 166.460.085 auf 196.090.295 und senkte den Gewinn je Aktie von 0,04 auf 0,03 US-Dollar.
Zum Stichtag 8. April 2026 standen 158.761.109 Class-A-Aktien (eine Stimme) und 8.283.641 Class-B-Aktien (zwanzig Stimmen) aus. Die Class B macht 4,97 Prozent des Kapitals aus, trägt aber 51,1 Prozent der Stimmrechte. Über das „Equity Award Exchange Agreement" können die Gründerinnen Heather Hasson und Catherine Spear weitere 29,07 Millionen Optionsaktien in Class B tauschen und kämen dann auf 82,7 Prozent der Stimmen. Die Class B wandelt sich automatisch am 1. Juni 2031.
Gemessen an 666,1 Millionen US-Dollar Umsatz der letzten zwölf Monate liegt das Kurs-Umsatz-Verhältnis zwischen rund 2,4 (Schlusskurs 9,51 US-Dollar am 24. Juli 2026) und rund 3,6 (dokumentierter Handelspreis 14,44 US-Dollar am 2. April 2026). Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt bei rund 43 bis 66. Von zehn Analystenhäusern raten eines zum Kaufen, sieben zum Halten und zwei zum Verkaufen (Datenstand 25. Juli 2026). Rund 17 Prozent des Börsenwerts sind Kasse und kurzfristige Anlagen.
Der Quartalsbericht führt unter anderem an: Das bisherige Wachstum sei möglicherweise nicht nachhaltig; der Erfolg hänge am Ruf der Marke und an der Bindung bestehender Kunden; die Zollpolitik sei „dynamisch, unvorhersehbar und laufenden Änderungen unterworfen"; Konflikte im Nahen Osten hätten die Schifffahrtsrouten zu den jordanischen Fertigern gestört. Dazu kommt die Berufung gegen die abgewiesene Sammelklage aus dem Börsengang, deren mündliche Verhandlung für den 7. Juli 2026 angesetzt war.
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