Fermi Inc.: Das Versprechen vom Zehnfachen und die Realität ohne Umsatz
Ein Börsenbrief nannte Fermi im November 2025 einen Geheimtipp mit einem KGV von 1,5 bis 2030 und Tenbagger-Potenzial. Acht Monate später schreibt das Unternehmen selbst im Quartalsbericht an die US-Börsenaufsicht von erheblichen Zweifeln an seiner Fortführungsfähigkeit, hat seinen Gründer als CEO verloren und wehrt sich gegen eine Sammelklage – bei weiterhin null US-Dollar Umsatz seit der Gründung im Januar 2025. Wir haben nachgelesen, was von dem Versprechen bislang eingetreten ist.
Chart
Interaktiver Kurs-Chart (TradingView).
Hinweis: reine Faktenanalyse, keine Anlageberatung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf. Angaben ohne Gewähr.
Es gibt eine Anleger-Falle, die gerade bei den größten Zahlen am gemeinsten zuschlägt: der Ankereffekt. Du liest eine Zahl zuerst — ein Kursziel, ein Kurs-Gewinn-Verhältnis, ein „Tenbagger“ — und diese erste Zahl setzt sich in deinem Kopf fest wie ein Anker im Meeresgrund. Alles, was danach kommt, wird nur noch an diesem Anker gemessen, nicht an der Wirklichkeit. Ein Leser hat uns die Ausgabe 24 des Börsenbriefs „Hot Stocks Europe“ vom 28. November 2025 geschickt. Darin steht zu Fermi Inc. (Nasdaq: FRMI), einem im Januar 2025 gegründeten Energie- und Rechenzentrums-Projekt aus Amarillo, Texas, unter Berufung auf eine Schätzung der Bank Berenberg vom November 2025: ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 1,5 bis zum Jahr 2030, ein Gewinn je Aktie von 11,11 US-Dollar im selben Jahr — und, wörtlich, bei einem KGV von 20 ein „glattes Tenbagger-Potenzial“. Machen wir also einen Deal: Bevor du diesen Anker übernimmst, lesen wir gemeinsam, was Fermi selbst der US-Börsenaufsicht SEC in den vergangenen Monaten gemeldet hat — und was davon acht Monate später noch stimmt.
Was Fermi eigentlich macht — ein Grundstück, ein Kraftwerk, ein Mietvertrag, der noch fehlt
Fermi Inc., am Markt als „Fermi America“ aufgetreten, ist am 10. Januar 2025 gegründet worden — als Firma also jünger als die meisten Zimmerpflanzen in deinem Büro. Die Geschäftsidee, übersetzt in ein Alltagsbild: Stell dir vor, du kaufst ein riesiges Grundstück, baust darauf auf eigene Kosten ein eigenes Kraftwerk — Gas, Sonne, Batterie, perspektivisch auch Kernkraft — und vermietest den Strom samt Gebäudehülle dann an einen einzigen Großkunden, der darin seine Rechenzentren für Künstliche Intelligenz betreibt. Das Projekt heißt „Project Matador“ und liegt auf einer Fläche, die Fermi über einen 99 Jahre laufenden Erbpachtvertrag mit dem Texas Tech University System gesichert hat (Geschäftsbericht 10-K für 2025). Geplant sind bis zu 11 Gigawatt Kraftwerksleistung, mit der Option auf eine Erweiterung auf rund 17 Gigawatt, und bis zu 15 Millionen Quadratfuß KI-taugliche Rechenzentrumsfläche über einen mehrere Jahrzehnte laufenden Ausbau. Steuerlich hat sich Fermi als Immobilien-Investmentgesellschaft (REIT) aufgestellt — rückwirkend zum 1. August 2025 —, muss dafür aber strenge Regeln einhalten: mindestens 90 Prozent des steuerlichen Gewinns ausschütten, mindestens 75 Prozent der Vermögenswerte müssen immobilienbezogen sein, und die Aktien dürfen laut Satzung ab dem 30. Juni 2026 nicht mehr in wenigen Händen konzentriert sein („closely held“), sonst droht der Verlust des REIT-Status. Im Aufsichtsrat sitzt mit Rick Perry, dem früheren US-Energieminister und Gouverneur von Texas, ein prominenter Name (Unterschriftenseite des Geschäftsberichts, Stand 30. März 2026) — Prominenz ist aber kein Geschäftsmodell, und genau das ist das Spannungsfeld dieser Analyse: Ein gewaltiges, kapitalintensives Bauprojekt mit klangvollen Namen und einer Story, die genau in den KI-Hype passt — gegen eine Firma, die bis heute keinen einzigen Dollar Umsatz erzielt hat und deren eigener Quartalsbericht offen von Zweifeln an der Fortführung spricht.
Wo die Aktie auf unseren Tisch kam — ein Börsenbrief mit Interessenkonflikt-Hinweis
Anders als bei den meisten unserer hauseigenen Scanner-Funde kam Fermi nicht über eine Kennzahl-Filterung auf unseren Tisch, sondern über den Leser-Einsender einer Ausgabe des Börsenbriefs „Hot Stocks Europe“ vom 28. November 2025. Der Brief nannte Fermi einen „absoluten Geheimtipp“ und stützte sich dabei auf eine Schätzung des Bankhauses Berenberg vom selben Datum: Nettogewinn von 310 Millionen US-Dollar im Jahr 2026 über 1,06 Milliarden (2027) und 2,7 Milliarden (2028) bis auf über 5 Milliarden (2029) und 6,6 Milliarden US-Dollar (2030) — daraus errechnet der Brief den eingangs zitierten Gewinn je Aktie von 11,11 US-Dollar und ein KGV von rund 1,5 für 2030. Zur Fairness gehört: Der Brief selbst weist am Ende jeder Ausgabe auf einen Interessenkonflikt hin — Verlag, Autor oder ihnen nahestehende Dritte könnten in besprochenen Werten selbst Positionen halten und beabsichtigen, bei steigenden Kursen zu verkaufen (Offenlegung gemäß der EU-Marktmissbrauchsverordnung, MAR Nr. 596/2014). Eine Kursziel-Schätzung mit Verkaufsabsicht ist etwas anderes als eine neutrale Analyse, und eine Bank-Schätzung von vor acht Monaten ist kein Beleg für den heutigen Zustand des Unternehmens. Was seitdem tatsächlich passiert ist, steht nicht im Brief — es steht in den SEC-Berichten, die wir im Folgenden lesen.
Die Zahlen über die Jahre — ehrlich gewürdigt, so kurz sie auch sind
Fermi ging am 2. Oktober 2025 an die Nasdaq (Doppelnotierung an der London Stock Exchange, beide in US-Dollar) — 32,5 Millionen Aktien zu je 21,00 US-Dollar, dazu eine vollständig ausgeübte Mehrzuteilungsoption über 4,875 Millionen weitere Aktien; macht zusammen 745,6 Millionen US-Dollar Netto-Emissionserlös (Geschäftsbericht 10-K für 2025). Das ist echtes Geld, das tatsächlich in Turbinen, Umspannwerke und Baustellenvorbereitung geflossen ist: Zum 31. März 2026 stehen 1,431 Milliarden US-Dollar Sachanlagen netto in der Bilanz, gegenüber 935,3 Millionen zum Jahresende 2025 — sichtbares, physisches Wachstum. Was in dieser jungen Firma aber komplett fehlt, ist eine Ertragsseite: Umsatz seit Gründung null US-Dollar, in beiden bisher vorliegenden Jahres- und Quartalsberichten. Im ersten (knapp zwölfmonatigen) Geschäftsjahr 2025 wies Fermi einen Nettoverlust von 486,4 Millionen US-Dollar aus — wovon aber nur 177,8 Millionen aus dem laufenden Geschäftsbetrieb (im Wesentlichen Personal- und Beraterkosten) stammen. Der große Rest, 312,3 Millionen US-Dollar „sonstiger Aufwand“, ist fast vollständig nicht zahlungswirksam: 111,6 Millionen aus der Neubewertung eingebetteter Finanzderivate, 23,7 Millionen aus einer Vergünstigung im Rahmen der Vorzugsaktien-Finanzierung — und, das ist die kurioseste Einzelposition, 173,8 Millionen US-Dollar für eine Aktienspende: Am 18. September 2025, zwei Wochen vor dem Börsengang, übertrug Fermi 11.250.000 Class-B-Anteile unentgeltlich an den Dechomai Asset Trust, eine fremde, unabhängige gemeinnützige Organisation nach US-Steuerrecht (501(c)(3)) — bewertet zum damaligen beizulegenden Zeitwert. Wer allein auf die Schlagzeile „Nettoverlust knapp 500 Millionen“ schaut, sieht also zu gut einem Drittel Buchhaltungseffekte, nicht Kapitalverbrennung im Kerngeschäft. Im ersten Quartal 2026 kehrte sich das Bild leicht um: 166,2 Millionen US-Dollar operativer Verlust, dazu per saldo 22,4 Millionen US-Dollar sonstiger Aufwand (24,8 Millionen US-Dollar Verlust aus der vorzeitigen Ablösung eines Kredits, gegengerechnet mit 2,3 Millionen US-Dollar Zinsertrag) — macht 188,7 Millionen US-Dollar Nettoverlust in nur drei Monaten, in absoluten Zahlen kleiner als der Vorjahreszeitraum, aber ohne die Sondereffekte auch anteilig „echter“. Wie sich diese Verbrennung auf die Bilanz auswirkt, zeigt der Blick auf die Finanzposition:
Zum Jahresende 2025 hatte Fermi noch eine komfortable Netto-Kasse von 298,7 Millionen US-Dollar (Kasse 408,5 Millionen minus Schulden netto 109,8 Millionen). Drei Monate später, zum 31. März 2026, war daraus eine Netto-Schuldenposition von 213,8 Millionen US-Dollar geworden (Kasse 207,5 Millionen minus Schulden netto 421,3 Millionen) — ein Umschwung um rund eine halbe Milliarde US-Dollar in einem einzigen Quartal. Die Kasse selbst (inklusive gebundenem Bardepot) fiel dabei von 408,5 auf 243,3 Millionen US-Dollar, ein Rückgang um 165,2 Millionen. Wie es dazu kam, zeigt die Kassenbrücke des ersten Quartals 2026 im Detail:
Bemerkenswert: Der reine Geschäftsbetrieb kostete im ersten Quartal 2026 nur 7,3 Millionen US-Dollar Kasse — die eigentliche Last waren die 441,2 Millionen US-Dollar Investitionen in Turbinen, Umspannwerke und Baustelle. Finanziert wurde das über einen Kreditwechsel: Am 10. Februar 2026 löste Fermi den bisherigen Kredit von Macquarie Equipment Capital (Stand 148,9 Millionen US-Dollar, effektiver Zinssatz sage und schreibe 48,9 Prozent) vollständig ab und ersetzte ihn durch eine neue Ausrüstungs-Kreditlinie der Bank MUFG mit einem Rahmen von bis zu 500 Millionen US-Dollar (Zinssatz Term SOFR plus 4,0 Prozentpunkte, derzeit rund 12,1 Prozent effektiv) — ein Schritt, der zwar den Wucher-Zins ablöste, aber auch zeigt, zu welchen Konditionen sich ein umsatzloses Bauprojekt überhaupt noch Fremdkapital beschaffen kann.
Was im jüngsten Bericht steht — die unbequemen Wahrheiten
Unbequeme Wahrheit Nr. 1: Das Unternehmen selbst spricht von „erheblichen Zweifeln an der Fortführungsfähigkeit“
Das ist die zentrale Zahl dieser Analyse, und sie steht nicht in einer Fußnote, sondern in eigenen Worten von Fermi im Quartalsbericht zum 31. März 2026:
„Project Matador will require substantial capital investment to achieve commercial operation. As of March 31, 2026, the Company had not generated any revenues, has incurred recurring losses from operations and negative cash flows from operating activities since inception, and has substantial near-term capital expenditure obligations under existing equipment purchase, construction, lease and other project-related commitments. As of March 31, 2026, the Company had cash on hand of $207,501 and restricted cash of $35,792, a portion of which is available to fund defined capital expenditures. When measured against forecasted disbursements under the Company's current operating plan, these resources are not sufficient to satisfy the Company's financial obligations as they become due within one year after the date these unaudited condensed consolidated financial statements are issued. Considered in the aggregate and before consideration of management's plans, these conditions raise substantial doubt about the Company's ability to continue as a going concern within that period.“
Übersetzung: „Project Matador wird eine erhebliche Kapitalinvestition erfordern, um den kommerziellen Betrieb zu erreichen. Zum 31. März 2026 hatte das Unternehmen keinerlei Umsätze erzielt, seit der Gründung wiederkehrende operative Verluste und negative operative Cashflows verzeichnet und erhebliche kurzfristige Investitionsverpflichtungen aus bestehenden Ausrüstungskäufen, Bauverträgen, Mietverträgen und anderen projektbezogenen Verpflichtungen. Zum 31. März 2026 verfügte das Unternehmen über eine Kasse von 207,5 Millionen US-Dollar und gebundenes Bardepot von 35,8 Millionen US-Dollar, von denen ein Teil zur Deckung bestimmter Investitionen verfügbar ist. Gemessen an den erwarteten Auszahlungen im aktuellen Geschäftsplan reichen diese Mittel nicht aus, um die finanziellen Verpflichtungen des Unternehmens zu erfüllen, sobald sie innerhalb eines Jahres nach dem Datum dieses Berichts fällig werden. In der Gesamtschau und vor Berücksichtigung der Maßnahmen des Managements begründen diese Umstände erhebliche Zweifel an der Fähigkeit des Unternehmens, seinen Geschäftsbetrieb fortzuführen.“
— Fermi Inc., SEC-Quartalsbericht 10-Q zum 31. März 2026, Abschnitt „Liquidity and Going Concern“
Übersetzt in ein Alltagsbild: Stell dir vor, dein Nachbar baut ein Einfamilienhaus und rechnet vor, dass sein Erspartes allein nicht bis zur Fertigstellung reicht — kalkuliert aber mit einer Kreditzusage und dem Verkauf von überschüssigem Baumaterial, um die Lücke zu schließen. Genau das schreibt Fermi über sich selbst — und zieht daraus einen Schluss, den derselbe Bericht ebenso wörtlich festhält. Als Gegenmaßnahmen nennt das Unternehmen eine noch nicht gezogene Kreditlinie („Yorkville Note“) von bis zu 156,3 Millionen US-Dollar, bestehende Ausrüstungsfinanzierungen sowie die Möglichkeit, einen Teil der bereits beschafften Anlagen (Turbinen, Umspannwerke) zu verwerten. Direkt im Anschluss an die oben zitierte Passage schreibt Fermi im selben Bericht:
„Accordingly, management has concluded that its plans alleviate the substantial doubt about the Company's ability to continue as a going concern within that period, and these unaudited condensed consolidated financial statements have been prepared on a going concern basis. There can be no guarantee that the Company's plans will be successfully implemented or, if implemented, that they will mitigate the conditions and events that gave rise to substantial doubt within that period.“
Übersetzung: „Dementsprechend ist das Management zu dem Schluss gekommen, dass seine Pläne die erheblichen Zweifel an der Fähigkeit des Unternehmens, den Geschäftsbetrieb fortzuführen, innerhalb dieses Zeitraums ausräumen, und dass diese ungeprüften verkürzten Konzern-Zwischenabschlüsse auf der Grundlage der Unternehmensfortführung erstellt wurden. Es kann keine Garantie dafür übernommen werden, dass die Pläne des Unternehmens erfolgreich umgesetzt werden oder, falls umgesetzt, dass sie die Bedingungen und Ereignisse, die zu den erheblichen Zweifeln geführt haben, innerhalb dieses Zeitraums tatsächlich beheben.“
— Fermi Inc., SEC-Quartalsbericht 10-Q zum 31. März 2026, Abschnitt „Liquidity and Going Concern“
Mit anderen Worten: Fermi selbst stuft die im März geäußerten Zweifel — anders als die reine Schlagzeile suggeriert — bereits im selben Bericht als durch die eigenen Pläne ausgeräumt ein; die Finanzberichte wurden ausdrücklich auf Grundlage der Unternehmensfortführung erstellt, nicht mit einem einschränkenden Vermerk. Das ist allerdings eine Selbsteinschätzung des Managements, keine Zusicherung: Der Bericht selbst räumt ein, dass es „keine Garantie“ für die erfolgreiche Umsetzung der Pläne gibt, und listet den ursprünglichen Zweifel deshalb weiterhin als eigenen Risikofaktor (Item 1A). Nach dem Bilanzstichtag kam zusätzliches Geld hinzu, das in dieser Einschätzung noch gar nicht enthalten war: Am 14. Juli 2026 nahm Fermi über eine Wandelanleihe 431,25 Millionen US-Dollar auf (Kupon 5,00 Prozent, fällig 2031, Wandlungspreis rund 9,52 US-Dollar je Aktie), Netto-Erlös 416,8 Millionen US-Dollar (Formular 8-K vom 15. Juli 2026) — zusätzlicher Puffer über die im Mai-Bericht bereits kalkulierten Maßnahmen hinaus. Ob die Gesamtheit dieser Maßnahmen tatsächlich aufgeht, bestätigt endgültig erst der nächste Quartalsbericht (voraussichtlich Mitte August 2026).
Unbequeme Wahrheit Nr. 2: Über eine Milliarde investiert — und noch immer kein unterschriebener Mietvertrag
Erinnerst du dich an das Bild vom Kraftwerk, das erst dann Miete abwirft, wenn ein Großkunde einzieht? Genau hier liegt das nächste Problem. Der Quartalsbericht zum 31. März 2026 sagt selbst, dass der senkrechte Baubeginn erst nach Unterzeichnung eines definitiven Mietvertrags beginnt — und benennt gleichzeitig eine Kapitalbedarfs-Dimension, die die bisherigen Zahlen klein aussehen lässt:
„The capital expenditures we expect to incur as we complete the development of Project Matador will be significant. We currently estimate that the incremental capital expenditures we will incur to complete the development of Phase 0 and Phase 1 of Project Matador could exceed $3 billion in the aggregate, of which approximately $2 billion is expected to be incurred in the next twelve months across these two phases, subject to the execution of a definitive lease agreement and alignment with tenant deployment timelines and power delivery requirements. […] however, we currently expect total capital needs across all phases could range from approximately $70 billion to $90 billion […]“
Übersetzung: „Die Investitionsausgaben, die wir bei Fertigstellung von Project Matador erwarten, werden erheblich sein. Wir schätzen derzeit, dass die zusätzlichen Investitionen zur Fertigstellung von Phase 0 und Phase 1 von Project Matador insgesamt 3 Milliarden US-Dollar übersteigen könnten, wovon rund 2 Milliarden US-Dollar in den nächsten zwölf Monaten anfallen sollen — vorbehaltlich der Unterzeichnung eines definitiven Mietvertrags und der Abstimmung mit den Zeitplänen des Mieters. […] Wir erwarten derzeit jedoch, dass sich der gesamte Kapitalbedarf über alle Phasen hinweg auf etwa 70 bis 90 Milliarden US-Dollar belaufen könnte […]“
— Fermi Inc., SEC-Quartalsbericht 10-Q zum 31. März 2026, Item 2 MD&A
Zur Einordnung: 70 bis 90 Milliarden US-Dollar sind rund das 15- bis 19-Fache der aktuellen Marktkapitalisierung von Fermi (siehe Bewertungskapitel). Und ein Teil davon — 2 Milliarden allein binnen zwölf Monaten — hängt ausdrücklich „vorbehaltlich der Unterzeichnung eines definitiven Mietvertrags“. Wie prekär genau dieser Punkt ist, zeigt der Blick zurück auf den Dezember 2025: Fermi hatte im September 2025 eine unverbindliche Absichtserklärung mit einem als „investment grade“ eingestuften Erstmieter unterzeichnet, im November folgte eine „Advance in Aid of Construction Agreement“ (AICA), in der sich dieser Erstmieter verpflichtete, bis zu 150 Millionen US-Dollar Baukosten vorzustrecken. Am 11. Dezember 2025 kündigte der Erstmieter diese Vereinbarung — die Exklusivitätsfrist der ursprünglichen Absichtserklärung war zwei Tage zuvor ausgelaufen (Formular 8-K vom 12. Dezember 2025). Verhandlungen über einen Mietvertrag laufen laut Fermi zwar weiter, aber zum Stichtag des jüngsten Quartalsberichts (31. März 2026) war noch immer kein einziger definitiver Mietvertrag unterschrieben — bei bereits 1,431 Milliarden US-Dollar Sachanlagen in der Bilanz. Genau diese Lücke zwischen Ankündigung und Unterschrift wurde inzwischen zum Gegenstand einer eigenen Klage (siehe nächster Abschnitt).
Unbequeme Wahrheit Nr. 3: Der Gründer ist weg, ein Machtkampf tobt, und eine Sammelklage läuft
Am 17. April 2026 verließ Mitgründer Toby Neugebauer seinen Posten als Chief Executive Officer von Fermi (Formular 8-K vom selben Tag) — ohne im Filing genannten Grund. Der Aufsichtsrat richtete ein „Interim Office of the CEO“ ein, geführt von Chief Operating Officer Jacobo Ortiz und der damaligen Board-Beobachterin Anna Bofa. Was danach folgte, ist selten so offen in einem SEC-Bericht zu lesen: Neugebauer startete einen Aktionärs-Machtkampf, um den Aufsichtsrat auszutauschen und die Kontrolle über das Unternehmen zurückzugewinnen — inklusive eines Plans für einen möglichen Verkauf oder eine strategische Partnerschaft. Fermi selbst benennt dieses Risiko im jüngsten Quartalsbericht als eigenen Stichpunkt in der Liste der wesentlichen Geschäftsrisiken, direkt neben dem Führungswechsel:
„Our former President and Chief Executive Officer, Toby Neugebauer, is involved in litigation that could cause negative publicity or perception about us and could divert management's attention, particularly if he is successful in gaining control of our Board of Directors.“
Übersetzung: „Unser ehemaliger Präsident und Chief Executive Officer, Toby Neugebauer, ist an Rechtsstreitigkeiten beteiligt, die negative Publicity oder Wahrnehmung über uns verursachen und die Aufmerksamkeit des Managements ablenken könnten, insbesondere falls es ihm gelingt, die Kontrolle über unseren Aufsichtsrat zu erlangen.“
— Fermi Inc., SEC-Quartalsbericht 10-Q zum 31. März 2026, Item 1A Risikofaktoren
Der Machtkampf eskalierte über Monate: Am 10. Juli 2026 legte Miles Everson — bis dahin Finanzvorstand und zugleich, als von Neugebauer benannter Vertreter, Mitglied des Aufsichtsrats — sein Aufsichtsratsmandat nieder; als Grund nannte er einen Streit über seinen Zugang zu Unternehmensunterlagen und die Entscheidung des Boards, die Aufsicht über bestimmte Finanzierungsverhandlungen an einen eigenen Finanzausschuss zu delegieren. Am 3. Juli 2026 setzte Neugebauer seine Kampagne für eine außerordentliche Hauptversammlung nach eigenen Angaben aus, nachdem sich der zuständige Richter kurz vor einem Anhörungstermin für befangen erklärt hatte — ausgesetzt, nicht beigelegt. Parallel dazu läuft seit dem 5. Januar 2026 eine Sammelklage vor dem US-Bundesgericht für den südlichen Bezirk von New York, Lupia v. Fermi Inc. et al., Aktenzeichen 1:26-cv-00050:
„On January 5, 2026, a putative securities class action complaint was filed in the U.S. District Court for the Southern District of New York captioned Lupia v. Fermi Inc., et al., Case No. 1:26-cv-00050. The complaint names the Company, certain of our directors and officers, and certain underwriters of our initial public offering as defendants. The complaint purports to be brought on behalf of a class of persons and entities that purchased or otherwise acquired (i) our common stock pursuant and/or traceable to the registration statement and prospectus issued in connection with our initial public offering and/or (ii) our securities between October 1, 2025 and December 11, 2025, inclusive.“
Übersetzung: „Am 5. Januar 2026 wurde beim US-Bundesgericht für den südlichen Bezirk von New York eine mutmaßliche Wertpapier-Sammelklage mit dem Titel Lupia v. Fermi Inc. et al., Aktenzeichen 1:26-cv-00050, eingereicht. Die Klage nennt das Unternehmen, bestimmte Direktoren und Führungskräfte sowie bestimmte Konsortialbanken unseres Börsengangs als Beklagte. Die Klage soll im Namen einer Gruppe von Personen und Rechtsträgern erhoben werden, die (i) unsere Stammaktien im Zusammenhang mit dem Registrierungsdokument und Prospekt unseres Börsengangs oder (ii) unsere Wertpapiere zwischen dem 1. Oktober 2025 und dem 11. Dezember 2025 (einschließlich) erworben haben.“
— Fermi Inc., SEC-Quartalsbericht 10-Q zum 31. März 2026, Item 1 Rechtsstreitigkeiten
Die Kläger werfen Fermi und den benannten Beklagten vor, im Zusammenhang mit dem Börsengang irreführende Angaben zur Mieternachfrage und zum Finanzierungsrisiko von Project Matador gemacht zu haben — also genau zu der Frage, die einen Monat später mit der Kündigung des Erstmieters akut wurde. Das ist eine Behauptung der Kläger, keine gerichtlich festgestellte Tatsache; Fermi bestreitet die Vorwürfe und kündigt „energische Verteidigung“ an. Seit dem 20./22. Juli 2026 hat das Unternehmen zudem eine komplett neue Führungsriege installiert — George Wentz als General Counsel, Anna Bofa als Chief Commercial Officer, Jacobo Ortiz als Chief Operating Officer und Rob Masson als neuer Chief Financial Officer —, wobei Bofa und Ortiz weiterhin gemeinsam das „Interim Office of the CEO“ führen. Mit anderen Worten: Neun Monate nach dem Börsengang hat Fermi noch immer keinen dauerhaften CEO.
Bewertung: keine Kennzahl, an der man sich festhalten könnte
Bei einer Firma ohne Umsatz gibt es kein Kurs-Gewinn-Verhältnis und kein Kurs-Umsatz-Verhältnis, die diesen Namen verdienen — beide sind schlicht nicht definiert oder bedeutungslos. Was bleibt, sind Bilanzgrößen: Zum Datenstand 26. Juli 2026 lag die Marktkapitalisierung von Fermi bei rund 4,72 Milliarden US-Dollar, der Unternehmenswert (Marktkapitalisierung plus Nettoschulden) bei rund 4,99 Milliarden. Das Eigenkapital je Aktie (Buchwert) liegt bei etwa 1,70 US-Dollar, macht ein Kurs-Buchwert-Verhältnis von rund 4,4 — die Aktie kostet also das 4,4-Fache dessen, was buchhalterisch an Substanz hinter ihr steht (Fundamentaldaten, Datenstand 26. Juli 2026). Der Ausgabepreis beim Börsengang lag bei 21,00 US-Dollar je Aktie (2. Oktober 2025) — der aktuelle Kurs liegt knapp zwei Drittel darunter. Die im Juli 2026 platzierte Wandelanleihe wurde mit einem Wandlungspreis von rund 9,52 US-Dollar bepreist — also oberhalb des damaligen Kursniveaus, aber ebenfalls weit unter dem Ausgabepreis; die parallel abgeschlossenen „Capped-Call“-Absicherungsgeschäfte begrenzen eine mögliche Verwässerung bis zu einer Kursobergrenze von 14,64 US-Dollar, was einem Aufschlag von rund 100 Prozent auf den Schlusskurs vom 9. Juli 2026 (7,32 US-Dollar) entspricht (Formular 8-K vom 15. Juli 2026) — die eigene Bank-Konstruktion behandelt eine Kursverdopplung auf dieses Niveau damit lediglich als „möglich, aber nicht das Basisszenario“, ohne dafür einen Zeitpunkt zu benennen. Und was ist mit dem Berenberg-Kursziel aus dem Börsenbrief? Das war eine Schätzung vom 28. November 2025, aufbauend auf Annahmen, die schon einen Monat später — mit der Kündigung des Erstmieters — ins Wanken gerieten und die den seither eskalierten Führungsstreit, die Sammelklage und den Zweifel an der Fortführungsfähigkeit naturgemäß noch gar nicht kennen konnte. Wer diese Zahl heute noch als Anker benutzt, aktualisiert seinen Anker seit acht Monaten nicht mehr. Zum Vergleich lohnt ein Blick auf eine andere Aktie aus demselben Börsenbrief, bei der wir dasselbe Muster aus Erwartung und Ist-Zustand bereits durchgerechnet haben: unsere PFISTERER-Aktienanalyse.
Chancen und Risiken auf einen Blick
Was für Fermi spricht:
- Reale, physische Substanz statt reiner Powerpoint-Folien: 1,431 Milliarden US-Dollar Sachanlagen netto zum 31. März 2026 (Turbinen, Umspannwerke, Baustelleninfrastruktur), finanziert aus 745,6 Millionen US-Dollar Netto-IPO-Erlös plus laufenden Ausrüstungskrediten.
- Ein 99 Jahre laufender Erbpachtvertrag mit dem Texas Tech University System sichert den Standort langfristig ab — kein kurzfristig kündbares Mietverhältnis auf der eigenen Grundstücksseite.
- Frisches Kapital nach dem Bilanzstichtag: 416,8 Millionen US-Dollar Netto-Erlös aus der Wandelanleihe vom 14. Juli 2026 verschaffen zusätzlichen Spielraum, den der Quartalsbericht vom Mai 2026 noch nicht kannte.
- Mit George Wentz, Anna Bofa, Jacobo Ortiz und Rob Masson wurde im Juli 2026 eine komplett neue, gemeinsam eingearbeitete Führungsriege installiert, nachdem der ursprüngliche Gründerstreit über Monate Aufmerksamkeit gebunden hatte.
- Strukturell wachsende Nachfrage nach Strom für KI-Rechenzentren ist real — Fermi bewegt sich in einem Markt, der nicht erst noch erfunden werden muss.
Was dagegen spricht:
- Das Unternehmen selbst äußert im jüngsten Quartalsbericht „erhebliche Zweifel“ an seiner Fortführungsfähigkeit — Kasse und gebundenes Bardepot von zusammen 243,3 Millionen US-Dollar reichen nicht für die geplanten Ausgaben der nächsten zwölf Monate.
- Zum 31. März 2026 gibt es noch keinen einzigen unterschriebenen Mietvertrag; der erste Interessent kündigte im Dezember 2025 seine Baukosten-Zusage über 150 Millionen US-Dollar. Ohne Mieter kein Umsatz, ohne Umsatz kein REIT im eigentlichen Sinn.
- Der Gesamtkapitalbedarf über alle Bauphasen wird vom Unternehmen selbst auf 70 bis 90 Milliarden US-Dollar geschätzt — das 15- bis 19-Fache der heutigen Marktkapitalisierung.
- Neun Monate nach dem Börsengang hat Fermi noch immer keinen dauerhaften CEO; der ehemalige Gründer und CEO führte einen offenen Machtkampf um den Aufsichtsrat, ein Aufsichtsratsmitglied trat im Streit zurück, und eine Wertpapier-Sammelklage läuft.
- Der ausgewiesene Nettoverlust 2025 (486,4 Millionen US-Dollar) enthält mit 173,8 Millionen US-Dollar eine ungewöhnliche Aktienspende an eine fremde Stiftung zwei Wochen vor dem Börsengang — ein Beispiel dafür, wie komplex und schwer nachvollziehbar die Kapitalstruktur dieser jungen Firma bereits ist.
Ein menschliches Fazit
Zurück zum Anker vom Anfang. Ein KGV von 1,5 bis 2030 klingt nach einem Schnäppchen, das man sich nicht entgehen lassen darf — aber es ist eine Kette aus Annahmen, keine Messung: Berenberg hat im November 2025 einen Nettogewinn von 6,6 Milliarden US-Dollar für 2030 geschätzt, aufbauend auf einem funktionierenden Vermietungsgeschäft, das es heute, acht Monate später, immer noch nicht gibt. Der Anker sitzt fest — die Frage ist, ob der Meeresgrund darunter überhaupt noch derselbe ist. Was wir stattdessen gefunden haben: ein Unternehmen, das binnen anderthalb Jahren über eine Milliarde US-Dollar in echte Anlagen gesteckt hat, das selbst öffentlich von Zweifeln an seiner Fortführungsfähigkeit spricht, das seinen Gründer verloren hat, das sich mit seinem ersten Interessenten verkracht hat und das sich vor Gericht gegen den Vorwurf wehrt, genau darüber beim Börsengang nicht ehrlich informiert zu haben. Das eine schließt das andere nicht aus — ein Bauprojekt kann trotzdem gelingen, ein neues Management-Team kann die Wende schaffen, und die Wandelanleihe vom Juli 2026 kann genau die Brücke sein, die gebraucht wird. Aber das ist eine Wette auf die Zukunft, keine Ablesung einer Gegenwart. Was du aus diesem Abstand zwischen Versprechen und Ist-Zustand machst, ist deine Entscheidung. Und das ist auch gut so.
Quellen
Alle in dieser Analyse verwendeten Originaldokumente — zum Selbst-Nachlesen:
- Fermi Inc. — SEC-Quartalsbericht 10-Q zum 31. März 2026 (eingereicht 15. Mai 2026)
- Fermi Inc. — SEC-Geschäftsbericht 10-K für 2025 (eingereicht 30. März 2026)
- Fermi Inc. — Formular 8-K vom 12. Dezember 2025 (Kündigung der Erstmieter-Finanzierungsvereinbarung)
- Fermi Inc. — Formular 8-K vom 17. April 2026 (Rücktritt des CEO)
- Fermi Inc. — Formular 8-K vom 13. Juli 2026 (Rücktritt eines Aufsichtsratsmitglieds)
- Fermi Inc. — Formular 8-K vom 15. Juli 2026 (Wandelanleihe über 431,25 Mio. US-Dollar)
- Fermi Inc. — Formular 8-K vom 23. Juli 2026 (neue Führungsriege)
- Vollständige SEC-Einreichungshistorie von Fermi Inc.: EDGAR-Übersicht (sec.gov)
- Fundamentaldaten (Kennzahlen, Marktkapitalisierung, Bewertung; Datenstand 26. Juli 2026), abgeglichen mit den SEC-Berichten.
- Aufhänger: Börsenbrief „Hot Stocks Europe“, Ausgabe 24 vom 28. November 2025 (B-Inside International Media GmbH) — Aussagen des Briefes werden ausschließlich als damalige Erwartung wiedergegeben, nicht als Tatsachenbehauptung dieser Redaktion.
Transparenz & Disclaimer: Diese Analyse ist eine journalistische Einordnung öffentlich zugänglicher Informationen und keine Anlageberatung, keine Finanzanalyse im aufsichtsrechtlichen Sinn und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Aktien-Investments sind mit erheblichen Risiken bis hin zum Totalverlust verbunden, bei einem Unternehmen mit geäußerten Zweifeln an der Fortführungsfähigkeit in besonderem Maße. Alle Angaben ohne Gewähr; Stand der Daten ist jeweils im Text vermerkt. Der Autor hält zum Zeitpunkt der Veröffentlichung keine Position in Fermi-Aktien.
Unser Fazit auf einen Blick
- Going Concern & Liquidität negativ
- Im Quartalsbericht zum 31. März 2026 äußert Fermi selbst „erhebliche Zweifel“ an seiner Fortführungsfähigkeit: Kasse und gebundenes Bardepot von zusammen 243,3 Mio. US-Dollar reichen nicht für die geplanten Ausgaben der nächsten zwölf Monate. Die Netto-Finanzposition kippte binnen eines Quartals von +298,7 Mio. auf −213,8 Mio. US-Dollar (ohne das gebundene Bardepot von 35,8 Mio.; mit Bardepot gerechnet −178,0 Mio.). Fermi selbst erklärt im selben Bericht, dass eigene Pläne (Kreditlinien, Anlagenverwertung) diese Zweifel ausräumen — ohne Garantie für deren Umsetzung, und weiterhin als eigener Risikofaktor gelistet.
- Projektgröße vs. Kapitaldecke negativ
- Der Gesamtkapitalbedarf über alle Bauphasen von Project Matador wird vom Unternehmen selbst auf 70 bis 90 Mrd. US-Dollar geschätzt — das 15- bis 19-Fache der heutigen Marktkapitalisierung von rund 4,7 Mrd. US-Dollar (26.07.2026). Zum 31. März 2026 gibt es noch keinen unterschriebenen Mietvertrag; der erste Interessent kündigte seine 150-Mio.-Dollar-Zusage im Dezember 2025.
- Führung & Kontrolle negativ
- Gründer und CEO Toby Neugebauer verließ das Unternehmen am 17. April 2026 und führte anschließend einen — im Juli 2026 pausierten — Machtkampf um den Aufsichtsrat; ein von ihm benanntes Aufsichtsratsmitglied trat am 10. Juli 2026 im Streit zurück. Seit dem 20./22. Juli 2026 führt eine komplett neue Führungsriege die Geschäfte, aber weiterhin ohne dauerhaften CEO.
- Rechtsrisiko negativ
- Seit dem 5. Januar 2026 läuft die Wertpapier-Sammelklage Lupia v. Fermi Inc. (Aktenzeichen 1:26-cv-00050, US-Bezirksgericht Southern District of New York), die dem Unternehmen irreführende Angaben zur Mieternachfrage beim Börsengang vorwirft — eine Behauptung der Kläger, die Fermi bestreitet und energisch verteidigen will.
- Frisches Kapital & Substanz positiv
- Am 14. Juli 2026 nahm Fermi 431,25 Mio. US-Dollar über eine Wandelanleihe auf (Netto-Erlös 416,8 Mio.), zusätzlich zu 745,6 Mio. US-Dollar Netto-IPO-Erlös; dem stehen 1,431 Mrd. US-Dollar reale Sachanlagen (Turbinen, Umspannwerke) und ein 99 Jahre laufender Erbpachtvertrag mit dem Texas Tech University System gegenüber. Das Kapital der Wandelanleihe kommt zusätzlich zu den Gegenmaßnahmen, mit denen Fermi die Going-Concern-Zweifel im selben Quartalsbericht bereits für ausgeräumt erklärt hatte.
- Bewertung neutral
- Ein Kurs-Gewinn-Verhältnis existiert mangels Umsatz nicht; am Buchwert gemessen kostet die Aktie das rund 4,4-Fache des Eigenkapitals je Aktie (Datenstand 26.07.2026), bei einem Kurs knapp zwei Drittel unter dem Ausgabepreis von 21,00 US-Dollar (02.10.2025). Die eigenen Capped-Call-Absicherungen der Wandelanleihe behandeln eine Kursverdopplung auf die Obergrenze von 14,64 US-Dollar nur als Möglichkeit, nicht als Erwartung — einen Zeitpunkt nennen sie dafür nicht.
Fermi Inc. hat binnen anderthalb Jahren über eine Milliarde US-Dollar in ein reales Bauprojekt investiert — aber weiterhin null US-Dollar Umsatz, keinen unterschriebenen Mietvertrag und einen Quartalsbericht, der selbst „erhebliche Zweifel“ an der Fortführungsfähigkeit äußert – Zweifel, die Fermi im selben Bericht durch eigene Pläne zwar für ausgeräumt erklärt, aber ausdrücklich ohne Erfolgsgarantie. Dazu kommen der Abgang des Gründers und CEO, ein monatelanger Machtkampf um den Aufsichtsrat und eine laufende Wertpapier-Sammelklage. Die Wandelanleihe vom Juli 2026 verschafft zusätzliches Kapital über die eigene Planrechnung hinaus. Keine Anlageberatung.
Was unsere Einordnung bedeutet
Substanzrisiko
Wir haben mindestens einen belegten Befund, der das Unternehmen selbst gefährdet — unabhängig davon, wie die Aktie gerade bewertet ist.
Rot steht hier nicht wegen einer Bewertungsfrage, sondern wegen eines von Fermi selbst dokumentierten Substanzbefunds: Der Quartalsbericht zum 31. März 2026 spricht wörtlich von „erheblichen Zweifeln“ an der Fähigkeit zur Fortführung des Geschäftsbetriebs, weil die vorhandenen Mittel die geplanten Ausgaben der nächsten zwölf Monate nicht decken – eine Einschätzung, die das Unternehmen im selben Bericht durch eigene Gegenmaßnahmen zwar für ausgeräumt erklärt, aber ausdrücklich ohne Erfolgsgarantie und weiterhin als eigenen Risikofaktor gelistet. Dazu kommt eine belegte Führungskrise: Der Gründer und CEO verließ im April 2026 das Unternehmen, führte anschließend einen offenen Machtkampf um den Aufsichtsrat, ein Aufsichtsratsmitglied trat im Streit zurück, und eine Wertpapier-Sammelklage wirft dem Unternehmen vor, beim Börsengang über genau das Mieterrisiko getäuscht zu haben, das sich einen Monat später bewahrheitete. Die Wandelanleihe vom 14. Juli 2026 bringt reales, zusätzliches Kapital über die bereits im Mai-Bericht kalkulierten Maßnahmen hinaus. Ob die Gesamtheit der Maßnahmen tatsächlich reicht, bestätigt endgültig erst der nächste Bericht.
Journalistische Einschätzung der Redaktion zum Analysezeitpunkt auf Basis öffentlicher Quellen — keine Anlageberatung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf. Deine persönlichen Umstände (Anlageziele, Risikotragfähigkeit, Steuern) können dabei nicht berücksichtigt werden. Was unsere Stufen bedeuten, wie Urteile entstehen und welche Interessenkonflikte bestehen →
Bitte beachten
- Aufhänger dieser Analyse ist die Ausgabe 24 des Börsenbriefs „Hot Stocks Europe“ vom 28. November 2025 (Leser-Einsendung); alle Unternehmenszahlen stammen aus den SEC-Berichten und Fundamentaldaten, nicht aus dem Brief. Der Brief weist selbst auf einen Interessenkonflikt hin: Verlag, Autor oder nahestehende Dritte können in besprochenen Werten Positionen halten und beabsichtigen, bei steigenden Kursen zu verkaufen (MAR EU Nr. 596/2014).
- Datenstand: SEC-Berichte bis zum Quartalsbericht 10-Q zum 31. März 2026 (eingereicht 15. Mai 2026) sowie Pflichtmitteilungen (Formular 8-K) bis zum 23. Juli 2026; Marktdaten (Marktkapitalisierung, Kurs-Buchwert) Stand 26. Juli 2026.
- Nicht zu verwechseln: Fermi Inc. notiert an der Nasdaq und der London Stock Exchange jeweils in US-Dollar (kein Pence-Kurs); die deutschen Nebennotierungen (Kürzel H3V bzw. A41MPN) laufen dagegen in Euro und sind nicht Gegenstand dieser Analyse.
Häufige Fragen
Fermi Inc. (Marktauftritt „Fermi America“) baut in Amarillo, Texas, einen privaten Energie- und Rechenzentrumscampus namens „Project Matador“ mit bis zu 11 Gigawatt Leistung (Gas, Solar, Batterie, perspektivisch Kernkraft) auf einem 99 Jahre laufenden Erbpachtgrundstück des Texas Tech University System. Steuerlich ist das Unternehmen als Immobilien-Investmentgesellschaft (REIT) aufgestellt und will Strom samt Gebäuden an KI-Rechenzentrumsbetreiber vermieten.
Weil noch kein Großmieter einen definitiven Mietvertrag unterschrieben hat. Der erste Interessent vereinbarte im November 2025 eine Baukosten-Zusage über 150 Mio. US-Dollar, kündigte diese aber am 11. Dezember 2025. Laut Quartalsbericht zum 31. März 2026 beginnt der senkrechte Baubeginn erst nach Unterschrift eines definitiven Mietvertrags; erste kommerzielle Einnahmen erwartet Fermi frühestens 2027.
Im Quartalsbericht zum 31. März 2026 erklärt Fermi selbst, dass Kasse und gebundenes Bardepot von zusammen 243,3 Mio. US-Dollar nicht ausreichen, um die geplanten Ausgaben der nächsten zwölf Monate zu decken – das begründet „erhebliche Zweifel“ an der Fortführungsfähigkeit. Als Gegenmaßnahmen nennt das Unternehmen ungenutzte Kreditlinien und mögliche Anlagenverkäufe – und kommt im selben Bericht zu dem Schluss, dass diese Pläne die Zweifel ausräumen; eine Garantie dafür gibt es laut Fermi selbst nicht.
Toby Neugebauer verließ den Chefposten am 17. April 2026 ohne im Filing genannten Grund. Anschließend führte er einen Machtkampf um die Kontrolle des Aufsichtsrats, den er am 3. Juli 2026 nach eigenen Angaben aussetzte. Seither leitet ein „Interim Office of the CEO“ aus zwei Managern die Geschäfte – neun Monate nach dem Börsengang hat Fermi noch immer keinen dauerhaften CEO.
Im November 2025 vereinbarte Fermi mit einem als „investment grade“ eingestuften Interessenten eine Vorauszahlung von bis zu 150 Mio. US-Dollar für Baukosten. Am 11. Dezember 2025 kündigte dieser Interessent die Vereinbarung wieder; die Exklusivitätsfrist der ursprünglichen Absichtserklärung war zwei Tage zuvor ausgelaufen. Verhandlungen über einen Mietvertrag dauern laut Fermi an.
Laut Quartalsbericht zum 31. März 2026 könnten allein die ersten beiden Bauphasen 3 Mrd. US-Dollar kosten, davon rund 2 Mrd. in den nächsten zwölf Monaten – vorbehaltlich eines unterschriebenen Mietvertrags. Über alle Bauphasen hinweg schätzt Fermi den Gesamtkapitalbedarf auf 70 bis 90 Mrd. US-Dollar, das 15- bis 19-Fache der heutigen Marktkapitalisierung.
Ein Kurs-Gewinn-Verhältnis lässt sich mangels Umsatz nicht berechnen. Am Buchwert gemessen kostet die Aktie das rund 4,4-Fache des Eigenkapitals je Aktie (Datenstand 26. Juli 2026) – kein Schnäppchen trotz eines Kurses von knapp zwei Dritteln unter dem Ausgabepreis von 21,00 US-Dollar. Die eigene Wandelanleihe behandelt eine Kursverdopplung auf die Obergrenze der Capped-Call-Absicherung nur als Möglichkeit, nicht als Basisszenario.
Der Brief „Hot Stocks Europe“ vom 28. November 2025 zitierte eine Berenberg-Schätzung mit einem KGV von rund 1,5 bis 2030. Diese Schätzung datiert von vor der Kündigung des Erstmieters, dem CEO-Abgang, dem Machtkampf und der Sammelklage – sie ist als Kursziel keine Tatsache, sondern eine Meinung mit Datum, die die seitherigen Entwicklungen noch nicht kennen konnte.
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