Evotec: 465 Millionen Euro in der Kasse — und 111 Millionen, die im ersten Halbjahr aus dem Geschäft abflossen
Evotec ist die Wirkstoff-Fabrik der europäischen Pharmaindustrie: rund 4.500 Menschen, alle zwanzig großen Pharmakonzerne als Kunden, seit Jahren die deutsche Vorzeige-Adresse für KI-gestützte Forschung. Genau deshalb lohnt der nüchterne Blick in die Berichte. Der Halbjahresbericht vom 13. August 2026 zeigt 300,1 Millionen Euro Umsatz, eine Bruttomarge von minus 1,0 Prozent, einen Verlust von 168,6 Millionen Euro und einen operativen Mittelabfluss von 111,1 Millionen Euro. Die Kasse ist mit 465,6 Millionen Euro weiter gut gefüllt — nur stammt das Geld darin aus Standortverkauf, Beteiligungsverkauf und Wandelanleihe. Keine Anlageberatung, sondern die Frage, woher das Geld in dieser Kasse eigentlich kommt.
Stand heute
Stand: 18. September 2026
- Schlusskurs
- 2,90 € +1,10 %
- Marktkapitalisierung
- 0,5 Mrd. €
- Wachstums-Score
- 3/10
- AAQS
- 2/10
Diese Analyse hat einen Stichtag. Der Aktien-Wächter meldet sich, wenn sich an den Zahlen etwas Wesentliches ändert. Zur kostenlosen Vormerkung
Chart
Interaktiver Kurs-Chart (TradingView).
52-Wochen-Spanne: 2,80 € bis 7,20 € · Letzter Kurs: 2,90 € (Stand: 18. September 2026)
Hinweis: reine Faktenanalyse, keine Anlageberatung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf. Angaben ohne Gewähr.
Es gibt eine Anleger-Schwäche, die besonders gern bei gefallenen Lieblingen zuschlägt: den Ankereffekt. Unser Kopf merkt sich einen Kurs, den er einmal gesehen hat, und misst alles Weitere daran. Die Evotec-Aktie erreichte im Jahr 2024 ein Hoch von 21,42 Euro und schloss das Jahr 2025 am 30. Dezember bei 5,45 Euro — ein Rückgang von rund 33 Prozent allein in diesem Jahr. Wer den alten Anker im Kopf hat, denkt automatisch „billig“. Der Anker sagt aber nichts über das Geschäft aus. Er sagt nur etwas über unser Gedächtnis.
Also machen wir einen Deal: Wir legen den alten Kurs beiseite und lesen gemeinsam, was die Evotec SE (Frankfurt Prime Standard: EVT) selbst berichtet hat — den Integrierten Geschäftsbericht 2025, die Zwischenmitteilung zum ersten Quartal 2026, die Mitteilung vom 13. Juli 2026, mit der das Unternehmen die eigene Jahresprognose gesenkt hat, und den Halbjahresbericht vom 13. August 2026, der die Zahlen dahinter endgültig macht.
Damit ist das Spannungsfeld dieser Analyse benannt, und es zieht sich durch jedes Kapitel: Evotec ist eine echte Wirkstoff-Fabrik mit echten Kunden und einer echten KI-Kompetenz — aber die Auftragsbücher schrumpfen, der Umbau kostet Geld, und die gut gefüllte Kasse stammt nicht aus dem Geschäft, sondern aus Verkäufen und einer Wandelanleihe.
Was Evotec eigentlich macht
Evotec entwickelt keine eigenen Medikamente bis zur Apotheke. Das Unternehmen mit Sitz in Hamburg ist der Dienstleister der Wirkstoffforschung — die Fabrik, in der andere ihre Moleküle suchen, testen und herstellen lassen. Wenn ein Pharmakonzern eine Idee für ein Medikament hat, aber weder die Labore noch die Spezialisten dafür vorhalten will, kauft er diesen Teil ein. Bei Evotec.
Das Geschäft läuft in zwei Segmenten. Discovery & Preclinical Development (D&PD) ist der große Teil: Wirkstoffsuche, Profilierung, präklinische Entwicklung, dazu die ADME-Tox-Dienste der Tochter Cyprotex. Auf dieses Segment entfielen 2025 externe Umsatzerlöse von 528,9 Millionen Euro. Just – Evotec Biologics (JEB) ist der kleinere, aber technisch spektakulärere Teil: Entwicklung und Herstellung biologischer Wirkstoffe in kontinuierlichen Verfahren, 259,4 Millionen Euro Umsatz 2025.
Zum 31. Dezember 2025 arbeiteten dort 4.553 Menschen an 14 Standorten in acht Ländern (Vorjahr: 4.827 Beschäftigte). Zum 30. Juni 2026 waren es im Durchschnitt noch 4.461 Beschäftigte — 296 weniger als im Zwölf-Monats-Durchschnitt 2025 von 4.757, ein Rückgang von 6,2 Prozent gegenüber dem Jahresende. Der Halbjahresbericht nennt dafür zwei Gründe: den Verkauf von Just – Evotec Biologics EU im Dezember 2025 und den Stellenabbau im Rahmen des Umbaus Horizon. Die Kundenliste liest sich trotzdem beeindruckend: alle zwanzig größten Pharmaunternehmen, über 800 Biotechs, dazu Stiftungen und akademische Einrichtungen. Das Geschäftsjahr entspricht dem Kalenderjahr.
Die Aktie notiert im Prime Standard der Frankfurter Wertpapierbörse (ISIN DE0005664809, Indizes SDAX und TecDAX) und zusätzlich als American Depositary Share an der Nasdaq unter dem Kürzel EVO. Wichtig für den Vergleich: Zum 31. Dezember 2025 standen 177.778.907 Aktien in Frankfurt 355.557.814 ADS gegenüber — eine Aktie entspricht also zwei ADS. Wer Kurse aus New York mit Frankfurter Kursen vergleicht, muss diesen Faktor zwei mitrechnen. Zum 30. Juni 2026 waren es 177.909.559 Aktien; der kleine Zuwachs stammt allein aus ausgeübten Aktienoptionen.
Wie die Aktie auf unseren Tisch kam
Nicht über einen Scanner-Treffer, sondern über die Aufmerksamkeit anderer: Evotec stand am 4. August 2026 auf der Foren-Hitliste von wallstreet-online unter den meistdiskutierten Werten deutscher Privatanleger. Das ist kein Kaufsignal. Es ist ein Hinweis darauf, dass viele Menschen dieselbe Frage haben — und bei einer Aktie, die binnen acht Wochen erst eine Wandelanleihe begeben und dann die Jahresprognose gesenkt hat, ist diese Frage naheliegend. Am 13. August 2026 hat das Unternehmen den vollständigen Halbjahresbericht nachgeliefert; diese Analyse ist auf diesen Stand gebracht.
Eine Einschränkung machen wir gleich hier transparent, weil sie den Rest der Analyse prägt: Für diesen Artikel standen keine Marktdaten zur Verfügung. Jede Zahl in diesem Text stammt aus einem Originalbericht oder einer Pflichtmitteilung des Unternehmens. Einen tagesaktuellen Börsenwert nennen wir deshalb nicht — der letzte belegte Wert ist die Marktkapitalisierung von 0,969 Milliarden Euro zum 31. Dezember 2025 aus dem Geschäftsbericht. Alles Weitere wäre geschätzt, und geschätzte Zahlen haben in einer Analyse nichts verloren.
Die Zahlen über die Jahre — ehrlich gewürdigt
Fangen wir mit dem an, was wirklich beeindruckt. Evotec hat in fünf Jahren eine Umsatzbasis aufgebaut, von der die meisten deutschen Biotech-Unternehmen nur träumen: von 618,0 Millionen Euro (2021) über 751,4 (2022), 781,4 (2023) und 797,0 (2024) auf 788,4 Millionen Euro im Jahr 2025. Das ist keine Bastelbude, das ist Industrie. Und die Kundenbindung ist hoch: Das Wiederholungsgeschäft — der Anteil wiederkehrender Umsätze mit Bestandskunden — lag 2025 bei 90 Prozent, nach 94 Prozent im Vorjahr.
Der Chart oben zeigt allerdings die zweite Reihe, und die läuft in die andere Richtung. Das bereinigte Konzern-EBITDA — die operative Ertragskennzahl des Hauses, bereinigt um Sondereffekte — fiel von 107,3 Millionen Euro (2021) über 101,7 und 66,4 auf 22,6 Millionen Euro (2024) und erholte sich 2025 auf 41,1 Millionen Euro. Übersetzt: Bei praktisch gleichem Umsatz bleibt heute weniger als die Hälfte dessen hängen, was 2021 hängen blieb.
Unter dem Strich stand 2025 ein Periodenergebnis von minus 103,5 Millionen Euro nach minus 196,1 Millionen im Vorjahr — eine Verbesserung um 92,6 Millionen, aber eben immer noch ein Verlust. Das Ergebnis je Aktie lag bei minus 0,58 Euro nach minus 1,11 Euro. Die von Evotec selbst finanzierten Forschungsausgaben sanken auf 37,5 Millionen Euro nach 50,9 Millionen im Vorjahr und 70,2 Millionen im Jahr 2022.
Ein Merksatz für den Rest dieser Analyse: Ein Umsatz, der stillsteht, ist bei einem Dienstleister kein Plateau, sondern ein Auftragsbuch, das nicht nachwächst.
Unbequeme Wahrheit Nr. 1: Die eigene Prognose fiel um bis zu 170 Millionen Euro
Am 6. Mai 2026 legte Evotec die Zahlen zum ersten Quartal vor und bestätigte die Jahresprognose: 700 bis 780 Millionen Euro Umsatz, bereinigtes Konzern-EBITDA von 0 bis plus 40 Millionen Euro. Gut zwei Monate später, am 13. Juli 2026, kam die Ad-hoc-Mitteilung mit den neuen Zahlen.
Die neuen Eckwerte für das Geschäftsjahr 2026: Konzernumsatzerlöse von rund 570 bis 610 Millionen Euro (595 bis 635 Millionen bei konstanten Wechselkursen) und ein bereinigtes Konzern-EBITDA von rund minus 70 bis minus 105 Millionen Euro (minus 60 bis minus 90 Millionen bei konstanten Wechselkursen). Gegenüber der alten Prognose fehlen an der Umsatzobergrenze 170 Millionen Euro, an der Untergrenze 130 Millionen — und aus einem Ergebnis zwischen null und plus 40 Millionen wurde ein Minus von bis zu 105 Millionen Euro.
Für das erste Halbjahr 2026 nannte das Unternehmen zunächst vorläufig 300,1 Millionen Euro Umsatz und ein bereinigtes Konzern-EBITDA von minus 42,7 Millionen Euro. Im ersten Halbjahr 2025 waren es 371,2 Millionen Euro Umsatz. Der Halbjahresbericht vom 13. August 2026 hat beide Werte auf den Cent bestätigt — 300.123 Tausend Euro Umsatz, minus 42.684 Tausend Euro bereinigtes Konzern-EBITDA — und die Jahresprognose ausdrücklich erneuert. Auf Segmentebene: Discovery & Preclinical Development im zweiten Quartal 108,1 Millionen Euro (minus 15,8 Prozent), im ersten Halbjahr 227,9 Millionen (minus 15,2 Prozent); Just – Evotec Biologics im zweiten Quartal 35,4 Millionen (minus 17,4 Prozent), im ersten Halbjahr 72,3 Millionen (minus 29,3 Prozent).
Einen Satz enthält der Bericht allerdings, den die Ad-hoc-Mitteilung nicht hatte: Vor dem Hintergrund des aktualisierten Ausblicks für 2026 überprüft Evotec derzeit seine mittelfristigen Finanzziele. Übersetzt heißt das: Nicht nur das laufende Jahr wird neu gerechnet, sondern auch der Pfad dorthin, wo das Unternehmen 2028 oder 2030 stehen wollte. Wer die alten Mittelfristziele im Kopf hat, hat damit eine Zahl im Kopf, die das Unternehmen selbst gerade zur Disposition stellt.
Bemerkenswert ist die Begründung des Prognoseschnitts, weil sie sehr genau ist. Evotec teilt die Umsatzlücke in drei Teile: rund 40 Prozent verschieben sich innerhalb bestehender Partnerschaften ins Jahr 2027 — veränderte zeitliche Staffelung und angepasste Zeitpläne für Meilensteinzahlungen. Rund 45 Prozent entfallen auf Beiträge aus potenziellen neuen strategischen Partnerschaften, die noch verhandelt werden. Rund 15 Prozent gehen auf eine geringere Umsatzrealisierung als erwartet zurück.
Das ist für die Einordnung wichtig, und zwar in beide Richtungen. Wenn 45 Prozent der Lücke aus Verträgen stammen, die noch nicht unterschrieben sind, dann war die alte Prognose zu einem erheblichen Teil eine Hoffnung — und Hoffnungen sind kein Auftragsbuch. Andererseits: Die Nettoverkäufe im D&PD-Basisgeschäft ohne strategische Partner stiegen im ersten Halbjahr 2026 gegenüber dem Vorjahr um rund 28 Prozent. Das operative Fundament wächst also, nur eben nicht schnell genug, um die ausbleibenden Großverträge zu ersetzen.
Unbequeme Wahrheit Nr. 2: Im ersten Halbjahr 2026 kostete die Arbeit mehr, als sie einbrachte
Der Halbjahresbericht vom 13. August 2026 hat eine Zahl nachgeliefert, die in der Ad-hoc-Mitteilung vom Juli fehlte — und sie ist die wichtigste des ganzen Berichts. Das Bruttoergebnis des Konzerns war negativ: minus 3,1 Millionen Euro, nach plus 50,4 Millionen Euro im ersten Halbjahr 2025.
Bruttoergebnis klingt technisch, ist aber die einfachste Frage überhaupt: Bleibt vom Umsatz etwas übrig, nachdem die direkten Kosten der erbrachten Leistung abgezogen sind? Bei einer Handwerksfirma wäre das die Rechnung „Auftragssumme minus Material und Löhne der Monteure“. Bei Evotec lautete die Antwort im ersten Halbjahr 2026: nein. 300,1 Millionen Euro Umsatz standen 303,3 Millionen Euro Umsatzkosten gegenüber.
„Cost of revenue for the six months ended June 30, 2026 amounted to € 303.3 m compared with € 320.9 m in the corresponding period of 2025, resulting in a gross margin of (1.0)% (6M 2025: 13.6%).“
Übersetzung: „Die Umsatzkosten beliefen sich für die sechs Monate bis zum 30. Juni 2026 auf 303,3 Millionen Euro gegenüber 320,9 Millionen Euro im entsprechenden Zeitraum 2025, woraus sich eine Bruttomarge von minus 1,0 Prozent ergibt (6M 2025: 13,6 Prozent).“
— Evotec SE, Halbjahresbericht 6M 2026, Kapitel „Report on the financial situation and results“ (veröffentlicht am 13. August 2026)
Der Blick auf die Segmente zeigt, wo es klemmt. Im großen Segment Discovery & Preclinical Development fiel die Bruttomarge von 15,3 auf 4,4 Prozent — der Bericht nennt als Grund die anhaltende Unterauslastung, die Horizon beheben soll. Bei Just – Evotec Biologics rutschte sie von plus 9,1 auf minus 18,3 Prozent; hier fehlt der einmalige Lizenzverkauf an Sandoz aus dem ersten Quartal 2025, dazu kommen zeitlich verschobene Programme und höhere Material- und Projektkosten.
Ein Dienstleister mit 449,8 Millionen Euro an Sachanlagen — Laboren, Geräten, Produktionslinien — kann eine schwache Auftragslage nicht einfach wegsparen: Die Räume stehen, die Kühlschränke laufen, die Spezialisten sind auf der Gehaltsliste. Genau das ist die Mechanik hinter der negativen Bruttomarge, und genau deshalb ist die Auslastung bei Evotec die entscheidende Größe, nicht der Umsatz allein.
Unter dem Strich summiert sich das zu einem Periodenergebnis von minus 168,6 Millionen Euro nach minus 75,1 Millionen im Vorjahreshalbjahr. Das Ergebnis je Aktie lag bei minus 0,95 Euro nach minus 0,42 Euro. Bemerkenswert dabei: In dieser Zahl steckt bereits ein Buchgewinn von 71,9 Millionen Euro aus dem Verkauf der Tubulis-Beteiligung an Gilead Sciences. Ohne diesen einmaligen Ertrag wäre der Verlust noch deutlich größer ausgefallen. Das operative Ergebnis, also die Zeile vor allen Finanz- und Beteiligungseffekten, lag bei minus 234,7 Millionen Euro nach minus 47,8 Millionen im Vorjahreshalbjahr.
Unbequeme Wahrheit Nr. 3: Drei Kunden, 43 Prozent des Umsatzes
Kundenkonzentration ist einer dieser Begriffe, die man erst in einem Alltagsbild spürt: Wenn dein Nachbar erzählt, sein Unternehmen laufe blendend, und du erfährst, dass drei Kunden fast die Hälfte des Geldes bringen — würdest du kurz schlucken? Genau das steht bei Evotec im Risikobericht.
„In 2025, 43% of the Company's revenue came from three customers, and 74 customer alliances each generated over € 1 m.“
Übersetzung: „Im Jahr 2025 stammten 43 Prozent des Umsatzes des Unternehmens von drei Kunden, und 74 Kundenallianzen erwirtschafteten jeweils über 1 Million Euro.“
— Evotec SE, Integrierter Geschäftsbericht 2025, Risikobericht
Zwei weitere Zahlen aus demselben Bericht schärfen das Bild. Der Beitrag der zehn größten Kunden zum Gesamtumsatz stieg von 52 Prozent (2024) auf 61 Prozent (2025) — die Abhängigkeit hat also binnen eines Jahres deutlich zugenommen. Und die Zahl der Kundenallianzen mit mehr als 1 Million Euro Jahresumsatz fiel von 109 auf 74. Namentlich genannt werden zwei Kunden mit jeweils mehr als 10 Prozent des Konzernumsatzes: Bristol Myers Squibb und Sandoz.
Bei Sandoz kommt eine Besonderheit dazu: Evotec hat diesem Kunden im Dezember 2025 den eigenen Biologika-Standort in Toulouse verkauft — für einen Kaufpreis von rund 350 Millionen US-Dollar, dazu Ansprüche auf mehr als 300 Millionen US-Dollar aus künftiger Entwicklung und Lizenzzahlungen. Der größte Kunde ist damit gleichzeitig der größte Käufer von Unternehmensvermögen. Das ist kein Vorwurf, sondern eine Struktur, die man kennen sollte.
Wie eng diese Verbindung ist, zeigt eine Zeile im Anhang: Die Vertragsverbindlichkeiten aus Abschlagszahlungen des größten Kunden beliefen sich zum 31. Dezember 2025 auf 214.985 Tausend Euro (Vorjahr: 215.108 Tausend Euro). Das sind rund 27 Prozent eines Jahresumsatzes — Geld, das schon geflossen ist, für das die Leistung aber noch aussteht.
Der Halbjahresbericht vom 13. August 2026 schlüsselt diesen Posten nicht mehr nach Kunden auf, zeigt aber die Summe: Die Vertragsverbindlichkeiten sanken von 250,2 auf 205,1 Millionen Euro, weil mehr Umsatz erlöst wurde, als neue Anzahlungen eingingen. Das ist die freundliche Lesart dieser Bewegung — der Vorschuss wird abgearbeitet. Die unfreundliche steht daneben in derselben Bilanz: Die Forderungen aus Lieferungen und Leistungen fielen von 136,0 auf 96,4 Millionen Euro, im Wesentlichen durch Zahlungseingänge aus der Sandoz-Lizenzvereinbarung vom Dezember 2025. Beide Zeilen zusammen heißen: Es kommt weniger Neues nach.
Unbequeme Wahrheit Nr. 4: Der Umbau kostet erst, bevor er spart
Am 10. März 2026 kündigte Evotec das Programm „Horizon“ an — die nächste Stufe einer 2024 begonnenen Transformation. Der Kern in einem Satz: Der globale Standortverbund wird von 14 auf zehn Standorte verschlankt, die wissenschaftliche Arbeit in Exzellenzzentren gebündelt, die Vertriebsorganisation neu geschnitten.
Die Rechnung dahinter ist öffentlich. Die strukturellen Maßnahmen sollen bis Ende 2027 rund 75 Millionen Euro pro Jahr einsparen; für den Zeitraum 2026 bis 2028 erwartet das Unternehmen dafür liquiditätswirksame Restrukturierungskosten von etwa 100 Millionen Euro. Rund 20 bis 30 Prozent der Einsparung sollen bereits 2026 wirksam werden — das bestätigte Evotec auch noch in der Mitteilung vom 13. Juli 2026.
„For the three months ended March 31, 2026, Evotec recorded reorganization costs totaling € 75.0 m.“
Übersetzung: „Für die drei Monate bis zum 31. März 2026 hat Evotec Reorganisationskosten in Höhe von insgesamt 75,0 Millionen Euro erfasst.“
— Evotec SE, Zwischenmitteilung 3M 2026, Abschnitt 5 „Projekt Horizon“ (veröffentlicht am 6. Mai 2026)
75,0 Millionen Euro in einem einzigen Quartal — das ist genau die Summe, die das Programm ein ganzes Jahr lang einsparen soll. Davon entfielen 56,4 Millionen Euro auf Personalmaßnahmen einschließlich Abfindungen und 14,9 Millionen Euro auf Wertminderungen von Sachanlagen. Entsprechend fiel das Periodenergebnis des ersten Quartals 2026 auf minus 121,9 Millionen Euro nach minus 31,6 Millionen im Vorjahresquartal.
Im zweiten Quartal ging es weiter. Für das gesamte erste Halbjahr 2026 weist der Bericht vom 13. August 98,9 Millionen Euro Reorganisationskosten aus — im Vorjahreshalbjahr stand dort ein kleiner Ertrag von 0,6 Millionen Euro. Von den bis 2028 geplanten rund 100 Millionen Euro liquiditätswirksamen Umbaukosten ist das erst ein Teil: In den Rückstellungen stehen zum 30. Juni 2026 allein 48,6 Millionen Euro für Personalmaßnahmen und 10,6 Millionen Euro für Rückbauverpflichtungen aus gekündigten Mietflächen — Geld, das erst noch abfließt.
Ein Posten außerhalb der Reorganisationszeile gehört daneben, weil er dieselbe Geschichte erzählt: Weil das Management im Juni 2026 beschloss, ein Laborgebäude am Hamburger Hauptsitz zur Untervermietung anzubieten, wurde darauf eine Wertminderung von 42,3 Millionen Euro gebucht. Sie ist der Hauptgrund, warum die sonstigen betrieblichen Aufwendungen von 5,6 auf 51,2 Millionen Euro sprangen. Insgesamt schrieb Evotec im Halbjahr 81,5 Millionen Euro auf Sachanlagen ab; deren Buchwert fiel von 554,6 auf 449,8 Millionen Euro. Wer Laborfläche am eigenen Stammsitz untervermieten will, sagt damit etwas über die eigene Auslastung.
Die Bilanz reagierte sofort. Das Eigenkapital sank von 813,7 Millionen Euro (31. Dezember 2025) über 699,6 Millionen (31. März 2026) auf 665,6 Millionen Euro zum 30. Juni 2026, die Eigenkapitalquote von 47,5 auf 42,3 Prozent. Die Bilanzsumme schrumpfte von 1.713,9 auf 1.574,0 Millionen Euro. Zur fairen Einordnung: Eine Quote von 42,3 Prozent ist kein Alarmwert — viele Industrieunternehmen wären froh darüber. Aber 148,1 Millionen Euro Eigenkapital in sechs Monaten sind auch keine Kleinigkeit.
„Total stockholders’ equity decreased by € 148.1 m to € 665.6 m (December 31, 2025: € 813.7 m) predominantly as a result of the net loss of the six months ended June 30, 2026 of € 168.6 m.“
Übersetzung: „Das Eigenkapital verringerte sich um 148,1 Millionen Euro auf 665,6 Millionen Euro (31. Dezember 2025: 813,7 Millionen Euro), im Wesentlichen als Folge des Verlusts der sechs Monate bis zum 30. Juni 2026 von 168,6 Millionen Euro.“
— Evotec SE, Halbjahresbericht 6M 2026, Abschnitt „Stockholders’ equity“ (veröffentlicht am 13. August 2026)
Wer sehen will, wie teuer ein solcher Umbau in der Zwischenzeit wird, findet in unserer Analyse zu Recursion Pharmaceuticals den Extremfall: dort steht eine Milliardenerzählung gegen Quartalsumsätze im einstelligen Millionenbereich. Evotec ist davon weit entfernt — es verdient echtes Geld mit echten Kunden. Aber die Mechanik ist dieselbe: Erzählung und Zahlungsstrom laufen zeitversetzt.
Unbequeme Wahrheit Nr. 5: Das Geld in der Kasse kam nicht aus dem Geschäft
Nun zur Kasse, dem stärksten Argument der Bullen — und der Stelle, an der es sich lohnt, zwei Zeilen weiter zu lesen. Die Liquidität des Konzerns stieg 2025 von 396,8 auf 476,4 Millionen Euro. Zum 31. Dezember 2025 war Evotec sogar netto schuldenfrei: Die Nettoverschuldung lag bei minus 27,7 Millionen Euro, was einer Netto-Cash-Position entspricht, nach plus 42,6 Millionen Euro Nettoschulden ein Jahr zuvor.
Die verkürzte Cashflow-Rechnung desselben Berichts zeigt, woher das kam:
- Nettomittelabfluss aus der operativen Geschäftstätigkeit: minus 9,2 Millionen Euro (2024: plus 18,2 Millionen)
- Nettomittelzufluss aus der Investitionstätigkeit: plus 171,6 Millionen Euro (2024: minus 71,2 Millionen)
- Nettomittelabfluss aus der Finanzierungstätigkeit: minus 37,6 Millionen Euro
Der gesamte Zuwachs stammt also aus der Investitionsspalte — im Wesentlichen aus dem Verkauf des Standorts Toulouse an Sandoz. Das Tagesgeschäft hat 2025 unter dem Strich Geld gekostet, nicht gebracht. Im ersten Quartal 2026 lag der operative Cashflow bei minus 3,9 Millionen Euro, die Liquidität sank um 31,6 Millionen auf 444,8 Millionen Euro.
Und dann kam der Halbjahresbericht. Er zeigt für die ersten sechs Monate 2026 einen operativen Mittelabfluss von 111,1 Millionen Euro. Zur Einordnung, weil die Zahl sonst untergeht: Das ist mehr als das Zwölffache des gesamten Vorjahres und das Einundzwanzigfache des Vorjahreshalbjahres.
„Net cash provided by (used in) operating activities in the first six months ended June 30, 2026 was € (111.1) m compared with € (5.3) m in the first six months 2025. This year’s figure was largely driven by lower operating performance.“
Übersetzung: „Der Nettomittelabfluss aus der operativen Geschäftstätigkeit betrug in den ersten sechs Monaten bis zum 30. Juni 2026 111,1 Millionen Euro gegenüber 5,3 Millionen Euro in den ersten sechs Monaten 2025. Der diesjährige Wert war im Wesentlichen auf die geringere operative Leistung zurückzuführen.“
— Evotec SE, Halbjahresbericht 6M 2026, Kapitel 2 „Cash flows and financial position“ (veröffentlicht am 13. August 2026)
Dass die Kasse trotzdem fast unverändert blieb, liegt an zwei Gegenbuchungen. Erstens flossen aus dem Verkauf der Beteiligung an der Tubulis GmbH an Gilead Sciences 89,3 Millionen Euro netto zu — der Verkauf wurde am 21. Mai 2026 abgeschlossen, die Gesamtgegenleistung betrug 93,7 Millionen Euro, von denen 5,25 Prozent der Europäischen Investitionsbank zustanden. Zweitens brachte die Finanzierung netto 33,8 Millionen Euro: 112,9 Millionen Euro Zuflüsse aus Wandelanleihe und Darlehen gegen 76,3 Millionen Euro Tilgungen von Darlehen und Leasingverbindlichkeiten.
Unter dem Strich sank die Gesamtliquidität deshalb nur von 476,4 auf 465,6 Millionen Euro. Die reinen Zahlungsmittel allerdings fielen von 418,5 auf 348,4 Millionen Euro; die Differenz steckt in kurzfristigen Anlagen wie Geldmarktfonds, die von 57,9 auf 117,2 Millionen Euro gestiegen sind. Wer nur auf die Überschrift „465,6 Millionen Euro Liquidität“ schaut, sieht eine stabile Kasse. Wer die Kapitalflussrechnung daneben legt, sieht, wie viel Verkauf und Finanzierung nötig waren, damit sie stabil aussieht.
Der Ausgangspunkt dieser Finanzierung war der 12. Mai 2026. Evotec platzierte Wandelanleihen über 116,1 Millionen Euro mit Fälligkeit 2033, Kupon 2,625 Prozent pro Jahr, Rückzahlung zu 110 Prozent des Nennbetrags. Der anfängliche Wandlungspreis liegt bei 6,5313 Euro — eine Prämie von 37,5 Prozent auf den Referenzkurs von 4,75 Euro; unter Berücksichtigung des aufgezinsten Rückzahlungsbetrags entspricht das effektiv rund 7,1844 Euro. Das Bezugsrecht der Aktionäre wurde ausgeschlossen. Zweck laut Mitteilung: die Finanzierung der Liquiditätsbedarfe des Programms Horizon.
Verwässerung heißt im Alltagsbild: Dein Stück vom Kuchen wird kleiner, weil neue Stücke abgeschnitten werden. Rechnen wir es aus. 116,1 Millionen Euro geteilt durch 6,5313 Euro ergeben rund 17,78 Millionen potenzielle neue Aktien — gemessen an den 177.778.907 Aktien zum 31. Dezember 2025 sind das genau 10,0 Prozent. Zum Vergleich: Die gesamte Verwässerung des Jahres 2025 aus ausgeübten Aktienoptionen betrug 0,335 Prozent.
Der Halbjahresbericht zeigt die Anleihe erstmals in der Bilanz. Sie wird als zusammengesetztes Finanzinstrument geführt: Die Schuldkomponente erhöhte die Finanzverbindlichkeiten um 104,5 Millionen Euro auf insgesamt 475,9 Millionen Euro (31. Dezember 2025: 448,7 Millionen), die Eigenkapitalkomponente steht mit 8,4 Millionen Euro in der Kapitalrücklage. Gewandelt hat bisher niemand — die Aktienzahl stieg lediglich auf 177.909.559 Stück zum 30. Juni 2026, und zwar nur durch ausgeübte Mitarbeiteroptionen. Das Verwässerungspotenzial von 10,0 Prozent ist damit nicht verschwunden, sondern steht weiter offen im Raum.
Ein zweiter Halbsatz aus dem Geschäftsbericht gehört daneben, weil er erklärt, warum diese Anleihe überhaupt nötig war: Zum 31. Dezember 2025 hatte das Unternehmen keine ausstehenden, nicht gezogenen Kreditlinien mehr — ein Jahr zuvor waren es 75,1 Millionen Euro. Der Puffer neben der Kasse war weg. Der Halbjahresbericht wiederholt diese Angabe nicht; sie macht nur der Jahresbericht.
Eine wichtige Gegenprobe zum Schluss dieses Kapitels: Der Halbjahresbericht erklärt ausdrücklich, dass er auf der Annahme der Unternehmensfortführung aufgestellt wurde und dass keine wesentlichen Unsicherheiten bestehen, die diese Annahme in Zweifel ziehen. Das ist bei einem Halbjahr mit 168,6 Millionen Euro Verlust keine Selbstverständlichkeit — und es ist der Grund, warum die Lage in dieser Analyse als offen und nicht als bedrohlich eingeordnet wird.
Die KI-Erzählung — und was im Bericht wirklich steht
Evotec gilt vielen als der deutsche KI-Wert der Pharmaforschung. Das ist nicht aus der Luft gegriffen. Der Konzern nennt KI-gestützte Innovation ausdrücklich als Kern der eigenen Strategie, und am 2. Juni 2026 hat er einen Head of Global In Silico & AI auf Executive-Vice-President-Ebene berufen. In der Leistungsbeschreibung von Just – Evotec Biologics steht ein konkretes, verkauftes Angebot: Antikörper-Optimierung und Kandidatenauswahl mit modernsten in-silico-basierten KI-Werkzeugen (J.MD).
Am 6. August 2026 ist ein weiterer Beleg dazugekommen, und zwar der handfesteste bisher: Odyssey Therapeutics zahlt Evotec dafür, dessen KI-gestützte Datenwissenschaft zu nutzen. Das ist der Unterschied zwischen „wir setzen KI ein“ und „jemand kauft unsere KI“ — und für die Einordnung dieses Unternehmens der entscheidende.
„Under the agreement, Odyssey will leverage Evotec’s integrated data-driven discovery platform, advanced screening capabilities and AI-enabled data science technologies to discover and validate differentiated small molecule drug candidates across multiple high-value disease targets.“
Übersetzung: „Im Rahmen der Vereinbarung wird Odyssey Evotecs integrierte datengetriebene Forschungsplattform, fortschrittliche Screening-Fähigkeiten und KI-gestützte Datenwissenschafts-Technologien nutzen, um differenzierte niedermolekulare Wirkstoffkandidaten für mehrere hochwertige Krankheitsziele zu finden und zu validieren.“
Wichtig für die nüchterne Bewertung: Zu den Konditionen dieser Kooperation ist wenig bekannt. Evotec erhält Meilensteinzahlungen für die erfolgreiche Lieferung validierter Wirkstoffreihen je Zielstruktur; konkrete Beträge nennt die Mitteilung nicht. Für die Umsatzzeile 2026 ist das also noch keine Zahl, sondern eine Option.
„Our new strategy tightens the focus on technology and science leadership, specifically in AI-driven innovation, molecular glue degraders, and targeted protein degradation, aiming to maximize impact in high-value segments.“
Übersetzung: „Unsere neue Strategie stärkt den Fokus auf eine Führungsrolle in Technologie und Wissenschaft, insbesondere in den Bereichen KI-basierte Innovation, molekulare Kleber und gezielter Proteinabbau, mit dem Ziel, den Nutzen in hochwertigen Segmenten zu maximieren.“
— Evotec SE, Integrierter Geschäftsbericht 2025, Kapitel Strategie
Interessant wird es aber erst ein paar Seiten weiter, im Risikobericht. Dort steht KI nämlich noch ein zweites Mal — und zwar auf der anderen Seite des Tisches: Aufstrebende, KI-gesteuerte Biotechnologieunternehmen stellten eine wachsende Konkurrenz dar; diese auf KI fokussierten Unternehmen konkurrierten mit großen Pharmaunternehmen um Geschäfte und Partnerschaften und könnten ihre Nasslabor-Kapazitäten ausbauen, was den Wettbewerb in der Wirkstoffforschung verschärfe.
Das ist die ehrlichste Passage des ganzen Berichts. Dieselbe Technologie, die Evotecs Angebot besser macht, senkt auch die Eintrittshürde für die Konkurrenz — und der Preisdruck kommt zusätzlich von kostenbewussten Auftragsforschern in Asien und Osteuropa. Wer molekulare Kleber als Zukunftsthema spannend findet, sieht dieselbe Wette bei einem reinen Entwickler in unserer Analyse zu Monte Rosa Therapeutics; Evotec verdient an dieser Technologie schon heute Geld, trägt aber auch das Dienstleisterrisiko.
Was die Aktie kostet — und was wir nicht sagen können
Hier bleiben wir bewusst grob und ausdrücklich datiert. Der letzte belegte Börsenwert stammt aus dem Geschäftsbericht: 0,969 Milliarden Euro zum 31. Dezember 2025, bei einem Jahresschlusskurs von 5,45 Euro (30. Dezember 2025) und 177.778.907 Aktien. Gemessen am Umsatz 2025 von 788,4 Millionen Euro entspricht das einem Kurs-Umsatz-Verhältnis von rund 1,2. Ein Kurs-Gewinn-Verhältnis lässt sich nicht bilden — 2025 stand ein Verlust.
Was wir nicht sagen können, sagen wir auch nicht: Für diese Analyse standen keine Marktdaten zur Verfügung, ein aktueller Börsenwert und alle daraus abgeleiteten Kennzahlen fehlen deshalb. Wer sie braucht, findet sie beim Broker seines Vertrauens — und sollte dabei bedenken, dass sich seit dem 31. Dezember 2025 drei Dinge geändert haben, die die Rechnung betreffen: die Wandelanleihe über 116,1 Millionen Euro, die gesenkte Jahresprognose und ein Eigenkapital, das im ersten Halbjahr 2026 um 148,1 Millionen Euro auf 665,6 Millionen Euro gefallen ist.
Ein sinnvoller Bezugspunkt bleibt trotzdem: Bei einem erwarteten Jahresumsatz 2026 von 570 bis 610 Millionen Euro liegt die Umsatzbasis rund ein Viertel unter dem Stand von 2025. Wer die Aktie mit Kennzahlen aus dem Jahr 2025 bewertet, bewertet ein Unternehmen, das es in dieser Größe im laufenden Jahr nicht mehr gibt.
Ein Sonderfaktor gehört ebenfalls in diese Rechnung, und der Halbjahresbericht macht ihn jetzt exakt: Aus der Übernahme des Beteiligungsunternehmens Tubulis durch Gilead Sciences — Evotec hielt über die eigene Wagniskapital-Einheit 3,14 Prozent — floss am 21. Mai 2026 eine Gesamtgegenleistung von 93,7 Millionen Euro zu, davon standen 5,25 Prozent der Europäischen Investitionsbank zu; netto blieben 89,3 Millionen Euro. Der Buchgewinn von 71,9 Millionen Euro steckt im Halbjahresergebnis. Dazu kommt eine bedingte Gegenleistung von bis zu rund 58 Millionen US-Dollar bei Erreichen bestimmter Meilensteine. Das ist ein einmaliger Zufluss, kein wiederkehrender Umsatz — er stärkt die Kasse, nicht das Geschäftsmodell.
Und noch eine Kennzahl aus dem Halbjahresbericht gehört in die Bewertung, weil sie langfristig wirkt: Die von Evotec selbst finanzierte Forschung sank im ersten Halbjahr 2026 auf 20,3 Millionen Euro nach 29,4 Millionen im Vorjahreszeitraum — von 7,9 auf 6,8 Prozent des Umsatzes. Der Bericht nennt das eine fokussiertere Kapitalallokation. Für die Kosten ist das gut. Für die eigene Pipeline, aus der einmal die margenstarken Meilensteine kommen sollen, ist es der zweite Sparjahrgang in Folge.
Chancen und Risiken auf einen Blick
Chancen
- Das Basisgeschäft wächst wieder: Die Nettoverkäufe im D&PD-Basisgeschäft ohne strategische Partner stiegen im ersten Halbjahr 2026 um mehr als 28 Prozent gegenüber dem Vorjahr — mit dem Halbjahresbericht vom 13. August 2026 bestätigt. Evotec erwartet, dass sich die höhere Vertriebsaktivität ab dem vierten Quartal 2026 zunehmend in Umsatz niederschlägt.
- Die Bilanz trägt den Umbau: 665,6 Millionen Euro Eigenkapital und 42,3 Prozent Eigenkapitalquote (30. Juni 2026), 465,6 Millionen Euro Liquidität, und der Bericht bezeichnet die Position weiterhin als Nettoliquidität. Die Fortführungsannahme ist ausdrücklich ohne wesentliche Unsicherheiten bestätigt.
- Horizon ist beziffert, terminiert und liefert erste Einsparungen: rund 75 Millionen Euro strukturelle Einsparung pro Jahr bis Ende 2027, davon 20 bis 30 Prozent bereits 2026 — am 13. August 2026 bestätigt, mit dem Hinweis, dass die im ersten Halbjahr realisierten Einsparungen das Vertrauen in dieses Ziel stärken.
- Einmalige Zuflüsse stützen die Kasse: rund 350 Millionen US-Dollar aus dem Verkauf des Standorts Toulouse an Sandoz (Dezember 2025) plus Ansprüche über 300 Millionen US-Dollar aus künftiger Entwicklung sowie 89,3 Millionen Euro netto aus dem Tubulis-Verkauf an Gilead (Mai 2026) und bis zu rund 58 Millionen US-Dollar bedingte Nachzahlung.
- Der Kundenstamm ist erstklassig: alle zwanzig größten Pharmaunternehmen, über 800 Biotechs, 90 Prozent Wiederholungsgeschäft im Jahr 2025. Am 6. August 2026 kam mit Odyssey Therapeutics ein neuer Partner für eine KI-gestützte Forschungskooperation hinzu.
Risiken
- Die Bruttomarge des Konzerns war im ersten Halbjahr 2026 negativ: minus 1,0 Prozent nach plus 13,6 Prozent. Bei Just – Evotec Biologics lag sie bei minus 18,3 Prozent, bei Discovery & Preclinical Development bei 4,4 Prozent nach 15,3 Prozent.
- Der operative Mittelabfluss stieg im ersten Halbjahr 2026 auf 111,1 Millionen Euro nach 5,3 Millionen Euro im Vorjahreshalbjahr. Die Liquidität hielt nur, weil 89,3 Millionen Euro aus dem Tubulis-Verkauf und 112,9 Millionen Euro aus Wandelanleihe und Darlehen zuflossen.
- Die Prognose 2026 wurde am 13. Juli 2026 gesenkt und am 13. August 2026 bestätigt: Umsatz 570 bis 610 statt 700 bis 780 Millionen Euro, bereinigtes Konzern-EBITDA minus 70 bis minus 105 statt 0 bis plus 40 Millionen Euro. Rund 45 Prozent der Lücke hängen an Partnerschaften, die noch verhandelt werden. Die mittelfristigen Finanzziele stehen seither auf dem Prüfstand.
- Kundenkonzentration: 43 Prozent des Umsatzes 2025 von drei Kunden, Top-10-Anteil von 52 auf 61 Prozent gestiegen, Zahl der Allianzen über 1 Million Euro von 109 auf 74 gefallen.
- Verwässerungspotenzial von 10,0 Prozent aus der Wandelanleihe über 116,1 Millionen Euro (Wandlungspreis 6,5313 Euro); die Finanzverbindlichkeiten stiegen auf 475,9 Millionen Euro, und zum 31. Dezember 2025 gab es keine ungenutzten Kreditlinien mehr (Vorjahr: 75,1 Millionen Euro).
- Der Umbau belastet zuerst: 98,9 Millionen Euro Reorganisationskosten im ersten Halbjahr 2026, dazu 42,3 Millionen Euro Wertminderung auf ein Laborgebäude am Hamburger Hauptsitz; insgesamt rund 100 Millionen Euro liquiditätswirksam von 2026 bis 2028. Das Eigenkapital fiel binnen sechs Monaten um 148,1 Millionen Euro.
- Der eigene Risikobericht nennt KI-getriebene Biotechs als wachsende Konkurrenz und den Preisdruck durch Auftragsforscher in Asien und Osteuropa; der Halbjahresbericht erklärt die Risikolage gegenüber dem Geschäftsbericht 2025 für im Wesentlichen unverändert.
- Die am 6. Mai 2026 eingeleitete Prüfung strategischer Optionen auf Konzernebene läuft ohne Zeitplan; das Unternehmen betont ausdrücklich, dass keine Entscheidung getroffen ist und kein Ergebnis zugesichert werden kann. Im Aufsichtsrat ist zum 7. August 2026 zudem ein Mitglied des Prüfungs- und Compliance-Ausschusses ausgeschieden.
Ein menschliches Fazit
Wir sind mit dem Ankereffekt gestartet — mit dem Hoch von 21,42 Euro aus dem Jahr 2024, das im Kopf hängen bleibt und jede spätere Zahl klein aussehen lässt. Nach diesem Durchgang durch die Berichte lässt sich sagen: Der Anker ist die falsche Messlatte. Nicht weil die Aktie teuer oder billig wäre, sondern weil das Unternehmen dahinter heute ein anderes ist. Aus einem Konzern mit 797 Millionen Euro Umsatz und 14 Standorten wird gerade einer mit erwarteten 570 bis 610 Millionen Euro und zehn Standorten. Der alte Kurs bezog sich auf die alte Firma.
Was bleibt, ist eine ehrliche Doppelbotschaft. Evotec hat etwas, das viele Biotech-Werte nicht haben: echte Kunden, echte Umsätze, eine Bilanz mit 42,3 Prozent Eigenkapitalquote und 465,6 Millionen Euro Liquidität — und einen Halbjahresbericht, der die Unternehmensfortführung ausdrücklich ohne wesentliche Unsicherheiten bestätigt. Und Evotec hat gleichzeitig ein Problem, das kein Umbau kurzfristig löst: Die großen, margenstarken Partnerschaften kommen nicht in dem Tempo zustande, das die eigene Planung unterstellt hatte — und das Geschäft mit den vielen kleinen Kunden trägt die Lücke noch nicht.
Der Prüfstein, den wir im Kalender hatten, ist inzwischen abgelaufen: Am 13. August 2026 kamen die vollständigen Halbjahreszahlen, und sie fielen an drei Stellen härter aus als die Ad-hoc-Mitteilung vom Juli hatte ahnen lassen. Erstens war die Bruttomarge negativ. Zweitens flossen operativ 111,1 Millionen Euro ab statt der 9,2 Millionen des ganzen Vorjahres. Drittens stellt das Unternehmen jetzt auch seine mittelfristigen Finanzziele zur Überprüfung. Auf der anderen Seite bleiben die 28 Prozent Wachstum im Basisgeschäft bestätigt, ebenso der Zeitplan für Horizon — und mit der Kooperation vom 6. August 2026 hat jemand für die KI-Kompetenz bezahlt, über die sonst nur geredet wird.
Der nächste Termin ist der 5. November 2026 mit der Zwischenmitteilung für die ersten neun Monate. Dort steht dann, ob die höhere Vertriebsaktivität wie angekündigt ab dem vierten Quartal in der Umsatzzeile ankommt und wie viel Liquidität der Umbau im dritten Quartal gekostet hat. Bis dahin gilt: Wer diese Analyse liest und sagt „zu viele offene Fragen“, hat die Berichte richtig verstanden. Wer sagt „genau deshalb, das Basisgeschäft dreht“, hat sie auch richtig verstanden — nur mit einer anderen Risikoneigung. Was Du daraus machst, ist Deine Entscheidung. Und das ist auch gut so.
Weitere Detailanalysen findest Du in unserer Rubrik Analysen.
Quellen
- Evotec SE — Halbjahresbericht 6M 2026 (Interim Statement 6M 2026, PDF), veröffentlicht am 13. August 2026: Highlights, Kapitel 1 „Results of operations“, Kapitel 2 „Cash flows and financial position“, Kapitel 3 „Assets, liabilities, and stockholders’ equity“, Kapitel 4 „Human Resources“, Gewinn- und Verlustrechnung, Bilanz, Kapitalflussrechnung, Note 2 „Basis of Preparation“, Note 4 „Significant Events“, Note 8 „Property, Plant and Equipment“, Note 10 „Earnings per Share“, Note 11 „Restructuring Provision“, Note 16 „Subsequent Events“
- Evotec SE — Pressemitteilung „Evotec veröffentlicht Ergebnisse für das 2. Quartal und das 1. Halbjahr 2026: Wachsende kommerzielle Dynamik“, 13. August 2026: Segmenttabellen für Quartal und Halbjahr, Bestätigung des Ausblicks 2026, Überprüfung der mittelfristigen Finanzziele, Zitate von CEO Dr. Christian Wojczewski und CFO Claire Hinshelwood, Wechsel im Aufsichtsrat zum 7. August 2026
- Evotec SE — Pressemitteilung „Evotec and Odyssey Therapeutics Enter AI-Enabled R&D Collaboration in Autoimmune and Inflammatory Diseases“, 6. August 2026: Umfang der Zusammenarbeit, Meilensteinvergütung, Zitat des Chief Scientific Officer
- Evotec SE — Integrierter Geschäftsbericht 2025 (deutsche und englische Fassung): Die Evotec-Aktie, Wichtigste finanzielle Leistungsindikatoren, Wirtschaftsbericht (Ertrags-, Finanz- und Vermögenslage, verkürzte Cashflow-Rechnung), Strategie, Risiko- und Chancenbericht, Anhangangaben zu Vertragsverbindlichkeiten und Grundkapital
- Evotec SE — Zwischenmitteilung 3M 2026, veröffentlicht am 6. Mai 2026: Ertragslage, Finanzlage, Aktiva/Verbindlichkeiten/Eigenkapital, Abschnitt 5 „Projekt Horizon“, Ereignisse nach Ende des Berichtszeitraums
- Evotec SE — Mitteilung zum ersten Quartal 2026, 6. Mai 2026: Horizon-Update, Einleitung der umfassenden Prüfung strategischer Optionen auf Konzernebene (Berater Morgan Stanley und Moelis & Company), Führungswechsel
- Evotec SE — Pressemitteilung „Evotec SE platziert erfolgreich Wandelanleihen im Volumen von 116,1 Mio. €“, 12. Mai 2026: Konditionen, Wandlungspreis, Verwendungszweck
- Evotec SE — Mitteilung „Evotec gibt vorläufige Ergebnisse für das 2. Quartal und das 1. Halbjahr 2026 bekannt und aktualisiert den Ausblick für das Gesamtjahr 2026“, 13. Juli 2026 (zeitgleich als Ad-hoc-Mitteilung veröffentlicht)
- Evotec SE — Mitteilung zur Berufung des Head of Global In Silico & AI, 2. Juni 2026, sowie Ergebnisse der Hauptversammlung 2026, 11. Juni 2026
- Evotec SE — Investor Relations, Finanzpublikationen und News-Übersicht, eigene Abrufe am 4. und 13. August 2026: Der Halbjahresbericht 6M 2026 ist seit dem 13. August 2026 verfügbar; die Quartalsmitteilung 9M 2026 ist für den 5. November 2026 angekündigt. Einen separaten Webcast zum Halbjahr gab es nicht — das Unternehmen verweist auf Aufzeichnung, Folien und Transkript des Webcasts vom 14. Juli 2026
Diese Analyse ist journalistische Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Unterlagen und keine Anlageberatung, keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren und keine persönliche Empfehlung. Aktien können erheblich an Wert verlieren, ein Totalverlust des eingesetzten Kapitals ist möglich. Alle Zahlen tragen den Stichtag ihrer Quelle; ein tagesaktueller Börsenwert wird bewusst nicht genannt, weil dafür keine Marktdaten vorlagen. Eigene Positionen des Betreibers legen wir tagesaktuell offen; besteht eine, steht sie als Hinweis am Anfang dieser Analyse.
Die Kennzahlen im Überblick
Alle Geldbeträge in Millionen €, Gewinn je Aktie wie berichtet.
| Kennzahl | 2021 | 2022 | 2023 | 2024 | 2025 |
|---|---|---|---|---|---|
| Umsatz | 618,0 | 751,4 | 781,4 | 797,0 | 788,4 |
| Betriebsergebnis (EBIT) | 27,3 | 12,5 | -47,5 | -142,5 | -140,9 |
| Nettogewinn | 215,5 | -175,7 | -83,9 | -196,1 | -103,5 |
| Nettomarge | 34,9 % | -23,4 % | -10,7 % | -24,6 % | -13,1 % |
| Gewinn je Aktie | 1,30 € | -0,99 € | -0,47 € | -1,11 € | -0,58 € |
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Unser Fazit auf einen Blick
- Geschäftsmodell und Kundenstamm positiv
- Evotec ist als Auftragsforscher und -entwickler tief in der Wertschöpfungskette der Pharmaindustrie verankert: alle zwanzig größten Pharmaunternehmen und über 800 Biotechs als Partner, 90 Prozent Wiederholungsgeschäft im Jahr 2025, im Durchschnitt 4.461 Beschäftigte zum 30. Juni 2026. Die Umsatzbasis von 788,4 Millionen Euro (2025) ist für ein europäisches Biotech-Unternehmen außergewöhnlich groß, und die Nettoverkäufe im Basisgeschäft ohne strategische Partner stiegen im ersten Halbjahr 2026 um mehr als 28 Prozent.
- Ertragsentwicklung negativ
- Bei nahezu gleichem Umsatz ist das bereinigte Konzern-EBITDA von 107,3 Millionen Euro (2021) auf 41,1 Millionen Euro (2025) gefallen. Im ersten Halbjahr 2026 war laut Halbjahresbericht vom 13. August 2026 schon das Bruttoergebnis negativ: minus 3,1 Millionen Euro bei einer Bruttomarge von minus 1,0 Prozent nach plus 13,6 Prozent im Vorjahreshalbjahr. Das Periodenergebnis lag bei minus 168,6 Millionen Euro (H1 2025: minus 75,1 Millionen), das Ergebnis je Aktie bei minus 0,95 Euro. Für das Gesamtjahr 2026 erwartet das Unternehmen ein bereinigtes Konzern-EBITDA von minus 70 bis minus 105 Millionen Euro.
- Prognosequalität negativ
- Am 6. Mai 2026 wurde die Jahresprognose noch bestätigt, am 13. Juli 2026 um bis zu 170 Millionen Euro Umsatz gesenkt und am 13. August 2026 in dieser Form bestätigt. Rund 45 Prozent der Lücke entfallen auf strategische Partnerschaften, die zum Zeitpunkt der ursprünglichen Prognose weder unterschrieben noch terminiert waren — die alte Planung enthielt damit einen erheblichen Hoffnungsanteil. Seit dem 13. August 2026 stehen zusätzlich die mittelfristigen Finanzziele auf dem Prüfstand.
- Bilanz und Finanzierung neutral
- Die Bilanz trägt weiterhin: 665,6 Millionen Euro Eigenkapital und 42,3 Prozent Eigenkapitalquote zum 30. Juni 2026, 465,6 Millionen Euro Gesamtliquidität, laut Bericht weiterhin eine Nettoliquiditätsposition, und eine ausdrücklich ohne wesentliche Unsicherheiten bestätigte Fortführungsannahme. Die Richtung ist allerdings eindeutig: minus 148,1 Millionen Euro Eigenkapital in sechs Monaten, Finanzverbindlichkeiten von 475,9 Millionen Euro nach 448,7 Millionen, und die Mittel stammen aus dem Verkauf der Tubulis-Beteiligung (89,3 Millionen Euro netto) sowie aus der Wandelanleihe über 116,1 Millionen Euro — nicht aus dem Geschäft. Der operative Mittelabfluss betrug im ersten Halbjahr 2026 111,1 Millionen Euro nach 5,3 Millionen im Vorjahreshalbjahr.
- Kundenkonzentration negativ
- 43 Prozent des Umsatzes 2025 stammten von drei Kunden, der Anteil der zehn größten Kunden stieg binnen eines Jahres von 52 auf 61 Prozent, und die Zahl der Kundenallianzen über 1 Million Euro fiel von 109 auf 74. Bristol Myers Squibb und Sandoz trugen jeweils über 10 Prozent bei; die Vertragsverbindlichkeiten gegenüber dem größten Kunden lagen zum 31. Dezember 2025 bei 214.985 Tausend Euro.
- Umbau und KI-Position neutral
- Das Programm Horizon ist beziffert und terminiert: rund 75 Millionen Euro jährliche Einsparung bis Ende 2027 gegen rund 100 Millionen Euro liquiditätswirksame Restrukturierungskosten von 2026 bis 2028, davon 98,9 Millionen Euro bereits im ersten Halbjahr 2026 verbucht. Der Halbjahresbericht bestätigt den Zeitplan und meldet erste realisierte Einsparungen. Die KI-Kompetenz ist im Geschäftsbericht 2025 als Strategieschwerpunkt belegt und wird als Dienstleistung verkauft — am 6. August 2026 kam mit Odyssey Therapeutics ein zahlender Partner für die KI-gestützte Datenwissenschaft hinzu; derselbe Geschäftsbericht nennt KI-getriebene Biotechs im Risikobericht aber auch als wachsende Konkurrenz.
Evotec ist eine echte Wirkstoff-Fabrik mit erstklassigen Kunden — und ein Unternehmen mitten in einem teuren Umbau. Der Halbjahresbericht vom 13. August 2026 zeigt 300,1 Millionen Euro Umsatz (minus 19,2 Prozent), eine erstmals negative Bruttomarge von minus 1,0 Prozent, ein Periodenergebnis von minus 168,6 Millionen Euro und einen operativen Mittelabfluss von 111,1 Millionen Euro. Die Prognose 2026 bleibt bei 570 bis 610 Millionen Euro Umsatz und minus 70 bis minus 105 Millionen Euro bereinigtem Konzern-EBITDA; die mittelfristigen Finanzziele werden überprüft. Die Kasse ist mit 465,6 Millionen Euro weiter gut gefüllt, hält aber nur wegen 89,3 Millionen Euro aus dem Tubulis-Verkauf und der Wandelanleihe über 116,1 Millionen Euro, die rechnerisch 10,0 Prozent Verwässerung bedeutet. Dazu kommen 43 Prozent Umsatzanteil aus drei Kunden und eine seit dem 6. Mai 2026 laufende Prüfung strategischer Optionen ohne Zeitplan. Keine Anlageberatung.
Was unsere Einordnung bedeutet
Offene Fragen
Das Geschäft funktioniert grundsätzlich, aber eine wesentliche Frage ist offen. Solange sie offen ist, tragen unsere Befunde kein Qualitätsurteil.
Gelb bleibt es auch nach dem Halbjahresbericht vom 13. August 2026 — aber knapper als zuvor. Gegen Rot spricht die belegte Substanz: Der Bericht stellt ausdrücklich fest, dass er auf der Annahme der Unternehmensfortführung beruht und keine wesentlichen Unsicherheiten bestehen, die diese Annahme in Zweifel ziehen. Das Eigenkapital liegt bei 665,6 Millionen Euro, die Eigenkapitalquote bei 42,3 Prozent, die Gesamtliquidität bei 465,6 Millionen Euro, und das Unternehmen weist weiterhin eine Nettoliquiditätsposition aus. Selbst wenn der operative Mittelabfluss des ersten Halbjahres von 111,1 Millionen Euro unverändert weiterliefe, reichte die Kasse rechnerisch mehr als acht Quartale — die Vier-Quartals-Schwelle für Rot ist damit klar nicht erreicht. Für Grün fehlt dagegen alles: Der Umsatz fiel im Halbjahr um 19,2 Prozent, die Bruttomarge des Konzerns war mit minus 1,0 Prozent erstmals negativ, der Verlust stieg auf 168,6 Millionen Euro, und der operative Mittelabfluss ist gegenüber dem Vorjahreshalbjahr um das Einundzwanzigfache gestiegen. Dass die Kasse aus Verkäufen und einer Wandelanleihe gefüllt wurde statt aus dem Tagesgeschäft, bleibt der eigentliche Grund für diese Einordnung; dass 43 Prozent des Umsatzes an drei Kunden hängen, verstärkt sie. Grün wäre sie, wenn der operative Cashflow wieder positiv wäre und das Basisgeschäft die weggefallenen Großverträge ersetzt hätte. Rot würde sie, wenn die Fortführungsannahme eingeschränkt würde, das Eigenkapital weiter in diesem Tempo schmölze oder die Kassenreichweite unter rund vier Quartale fiele. Ob die Aktie zum jeweiligen Kurs günstig ist, gehört in die Preisfrage und bestimmt diese Einordnung nicht.
Journalistische Einschätzung der Redaktion zum Analysezeitpunkt auf Basis öffentlicher Quellen — keine Anlageberatung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf. Deine persönlichen Umstände (Anlageziele, Risikotragfähigkeit, Steuern) können dabei nicht berücksichtigt werden. Was unsere Stufen bedeuten, wie Urteile entstehen und welche Interessenkonflikte bestehen →
Bitte beachten
- Auf die Rechercheliste kam Evotec über die Foren-Hitliste von wallstreet-online (meistdiskutierte Werte deutscher Privatanleger), Stand 4. August 2026 — kein Scanner-Treffer und kein Kaufsignal, sondern ein Aufmerksamkeitssignal.
- Datenstand und Aktualität: Jüngster Periodenbericht ist der Halbjahresbericht 6M 2026, veröffentlicht am 13. August 2026 und für diese Fortschreibung Zeile für Zeile gegen das Original-PDF geprüft. Alle Präsens-Aussagen zu Ergebnis, Bilanz, Liquidität, Mittelfluss, Aktienzahl und Segmentumsätzen stehen auf dem Stand 30. Juni 2026 beziehungsweise 13. August 2026. Die Angaben zur Kundenkonzentration und zu freien Kreditlinien stammen weiterhin aus dem Integrierten Geschäftsbericht 2025, weil der Halbjahresbericht sie nicht aufschlüsselt. Ereignisse nach dem Stichtag sind berücksichtigt: die Forschungskooperation mit Odyssey Therapeutics vom 6. August 2026 und das Ausscheiden eines Aufsichtsratsmitglieds zum 7. August 2026.
- Zum Datum der Prognosesenkung: Die Ad-hoc-Mitteilung trägt den 13. Juli 2026, der zugehörige Webcast fand am 14. Juli 2026 statt. Der Halbjahresbericht selbst datiert die aktualisierte Prognose auf den 13. Juli 2026; die deutsche Pressemitteilung vom 13. August 2026 nennt an mehreren Stellen den 14. Juli. Diese Analyse folgt dem Bericht.
- Keine Marktdaten: Zum 4. August 2026 und erneut am 13. August 2026 standen keine aktuellen Marktdaten zur Verfügung. Sämtliche Zahlen dieser Analyse stammen aus Originalberichten und Pflichtmitteilungen des Unternehmens. Ein tagesaktueller Börsenwert und alle daraus abgeleiteten Kennzahlen fehlen deshalb bewusst; der letzte belegte Wert ist die Marktkapitalisierung von 0,969 Milliarden Euro zum 31. Dezember 2025.
- Zur Doppelnotierung: Evotec ist neben Frankfurt auch an der Nasdaq notiert. Zum 31. Dezember 2025 standen 177.778.907 Aktien 355.557.814 ADS gegenüber — eine Aktie entspricht zwei ADS. Kurs- und Kennzahlenvergleiche zwischen beiden Handelsplätzen müssen diesen Faktor berücksichtigen.
Aktien-Wächter
Diese Analyse ist Stand 26. August 2026. Was sich seitdem bei EVT.DE geändert hat, meldet Dir der Aktien-Wächter.
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Häufige Fragen
Evotec mit Sitz in Hamburg ist ein Dienstleister der Wirkstoffforschung und -entwicklung. Pharma- und Biotechunternehmen lagern Forschung, Testung und Herstellung an Evotec aus. Das Geschäft läuft in zwei Segmenten: Discovery & Preclinical Development mit 528,9 Millionen Euro externem Umsatz im Jahr 2025 und Just – Evotec Biologics mit 259,4 Millionen Euro. Zum 31. Dezember 2025 arbeiteten dort 4.553 Menschen an 14 Standorten in acht Ländern.
Am 13. Juli 2026 senkte Evotec den Ausblick auf 570 bis 610 Millionen Euro Konzernumsatz und ein bereinigtes Konzern-EBITDA von minus 70 bis minus 105 Millionen Euro; zuvor standen dort 700 bis 780 Millionen Euro und 0 bis plus 40 Millionen Euro. Rund 40 Prozent der Umsatzlücke verschieben sich durch geänderte Zeitpläne bestehender Partnerschaften ins Jahr 2027, rund 45 Prozent entfallen auf noch nicht abgeschlossene neue strategische Partnerschaften und rund 15 Prozent auf eine geringere Umsatzrealisierung.
Die Gesamtliquidität lag zum 30. Juni 2026 bei 465,6 Millionen Euro nach 476,4 Millionen Euro zum 31. Dezember 2025; darin stecken 348,4 Millionen Euro Zahlungsmittel und 117,2 Millionen Euro kurzfristige Anlagen. Wichtig ist die Herkunft: Der operative Mittelabfluss betrug im ersten Halbjahr 2026 111,1 Millionen Euro. Dagegen standen 89,3 Millionen Euro netto aus dem Tubulis-Verkauf und 112,9 Millionen Euro aus Wandelanleihe und Darlehen.
Er bestätigt die vorläufigen Zahlen und liefert die fehlenden Posten. Der Konzernumsatz lag bei 300,1 Millionen Euro (minus 19,2 Prozent), das bereinigte Konzern-EBITDA bei minus 42,7 Millionen Euro. Neu sind: eine Bruttomarge von minus 1,0 Prozent nach plus 13,6 Prozent, ein Periodenergebnis von minus 168,6 Millionen Euro, ein Ergebnis je Aktie von minus 0,95 Euro und ein operativer Mittelabfluss von 111,1 Millionen Euro. Die Wandelanleihe über 116,1 Millionen Euro steht erstmals in der Bilanz; die Jahresprognose 2026 wurde bestätigt.
Horizon ist das am 10. März 2026 angekündigte Transformationsprogramm. Es verschlankt den globalen Standortverbund von 14 auf zehn Standorte, bündelt die Wissenschaft in Exzellenzzentren und ordnet die Vertriebsorganisation neu. Bis Ende 2027 sollen rund 75 Millionen Euro pro Jahr eingespart werden; dafür fallen von 2026 bis 2028 rund 100 Millionen Euro liquiditätswirksame Restrukturierungskosten an. Allein im ersten Quartal 2026 wurden 75,0 Millionen Euro Reorganisationskosten erfasst.
Sehr stark. Laut Risikobericht des Geschäftsberichts 2025 stammten 43 Prozent des Umsatzes von drei Kunden. Der Anteil der zehn größten Kunden stieg von 52 Prozent (2024) auf 61 Prozent (2025). Bristol Myers Squibb und Sandoz trugen jeweils mehr als 10 Prozent bei. Gleichzeitig fiel die Zahl der Kundenallianzen mit mehr als 1 Million Euro Jahresumsatz von 109 auf 74. Die Vertragsverbindlichkeiten gegenüber dem größten Kunden lagen zum 31. Dezember 2025 bei 214.985 Tausend Euro.
Beides, aber der Verkauf überwiegt. Der Geschäftsbericht 2025 nennt KI-basierte Innovation ausdrücklich als Schwerpunkt der Strategie, und Just – Evotec Biologics bietet Antikörper-Optimierung und Kandidatenauswahl mit in-silico-basierten KI-Werkzeugen als eigene Dienstleistung an. Am 2. Juni 2026 berief Evotec einen Head of Global In Silico & AI. Derselbe Bericht nennt KI-getriebene Biotechs allerdings auch als wachsende Konkurrenz im Risikobericht.
Der Halbjahresbericht 2026 erschien am 13. August 2026; die nächste Zwischenmitteilung für die ersten neun Monate 2026 folgt am 5. November 2026. Einen eigenen Webcast zum Halbjahr gab es nicht, weil die finalen Zahlen den vorläufigen entsprachen. Offen bleibt die am 6. Mai 2026 eingeleitete Prüfung strategischer Optionen auf Konzernebene: Es gibt keinen festgelegten Zeitplan, und das Unternehmen sichert kein Ergebnis zu. Zusätzlich überprüft Evotec seine mittelfristigen Finanzziele.
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