Evotec: 465 Millionen Euro in der Kasse — und eine Jahresprognose, die um bis zu 170 Millionen gekürzt wurde
Evotec ist die Wirkstoff-Fabrik der europäischen Pharmaindustrie: über 4.500 Menschen, alle zwanzig großen Pharmakonzerne als Kunden, seit Jahren die deutsche Vorzeige-Adresse für KI-gestützte Forschung. Genau deshalb lohnt der nüchterne Blick in die Berichte. Der Umsatz steht seit 2023 still, das bereinigte Konzern-EBITDA fiel von 107,3 auf 41,1 Millionen Euro, und am 13. Juli 2026 senkte das Unternehmen die eigene Jahresprognose auf 570 bis 610 Millionen Euro Umsatz und ein bereinigtes Ergebnis von minus 70 bis minus 105 Millionen Euro. Die Kasse ist gut gefüllt — nur stammt das Geld darin aus einem Standortverkauf und einer Wandelanleihe. Keine Anlageberatung, sondern die Frage, woher das Geld in dieser Kasse eigentlich kommt.
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Stand heute
Stand: 3. August 2026
- Schlusskurs
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- Marktkapitalisierung
- 0,6 Mrd. €
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- 3/10
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Diese Analyse hat einen Stichtag. Der Aktien-Wächter meldet sich, wenn sich an den Zahlen etwas Wesentliches ändert. Zur kostenlosen Vormerkung
Chart
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52-Wochen-Spanne: 3,40 € bis 7,20 € · Letzter Kurs: 3,50 € (Stand: 3. August 2026)
Hinweis: reine Faktenanalyse, keine Anlageberatung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf. Angaben ohne Gewähr.
Es gibt eine Anleger-Schwäche, die besonders gern bei gefallenen Lieblingen zuschlägt: den Ankereffekt. Unser Kopf merkt sich einen Kurs, den er einmal gesehen hat, und misst alles Weitere daran. Die Evotec-Aktie erreichte im Jahr 2024 ein Hoch von 21,42 Euro und schloss das Jahr 2025 am 30. Dezember bei 5,45 Euro — ein Rückgang von rund 33 Prozent allein in diesem Jahr. Wer den alten Anker im Kopf hat, denkt automatisch „billig“. Der Anker sagt aber nichts über das Geschäft aus. Er sagt nur etwas über unser Gedächtnis.
Also machen wir einen Deal: Wir legen den alten Kurs beiseite und lesen gemeinsam, was die Evotec SE (Frankfurt Prime Standard: EVT) selbst berichtet hat — den Integrierten Geschäftsbericht 2025, die Zwischenmitteilung zum ersten Quartal 2026 und die Mitteilung vom 13. Juli 2026, mit der das Unternehmen die eigene Jahresprognose gesenkt hat.
Damit ist das Spannungsfeld dieser Analyse benannt, und es zieht sich durch jedes Kapitel: Evotec ist eine echte Wirkstoff-Fabrik mit echten Kunden und einer echten KI-Kompetenz — aber die Auftragsbücher schrumpfen, der Umbau kostet Geld, und die gut gefüllte Kasse stammt nicht aus dem Geschäft, sondern aus einem Standortverkauf und einer Wandelanleihe.
Was Evotec eigentlich macht
Evotec entwickelt keine eigenen Medikamente bis zur Apotheke. Das Unternehmen mit Sitz in Hamburg ist der Dienstleister der Wirkstoffforschung — die Fabrik, in der andere ihre Moleküle suchen, testen und herstellen lassen. Wenn ein Pharmakonzern eine Idee für ein Medikament hat, aber weder die Labore noch die Spezialisten dafür vorhalten will, kauft er diesen Teil ein. Bei Evotec.
Das Geschäft läuft in zwei Segmenten. Discovery & Preclinical Development (D&PD) ist der große Teil: Wirkstoffsuche, Profilierung, präklinische Entwicklung, dazu die ADME-Tox-Dienste der Tochter Cyprotex. Auf dieses Segment entfielen 2025 externe Umsatzerlöse von 528,9 Millionen Euro. Just – Evotec Biologics (JEB) ist der kleinere, aber technisch spektakulärere Teil: Entwicklung und Herstellung biologischer Wirkstoffe in kontinuierlichen Verfahren, 259,4 Millionen Euro Umsatz 2025.
Zum 31. Dezember 2025 arbeiteten dort 4.553 Menschen an 14 Standorten in acht Ländern (Vorjahr: 4.827 Beschäftigte). Die Kundenliste liest sich beeindruckend: alle zwanzig größten Pharmaunternehmen, über 800 Biotechs, dazu Stiftungen und akademische Einrichtungen. Das Geschäftsjahr entspricht dem Kalenderjahr.
Die Aktie notiert im Prime Standard der Frankfurter Wertpapierbörse (ISIN DE0005664809) und zusätzlich als American Depositary Share an der Nasdaq unter dem Kürzel EVO. Wichtig für den Vergleich: Zum 31. Dezember 2025 standen 177.778.907 Aktien in Frankfurt 355.557.814 ADS gegenüber — eine Aktie entspricht also zwei ADS. Wer Kurse aus New York mit Frankfurter Kursen vergleicht, muss diesen Faktor zwei mitrechnen.
Wie die Aktie auf unseren Tisch kam
Nicht über einen Scanner-Treffer, sondern über die Aufmerksamkeit anderer: Evotec stand am 4. August 2026 auf der Foren-Hitliste von wallstreet-online unter den meistdiskutierten Werten deutscher Privatanleger. Das ist kein Kaufsignal. Es ist ein Hinweis darauf, dass viele Menschen dieselbe Frage haben — und bei einer Aktie, die binnen acht Wochen erst eine Wandelanleihe begeben und dann die Jahresprognose gesenkt hat, ist diese Frage naheliegend.
Eine Einschränkung machen wir gleich hier transparent, weil sie den Rest der Analyse prägt: Für diesen Artikel standen keine Marktdaten zur Verfügung. Jede Zahl in diesem Text stammt aus einem Originalbericht oder einer Pflichtmitteilung des Unternehmens. Einen tagesaktuellen Börsenwert nennen wir deshalb nicht — der letzte belegte Wert ist die Marktkapitalisierung von 0,969 Milliarden Euro zum 31. Dezember 2025 aus dem Geschäftsbericht. Alles Weitere wäre geschätzt, und geschätzte Zahlen haben in einer Analyse nichts verloren.
Die Zahlen über die Jahre — ehrlich gewürdigt
Fangen wir mit dem an, was wirklich beeindruckt. Evotec hat in fünf Jahren eine Umsatzbasis aufgebaut, von der die meisten deutschen Biotech-Unternehmen nur träumen: von 618,0 Millionen Euro (2021) über 751,4 (2022), 781,4 (2023) und 797,0 (2024) auf 788,4 Millionen Euro im Jahr 2025. Das ist keine Bastelbude, das ist Industrie. Und die Kundenbindung ist hoch: Das Wiederholungsgeschäft — der Anteil wiederkehrender Umsätze mit Bestandskunden — lag 2025 bei 90 Prozent, nach 94 Prozent im Vorjahr.
Der Chart oben zeigt allerdings die zweite Reihe, und die läuft in die andere Richtung. Das bereinigte Konzern-EBITDA — die operative Ertragskennzahl des Hauses, bereinigt um Sondereffekte — fiel von 107,3 Millionen Euro (2021) über 101,7 und 66,4 auf 22,6 Millionen Euro (2024) und erholte sich 2025 auf 41,1 Millionen Euro. Übersetzt: Bei praktisch gleichem Umsatz bleibt heute weniger als die Hälfte dessen hängen, was 2021 hängen blieb.
Unter dem Strich stand 2025 ein Periodenergebnis von minus 103,5 Millionen Euro nach minus 196,1 Millionen im Vorjahr — eine Verbesserung um 92,6 Millionen, aber eben immer noch ein Verlust. Das Ergebnis je Aktie lag bei minus 0,58 Euro nach minus 1,11 Euro. Die von Evotec selbst finanzierten Forschungsausgaben sanken auf 37,5 Millionen Euro nach 50,9 Millionen im Vorjahr und 70,2 Millionen im Jahr 2022.
Ein Merksatz für den Rest dieser Analyse: Ein Umsatz, der stillsteht, ist bei einem Dienstleister kein Plateau, sondern ein Auftragsbuch, das nicht nachwächst.
Unbequeme Wahrheit Nr. 1: Die eigene Prognose fiel um bis zu 170 Millionen Euro
Am 6. Mai 2026 legte Evotec die Zahlen zum ersten Quartal vor und bestätigte die Jahresprognose: 700 bis 780 Millionen Euro Umsatz, bereinigtes Konzern-EBITDA von 0 bis plus 40 Millionen Euro. Gut zwei Monate später, am 13. Juli 2026, kam die Ad-hoc-Mitteilung mit den neuen Zahlen.
Die neuen Eckwerte für das Geschäftsjahr 2026: Konzernumsatzerlöse von rund 570 bis 610 Millionen Euro (595 bis 635 Millionen bei konstanten Wechselkursen) und ein bereinigtes Konzern-EBITDA von rund minus 70 bis minus 105 Millionen Euro (minus 60 bis minus 90 Millionen bei konstanten Wechselkursen). Gegenüber der alten Prognose fehlen an der Umsatzobergrenze 170 Millionen Euro, an der Untergrenze 130 Millionen — und aus einem Ergebnis zwischen null und plus 40 Millionen wurde ein Minus von bis zu 105 Millionen Euro.
Für das erste Halbjahr 2026 nennt das Unternehmen vorläufig 300,1 Millionen Euro Umsatz und ein bereinigtes Konzern-EBITDA von minus 42,7 Millionen Euro. Im ersten Halbjahr 2025 waren es 371,2 Millionen Euro Umsatz. Auf Segmentebene: D&PD im zweiten Quartal 108,1 Millionen Euro (rund minus 15 Prozent), im ersten Halbjahr 227,9 Millionen (rund minus 16 Prozent); Just – Evotec Biologics im zweiten Quartal 35,4 Millionen (rund minus 17 Prozent), im ersten Halbjahr 72,3 Millionen (rund minus 29 Prozent).
Bemerkenswert ist die Begründung, weil sie sehr genau ist. Evotec teilt die Umsatzlücke in drei Teile: rund 40 Prozent verschieben sich innerhalb bestehender Partnerschaften ins Jahr 2027 — veränderte zeitliche Staffelung und angepasste Zeitpläne für Meilensteinzahlungen. Rund 45 Prozent entfallen auf Beiträge aus potenziellen neuen strategischen Partnerschaften, die noch verhandelt werden. Rund 15 Prozent gehen auf eine geringere Umsatzrealisierung als erwartet zurück.
Das ist für die Einordnung wichtig, und zwar in beide Richtungen. Wenn 45 Prozent der Lücke aus Verträgen stammen, die noch nicht unterschrieben sind, dann war die alte Prognose zu einem erheblichen Teil eine Hoffnung — und Hoffnungen sind kein Auftragsbuch. Andererseits: Die Nettoverkäufe im D&PD-Basisgeschäft ohne strategische Partner stiegen im ersten Halbjahr 2026 gegenüber dem Vorjahr um rund 28 Prozent. Das operative Fundament wächst also, nur eben nicht schnell genug, um die ausbleibenden Großverträge zu ersetzen.
Unbequeme Wahrheit Nr. 2: Drei Kunden, 43 Prozent des Umsatzes
Kundenkonzentration ist einer dieser Begriffe, die man erst in einem Alltagsbild spürt: Wenn dein Nachbar erzählt, sein Unternehmen laufe blendend, und du erfährst, dass drei Kunden fast die Hälfte des Geldes bringen — würdest du kurz schlucken? Genau das steht bei Evotec im Risikobericht.
„In 2025, 43% of the Company's revenue came from three customers, and 74 customer alliances each generated over € 1 m.“
Übersetzung: „Im Jahr 2025 stammten 43 Prozent des Umsatzes des Unternehmens von drei Kunden, und 74 Kundenallianzen erwirtschafteten jeweils über 1 Million Euro.“
— Evotec SE, Integrierter Geschäftsbericht 2025, Risikobericht
Zwei weitere Zahlen aus demselben Bericht schärfen das Bild. Der Beitrag der zehn größten Kunden zum Gesamtumsatz stieg von 52 Prozent (2024) auf 61 Prozent (2025) — die Abhängigkeit hat also binnen eines Jahres deutlich zugenommen. Und die Zahl der Kundenallianzen mit mehr als 1 Million Euro Jahresumsatz fiel von 109 auf 74. Namentlich genannt werden zwei Kunden mit jeweils mehr als 10 Prozent des Konzernumsatzes: Bristol Myers Squibb und Sandoz.
Bei Sandoz kommt eine Besonderheit dazu: Evotec hat diesem Kunden im Dezember 2025 den eigenen Biologika-Standort in Toulouse verkauft — für einen Kaufpreis von rund 350 Millionen US-Dollar, dazu Ansprüche auf mehr als 300 Millionen US-Dollar aus künftiger Entwicklung und Lizenzzahlungen. Der größte Kunde ist damit gleichzeitig der größte Käufer von Unternehmensvermögen. Das ist kein Vorwurf, sondern eine Struktur, die man kennen sollte.
Wie eng diese Verbindung ist, zeigt eine Zeile im Anhang: Die Vertragsverbindlichkeiten aus Abschlagszahlungen des größten Kunden beliefen sich zum 31. Dezember 2025 auf 214.985 Tausend Euro (Vorjahr: 215.108 Tausend Euro). Das sind rund 27 Prozent eines Jahresumsatzes — Geld, das schon geflossen ist, für das die Leistung aber noch aussteht.
Unbequeme Wahrheit Nr. 3: Der Umbau kostet erst, bevor er spart
Am 10. März 2026 kündigte Evotec das Programm „Horizon“ an — die nächste Stufe einer 2024 begonnenen Transformation. Der Kern in einem Satz: Der globale Standortverbund wird von 14 auf zehn Standorte verschlankt, die wissenschaftliche Arbeit in Exzellenzzentren gebündelt, die Vertriebsorganisation neu geschnitten.
Die Rechnung dahinter ist öffentlich. Die strukturellen Maßnahmen sollen bis Ende 2027 rund 75 Millionen Euro pro Jahr einsparen; für den Zeitraum 2026 bis 2028 erwartet das Unternehmen dafür liquiditätswirksame Restrukturierungskosten von etwa 100 Millionen Euro. Rund 20 bis 30 Prozent der Einsparung sollen bereits 2026 wirksam werden — das bestätigte Evotec auch noch in der Mitteilung vom 13. Juli 2026.
„For the three months ended March 31, 2026, Evotec recorded reorganization costs totaling € 75.0 m.“
Übersetzung: „Für die drei Monate bis zum 31. März 2026 hat Evotec Reorganisationskosten in Höhe von insgesamt 75,0 Millionen Euro erfasst.“
— Evotec SE, Zwischenmitteilung 3M 2026, Abschnitt 5 „Projekt Horizon“ (veröffentlicht am 6. Mai 2026)
75,0 Millionen Euro in einem einzigen Quartal — das ist genau die Summe, die das Programm ein ganzes Jahr lang einsparen soll. Davon entfielen 56,4 Millionen Euro auf Personalmaßnahmen einschließlich Abfindungen und 14,9 Millionen Euro auf Wertminderungen von Sachanlagen. Entsprechend fiel das Periodenergebnis des ersten Quartals 2026 auf minus 121,9 Millionen Euro nach minus 31,6 Millionen im Vorjahresquartal.
Die Bilanz reagierte sofort. Das Eigenkapital sank von 813,7 Millionen Euro (31. Dezember 2025) auf 699,6 Millionen Euro zum 31. März 2026, die Eigenkapitalquote von 47,5 auf 42,7 Prozent. Die Rückstellungen stiegen um 118,4 Millionen Euro auf 195,0 Millionen. Zur fairen Einordnung: Eine Quote von 42,7 Prozent ist kein Alarmwert — viele Industrieunternehmen wären froh darüber. Aber die Richtung stimmt eben nicht.
Wer sehen will, wie teuer ein solcher Umbau in der Zwischenzeit wird, findet in unserer Analyse zu Recursion Pharmaceuticals den Extremfall: dort steht eine Milliardenerzählung gegen Quartalsumsätze im einstelligen Millionenbereich. Evotec ist davon weit entfernt — es verdient echtes Geld mit echten Kunden. Aber die Mechanik ist dieselbe: Erzählung und Zahlungsstrom laufen zeitversetzt.
Unbequeme Wahrheit Nr. 4: Das Geld in der Kasse kam nicht aus dem Geschäft
Nun zur Kasse, dem stärksten Argument der Bullen — und der Stelle, an der es sich lohnt, zwei Zeilen weiter zu lesen. Die Liquidität des Konzerns stieg 2025 von 396,8 auf 476,4 Millionen Euro. Zum 31. Dezember 2025 war Evotec sogar netto schuldenfrei: Die Nettoverschuldung lag bei minus 27,7 Millionen Euro, was einer Netto-Cash-Position entspricht, nach plus 42,6 Millionen Euro Nettoschulden ein Jahr zuvor.
Die verkürzte Cashflow-Rechnung desselben Berichts zeigt, woher das kam:
- Nettomittelabfluss aus der operativen Geschäftstätigkeit: minus 9,2 Millionen Euro (2024: plus 18,2 Millionen)
- Nettomittelzufluss aus der Investitionstätigkeit: plus 171,6 Millionen Euro (2024: minus 71,2 Millionen)
- Nettomittelabfluss aus der Finanzierungstätigkeit: minus 37,6 Millionen Euro
Der gesamte Zuwachs stammt also aus der Investitionsspalte — im Wesentlichen aus dem Verkauf des Standorts Toulouse an Sandoz. Das Tagesgeschäft hat 2025 unter dem Strich Geld gekostet, nicht gebracht. Im ersten Quartal 2026 lag der operative Cashflow bei minus 3,9 Millionen Euro, die Liquidität sank um 31,6 Millionen auf 444,8 Millionen Euro.
Und dann kam der 12. Mai 2026. Evotec platzierte Wandelanleihen über 116,1 Millionen Euro mit Fälligkeit 2033, Kupon 2,625 Prozent pro Jahr, Rückzahlung zu 110 Prozent des Nennbetrags. Der anfängliche Wandlungspreis liegt bei 6,5313 Euro — eine Prämie von 37,5 Prozent auf den Referenzkurs von 4,75 Euro; unter Berücksichtigung des aufgezinsten Rückzahlungsbetrags entspricht das effektiv rund 7,1844 Euro. Das Bezugsrecht der Aktionäre wurde ausgeschlossen. Zweck laut Mitteilung: die Finanzierung der Liquiditätsbedarfe des Programms Horizon.
Verwässerung heißt im Alltagsbild: Dein Stück vom Kuchen wird kleiner, weil neue Stücke abgeschnitten werden. Rechnen wir es aus. 116,1 Millionen Euro geteilt durch 6,5313 Euro ergeben rund 17,78 Millionen potenzielle neue Aktien — gemessen an den 177.778.907 Aktien zum 31. Dezember 2025 sind das genau 10,0 Prozent. Zum Vergleich: Die gesamte Verwässerung des Jahres 2025 aus ausgeübten Aktienoptionen betrug 0,335 Prozent.
Ein zweiter Halbsatz aus dem Geschäftsbericht gehört daneben, weil er erklärt, warum diese Anleihe überhaupt nötig war: Zum 31. Dezember 2025 hatte das Unternehmen keine ausstehenden, nicht gezogenen Kreditlinien mehr — ein Jahr zuvor waren es 75,1 Millionen Euro. Der Puffer neben der Kasse war weg.
Zur vorläufigen Zwischenbilanz: Zum 30. Juni 2026 nennt Evotec eine Liquidität von rund 465,6 Millionen Euro. Sie liegt damit über dem Stand vom 31. März — allerdings erst nach dem Zufluss aus der Wandelanleihe.
Die KI-Erzählung — und was im Bericht wirklich steht
Evotec gilt vielen als der deutsche KI-Wert der Pharmaforschung. Das ist nicht aus der Luft gegriffen. Der Konzern nennt KI-gestützte Innovation ausdrücklich als Kern der eigenen Strategie, und am 2. Juni 2026 hat er einen Head of Global In Silico & AI auf Executive-Vice-President-Ebene berufen. In der Leistungsbeschreibung von Just – Evotec Biologics steht ein konkretes, verkauftes Angebot: Antikörper-Optimierung und Kandidatenauswahl mit modernsten in-silico-basierten KI-Werkzeugen (J.MD).
„Our new strategy tightens the focus on technology and science leadership, specifically in AI-driven innovation, molecular glue degraders, and targeted protein degradation, aiming to maximize impact in high-value segments.“
Übersetzung: „Unsere neue Strategie stärkt den Fokus auf eine Führungsrolle in Technologie und Wissenschaft, insbesondere in den Bereichen KI-basierte Innovation, molekulare Kleber und gezielter Proteinabbau, mit dem Ziel, den Nutzen in hochwertigen Segmenten zu maximieren.“
— Evotec SE, Integrierter Geschäftsbericht 2025, Kapitel Strategie
Interessant wird es aber erst ein paar Seiten weiter, im Risikobericht. Dort steht KI nämlich noch ein zweites Mal — und zwar auf der anderen Seite des Tisches: Aufstrebende, KI-gesteuerte Biotechnologieunternehmen stellten eine wachsende Konkurrenz dar; diese auf KI fokussierten Unternehmen konkurrierten mit großen Pharmaunternehmen um Geschäfte und Partnerschaften und könnten ihre Nasslabor-Kapazitäten ausbauen, was den Wettbewerb in der Wirkstoffforschung verschärfe.
Das ist die ehrlichste Passage des ganzen Berichts. Dieselbe Technologie, die Evotecs Angebot besser macht, senkt auch die Eintrittshürde für die Konkurrenz — und der Preisdruck kommt zusätzlich von kostenbewussten Auftragsforschern in Asien und Osteuropa. Wer molekulare Kleber als Zukunftsthema spannend findet, sieht dieselbe Wette bei einem reinen Entwickler in unserer Analyse zu Monte Rosa Therapeutics; Evotec verdient an dieser Technologie schon heute Geld, trägt aber auch das Dienstleisterrisiko.
Was die Aktie kostet — und was wir nicht sagen können
Hier bleiben wir bewusst grob und ausdrücklich datiert. Der letzte belegte Börsenwert stammt aus dem Geschäftsbericht: 0,969 Milliarden Euro zum 31. Dezember 2025, bei einem Jahresschlusskurs von 5,45 Euro (30. Dezember 2025) und 177.778.907 Aktien. Gemessen am Umsatz 2025 von 788,4 Millionen Euro entspricht das einem Kurs-Umsatz-Verhältnis von rund 1,2. Ein Kurs-Gewinn-Verhältnis lässt sich nicht bilden — 2025 stand ein Verlust.
Was wir nicht sagen können, sagen wir auch nicht: Für diese Analyse standen keine Marktdaten zur Verfügung, ein aktueller Börsenwert und alle daraus abgeleiteten Kennzahlen fehlen deshalb. Wer sie braucht, findet sie beim Broker seines Vertrauens — und sollte dabei bedenken, dass sich seit dem 31. Dezember 2025 zwei Dinge geändert haben, die den Nenner betreffen: die Wandelanleihe über 116,1 Millionen Euro und die gesenkte Jahresprognose.
Ein sinnvoller Bezugspunkt bleibt trotzdem: Bei einem erwarteten Jahresumsatz 2026 von 570 bis 610 Millionen Euro liegt die Umsatzbasis rund ein Viertel unter dem Stand von 2025. Wer die Aktie mit Kennzahlen aus dem Jahr 2025 bewertet, bewertet ein Unternehmen, das es in dieser Größe im laufenden Jahr nicht mehr gibt.
Ein Sonderfaktor gehört ebenfalls in diese Rechnung: Aus der Übernahme des Beteiligungsunternehmens Tubulis durch Gilead Sciences erwartet Evotec rund 100 Millionen US-Dollar aus der Kapitalbeteiligung, dazu eine bedingte Gegenleistung von bis zu rund 58 Millionen US-Dollar bei Erreichen bestimmter Meilensteine. Das ist ein einmaliger Zufluss, kein wiederkehrender Umsatz — er stärkt die Kasse, nicht das Geschäftsmodell.
Chancen und Risiken auf einen Blick
Chancen
- Das Basisgeschäft wächst wieder: Die Nettoverkäufe im D&PD-Basisgeschäft ohne strategische Partner stiegen im ersten Halbjahr 2026 um rund 28 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Evotec erwartet, dass sich die höhere Vertriebsaktivität ab dem vierten Quartal 2026 zunehmend in Umsatz niederschlägt.
- Die Bilanz trägt den Umbau: 699,6 Millionen Euro Eigenkapital und 42,7 Prozent Eigenkapitalquote (31. März 2026), rund 465,6 Millionen Euro Liquidität (30. Juni 2026, vorläufig), zum 31. Dezember 2025 sogar eine Netto-Cash-Position von 27,7 Millionen Euro.
- Horizon ist beziffert und terminiert: rund 75 Millionen Euro strukturelle Einsparung pro Jahr bis Ende 2027, davon 20 bis 30 Prozent bereits 2026 — Stand der Bestätigung: 13. Juli 2026.
- Einmalige Zuflüsse stützen die Kasse: rund 350 Millionen US-Dollar aus dem Verkauf des Standorts Toulouse an Sandoz (Dezember 2025) plus Ansprüche über 300 Millionen US-Dollar aus künftiger Entwicklung sowie rund 100 Millionen US-Dollar aus der Tubulis-Übernahme durch Gilead.
- Der Kundenstamm ist erstklassig: alle zwanzig größten Pharmaunternehmen, über 800 Biotechs, 90 Prozent Wiederholungsgeschäft im Jahr 2025.
Risiken
- Die Prognose 2026 wurde am 13. Juli 2026 gesenkt: Umsatz 570 bis 610 statt 700 bis 780 Millionen Euro, bereinigtes Konzern-EBITDA minus 70 bis minus 105 statt 0 bis plus 40 Millionen Euro. Rund 45 Prozent der Lücke hängen an Partnerschaften, die noch verhandelt werden.
- Kundenkonzentration: 43 Prozent des Umsatzes 2025 von drei Kunden, Top-10-Anteil von 52 auf 61 Prozent gestiegen, Zahl der Allianzen über 1 Million Euro von 109 auf 74 gefallen.
- Der operative Cashflow war 2025 mit minus 9,2 Millionen Euro negativ; der Liquiditätsaufbau stammt aus Verkäufen und aus der Wandelanleihe, nicht aus dem Geschäft.
- Verwässerungspotenzial von 10,0 Prozent aus der Wandelanleihe über 116,1 Millionen Euro (Wandlungspreis 6,5313 Euro), und zum 31. Dezember 2025 keine ungenutzten Kreditlinien mehr (Vorjahr: 75,1 Millionen Euro).
- Der Umbau belastet zuerst: 75,0 Millionen Euro Reorganisationskosten allein im ersten Quartal 2026, insgesamt rund 100 Millionen Euro liquiditätswirksam von 2026 bis 2028; Periodenergebnis des Quartals minus 121,9 Millionen Euro.
- Der eigene Risikobericht nennt KI-getriebene Biotechs als wachsende Konkurrenz und den Preisdruck durch Auftragsforscher in Asien und Osteuropa.
- Die am 6. Mai 2026 eingeleitete Prüfung strategischer Optionen auf Konzernebene läuft ohne Zeitplan; das Unternehmen betont ausdrücklich, dass keine Entscheidung getroffen ist und kein Ergebnis zugesichert werden kann.
Ein menschliches Fazit
Wir sind mit dem Ankereffekt gestartet — mit dem Hoch von 21,42 Euro aus dem Jahr 2024, das im Kopf hängen bleibt und jede spätere Zahl klein aussehen lässt. Nach diesem Durchgang durch die Berichte lässt sich sagen: Der Anker ist die falsche Messlatte. Nicht weil die Aktie teuer oder billig wäre, sondern weil das Unternehmen dahinter heute ein anderes ist. Aus einem Konzern mit 797 Millionen Euro Umsatz und 14 Standorten wird gerade einer mit erwarteten 570 bis 610 Millionen Euro und zehn Standorten. Der alte Kurs bezog sich auf die alte Firma.
Was bleibt, ist eine ehrliche Doppelbotschaft. Evotec hat etwas, das viele Biotech-Werte nicht haben: echte Kunden, echte Umsätze, eine Bilanz mit 42,7 Prozent Eigenkapitalquote und rund 465,6 Millionen Euro Liquidität. Und Evotec hat gleichzeitig ein Problem, das kein Umbau kurzfristig löst: Die großen, margenstarken Partnerschaften kommen nicht in dem Tempo zustande, das die eigene Planung unterstellt hatte — und das Geschäft mit den vielen kleinen Kunden trägt die Lücke noch nicht.
Der nächste ehrliche Prüfstein steht im Kalender: 13. August 2026, vollständige Halbjahreszahlen. Dort steht dann, ob die 28 Prozent Wachstum im Basisgeschäft in der Umsatzzeile ankommen, was die Wandelanleihe in der Bilanz macht und wie viel Liquidität der Umbau im zweiten Quartal gekostet hat. Bis dahin gilt: Wer diese Analyse liest und sagt „zu viele offene Fragen“, hat die Berichte richtig verstanden. Wer sagt „genau deshalb, das Basisgeschäft dreht“, hat sie auch richtig verstanden — nur mit einer anderen Risikoneigung. Was Du daraus machst, ist Deine Entscheidung. Und das ist auch gut so.
Weitere Detailanalysen findest Du in unserer Rubrik Analysen.
Quellen
- Evotec SE — Integrierter Geschäftsbericht 2025 (deutsche und englische Fassung): Die Evotec-Aktie, Wichtigste finanzielle Leistungsindikatoren, Wirtschaftsbericht (Ertrags-, Finanz- und Vermögenslage, verkürzte Cashflow-Rechnung), Strategie, Risiko- und Chancenbericht, Anhangangaben zu Vertragsverbindlichkeiten und Grundkapital
- Evotec SE — Zwischenmitteilung 3M 2026, veröffentlicht am 6. Mai 2026: Ertragslage, Finanzlage, Aktiva/Verbindlichkeiten/Eigenkapital, Abschnitt 5 „Projekt Horizon“, Ereignisse nach Ende des Berichtszeitraums
- Evotec SE — Mitteilung zum ersten Quartal 2026, 6. Mai 2026: Horizon-Update, Einleitung der umfassenden Prüfung strategischer Optionen auf Konzernebene (Berater Morgan Stanley und Moelis & Company), Führungswechsel
- Evotec SE — Pressemitteilung „Evotec SE platziert erfolgreich Wandelanleihen im Volumen von 116,1 Mio. €“, 12. Mai 2026: Konditionen, Wandlungspreis, Verwendungszweck
- Evotec SE — Mitteilung „Evotec gibt vorläufige Ergebnisse für das 2. Quartal und das 1. Halbjahr 2026 bekannt und aktualisiert den Ausblick für das Gesamtjahr 2026“, 13. Juli 2026 (zeitgleich als Ad-hoc-Mitteilung veröffentlicht)
- Evotec SE — Mitteilung zur Berufung des Head of Global In Silico & AI, 2. Juni 2026, sowie Ergebnisse der Hauptversammlung 2026, 11. Juni 2026
- Evotec SE — Investor Relations, News-Übersicht, eigener Abruf am 4. August 2026: jüngste Meldung ist eine Third-Party-PR vom 3. August 2026; der Halbjahresbericht 2026 ist für den 13. August 2026 angekündigt, die Quartalsmitteilung 9M 2026 für den 5. November 2026
Diese Analyse ist journalistische Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Unterlagen und keine Anlageberatung, keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren und keine persönliche Empfehlung. Aktien können erheblich an Wert verlieren, ein Totalverlust des eingesetzten Kapitals ist möglich. Alle Zahlen tragen den Stichtag ihrer Quelle; ein tagesaktueller Börsenwert wird bewusst nicht genannt, weil dafür keine Marktdaten vorlagen. Der Autor hält zum Zeitpunkt der Veröffentlichung keine Position in der Evotec SE.
Die Kennzahlen im Überblick
Alle Geldbeträge in Millionen €, Gewinn je Aktie wie berichtet.
| Kennzahl | 2021 | 2022 | 2023 | 2024 | 2025 |
|---|---|---|---|---|---|
| Umsatz | 618,0 | 751,4 | 781,4 | 797,0 | 788,4 |
| Betriebsergebnis (EBIT) | 27,3 | 12,5 | -47,5 | -142,5 | -140,9 |
| Nettogewinn | 215,5 | -175,7 | -83,9 | -196,1 | -103,5 |
| Nettomarge | 34,9 % | -23,4 % | -10,7 % | -24,6 % | -13,1 % |
| Gewinn je Aktie | 1,30 € | -0,99 € | -0,47 € | -1,11 € | -0,58 € |
Quelle: Fundamentaldaten & SEC-Berichte (Geschäfts- und Quartalsberichte, 10-K/10-Q)
Unser Fazit auf einen Blick
- Geschäftsmodell und Kundenstamm positiv
- Evotec ist als Auftragsforscher und -entwickler tief in der Wertschöpfungskette der Pharmaindustrie verankert: alle zwanzig größten Pharmaunternehmen und über 800 Biotechs als Partner, 90 Prozent Wiederholungsgeschäft im Jahr 2025, 4.553 Beschäftigte an 14 Standorten in acht Ländern zum 31. Dezember 2025. Die Umsatzbasis von 788,4 Millionen Euro (2025) ist für ein europäisches Biotech-Unternehmen außergewöhnlich groß.
- Ertragsentwicklung negativ
- Bei nahezu gleichem Umsatz ist das bereinigte Konzern-EBITDA von 107,3 Millionen Euro (2021) auf 41,1 Millionen Euro (2025) gefallen. Das Periodenergebnis lag 2025 bei minus 103,5 Millionen Euro nach minus 196,1 Millionen im Vorjahr; im ersten Quartal 2026 waren es minus 121,9 Millionen Euro. Für das Gesamtjahr 2026 erwartet das Unternehmen seit dem 13. Juli 2026 ein bereinigtes Konzern-EBITDA von minus 70 bis minus 105 Millionen Euro.
- Prognosequalität negativ
- Am 6. Mai 2026 wurde die Jahresprognose noch bestätigt, am 13. Juli 2026 um bis zu 170 Millionen Euro Umsatz gesenkt. Rund 45 Prozent der Lücke entfallen auf strategische Partnerschaften, die zum Zeitpunkt der ursprünglichen Prognose weder unterschrieben noch terminiert waren — die alte Planung enthielt damit einen erheblichen Hoffnungsanteil.
- Bilanz und Finanzierung neutral
- Die Bilanz trägt: 699,6 Millionen Euro Eigenkapital und 42,7 Prozent Eigenkapitalquote zum 31. März 2026, rund 465,6 Millionen Euro Liquidität zum 30. Juni 2026 (vorläufig), zum 31. Dezember 2025 sogar eine Netto-Cash-Position von 27,7 Millionen Euro. Die Herkunft dieser Mittel ist allerdings der Verkauf des Standorts Toulouse an Sandoz und die Wandelanleihe über 116,1 Millionen Euro vom 12. Mai 2026 — der operative Cashflow war 2025 mit minus 9,2 Millionen Euro negativ, und ungenutzte Kreditlinien bestanden zum 31. Dezember 2025 keine mehr.
- Kundenkonzentration negativ
- 43 Prozent des Umsatzes 2025 stammten von drei Kunden, der Anteil der zehn größten Kunden stieg binnen eines Jahres von 52 auf 61 Prozent, und die Zahl der Kundenallianzen über 1 Million Euro fiel von 109 auf 74. Bristol Myers Squibb und Sandoz trugen jeweils über 10 Prozent bei; die Vertragsverbindlichkeiten gegenüber dem größten Kunden lagen zum 31. Dezember 2025 bei 214.985 Tausend Euro.
- Umbau und KI-Position neutral
- Das Programm Horizon ist beziffert und terminiert: rund 75 Millionen Euro jährliche Einsparung bis Ende 2027 gegen rund 100 Millionen Euro liquiditätswirksame Restrukturierungskosten von 2026 bis 2028, davon allein 75,0 Millionen Euro im ersten Quartal 2026. Die KI-Kompetenz ist im Geschäftsbericht 2025 als Strategieschwerpunkt belegt und wird als Dienstleistung verkauft; derselbe Bericht nennt KI-getriebene Biotechs im Risikobericht aber auch als wachsende Konkurrenz.
Evotec ist eine echte Wirkstoff-Fabrik mit erstklassigen Kunden — und ein Unternehmen mitten in einem teuren Umbau. Der Umsatz steht seit 2023 still, das bereinigte Konzern-EBITDA ist von 107,3 (2021) auf 41,1 Millionen Euro (2025) gefallen, und am 13. Juli 2026 senkte das Unternehmen die eigene Jahresprognose auf 570 bis 610 Millionen Euro Umsatz und minus 70 bis minus 105 Millionen Euro bereinigtes Konzern-EBITDA. Die Kasse ist mit rund 465,6 Millionen Euro (30. Juni 2026, vorläufig) gut gefüllt, stammt aber aus dem Verkauf des Standorts Toulouse an Sandoz und aus einer Wandelanleihe über 116,1 Millionen Euro, die rechnerisch 10,0 Prozent Verwässerung bedeutet — der operative Cashflow war 2025 negativ. Dazu kommen 43 Prozent Umsatzanteil aus drei Kunden und eine seit dem 6. Mai 2026 laufende Prüfung strategischer Optionen ohne Zeitplan. Keine Anlageberatung.
Was unsere Einordnung bedeutet
Offene Fragen
Das Geschäft funktioniert grundsätzlich, aber eine wesentliche Frage ist offen. Solange sie offen ist, tragen unsere Befunde kein Qualitätsurteil.
Gelb, weil die wesentliche offene Frage bei Evotec operativer Natur ist und nicht die Substanz betrifft. Für Rot fehlt jeder belegte Substanzbefund: Es gibt keinen Hinweis zur Fortführung der Unternehmenstätigkeit, das Eigenkapital lag zum 31. März 2026 bei 699,6 Millionen Euro und die Eigenkapitalquote bei 42,7 Prozent, die Liquidität bei rund 465,6 Millionen Euro zum 30. Juni 2026, und zum 31. Dezember 2025 stand sogar eine Netto-Cash-Position von 27,7 Millionen Euro in den Büchern — die Kassenreichweite liegt damit deutlich über vier Quartalen. Für Grün ist der Turnaround aber unbewiesen: Der Umsatz tritt seit 2023 auf der Stelle, das bereinigte Konzern-EBITDA hat sich seit 2021 mehr als halbiert, die Prognose 2026 wurde am 13. Juli 2026 um bis zu 170 Millionen Euro gesenkt, und 43 Prozent des Umsatzes hängen an drei Kunden. Dass die Kasse aus einem Standortverkauf und einer Wandelanleihe gefüllt wurde statt aus dem Tagesgeschäft, ist der eigentliche Grund für diese Einordnung. Grün wäre sie, wenn der operative Cashflow wieder positiv wäre und das Basisgeschäft die weggefallenen Großverträge ersetzt hätte. Ob die Aktie zum jeweiligen Kurs günstig ist, gehört in die Preisfrage und bestimmt diese Einordnung nicht.
Journalistische Einschätzung der Redaktion zum Analysezeitpunkt auf Basis öffentlicher Quellen — keine Anlageberatung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf. Deine persönlichen Umstände (Anlageziele, Risikotragfähigkeit, Steuern) können dabei nicht berücksichtigt werden. Was unsere Stufen bedeuten, wie Urteile entstehen und welche Interessenkonflikte bestehen →
Bitte beachten
- Auf die Rechercheliste kam Evotec über die Foren-Hitliste von wallstreet-online (meistdiskutierte Werte deutscher Privatanleger), Stand 4. August 2026 — kein Scanner-Treffer und kein Kaufsignal, sondern ein Aufmerksamkeitssignal.
- Datenstand und Aktualität: Jüngster Periodenbericht ist die Zwischenmitteilung 3M 2026, veröffentlicht am 6. Mai 2026. Der vollständige Halbjahresbericht 2026 erscheint erst am 13. August 2026. Alle Präsens-Aussagen zu Prognose, Liquidität und Segmentumsätzen stehen auf dem Stand der Mitteilung vom 13. Juli 2026, Aussagen zur Aktienzahl auf dem Stand vom 31. Dezember 2025 zuzüglich der Wandelanleihe vom 12. Mai 2026. Der News-Feed der Investor-Relations wurde am 4. August 2026 selbst abgerufen; jüngste Meldung war eine Third-Party-PR vom 3. August 2026 ohne Kursrelevanz.
- Keine Marktdaten: Das Tageskontingent des Fundamentaldaten-Anbieters war am 4. August 2026 verbraucht. Sämtliche Zahlen dieser Analyse stammen aus Originalberichten und Pflichtmitteilungen des Unternehmens. Ein tagesaktueller Börsenwert und alle daraus abgeleiteten Kennzahlen fehlen deshalb bewusst; der letzte belegte Wert ist die Marktkapitalisierung von 0,969 Milliarden Euro zum 31. Dezember 2025.
- Zur Doppelnotierung: Evotec ist neben Frankfurt auch an der Nasdaq notiert. Zum 31. Dezember 2025 standen 177.778.907 Aktien 355.557.814 ADS gegenüber — eine Aktie entspricht zwei ADS. Kurs- und Kennzahlenvergleiche zwischen beiden Handelsplätzen müssen diesen Faktor berücksichtigen.
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Aktien-Wächter
Diese Analyse ist Stand 4. August 2026. Was sich seitdem bei EVT.DE geändert hat, meldet Dir der Aktien-Wächter.
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Häufige Fragen
Evotec mit Sitz in Hamburg ist ein Dienstleister der Wirkstoffforschung und -entwicklung. Pharma- und Biotechunternehmen lagern Forschung, Testung und Herstellung an Evotec aus. Das Geschäft läuft in zwei Segmenten: Discovery & Preclinical Development mit 528,9 Millionen Euro externem Umsatz im Jahr 2025 und Just – Evotec Biologics mit 259,4 Millionen Euro. Zum 31. Dezember 2025 arbeiteten dort 4.553 Menschen an 14 Standorten in acht Ländern.
Am 13. Juli 2026 senkte Evotec den Ausblick auf 570 bis 610 Millionen Euro Konzernumsatz und ein bereinigtes Konzern-EBITDA von minus 70 bis minus 105 Millionen Euro; zuvor standen dort 700 bis 780 Millionen Euro und 0 bis plus 40 Millionen Euro. Rund 40 Prozent der Umsatzlücke verschieben sich durch geänderte Zeitpläne bestehender Partnerschaften ins Jahr 2027, rund 45 Prozent entfallen auf noch nicht abgeschlossene neue strategische Partnerschaften und rund 15 Prozent auf eine geringere Umsatzrealisierung.
Die Liquidität lag zum 31. Dezember 2025 bei 476,4 Millionen Euro, zum 31. März 2026 bei 444,8 Millionen Euro und zum 30. Juni 2026 nach vorläufigen Angaben bei rund 465,6 Millionen Euro. Wichtig ist die Herkunft: Der operative Cashflow war 2025 mit minus 9,2 Millionen Euro negativ. Der Liquiditätsaufbau stammt aus dem Verkauf des Standorts Toulouse an Sandoz und seit Mai 2026 aus einer Wandelanleihe über 116,1 Millionen Euro.
Horizon ist das am 10. März 2026 angekündigte Transformationsprogramm. Es verschlankt den globalen Standortverbund von 14 auf zehn Standorte, bündelt die Wissenschaft in Exzellenzzentren und ordnet die Vertriebsorganisation neu. Bis Ende 2027 sollen rund 75 Millionen Euro pro Jahr eingespart werden; dafür fallen von 2026 bis 2028 rund 100 Millionen Euro liquiditätswirksame Restrukturierungskosten an. Allein im ersten Quartal 2026 wurden 75,0 Millionen Euro Reorganisationskosten erfasst.
Sehr stark. Laut Risikobericht des Geschäftsberichts 2025 stammten 43 Prozent des Umsatzes von drei Kunden. Der Anteil der zehn größten Kunden stieg von 52 Prozent (2024) auf 61 Prozent (2025). Bristol Myers Squibb und Sandoz trugen jeweils mehr als 10 Prozent bei. Gleichzeitig fiel die Zahl der Kundenallianzen mit mehr als 1 Million Euro Jahresumsatz von 109 auf 74. Die Vertragsverbindlichkeiten gegenüber dem größten Kunden lagen zum 31. Dezember 2025 bei 214.985 Tausend Euro.
Evotec platzierte am 12. Mai 2026 Wandelanleihen über 116,1 Millionen Euro mit Fälligkeit 2033, Kupon 2,625 Prozent und Rückzahlung zu 110 Prozent des Nennbetrags. Der anfängliche Wandlungspreis liegt bei 6,5313 Euro, eine Prämie von 37,5 Prozent auf den Referenzkurs von 4,75 Euro. Rechnerisch entspricht das rund 17,78 Millionen möglichen neuen Aktien oder 10,0 Prozent der 177.778.907 Aktien vom 31. Dezember 2025. Das Bezugsrecht der Aktionäre wurde ausgeschlossen.
Beides, aber der Verkauf überwiegt. Der Geschäftsbericht 2025 nennt KI-basierte Innovation ausdrücklich als Schwerpunkt der Strategie, und Just – Evotec Biologics bietet Antikörper-Optimierung und Kandidatenauswahl mit in-silico-basierten KI-Werkzeugen als eigene Dienstleistung an. Am 2. Juni 2026 berief Evotec einen Head of Global In Silico & AI. Derselbe Bericht nennt KI-getriebene Biotechs allerdings auch als wachsende Konkurrenz im Risikobericht.
Der vollständige Halbjahresbericht 2026 erscheint am 13. August 2026, die Quartalsmitteilung für die ersten neun Monate 2026 am 5. November 2026. Die am 13. Juli 2026 genannten Halbjahreszahlen sind ausdrücklich vorläufig und ungeprüft. Ebenfalls offen ist die am 6. Mai 2026 eingeleitete Prüfung strategischer Optionen auf Konzernebene: Es gibt keinen festgelegten Zeitplan, und das Unternehmen sichert kein Ergebnis zu.
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