Editas Medicine: Der CRISPR-Pionier verdient am Medikament eines anderen
Editas war einer der ersten Namen im Gen-Editieren — und ist heute eine Firma ohne eigenes Medikament. Der Quartalsbericht (10-Q) zum 31. März 2026 sagt es wörtlich: nie Produktumsätze — und weist 1,65 Milliarden US-Dollar kumulierten Verlust aus. Was als Umsatz erscheint, sind Lizenzgebühren — vor allem für die Cas9-Technik hinter Vertex’ zugelassenem Casgevy. Und selbst diese Gebühren gehören seit Oktober 2024 zu großen Teilen einem Lizenzinvestor. Das eigene Vorzeigeprogramm hat Editas Ende 2024 beerdigt und 65 Prozent der Belegschaft entlassen; im März 2026 war das Eigenkapital auf 4,4 Millionen US-Dollar geschmolzen, im Mai kam frisches Geld über 55,6 Millionen neue Aktien. Keine Anlageberatung — nur die Frage, was ein Pionier wert ist, der die Technik miterfunden hat und das Medikament nicht.
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Es gibt eine Anleger-Falle, die besonders klug klingt, weil sie nach Belohnung fürs Frühaufstehen aussieht: die Pionier-Falle. Sie geht so: Eine Firma hat eine Technologie miterfunden, die später die Welt verändert. Der Kopf ergänzt automatisch: „Wer zuerst da war, verdient auch zuerst.“ Und schon steht die Investmentthese, bevor ein einziger Bericht gelesen ist. Editas Medicine (NASDAQ: EDIT) aus Cambridge in Massachusetts ist genau diese Firma. Sie gehörte zu den ersten Unternehmen, die die Genschere CRISPR in Medikamente verwandeln wollten. Zehn Jahre nach dem Börsengang sieht die Lage anders aus: Es gibt kein Medikament von Editas. Es gab noch nie eines. Der Umsatz, den die Firma ausweist, ist Lizenzgeld — vor allem für die Cas9-Technik hinter Casgevy, dem zugelassenen Gentherapie-Präparat eines anderen Unternehmens. Machen wir also einen Deal: Bevor du das Etikett „CRISPR-Pionier“ kaufst, lesen wir gemeinsam, was Editas selbst der US-Börsenaufsicht SEC gemeldet hat — den Geschäftsbericht (10-K) für 2025, den Quartalsbericht (10-Q) zum 31. März 2026 und alles, was seither an Pflichtmitteilungen dazugekommen ist. Ein SEC-Bericht ist unter Strafandrohung ehrlich. Und dieser erzählt von einer Firma, die ihr bestes Programm selbst beerdigt hat, deren Eigenkapital im März 2026 auf 4,4 Millionen US-Dollar geschmolzen war und die im Mai 2026 mit einer Kapitalerhöhung neu durchgestartet ist. Am Ende entscheidest du selbst.
Was Editas Medicine eigentlich macht — eine Genschere, noch ohne Medikament
Editas Medicine arbeitet an Gen-Editierung. Übersetzt in ein Alltagsbild: Das Erbgut ist ein sehr langer Text, und eine Genschere ist ein Korrekturwerkzeug, das eine falsche Stelle in diesem Text findet und verändert. Die bekannteste dieser Scheren heißt CRISPR; Editas arbeitet mit den Enzymen Cas9 und Cas12a.
Bis Ende 2024 verfolgte Editas den naheliegenden Weg: Man entnimmt einem Patienten Blutstammzellen, korrigiert sie im Labor und gibt sie zurück — das nennt sich ex vivo. Das Programm hieß reni-cel und richtete sich gegen die Sichelzellkrankheit und die transfusionsabhängige Beta-Thalassämie. Es war das am weitesten entwickelte Vorhaben des Unternehmens. Am 11. Dezember 2024 hat der Vorstand es eingestellt.
Seither geht Editas den anderen Weg: in vivo — das Medikament wird gespritzt und korrigiert die Zellen im Körper selbst. Die Strategie heißt „funktionelle Hochregulierung“: Statt einen kaputten Genabschnitt zu reparieren, wird die noch intakte zweite Kopie eines Gens lauter gestellt, damit sie mehr von dem fehlenden Eiweiß produziert. Der Hauptkandidat heißt EDIT-401 und zielt auf erhöhte Blutfettwerte (Hyperlipidämie) — die Schere soll die Leber dazu bringen, mehr LDL-Rezeptoren zu bilden, also mehr „Staubsauger“ für schlechtes Cholesterin. Nominiert wurde der Kandidat im September 2025.
Und jetzt der Satz, an dem sich alles entscheidet: EDIT-401 ist vorklinisch. Der Geschäftsbericht (10-K) für 2025 stellt im Risiko-Überblick nüchtern fest, alle laufenden Programme stünden in der vorklinischen oder in der Forschungsphase. Damit ist das Spannungsfeld dieser Analyse benannt, und es zieht sich durch jedes Kapitel: Editas besitzt Patente auf eine Technik, mit der andere bereits Geld verdienen — und hat selbst noch kein einziges Medikament am Menschen erprobt.
„Vorklinisch“ heißt hier allerdings nicht „irgendwann“. Der Quartalsbericht (10-Q) zum 31. März 2026 und der Prospekt-Nachtrag vom 26. Mai 2026 nennen einen erstaunlich engen Fahrplan: Der Studienantrag soll Mitte 2026 bei der australischen Arzneimittelbehörde TGA eingehen, die erste Studie am Menschen — eine Phase-1/2-Studie mit rund 18 Patienten mit erblich erhöhtem Cholesterin (HeFH) in drei Dosisgruppen — noch 2026 beginnen, und erste Wirksamkeitsdaten am Menschen erwartet Editas bis Ende 2026; die vollständigen Ergebnisse des Dosisfindungsteils sind für 2027 angekündigt. Ob dieser Plan hält, ist die Frage, an der in dieser Aktie alles hängt — und Editas hat sie sogar in die Bedingungen seiner eigenen Optionsscheine geschrieben. Dass die Studie tatsächlich begonnen hätte, ist bis heute (Stand 29. Juli 2026) in keinem Pflichtdokument gemeldet.
Das Geld kommt deshalb nicht von Patienten, sondern von Partnern. Drei Verträge tragen das Geschäft. Erstens die Vertex-Lizenz vom Dezember 2023: Vertex Pharmaceuticals erhielt eine nicht-exklusive Lizenz auf die Cas9-Technik von Editas für ex-vivo-Medikamente am Gen BCL11A — genau das Feld, in dem Vertex’ zugelassenes Casgevy arbeitet. Zweitens die Zusammenarbeit mit Bristol Myers Squibb über dessen Tochter Juno Therapeutics, aus der bis heute 14 Programme hervorgegangen sind. Drittens eine nicht-exklusive Vereinbarung mit Immatics. Zum 1. Februar 2026 hatte Editas noch 87 Vollzeitkräfte, davon rund 66 in der Forschung.
Wie die Aktie auf unseren Tisch kam
Nicht über eine Bestenliste, sondern über den Meldungskalender der US-Börsenaufsicht SEC. Am 26. Mai 2026 reichte Editas eine Pflichtmitteilung (8-K) ein, die eine Kapitalerhöhung über 55.555.556 Aktien ankündigte — bei damals rund 97,9 Millionen ausstehenden Aktien. Wenn eine Firma auf einen Schlag mehr als die Hälfte ihres bisherigen Aktienbestands neu ausgibt, ist das immer ein Anlass, den letzten Quartalsbericht aufzuschlagen. Genau das haben wir getan.
Für dich zum Nachmachen: Auf EDGAR, der Dokumentendatenbank der SEC, kannst du jede Firma nach Formulartyp filtern. Ein 8-K ist eine Ad-hoc-Meldung, ein 10-Q der Quartalsbericht, ein 10-K der Jahresbericht. Wer nur die 8-K-Zeilen der letzten sechs Monate liest, sieht bei Editas in wenigen Minuten die ganze Geschichte: Prüferwechsel im April, Studiendaten im Mai, Kapitalerhöhung wenige Tage später. Merke dir den Griff: Erst der Kalender, dann die Kennzahl.
Klassische Kennzahlen helfen hier nämlich wenig. Ein Kurs-Gewinn-Verhältnis lässt sich mangels Gewinn nicht bilden, und ein Kurs-Umsatz-Verhältnis misst bei Editas nicht das Geschäft, sondern die Zufälle des Lizenzkalenders — dazu später mehr. Wer sich für weitere Firmen interessiert, deren Börsenwert vor allem aus einem Versprechen besteht, findet zwei verwandte Fälle in unseren Analysen zu Ginkgo Bioworks und Recursion Pharmaceuticals.
Die Zahlen über die Jahre — ehrlich gewürdigt
Erst das, was wirklich für Editas spricht — und das ist mehr, als die rote Schlusszeile vermuten lässt: Der Sparkurs wirkt. Nach dem Aus für reni-cel sank der Forschungsaufwand von 199,2 Millionen US-Dollar (2024) auf 90,0 Millionen (2025), ein Minus von 55 Prozent. Die Verwaltungskosten fielen von 72,0 auf 49,9 Millionen (−31 Prozent). Der Nettoverlust schrumpfte von 237,1 auf 160,1 Millionen US-Dollar. Im ersten Quartal 2026 setzte sich das fort: 17,6 Millionen Forschung, 10,2 Millionen Verwaltung, unterm Strich 25,0 Millionen Verlust — nach 76,1 Millionen im Vorjahresquartal. Das ist kein Kosmetikprogramm, das ist eine halbierte Firma.
Und der Umsatz? Der ist die eigentliche Geschichte:
Vor dem Umbau sah die Verlustreihe so aus: −192,5 Millionen US-Dollar (2021), −220,4 (2022), −153,2 (2023), −237,1 (2024) und −160,1 (2025). Rechne die fünf roten Balken zusammen: 963 Millionen US-Dollar Verlust in fünf Jahren, gegen 196 Millionen Umsatz im selben Zeitraum. Für jeden eingenommenen Dollar hat Editas rund fünf Dollar verbrannt. Der kumulierte Verlust seit der Gründung steht zum 31. März 2026 bei 1,65 Milliarden US-Dollar. Und der blaue Ausreißer 2023 — 78,1 Millionen — war kein Durchbruch im Geschäft, sondern eine einzelne Unterschrift: die Vorauszahlung von Vertex. Merke dir das Bild: Bei Editas ist der Umsatz kein Fluss, sondern ein gelegentlicher Regen. Womit wir bei den unbequemen Wahrheiten wären.
Was in den Berichten steht — die unbequemen Wahrheiten
Unbequeme Wahrheit Nr. 1: Der Umsatz ist die Lizenzgebühr für das Medikament eines anderen — und gehört schon einem Dritten
Im Dezember 2023 gab Editas Vertex Pharmaceuticals eine nicht-exklusive Lizenz auf seine Cas9-Technik für ex-vivo-Medikamente am Gen BCL11A. Das ist genau die Baustelle, auf der Vertex’ Präparat Casgevy arbeitet. Editas kassierte dafür 50,0 Millionen US-Dollar im vierten Quartal 2023 und je 10,0 Millionen Jahresgebühr in den ersten Quartalen 2024 und 2025; vereinbart sind zudem eine mögliche weitere Vorauszahlung von 50,0 Millionen und laufende Jahresgebühren zwischen 5,0 und 40,0 Millionen US-Dollar bis 2034. Ein hübsches Geschäft — für eine Technik, die ein anderer zum Medikament gemacht hat.
Nur ist auch dieses Geld nicht ganz Editas’ Geld. Die entscheidenden Cas9-Patente gehören Editas nämlich nicht, sie sind bei The Broad Institute und der Harvard-Universität einlizenziert. Der Geschäftsbericht (10-K) für 2025 hält fest, dass Editas von allem, was Vertex für diese Cas9-Technik zahlt, einen „mid-double-digit percentage“ — einen Anteil im mittleren zweistelligen Prozentbereich — an Broad und Harvard weitergeben muss. Genauer beziffert Editas es nicht — aber „mittlerer zweistelliger Prozentbereich“ heißt: Von jedem Vertex-Dollar geht rund die Hälfte gleich wieder hinaus.
Nur: Diese Gebühren fließen zu großen Teilen längst nicht mehr an Editas. Im Oktober 2024 verkaufte das Unternehmen den Strom an den Lizenzinvestor DRI Healthcare:
„Under the DRI Agreement, DRI is purchasing up to 100% of certain future fixed and sales-based annual license fees that the Company is entitled to receive under the Vertex License Agreement, which fees range from $5.0 million to $40.0 million per year, including increases based on sales.“
Übersetzung: „Nach dem DRI-Vertrag erwirbt DRI bis zu 100 Prozent bestimmter künftiger fester und umsatzabhängiger Jahres-Lizenzgebühren, auf die das Unternehmen nach dem Vertex-Lizenzvertrag Anspruch hat; diese Gebühren liegen zwischen 5,0 und 40,0 Millionen US-Dollar pro Jahr, einschließlich umsatzabhängiger Erhöhungen.“
— Editas Medicine, Inc., SEC-Quartalsbericht 10-Q zum 31.03.2026, Item 2 (Lagebericht)
Editas bekam dafür 57,0 Millionen US-Dollar sofort. Buchhalterisch gilt das nach US-Regeln nicht als Verkauf, sondern als Kredit: In der Bilanz steht der Posten „Liability for sale of future revenues“ mit 54,7 Millionen US-Dollar zum 31. März 2026 (31. Dezember 2025: 58,6 Millionen), verzinst mit geschätzten 7,7 Prozent. Übersetzt in ein Alltagsbild: Editas hat die Mieteinnahmen der nächsten zehn Jahre im Voraus verkauft und wohnt vom Geld — die Miete geht jetzt an den Käufer, die Wohnung bleibt in der Bilanz. Allein im ersten Quartal 2026 flossen 5,0 Millionen US-Dollar an DRI ab.
Deshalb sieht der Umsatz von Editas so aus, wie er aussieht: 2,8 Millionen US-Dollar im ersten Quartal 2026 nach 4,7 Millionen im Vorjahresquartal. Wer aus dem Jahresumsatz 2025 von 40,5 Millionen eine laufende Ertragskraft ableitet, rechnet mit Zahlungen, die schon einem anderen gehören.
Unbequeme Wahrheit Nr. 2: Editas hat sein bestes Programm selbst beerdigt — und zwei Drittel der Belegschaft entlassen
Der 11. Dezember 2024 ist das wichtigste Datum in dieser Firmengeschichte. An diesem Tag beschloss der Vorstand, die klinische Entwicklung von reni-cel zu beenden — dem am weitesten fortgeschrittenen Programm, gerichtet gegen Sichelzellkrankheit und Beta-Thalassämie. Die Aktivitäten für den Zulassungsantrag wurden eingestellt. Und dann kam der zweite Teil des Beschlusses:
„In connection with the Discontinuation, the Company’s board of directors also approved a reduction in the Company’s employee workforce by approximately 180 positions, or approximately 65% (the “Reduction”).“
Übersetzung: „Im Zusammenhang mit der Einstellung beschloss der Vorstand des Unternehmens zudem eine Verringerung der Belegschaft um rund 180 Stellen oder etwa 65 Prozent (die „Reduktion“).“
— Editas Medicine, Inc., SEC-Quartalsbericht 10-Q zum 31.03.2026, Note 12 „Restructuring and Impairment Charges“
Die Rechnung dafür kam 2025: 60,7 Millionen US-Dollar Restrukturierungs- und Wertminderungsaufwand, davon 40,9 Millionen allein im ersten Quartal 2025 — im Jahr des Beschlusses waren es schon 12,2 Millionen, zusammen also 72,9 Millionen. Im ersten Quartal 2026 stand die Zeile bei null — der Umbau ist bezahlt. Was bleibt, sind 87 Vollzeitkräfte zum 1. Februar 2026, wo vor dem Schnitt rund dreimal so viele arbeiteten.
Fair betrachtet ist dieser Schnitt keine Katastrophe, sondern eine Entscheidung: Im selben Feld — ex-vivo-Gen-Editierung am Gen BCL11A gegen Sichelzellkrankheit und Beta-Thalassämie — war Vertex mit Casgevy längst am Markt, ausgerechnet mit der Cas9-Technik von Editas unter Lizenz. Der Aufbau einer eigenen Vertriebsorganisation gegen diesen Vorsprung hätte weitere Hunderte Millionen gekostet. Ein Vorstand, der ein aussichtsloses Rennen abbricht, handelt richtig. Nur ändert das nichts an der Folge: Editas ist damit von einem klinischen Unternehmen zu einem vorklinischen zurückgefallen. Alles, was heute in der Pipeline steht, hat noch keinen Menschen gesehen.
Unbequeme Wahrheit Nr. 3: Am 31. März 2026 war vom Eigenkapital fast nichts mehr übrig
Eigenkapital ist der Teil der Firma, der nach Abzug aller Schulden den Aktionären gehört — bei einem Haus wäre es der Wert, der nach der Ablösung der Bank bliebe. Bei Editas sah dieser Rest so aus: 134,3 Millionen US-Dollar zum 31. Dezember 2024, 27,3 Millionen zum 31. Dezember 2025 und 4,4 Millionen zum 31. März 2026 — bei einer Bilanzsumme von 149,3 Millionen und Verbindlichkeiten von 144,9 Millionen. Anders gesagt: Von jedem Dollar in der Bilanz gehörten den Aktionären noch drei Cent.
Wichtig für die Einordnung: Ein Großteil dieser Verbindlichkeiten ist kein Bankkredit. Die 144,9 Millionen bestehen im Kern aus drei Blöcken — der DRI-Lizenzschuld (54,7 Millionen), abgegrenzten Erlösen aus Partnerverträgen (44,5 Millionen, davon 40,5 Millionen aus der BMS-Zusammenarbeit) und Leasingverpflichtungen für die Labore (17,3 Millionen). Die verzinslichen und leasingbedingten Posten ergeben zusammen rund 72,0 Millionen US-Dollar. Es gibt keinen kündbaren Bankkredit, der die Firma über Nacht kippen könnte. Aber der Puffer war weg, und Editas sagt selbst, warum:
„The Company had an accumulated deficit of $1.7 billion at March 31, 2026, and will require substantial additional capital to fund its operations. The Company has never generated any product revenue.“
Übersetzung: „Das Unternehmen wies zum 31. März 2026 einen kumulierten Verlust von 1,7 Milliarden US-Dollar aus und wird erhebliches zusätzliches Kapital zur Finanzierung seines Geschäftsbetriebs benötigen. Das Unternehmen hat nie Produktumsätze erzielt.“
— Editas Medicine, Inc., SEC-Quartalsbericht 10-Q zum 31.03.2026, Note 1 „Nature of Business“, Abschnitt Liquidity
Zur Einordnung der Zahl im Zitat: Die „1,7 Milliarden“ sind der gerundete Wert, den Editas im Fließtext seines Berichts nennt. Die Bilanz desselben Berichts weist den kumulierten Verlust auf den Dollar genau mit 1.653.485.000 US-Dollar aus — deshalb steht in dieser Analyse überall 1,65 Milliarden.
Ein Going-Concern-Hinweis — die förmliche Warnung, dass der Fortbestand gefährdet sein könnte — steht in diesem Bericht ausdrücklich nicht. Editas erklärte am 5. Mai 2026, die vorhandenen Mittel reichten für mindestens die kommenden zwölf Monate. In der Ergebnismitteilung desselben Tages steht die konkrete Zahl dahinter: Ohne frisches Geld hätten die 123,6 Millionen US-Dollar gereicht, um Betriebskosten und Investitionen „bis ins dritte Quartal 2027“ zu finanzieren (Pflichtmitteilung 8-K vom 5. Mai 2026, Item 2.02). Genau diese Reichweite war deutlich genug, dass drei Wochen später frisches Geld geholt wurde — und sie erklärt, warum die Emission kein Luxus war.
Unbequeme Wahrheit Nr. 4: Die Rettung kostete gut 56 Prozent mehr Aktien — und enthält eine eingebaute Wette
Am 26. Mai 2026 platzierte Editas 55.555.556 Aktien. Zu jeder Aktie gab es einen Optionsschein auf eine weitere Aktie dazu; das Paket kostete zusammen 2,25 US-Dollar. Der Nettoerlös liegt bei rund 117,0 Millionen US-Dollar. Die Zahl der ausstehenden Aktien stieg damit von 97.906.282 (Stand 30. April 2026) auf 153.461.838 — ein Plus von gut 56 Prozent. Verwässerung heißt: Dein Stück vom Kuchen wird kleiner, auch wenn der Kuchen gleich groß bleibt. Der Prospekt-Nachtrag beziffert sie präzise: Wer zu 2,25 US-Dollar kaufte, hielt danach einen rechnerischen Substanzwert von 0,79 US-Dollar je Aktie — eine sofortige Verwässerung von 1,46 US-Dollar je Aktie.
Der interessante Teil steht aber im Kleingedruckten zum Optionsschein:
„The Common Stock Warrants will be immediately exercisable and will be exercisable from the date of issuance and will expire on the earlier of (i) the date that is 30 days following the first public announcement by the Company of Phase 1 clinical data for the Company’s product candidate, EDIT-401, that discloses at least three patients in the trial that each demonstrated greater than 80% reduction in LDL-cholesterol as compared to baseline with at least one (1) month of follow-up and (ii) the date that is three years after the date of issuance.“
Übersetzung: „Die Optionsscheine auf Stammaktien sind sofort und ab dem Ausgabetag ausübbar und verfallen zum früheren der beiden folgenden Zeitpunkte: (i) 30 Tage nach der ersten öffentlichen Bekanntgabe klinischer Phase-1-Daten des Unternehmens zu seinem Produktkandidaten EDIT-401, die mindestens drei Studienpatienten ausweisen, bei denen jeweils eine Senkung des LDL-Cholesterins um mehr als 80 Prozent gegenüber dem Ausgangswert bei mindestens einem Monat Nachbeobachtung gezeigt wurde, oder (ii) drei Jahre nach dem Ausgabetag.“
— Editas Medicine, Inc., SEC-Pflichtmitteilung 8-K vom 26.05.2026, Item 1.01 „Public Offering“
Lies das noch einmal: Nicht die schlechte Nachricht beendet den Optionsschein, sondern die gute. Meldet Editas überzeugende Phase-1-Daten, bleiben den Inhabern 30 Tage, um zu 3,50 US-Dollar je Stück zu zeichnen — sonst verfällt das Recht. Für Editas heißt das im Erfolgsfall bis zu 192,5 Millionen US-Dollar zusätzliches Kapital, für alle anderen Aktionäre weitere 55,6 Millionen Aktien. Die Konstruktion ist clever und ehrlich zugleich: Sie sagt offen, dass die nächste Finanzierungsstufe an genau einer Zahl in genau einer Studie hängt.
Dazu kommen die üblichen Verwässerungsposten. Zum 30. April 2026 standen 12.138.251 Mitarbeiter-Optionen aus (durchschnittlicher Ausübungspreis 5,99 US-Dollar), dazu 484.778 noch nicht zugeteilte Aktienzusagen und weitere 11,3 Millionen Aktien, die für Mitarbeiterprogramme reserviert sind. Zusammen mit den Optionsscheinen sind das rund 79 Millionen mögliche neue Aktien — obendrauf auf die 153,5 Millionen, die bereits ausstehen. Genehmigt sind insgesamt 390 Millionen Aktien; dieser Rahmen wurde 2025 von 195 Millionen verdoppelt. Platz für weitere Kapitalerhöhungen ist also reichlich vorhanden, und das laufende Verkaufsprogramm über die Börse hatte zum 31. März 2026 noch 106,1 Millionen US-Dollar freien Rahmen.
Bewertung — was die Börse für ein Versprechen zahlt
Vorweg der ehrliche Hinweis: Bei einer Firma ohne Produktumsatz gibt es keine seriöse Kennzahl, die „günstig“ oder „teuer“ beantwortet. Was sich rechnen lässt, ist die Größenordnung — und die geht so. Zum Datenstand dieser Analyse (28. Juli 2026) weisen die Fundamentaldaten einen Börsenwert von rund 402 Millionen US-Dollar aus: die 153.461.838 Aktien nach der Kapitalerhöhung mal einem Schlusskurs von 2,62 US-Dollar. Gegenprobe mit dem letzten Kurs, den Editas selbst in einem Pflichtdokument festgehalten hat — 2,76 US-Dollar am 22. Mai 2026, macht rund 424 Millionen: Die beiden Rechnungen liegen gut fünf Prozent auseinander, der Rahmen stimmt also.
Davon abziehen darfst du die Kasse: 123,6 Millionen zum 31. März 2026 plus 117,0 Millionen Nettoerlös aus der Emission, also rechnerisch rund 241 Millionen US-Dollar — vor dem Verbrauch im zweiten Quartal. Dazu zählen die verzinslichen und leasingbedingten Verpflichtungen von 72,0 Millionen. Unterm Strich zahlt die Börse für Patente, Plattform, das BMS-Bündnis und EDIT-401 also grob 230 Millionen US-Dollar. Ob das viel oder wenig ist, hängt an einer einzigen Frage: Funktioniert die Leber-Genschere im Menschen?
Zum Vergleich der Umsatzseite: Auf den Jahresumsatz 2025 von 40,5 Millionen US-Dollar bezogen liegt das Kurs-Umsatz-Verhältnis bei knapp 10. Rechnest du das erste Quartal 2026 hoch (2,8 Millionen × 4), sind es rund 36. Beide Zahlen sind Zerrbilder, weil der Umsatz aus Einmalzahlungen und Meilensteinen besteht, deren Zeitpunkt kein Mensch planen kann — und weil hinter den wiederkehrenden Vertex-Gebühren kaum noch eigenes Geld steckt: Der Geschäftsbericht (10-K) für 2025 weist die Jahresgebühr mit 10,0 Millionen US-Dollar zwar weiter im Umsatz aus, doch das Geld dahinter tilgt die DRI-Schuld, und ein Anteil im mittleren zweistelligen Prozentbereich geht an Broad und Harvard. Merke dir: Bei Editas ist das Kurs-Umsatz-Verhältnis eine Zufallszahl, kein Bewertungsmaßstab.
Was sich dagegen belastbar sagen lässt, ist die Reichweite des Geldes. Editas beziffert sie selbst:
„We estimate that the net proceeds from this offering, together with our existing cash and cash equivalents, and assuming no exercise of the common stock warrants being issued in this offering, will be sufficient to enable us to fund our operating expenses and capital expenditure requirements into the second half of 2028.“
Übersetzung: „Wir schätzen, dass der Nettoerlös aus diesem Angebot zusammen mit unseren vorhandenen Zahlungsmitteln und Zahlungsmitteläquivalenten — und ohne Ausübung der in diesem Angebot ausgegebenen Optionsscheine — ausreichen wird, um unsere Betriebskosten und Investitionsausgaben bis in die zweite Jahreshälfte 2028 zu finanzieren.“
— Editas Medicine, Inc., SEC-Prospekt-Nachtrag 424B5 vom 26.05.2026, Abschnitt „Use of Proceeds“
Zwei Jahre und ein bisschen — so lange trägt das Geld. Die Entscheidung fällt nach dem eigenen Fahrplan aber deutlich früher: erste Wirksamkeitsdaten am Menschen bis Ende 2026, vollständige Ergebnisse des Dosisfindungsteils 2027. Gelingt das, zieht die Optionsschein-Klausel bis zu 192,5 Millionen US-Dollar zusätzlich in die Kasse. Gelingt es nicht, steht die nächste Kapitalerhöhung an — und die wäre nach heutiger Rechtslage ohne Weiteres möglich.
Chancen und Risiken auf einen Blick
Chancen
- Echtes, verteidigtes geistiges Eigentum. Vertex zahlt für die Cas9-Technik von Editas Jahresgebühren bis 2034; BMS hat daraus 14 Programme entwickelt, darunter ein CD19-CAR-T-Programm in der klinischen Phase I. Das sind zahlende, prüfende Partner — kein Prospektversprechen. Und der jahrelange Streit um die Erfinder-Priorität dieser Cas9-Patente ging zum dritten Mal zugunsten von Broad aus: Am 26. März 2026 bestätigte die Patentkammer der US-Patentbehörde ihre frühere Entscheidung (Quartalsbericht 10-Q zum 31. März 2026).
- Der Sparkurs ist vollzogen. Forschung 90,0 statt 199,2 Millionen US-Dollar, Verwaltung 49,9 statt 72,0, Quartalsverlust 25,0 statt 76,1 Millionen. Die Restrukturierungszeile stand im ersten Quartal 2026 bei null — die Umbaukosten sind bezahlt.
- Finanziert bis in die zweite Jahreshälfte 2028. Rechnerisch rund 241 Millionen US-Dollar in der Kasse bei zuletzt 23,1 Millionen operativem Mittelabfluss je Quartal (erstes Quartal 2026), kein kündbarer Bankkredit, keine Going-Concern-Warnung im Bericht vom 5. Mai 2026.
- Ein präklinisch belegter Wirkmechanismus. Am 14. Mai 2026 meldete Editas für EDIT-401 in nicht-menschlichen Primaten eine mittlere LDL-Cholesterin-Senkung von 90 Prozent oder mehr über alle Dosisgruppen, anhaltend über rund sechs Monate — mit nur 10 bis 40 Prozent editierten LDLR-Genkopien.
- Optionale Zuflüsse ohne neue Platzierung. Bis zu 192,5 Millionen US-Dollar aus den Optionsscheinen und ein möglicher weiterer Vorabbetrag von 50,0 Millionen aus dem Vertex-Vertrag, an dem Editas nach Abzug des DRI-Anteils beteiligt bleibt.
Risiken
- Kein Medikament, kein Patient, kein Produktumsatz — nie. Alle Programme sind vorklinisch oder in der Forschung; der kumulierte Verlust liegt bei 1,65 Milliarden US-Dollar (31. März 2026).
- Alles hängt an einem Molekül. Der Geschäftsbericht (10-K) für 2025 nennt die Abhängigkeit vom Erfolg des Hauptkandidaten EDIT-401 als ersten Risikopunkt überhaupt. Ein Rückschlag in der ersten Studie am Menschen trifft die gesamte These.
- Der wiederkehrende Lizenzstrom ist verkauft. DRI erwirbt bis zu 100 Prozent der künftigen Vertex-Jahresgebühren; in der Bilanz stehen dafür 54,7 Millionen US-Dollar Schuld bei 7,7 Prozent geschätztem Effektivzins (31. März 2026).
- Verwässerung ist die Normalform der Finanzierung. Aktienzahl 82,7 Millionen (Ende 2024) → 97,9 Millionen (Ende 2025) → 153,5 Millionen (nach dem 27. Mai 2026), dazu rund 79 Millionen mögliche weitere Aktien und ein genehmigter Rahmen von 390 Millionen.
- Das Zeitfenster ist endlich — und der eigene Fahrplan noch enger. Die Reichweitenschätzung endet in der zweiten Jahreshälfte 2028; angekündigt sind aber Studienantrag Mitte 2026, Studienstart 2026, erste Wirksamkeitsdaten am Menschen bis Ende 2026 und Dosisfindungs-Ergebnisse 2027 (Prospekt-Nachtrag vom 26. Mai 2026). Bis heute meldet kein Pflichtdokument, dass die Studie begonnen hat — und in diesem Feld reißen Zeitpläne regelmäßig.
- Die entscheidenden Cas9-Patente gehören Editas nicht. Sie sind bei The Broad Institute und der Harvard-Universität einlizenziert; von allem, was Vertex dafür zahlt, geht ein Anteil im mittleren zweistelligen Prozentbereich an die beiden zurück (Geschäftsbericht 10-K für 2025). Für einen Teil dieser Patente war die Erfinder-Priorität seit 2019 vor der Patentkammer der US-Patentbehörde umstritten; am 26. März 2026 entschied sie zum dritten Mal für Broad, doch die Gegenseite (Universität Kalifornien, Universität Wien, Emmanuelle Charpentier) darf weiter Rechtsmittel einlegen — ob sie es tut, ist laut Quartalsbericht (10-Q) zum 31. März 2026 offen. Die übrigen einlizenzierten Cas9-Patente und alle Cas12a-Patente waren nach Angabe von Editas nicht Gegenstand des Verfahrens.
- Die Ertragslage ist ohne Vertex dünn. Im ersten Quartal 2026 standen 2,8 Millionen US-Dollar Umsatz gegen 27,8 Millionen Betriebsaufwand. Aus der BMS-Kollaboration wurde in diesem Quartal wie im Vorjahresquartal kein Umsatz erfasst.
Ein menschliches Fazit
Zurück zur Pionier-Falle vom Anfang. Sie ist deshalb so hartnäckig, weil sie einen wahren Kern hat: Editas ist ein Pionier. Die Patente sind echt, Vertex zahlt dafür, BMS baut darauf, und die Daten aus dem Mai 2026 sehen für ein vorklinisches Programm bemerkenswert gut aus. Nur folgt aus „zuerst da gewesen“ eben nicht „zuerst verdient“. Zehn Jahre nach dem Börsengang hat Editas 1,65 Milliarden US-Dollar ausgegeben, sein bestes Programm selbst eingestellt, zwei Drittel der Belegschaft entlassen, den wiederkehrenden Lizenzstrom verkauft — und steht heute mit einem Kandidaten da, der noch keinen Menschen behandelt hat.
Was du hier also kaufst, ist keine Firma mit Geschäft, sondern eine gut finanzierte, sehr konzentrierte Wette: darauf, dass eine Leber-Genschere im Menschen tut, was sie im Affen getan hat, und dass sie es zeigt, bevor das Geld ausgeht — nach dem eigenen Fahrplan schon bis Ende 2026, spätestens aber bis in die zweite Jahreshälfte 2028. Die Firma verschweigt das nicht — sie hat es sogar in ihre Optionsscheine geschrieben. Das ist ehrlicher als vieles, was in dieser Branche verkauft wird.
Bleibt die unbequeme Erinnerung an die Falle: Wer aus „CRISPR-Pionier“ automatisch „Gewinner“ macht, hat den Bericht nicht gelesen. Wer ihn liest, sieht ein sauber aufgeräumtes Unternehmen mit einem einzigen offenen Punkt — und der ist der wichtigste von allen. Was du daraus machst, ist deine Entscheidung. Und das ist auch gut so.
Quellen
- Editas Medicine, Inc. — SEC-Geschäftsbericht 10-K für 2025 (eingereicht 9. März 2026)
- Editas Medicine, Inc. — SEC-Quartalsbericht 10-Q zum 31.03.2026 (eingereicht 5. Mai 2026)
- Editas Medicine, Inc. — SEC-Geschäftsbericht 10-K für 2024 (eingereicht 5. März 2025)
- Editas Medicine, Inc. — SEC-Geschäftsbericht 10-K für 2022 (eingereicht 22. Februar 2023)
- Editas Medicine, Inc. — SEC-Pflichtmitteilung 8-K vom 26. Mai 2026 (Item 1.01, Kapitalerhöhung und Optionsscheine)
- Editas Medicine, Inc. — SEC-Prospekt-Nachtrag 424B5 vom 26. Mai 2026 (Verwässerung, Mittelverwendung, Reichweite)
- Editas Medicine, Inc. — SEC-Pflichtmitteilung 8-K vom 14. Mai 2026 (EDIT-401-Daten beim ASGCT-Jahrestreffen)
- Editas Medicine, Inc. — SEC-Pflichtmitteilung 8-K vom 5. Mai 2026, Item 2.02 mit Ergebnismitteilung zum ersten Quartal 2026 (Kassenreichweite vor der Kapitalerhöhung)
- Editas Medicine, Inc. — SEC-Pflichtmitteilung 8-K vom 27. März 2026 (Entscheidung der Patentkammer PTAB zugunsten des Broad Institute)
- Editas Medicine, Inc. — SEC-Pflichtmitteilung 8-K vom 7. April 2026 (Wechsel des Abschlussprüfers zu PricewaterhouseCoopers)
- Editas Medicine, Inc. — SEC-Pflichtmitteilung 8-K vom 18. Juni 2026 (Ergebnisse der Hauptversammlung)
- Vollständige SEC-Einreichungshistorie von Editas Medicine, Inc.: EDGAR-Übersicht (sec.gov)
- Fundamentaldaten (Kennzahlen, Bewertung, Aktienzahl; Datenstand 29. Juli 2026), abgeglichen mit den SEC-Berichten.
Transparenz & Disclaimer: Diese Analyse ist eine journalistische Einordnung öffentlich zugänglicher Informationen und keine Anlageberatung, keine Finanzanalyse im aufsichtsrechtlichen Sinn und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Aktien-Investments sind mit erheblichen Risiken bis hin zum Totalverlust verbunden. Alle Angaben ohne Gewähr; Stand der Daten ist jeweils im Text vermerkt. Der Autor hält zum Zeitpunkt der Veröffentlichung keine Position in Editas-Medicine-Aktien.
Unser Fazit auf einen Blick
- Geschäftsmodell & Produktreife negativ
- Editas hat nach eigener Angabe im Quartalsbericht (10-Q) zum 31. März 2026 nie Produktumsätze erzielt; alle Programme stehen laut Geschäftsbericht (10-K) für 2025 in der vorklinischen oder Forschungsphase. Das am weitesten entwickelte Programm reni-cel wurde am 11. Dezember 2024 eingestellt — das Unternehmen ist damit von der klinischen in die vorklinische Stufe zurückgefallen.
- Ertragsquelle & Abhängigkeit negativ
- Der Umsatz von 40,5 Millionen US-Dollar (2025) besteht aus Lizenz- und Kollaborationserlösen; der Spitzenwert 2023 von 78,1 Millionen war im Kern die Vertex-Vorauszahlung über 50,0 Millionen. Die wiederkehrenden Vertex-Gebühren wurden im Oktober 2024 an DRI Healthcare verkauft (bis zu 100 Prozent, 57,0 Millionen vorab): Sie stehen weiter im Umsatz — 10,0 Millionen US-Dollar Jahresgebühr im Geschäftsjahr 2025 —, das Geld dahinter tilgt aber die Schuld von 54,7 Millionen (31. März 2026).
- Kostendisziplin positiv
- Der Sparkurs ist vollzogen und wirkt: Forschungsaufwand 90,0 Millionen US-Dollar (2025) nach 199,2 Millionen (2024), Verwaltung 49,9 nach 72,0, Quartalsverlust 25,0 Millionen (Q1 2026) nach 76,1 Millionen (Q1 2025). Die Restrukturierungszeile stand im ersten Quartal 2026 bei null — die Umbaukosten von 60,7 Millionen (2025) sind bezahlt.
- Bilanz & Finanzierung negativ
- Das Eigenkapital fiel von 134,3 Millionen US-Dollar (31.12.2024) über 27,3 (31.12.2025) auf 4,4 Millionen (31.03.2026) bei 144,9 Millionen Verbindlichkeiten. Die Kapitalerhöhung vom 26. Mai 2026 brachte rund 117,0 Millionen netto, kostete aber gut 56 Prozent mehr Aktien (97.906.282 auf 153.461.838). Reichweite nach eigener Schätzung: zweite Jahreshälfte 2028.
- Wissenschaftliche Substanz neutral
- Die Patente sind belastbar genug, dass Vertex bis 2034 Jahresgebühren zwischen 5,0 und 40,0 Millionen US-Dollar zahlt und BMS daraus 14 Programme entwickelt hat. Für EDIT-401 meldete Editas am 14. Mai 2026 in Primaten eine mittlere LDL-Cholesterin-Senkung von 90 Prozent oder mehr über rund sechs Monate. Der Beleg am Menschen fehlt aber vollständig.
Editas Medicine ist die Pionier-Falle in Reinform: ein Mitbegründer der CRISPR-Ära, dessen Patente so gut sind, dass Vertex und Bristol Myers Squibb dafür zahlen — der aber nach 1,65 Milliarden US-Dollar kumuliertem Verlust nie einen Dollar Produktumsatz erzielt hat. Das beste eigene Programm wurde am 11. Dezember 2024 eingestellt, 65 Prozent der Belegschaft entlassen, der wiederkehrende Lizenzstrom an einen Lizenzinvestor verkauft. Zum 31. März 2026 blieben 4,4 Millionen US-Dollar Eigenkapital; die Kapitalerhöhung vom 26. Mai 2026 brachte rund 117,0 Millionen und gut 56 Prozent mehr Aktien. Was bleibt, ist eine gut finanzierte, sehr konzentrierte Wette auf ein einziges vorklinisches Molekül. Keine Anlageberatung.
Was unsere Einordnung bedeutet
Offene Fragen
Das Geschäft funktioniert grundsätzlich, aber eine wesentliche Frage ist offen. Solange sie offen ist, tragen unsere Befunde kein Qualitätsurteil.
Gelb, und zwar knapp: Die harten Substanzbefunde, die bei uns Rot auslösen, liegen hier nach dem jüngsten Stand alle nicht vor. In keinem Bericht steht ein Hinweis auf eine gefährdete Unternehmensfortführung; Editas erklärte am 5. Mai 2026 ausdrücklich, die Mittel reichten für mindestens zwölf Monate. Das Eigenkapital war zum 31. März 2026 mit 4,4 Millionen US-Dollar zwar fast aufgezehrt, aber positiv — und die Kapitalerhöhung vom 26. Mai 2026 hat es rechnerisch auf rund 121,4 Millionen gehoben. Bei rund 241 Millionen Kasse und zuletzt 23,1 Millionen operativem Mittelabfluss je Quartal reicht das weit über vier Quartale hinaus, es gibt keinen kündbaren Bankkredit, keine Zins- oder Tilgungsfälligkeit, die die Firma kippen könnte, und keine Notierungsfrist. Offen ist dafür genau die Frage, an der hier alles hängt: Seit der Gründung 2013 steht kein Dollar Produktumsatz in den Büchern, 1,65 Milliarden US-Dollar sind aufgezehrt, das beste eigene Programm wurde am 11. Dezember 2024 eingestellt, und der einzige wiederkehrende Zahlungsstrom — die Vertex-Lizenzgebühren — ist bis zu 100 Prozent an DRI verkauft und tilgt seither eine Schuld, statt Ertrag zu werden. Dazu kommt, dass die entscheidenden Cas9-Patente Editas nicht gehören, sondern bei Broad und Harvard einlizenziert sind. Was bleibt, ist ein einziges vorklinisches Molekül, dessen erste Daten am Menschen Editas selbst bis Ende 2026 erwartet. Ein Unternehmen, dessen Ergebnis an einer einzelnen Ablesung hängt, trägt damit kein Substanzrisiko im Sinne unserer Ampel, aber auch keine belegte Qualität — deshalb Gelb. Fällt die Ablesung aus oder aus dem Rahmen, gehört diese Einstufung neu geprüft.
Journalistische Einschätzung der Redaktion zum Analysezeitpunkt auf Basis öffentlicher Quellen — keine Anlageberatung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf. Deine persönlichen Umstände (Anlageziele, Risikotragfähigkeit, Steuern) können dabei nicht berücksichtigt werden. Was unsere Stufen bedeuten, wie Urteile entstehen und welche Interessenkonflikte bestehen →
Bitte beachten
- Auf die Rechercheliste kam Editas Medicine über den Meldungskalender der US-Börsenaufsicht SEC: die Pflichtmitteilung (8-K) vom 26. Mai 2026 über eine Kapitalerhöhung von 55.555.556 Aktien bei damals rund 97,9 Millionen ausstehenden Aktien. Ausgewertet wurden zusätzlich der Geschäftsbericht (10-K) für 2025, der Quartalsbericht (10-Q) zum 31. März 2026 und alle Einreichungen bei der SEC bis zum 29. Juli 2026.
- Alle Kennzahlen tragen ihren eigenen Stichtag. Besonders kurzlebig sind Eigenkapital (4,4 Millionen US-Dollar zum 31.03.2026), Kasse (123,6 Millionen zum 31.03.2026) und Aktienzahl (153.461.838 nach dem 27.05.2026) — sie ändern sich mit jedem Quartalsbericht und jeder weiteren Kapitalmaßnahme.
- Der Börsenwert von rund 402 Millionen US-Dollar ist die Rechnung 153.461.838 Aktien × 2,62 US-Dollar Schlusskurs zum Datenstand 28. Juli 2026 und ändert sich mit jedem Handelstag. Als Gegenprobe dient der letzte Kurs, den Editas selbst in einem SEC-Dokument festgehalten hat (Prospekt-Nachtrag vom 26.05.2026, Kurs vom 22.05.2026: 2,76 US-Dollar, macht rund 424 Millionen) — die Abweichung von gut fünf Prozent bestätigt die Größenordnung. Nicht zu verwechseln: Casgevy gehört Vertex Pharmaceuticals, nicht Editas; Editas hält daran nur eine Lizenzposition.
Häufige Fragen
Editas Medicine, Inc. (NASDAQ: EDIT) aus Cambridge in Massachusetts entwickelt Medikamente auf Basis der Genschere CRISPR mit den Enzymen Cas9 und Cas12a. Seit Ende 2024 konzentriert sich das Unternehmen auf In-vivo-Gen-Editierung: Das Medikament wird gespritzt und verändert Zellen direkt im Körper. Hauptkandidat ist EDIT-401 gegen erhöhte Blutfettwerte. Zum 1. Februar 2026 hatte Editas 87 Vollzeitkräfte.
Nein. Der Quartalsbericht (10-Q) zum 31. März 2026 hält wörtlich fest, dass das Unternehmen nie Produktumsätze erzielt hat. Alle Programme stehen laut Geschäftsbericht (10-K) für 2025 in der vorklinischen oder in der Forschungsphase. Der kumulierte Verlust seit Gründung liegt bei 1,65 Milliarden US-Dollar (Stand 31. März 2026). Die erste Studie am Menschen soll nach eigener Ankündigung noch 2026 beginnen, erste Wirksamkeitsdaten erwartet Editas bis Ende 2026.
Aus Lizenzen und Partnerschaften, nicht aus Produktverkäufen. 2025 waren es 40,5 Millionen US-Dollar, 2024 32,3 Millionen, 2023 78,1 Millionen — der Spitzenwert 2023 war im Wesentlichen eine Vorauszahlung von Vertex über 50,0 Millionen für eine nicht-exklusive Cas9-Lizenz. Im ersten Quartal 2026 blieben nur 2,8 Millionen US-Dollar übrig.
Editas hat Vertex Pharmaceuticals im Dezember 2023 eine nicht-exklusive Lizenz auf seine Cas9-Technik für ex-vivo-Medikamente am Gen BCL11A erteilt — das Feld, in dem Vertex' Casgevy arbeitet. Editas erhielt 50,0 Millionen US-Dollar vorab und je 10,0 Millionen Jahresgebühr für 2024 und 2025; vereinbart sind laufende Gebühren von 5,0 bis 40,0 Millionen US-Dollar jährlich bis 2034.
Weil Editas ihn im Oktober 2024 verkauft hat. Der Lizenzinvestor DRI Healthcare erwirbt bis zu 100 Prozent der künftigen Vertex-Jahresgebühren und zahlte dafür 57,0 Millionen US-Dollar vorab. Nach US-Bilanzregeln gilt das als Kredit: Zum 31. März 2026 stehen 54,7 Millionen US-Dollar in der Bilanz, verzinst mit geschätzten 7,7 Prozent.
Am 11. Dezember 2024 beschloss der Vorstand, die klinische Entwicklung von reni-cel gegen Sichelzellkrankheit und Beta-Thalassämie zu beenden und rund 180 Stellen — etwa 65 Prozent der Belegschaft — abzubauen. Im selben Feld war Vertex mit Casgevy bereits am Markt, ausgerechnet mit lizenzierter Editas-Technik. Die Restrukturierung kostete 2025 60,7 Millionen US-Dollar.
Nach eigener Schätzung im Prospekt-Nachtrag vom 26. Mai 2026 reichen der Nettoerlös der Kapitalerhöhung von rund 117,0 Millionen US-Dollar und die vorhandenen Mittel bis in die zweite Jahreshälfte 2028 — ohne Ausübung der ausgegebenen Optionsscheine. Zum 31. März 2026 lagen 123,6 Millionen US-Dollar in der Kasse; ohne die Emission hätte das nach der Ergebnismitteilung vom 5. Mai 2026 nur „bis ins dritte Quartal 2027“ gereicht.
Die Zahl der ausstehenden Aktien stieg von 82,7 Millionen (31. Dezember 2024) über 97,9 Millionen (31. Dezember 2025) auf 153.461.838 nach der Kapitalerhöhung vom 27. Mai 2026. Hinzu kommen 55.555.556 Optionsscheine sowie rund 24,0 Millionen Aktien aus Mitarbeiterprogrammen. Genehmigt sind 390 Millionen Aktien; 2025 wurde dieser Rahmen von 195 Millionen verdoppelt.
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