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Digital-Turbine-Aktie: 34 Millionen Betriebsgewinn — und 58,6 Millionen Zinsen

Digital-Turbine-Aktie: 34 Millionen Betriebsgewinn — und 58,6 Millionen Zinsen

Digital Turbine bringt Apps auf neue Android-Geräte, bevor der Käufer sie zum ersten Mal entsperrt, und vermarktet Werbeplätze in fremden Apps. Im Geschäftsjahr 2026 (bis 31. März 2026) stieg der Umsatz um 15,2 Prozent auf 565,3 Millionen US-Dollar, und erstmals seit drei Jahren stand wieder ein Betriebsgewinn in den Büchern: 34,0 Millionen. Im selben Jahr kostete der Schuldendienst 58,6 Millionen Zinsen, und am 20. April 2026 senkte der Kreditgeber Blue Torch die Liquiditätsauflage von 20 auf 15 Millionen US-Dollar. Wir lesen nach, was von dem Betriebsgewinn nach der Zinsrechnung übrig bleibt.

Thomas Mücke Gründer & Herausgeber
· 18 Min. Lesezeit
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Digital-Turbine-Aktie: 34 Millionen Betriebsgewinn — und 58,6 Millionen Zinsen
Eigene Darstellung: Börsenlotse · Quelle: Fundamentaldaten & SEC-Berichte (Geschäfts- und Quartalsberichte, 10-K/10-Q)

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Es gibt eine Anleger-Falle, die besonders gern bei Turnaround-Geschichten zuschnappt, und sie fühlt sich an wie Belohnung für Geduld: die Trendwende-Falle. Sie funktioniert so — eine Zahl, die jahrelang fiel, steigt endlich wieder, und dein Kopf schließt das Kapitel: „Geschafft, die Kurve ist genommen.“ Bei Digital Turbine, Inc. (Nasdaq: APPS) aus Austin in Texas liegt diese Kurve tatsächlich vor: Der Umsatz stieg im Geschäftsjahr 2026 um 15,2 Prozent auf 565,3 Millionen US-Dollar, und erstmals seit drei Jahren steht wieder ein Betriebsgewinn von 34,0 Millionen in den Büchern. Nur endet die Rechnung dort nicht. Im selben Geschäftsjahr kostete der Schuldendienst 58,6 Millionen US-Dollar an Zinsen. Machen wir also einen Deal: Bevor wir der Kurve glauben, lesen wir gemeinsam nach, was Digital Turbine der US-Börsenaufsicht SEC gemeldet hat — den Geschäftsbericht (10-K) für das Geschäftsjahr 2026, die Ad-hoc-Meldung (8-K) vom 23. April 2026 und die Einladung zur Hauptversammlung (DEF 14A) vom 13. Juli 2026. Ein SEC-Bericht ist unter Strafandrohung ehrlich. Und dieser erzählt von einem Geschäft, das wieder wächst, von einem Kreditgeber, der acht Monate nach dem Vertragsabschluss eine Auflage lockern musste, und von einem Eigenkapital, hinter dem materiell nichts steht.

Was Digital Turbine eigentlich macht — die Software im Auslieferungszustand deines Handys

Digital Turbine ist kein App-Anbieter, obwohl der Ticker APPS das nahelegt. Der Konzern verkauft etwas viel Unauffälligeres: den Platz auf deinem Handy, bevor du es zum ersten Mal benutzt. Das Alltagsbild dazu: Du kaufst ein neues Android-Telefon, entsperrst es zum ersten Mal, und während der Einrichtung erscheinen Apps, die du nie heruntergeladen hast. Genau diesen Vorgang steuert Digital Turbine — im Auftrag des Mobilfunkanbieters oder des Geräteherstellers, der dafür einen Anteil an den Werbeeinnahmen bekommt. Die App-Anbieter zahlen für die Installation, der Netzbetreiber kassiert mit, Digital Turbine behält die Differenz.

Der Konzern berichtet in zwei Segmenten. On Device Solutions ist das eben beschriebene Geschäft auf dem Gerät: App-Auslieferung über Mobilfunkanbieter und Gerätehersteller, dazu Inhalte-Kacheln wie Nachrichten und Wetter auf der Startseite des Browsers oder im Sperrbildschirm, und das hauseigene Werkzeug SingleTap, mit dem sich eine App mit einer einzigen Berührung installieren lässt. Dieses Segment brachte im Geschäftsjahr 2026 382,4 Millionen US-Dollar Umsatz. App Growth Platform ist die Werbeseite: eine Handelsplattform, auf der Werbeplätze in fremden Apps in Echtzeit versteigert werden, plus Werkzeuge für Werbetreibende und App-Anbieter. Dieses Segment kam auf 185,7 Millionen US-Dollar. Zwischen beiden werden 2,9 Millionen konzerninterner Umsatz herausgerechnet, macht zusammen 565,3 Millionen US-Dollar.

Ein Fachbegriff, der bei Digital Turbine über alles entscheidet, heißt Revenue Share — die Umsatzbeteiligung, die an Netzbetreiber, Gerätehersteller und App-Anbieter durchgereicht wird. Sie ist mit Abstand der größte Kostenblock: 243,6 Millionen US-Dollar im Geschäftsjahr 2026, das sind 43,1 Prozent des gesamten Umsatzes (Vorjahr: 48,0 Prozent). Im Alltagsbild: Von jedem eingenommenen Dollar wandern rund 43 Cent sofort weiter an die Partner, bevor der erste eigene Mitarbeiter bezahlt ist. Dass dieser Anteil um fast fünf Prozentpunkte gesunken ist, ist eine der ehrlich guten Nachrichten dieses Geschäftsjahres.

Und damit ist das Spannungsfeld dieser Analyse benannt, das sich durch jedes Kapitel zieht: Das operative Geschäft hat 2026 tatsächlich die Kurve genommen — aber die Kapitalstruktur, die aus den Zukäufen der Jahre 2021 und 2022 stammt, verbraucht den Gewinn schneller, als das Geschäft ihn erwirtschaftet.

Wo die Aktie auf unseren Tisch kam — Platz 16 in der Wochenliste

Digital Turbine ist uns nicht über eine Pressemitteilung aufgefallen, sondern über eine Rangliste unseres hauseigenen Aktien-Scanners. In der Liste Richard Moglen: 1 Week Top Performers (US-Auswahl) steht der Titel auf Platz 16 von 28, mit einem Relative-Stärke-Rating von 95 von 100, Stand 25. Juli 2026. Diese Liste wird täglich neu gerechnet — die Platzierung ist eine Momentaufnahme dieses Tages, kein Dauerzustand. Zum Nachmachen: Die Rangliste steht offen in der Scanner-Übersicht und sortiert nach dem Relative-Stärke-Rating.

Die drei Bedingungen dieser Liste übersetzt und bewertet: Mindestens 15 Prozent Kursgewinn über vier Handelstage — ein reines Momentum-Kriterium; es sagt nichts über die Firma, nur über die Nachfrage nach ihren Aktien in dieser Woche. Durchschnittliches Handelsvolumen von mindestens 10 Millionen US-Dollar am Tag — dieser Filter hält Papiere heraus, aus denen man im Zweifel nicht wieder herauskommt. Relative-Stärke-Rating von mindestens 70 — die Kennzahl misst, wie sich ein Kurs im Vergleich zum Gesamtmarkt geschlagen hat, auf einer Skala bis 100. Ein Wert von 95 heißt: Nur fünf Prozent aller beobachteten Aktien liefen besser.

Es ist nicht die einzige Liste, in der die Aktie steht. Zum 26. Juli 2026 erfüllte Digital Turbine 18 unserer Scanner-Strategien — darunter „Mark Minervini: Power Play“, „Stan Weinstein: Stage 2“, „RS-Leader (≥90)“, „Power Trend“, „Qullamaggie: Top Gainers 1M“ und „Institutionelle Akkumulation“. Diese Konfluenz ist bemerkenswert, aber sie hat einen gemeinsamen Nenner, den man kennen muss: Es sind fast ausschließlich Momentum- und Trendfilter. Sie messen dasselbe Phänomen aus verschiedenen Winkeln — nämlich, dass viele Leute diese Aktie kaufen. Kein einziger dieser Filter prüft, ob die Zinsen bezahlbar sind. Merke dir den Satz gleich zu Beginn: Ein Momentum-Scanner findet Bewegung, keine Qualität. Also schauen wir in die Bücher. Wer den Vergleich sucht: In derselben Wochenliste steht auf Platz 5 Bandwidth, eine Firma mit einem ganz ähnlichen Muster aus Wachstum und Schuldenlast.

Die Zahlen über die Jahre — ehrlich gewürdigt

Erst das, was wirklich beeindruckt, und das ist mehr, als die Schlagzeile „fünftes Verlustjahr“ vermuten lässt. Digital Turbine hat 2022 einen Gipfel erlebt und ist danach hart abgestürzt: vom Umsatz-Höchststand 747,6 Millionen US-Dollar im Geschäftsjahr 2022 ging es über 665,9 und 544,5 Millionen bis auf 490,5 Millionen im Geschäftsjahr 2025 — ein Rückgang um 34 Prozent in drei Jahren. Im Geschäftsjahr 2026 stieg der Umsatz erstmals wieder, um 15,2 Prozent auf 565,3 Millionen.

Balkendiagramm des Netto-Umsatzes von Digital Turbine je Geschäftsjahr in Millionen US-Dollar: Geschäftsjahr 2022 747,6, 2023 665,9, 2024 544,5, 2025 490,5 und 2026 565,3.
Der Umsatz fiel vom Höchststand 747,6 Millionen US-Dollar (Geschäftsjahr 2022) auf 490,5 Millionen (2025) und stieg im Geschäftsjahr 2026 wieder auf 565,3 Millionen. Das Geschäftsjahr endet am 31. März. Quelle: Fundamentaldaten & SEC-Berichte (Geschäfts- und Quartalsberichte, 10-K/10-Q). Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

Wichtiger als die Gesamtzahl ist, woher das Wachstum kam — und hier wird es unbequem für jede Erzählung von einer breiten Erholung. Nach Regionen aufgeschlüsselt sieht das Geschäftsjahr 2026 gegenüber dem Vorjahr so aus: USA und Kanada 227,7 Millionen US-Dollar nach 232,1 Millionen — leicht rückläufig. Europa, Naher Osten und Afrika 162,5 nach 163,1 Millionen — praktisch unverändert. Asien-Pazifik und China 174,4 nach 95,5 Millionen — plus 82,6 Prozent. Der gesamte Konzernzuwachs von 74,7 Millionen US-Dollar stammt also aus einer einzigen Region, und in den beiden etablierten Märkten stagniert oder schrumpft das Geschäft. Der Geschäftsbericht führt den Zuwachs auf höhere Gerätestückzahlen im Ausland zurück.

Auch operativ hat sich echt etwas bewegt. Der größte Kostenblock, die durchgereichte Umsatzbeteiligung, stieg nur um 3,5 Prozent, während der Umsatz um 15,2 Prozent zulegte — die Quote fiel von 48,0 auf 43,1 Prozent. Die Verwaltungskosten sanken um 18,2 Prozent auf 142,1 Millionen US-Dollar, unter anderem weil die aktienbasierte Vergütung von 33,5 auf 16,4 Millionen halbiert wurde und Abschreibungen auf alte Zukäufe ausliefen. Die Belegschaft ging von 647 auf 620 Vollzeitkräfte zurück. Das Transformationsprogramm, das im Oktober 2024 begann und zwei Entlassungsrunden umfasste, war im vierten Quartal des Geschäftsjahres 2025 abgeschlossen; im Geschäftsjahr 2026 kostete es nur noch 0,6 Millionen US-Dollar. Merksatz: Der Sparplan hat geliefert. Das Zinsproblem hat er nicht gelöst.

Und ein Quartal verdient besondere Erwähnung, weil es die Trendwende-Erzählung überhaupt erst plausibel gemacht hat: Im dritten Quartal des Geschäftsjahres 2026 — dem Weihnachtsquartal bis zum 31. Dezember 2025 — verdiente Digital Turbine erstmals seit Langem wieder Geld: 151,4 Millionen US-Dollar Umsatz (plus 12,4 Prozent), 21,7 Millionen Betriebsgewinn und 5,1 Millionen Nettogewinn. Wer weiterrechnet, sieht allerdings auch das vierte Quartal: Zwischen dem Neunmonatsverlust von 30,4 Millionen und dem Jahresverlust von 37,7 Millionen liegen rechnerisch 7,3 Millionen zusätzlicher Verlust im Quartal Januar bis März 2026. Ein gutes Quartal ist eben noch kein gutes Jahr.

Was in den Berichten steht — die unbequemen Wahrheiten

Unbequeme Wahrheit Nr. 1: Der Betriebsgewinn reicht nicht für die Zinsen

Die Zinsdeckung ist eine der wenigen Kennzahlen, die man ohne Vorwissen versteht: Sie teilt den Betriebsgewinn durch den Zinsaufwand und beantwortet die Frage, wie oft ein Unternehmen seine Zinsen aus dem laufenden Geschäft bezahlen könnte. Ein gesunder Wert liegt bei 3 oder darüber; unter 1 heißt schlicht: Das Geschäft verdient die Zinsen nicht. Digital Turbine kommt im Geschäftsjahr 2026 auf 34,0 geteilt durch 58,6 — also 0,58.

Der Weg vom Betriebsgewinn zum Jahresverlust ist deshalb kurz und lehrreich:

Wasserfalldiagramm für das Geschäftsjahr 2026 in Millionen US-Dollar: Betriebsergebnis plus 34,0, Zinsaufwand minus 58,6, Schuldenablösung minus 9,8, Währung und Sonstiges plus 3,0, Steuern minus 6,4, Jahresergebnis minus 37,7.
Aus 34,0 Millionen US-Dollar Betriebsgewinn wird nach 58,6 Millionen Zinsaufwand, 9,8 Millionen Verlust aus der Ablösung der alten Kreditlinie und 6,4 Millionen Steuern ein Jahresverlust von 37,7 Millionen. Quelle: Fundamentaldaten & SEC-Berichte (Geschäfts- und Quartalsberichte, 10-K/10-Q). Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

Der Zinsaufwand ist innerhalb eines Jahres um 68,4 Prozent gestiegen, von 34,8 auf 58,6 Millionen US-Dollar. Der Grund steht im Geschäftsbericht: Der gewichtete Durchschnittszins auf die Konzernschulden kletterte von 8,4 auf 11,3 Prozent. Das ist keine Marktbewegung, das ist eine bewusste Entscheidung — Digital Turbine hat im August 2025 eine Bankenkreditlinie gegen ein deutlich teureres Darlehen getauscht. Warum, und zu welchem Preis, steht in der nächsten Wahrheit.

Unbequeme Wahrheit Nr. 2: Der neue Kreditgeber verlangt bis zu 20,62 Prozent

Am 29. August 2025 löste Digital Turbine seine Kreditlinie bei der Bank of America und einem Bankenkonsortium ab und nahm stattdessen ein Darlehen bei Blue Torch Finance LLC auf — einem spezialisierten Finanzierer, der Unternehmen finanziert, für die klassische Banken keine Linie mehr stellen. Die Konditionen: drei Tranchen über zusammen 430,0 Millionen US-Dollar, vier Jahre Laufzeit bis zum 29. August 2029, Zinsmarge von 7,50 bis 8,00 Prozentpunkten über dem Referenzzins SOFR, besichert mit praktisch dem gesamten Konzernvermögen. Zum 31. März 2026 standen davon noch 391,2 Millionen US-Dollar aus, zu einem Effektivzins von 11,7 Prozent.

Der eigentliche Preis steht aber nicht im Zinssatz, sondern in den Gebühren. Der Vertrag sieht Ausstiegs- und Laufzeitgebühren vor, die fällig werden, wenn eine bestimmte Tranche nicht bis August 2026 zurückgezahlt ist — und die dann einfach auf die Schuldsumme aufgeschlagen werden:

„In the event that the Company does not prepay the applicable term loan principal by August 2026, the Company would be required to add total exit fees of $8,100 and duration fees of $21,500 to its principal balance. The Company uses the effective interest method to recognize the exit and duration fees over the term of the debt. The effective interest rate for the period from the date of issuance through March 31, 2026 on the effected tranche was 20.62%.“

Übersetzung: „Zahlt die Gesellschaft die betreffende Darlehenstranche nicht bis August 2026 vorzeitig zurück, müsste sie Ausstiegsgebühren von insgesamt 8,1 Millionen und Laufzeitgebühren von 21,5 Millionen US-Dollar ihrer Darlehenssumme zuschlagen. Die Gesellschaft erfasst die Ausstiegs- und Laufzeitgebühren nach der Effektivzinsmethode über die Laufzeit der Schuld. Der Effektivzins für den Zeitraum von der Ausgabe bis zum 31. März 2026 betrug auf der betroffenen Tranche 20,62 Prozent.“

— Digital Turbine, Inc., SEC-Geschäftsbericht 10-K für das Geschäftsjahr 2026, Note 12 „Debt“

Gelb markierte Textstelle aus dem Geschäftsbericht 10-K für das Geschäftsjahr 2026: Ausstiegsgebühren von 8,1 Millionen und Laufzeitgebühren von 21,5 Millionen US-Dollar bei fehlender Rückzahlung bis August 2026, Effektivzins auf der betroffenen Tranche 20,62 Prozent.
Die markierte Stelle im Original: Ausstiegs- und Laufzeitgebühren von zusammen 29,6 Millionen US-Dollar, wenn eine Tranche nicht bis August 2026 zurückgezahlt wird — Effektivzins auf dieser Tranche 20,62 Prozent. Quelle: SEC-Geschäftsbericht 10-K für das Geschäftsjahr 2026 (sec.gov), Hervorhebung von uns. Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

Um die Schuld zu drücken, verkaufte Digital Turbine parallel eigene Aktien über den Markt. Am 5. August 2025 schloss der Konzern einen Vertrag über bis zu 150 Millionen US-Dollar mit zwei Banken; verkauft wurden 9.945.136 Aktien zu durchschnittlich 5,89 US-Dollar, was 58,6 Millionen US-Dollar brutto einbrachte. Der Erlös musste laut Kreditvertrag direkt in die Tilgung fließen — insgesamt gingen im Geschäftsjahr 2026 55,0 Millionen US-Dollar an Blue Torch zurück. Am 2. Februar 2026 kündigte Digital Turbine diesen Verkaufsvertrag von sich aus. Die Zahl der ausstehenden Aktien stieg im Geschäftsjahr trotzdem von 105.977.642 auf 120.315.203 — gut 13,5 Prozent mehr Stücke für dieselbe Firma.

Unbequeme Wahrheit Nr. 3: Acht Monate später musste die Auflage gelockert werden

Kreditverträge enthalten Auflagen — im Fachjargon „Covenants“. Das sind Versprechen des Schuldners, bestimmte Kennzahlen einzuhalten; wer sie bricht, riskiert, dass der ganze Kredit sofort fällig gestellt wird. Blue Torch verlangte zwei davon: eine Obergrenze für die Verschuldungsquote und eine Mindestliquidität — 10 Millionen US-Dollar bis zum 31. März 2026, danach 20 Millionen, davon mindestens 10 Millionen in den USA.

Am 20. April 2026, drei Wochen nachdem die höhere Schwelle in Kraft getreten war, wurde der Vertrag geändert:

„On April 20, 2026, Digital Turbine, Inc. (the ‚Company‘) amended its Financing Agreement (the ‚Financing Amendment‘) among the Company, certain other wholly owned subsidiaries of the Company, as guarantors, Blue Torch Finance LLC, as administrative agent and as collateral agent, and the lenders from time to time party thereto to, among other things, amend the liquidity covenant to reduce the liquidity requirement for the period between April 1, 2026 and December 31, 2026 to $15,000,000.“

Übersetzung: „Am 20. April 2026 änderte Digital Turbine, Inc. (die ‚Gesellschaft‘) ihren Finanzierungsvertrag zusammen mit bestimmten weiteren hundertprozentigen Tochtergesellschaften als Garantiegeber, mit Blue Torch Finance LLC als Verwaltungs- und Sicherheitentreuhänder sowie den jeweiligen Darlehensgebern — unter anderem, um die Liquiditätsauflage für den Zeitraum vom 1. April 2026 bis zum 31. Dezember 2026 auf 15.000.000 US-Dollar zu senken.“

— Digital Turbine, Inc., SEC-Ad-hoc-Meldung 8-K vom 23. April 2026, Item 1.01

Gelb markierte Textstelle aus der SEC-Meldung 8-K vom 23. April 2026: Digital Turbine ändert den Finanzierungsvertrag mit Blue Torch Finance LLC und senkt die Liquiditätsauflage für den Zeitraum 1. April bis 31. Dezember 2026 auf 15.000.000 US-Dollar.
Die markierte Stelle im Original: Senkung der Mindestliquidität auf 15,0 Millionen US-Dollar für den Zeitraum 1. April bis 31. Dezember 2026. Quelle: SEC-Ad-hoc-Meldung 8-K vom 23. April 2026 (sec.gov), Hervorhebung von uns. Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

Diese Lockerung war nicht umsonst. Der Anhang des Geschäftsberichts nennt den Preis: eine Änderungsgebühr von 5,0 Millionen US-Dollar, die als zusätzliche Finanzierungskosten über die Restlaufzeit verteilt wird. Im Gegenzug wurden die verbleibenden Ausstiegsgebühren auf 1,35 Millionen begrenzt und künftige Laufzeitgebühren auf 5,0 Millionen gedeckelt — letztere entfallen ganz, wenn eine bestimmte Tranche bis zum 31. Dezember 2026 zurückgezahlt wird. Am selben Tag setzte der Konzern außerdem seine Pflicht aus, die Aktien aus den Optionsscheinen der Kreditgeber bis zum 1. Oktober 2026 handelbar zu machen. Zum 31. März 2026 hielt Digital Turbine alle Auflagen ein, und die Kasse lag mit 37,7 Millionen US-Dollar über beiden Schwellen. Trotzdem gilt: Wer eine Auflage senkt, tut das nicht aus Großzügigkeit.

Unbequeme Wahrheit Nr. 4: Die Zwölf-Monats-Aussage steht unter einer Bedingung

In jedem US-Geschäftsbericht steht ein Absatz, den erfahrene Leser zuerst suchen: die Aussage der Geschäftsführung, ob das Geld für die nächsten zwölf Monate reicht. Bei Digital Turbine steht sie da — aber sie beginnt mit einem Wenn:

„If we successfully refinance such loans on acceptable terms, we believe our existing cash and cash equivalents, cash flow from operations, and ability to access debt financing arrangements would be sufficient to meet our working capital and other business requirements for at least 12 months from the filing date of this Annual Report.“

Übersetzung: „Sofern es uns gelingt, diese Darlehen zu annehmbaren Bedingungen zu refinanzieren, gehen wir davon aus, dass unsere vorhandenen Zahlungsmittel und Zahlungsmitteläquivalente, der Mittelzufluss aus dem laufenden Geschäft und unser Zugang zu Fremdfinanzierungen ausreichen würden, um unseren Betriebsmittelbedarf und die übrigen geschäftlichen Anforderungen für mindestens zwölf Monate ab dem Einreichungsdatum dieses Jahresberichts zu decken.“

— Digital Turbine, Inc., SEC-Geschäftsbericht 10-K für das Geschäftsjahr 2026, Item 7 „Liquidity and Capital Resources“

Gelb markierte Textstelle aus dem Geschäftsbericht 10-K für das Geschäftsjahr 2026: Die Aussage zur Zahlungsfähigkeit für mindestens zwölf Monate steht unter der Bedingung einer erfolgreichen Refinanzierung zu annehmbaren Bedingungen.
Die markierte Stelle im Original: Die Zwölf-Monats-Aussage beginnt mit „If we successfully refinance such loans on acceptable terms“ — sofern die Refinanzierung gelingt. Quelle: SEC-Geschäftsbericht 10-K für das Geschäftsjahr 2026 (sec.gov), Hervorhebung von uns. Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

Zur Einordnung, ohne Dramatik: Das ist kein förmlicher Zweifel an der Fortführung — den müsste der Abschlussprüfer eigens vermerken, und Grant Thornton hat das nicht getan. Der Prüfer hat im Gegenteil auch die interne Kontrolle als wirksam bestätigt. Es ist aber auch nicht die übliche unbedingte Formel. Der Konzern schreibt im selben Abschnitt ausdrücklich, er suche derzeit eine Refinanzierung einzelner Tranchen und prüfe zugleich, sich über die Ausgabe von Aktien oder aktienähnlichen Papieren frisches Kapital zu beschaffen. Merksatz: Ein „wenn“ in diesem Absatz ist eine Nachricht.

Unbequeme Wahrheit Nr. 5: Hinter dem Eigenkapital steht materiell nichts

Zum 31. März 2026 weist Digital Turbine ein Eigenkapital von 192,2 Millionen US-Dollar aus — nach 154,0 Millionen im Vorjahr, also gestiegen. Der Blick auf die Aktivseite erklärt, woraus dieses Eigenkapital besteht: 223,1 Millionen US-Dollar Firmenwert und 217,4 Millionen sonstige immaterielle Werte — zusammen 440,5 Millionen von 841,7 Millionen Bilanzsumme. Der Firmenwert ist im Alltagsbild der Aufpreis, den ein Käufer über den Wert der einzelnen gekauften Gegenstände hinaus bezahlt hat; er lässt sich nicht verkaufen und nicht beleihen. Zieht man Firmenwert und immaterielle Werte vom Eigenkapital ab, bleibt ein materieller Buchwert von minus 248,3 Millionen US-Dollar.

Dass diese Buchwerte keine Sicherheit sind, hat der Konzern selbst bewiesen: Im Geschäftsjahr 2024 schrieb Digital Turbine 336,6 Millionen US-Dollar Firmenwert in einem einzigen Jahr ab. Das Eigenkapital fiel damals von 605,2 auf 213,9 Millionen; der Jahresverlust betrug 420,4 Millionen US-Dollar oder 4,16 US-Dollar je Aktie. Der aufgelaufene Bilanzverlust steht heute bei 725,2 Millionen US-Dollar. Was das für die Aktie bedeutet, sagt der Geschäftsbericht ungewöhnlich direkt: Da praktisch das gesamte Vermögen an den Kreditgeber verpfändet ist, bliebe im Fall einer Verwertung „little, if any“ — wenig bis nichts — für die Aktionäre übrig.

Unbequeme Wahrheit Nr. 6: Wenige Netzbetreiber, ein Kunde mit 20,6 Prozent der Forderungen — und ein kommissarischer Finanzvorstand

Das Geschäft auf dem Gerät funktioniert nur, solange Mobilfunkanbieter und Gerätehersteller mitspielen. Der Geschäftsbericht ist da unmissverständlich:

„In our ODS business, we rely on wireless carriers and OEMs to distribute our products and services. A significant portion of our ODS business is derived from a limited number of wireless carriers. Our failure to maintain our relationships with these carriers, establish relationships with new carriers, or a loss or change of terms could materially reduce our revenue and thus harm our business, operating results, and financial condition.“

Übersetzung: „In unserem Geschäft auf dem Gerät sind wir bei der Verbreitung unserer Produkte und Dienste auf Mobilfunkanbieter und Gerätehersteller angewiesen. Ein erheblicher Teil dieses Geschäfts stammt von einer begrenzten Zahl von Mobilfunkanbietern. Gelingt es uns nicht, die Beziehungen zu diesen Anbietern zu halten oder neue aufzubauen, oder verlieren wir sie beziehungsweise ändern sich die Konditionen, könnte das unseren Umsatz erheblich mindern und damit unser Geschäft, unsere Ertragslage und unsere Finanzlage schädigen.“

— Digital Turbine, Inc., SEC-Geschäftsbericht 10-K für das Geschäftsjahr 2026, Item 1A „Risk Factors“

Gelb markierte Textstelle aus dem Geschäftsbericht 10-K für das Geschäftsjahr 2026: Ein erheblicher Teil des Geschäfts auf dem Gerät stammt von einer begrenzten Zahl von Mobilfunkanbietern.
Die markierte Stelle im Original: Abhängigkeit von einer begrenzten Zahl von Mobilfunkanbietern im Segment On Device Solutions. Quelle: SEC-Geschäftsbericht 10-K für das Geschäftsjahr 2026 (sec.gov), Hervorhebung von uns. Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

Wie eng diese Abhängigkeit inzwischen ist, zeigt eine Zahl im Anhang, die es im Vorjahr noch nicht gab: Zum 31. März 2026 entfielen 20,6 Prozent aller Forderungen auf einen einzigen Kunden — zum 31. März 2025 lag kein Kunde über 10 Prozent. Beim Umsatz bleibt zwar in allen drei Berichtsjahren kein einzelner Partner über der Zehn-Prozent-Marke; auf der Forderungsseite hat sich das Bild aber binnen eines Jahres deutlich verdichtet. Dazu passt ein Detail, das die Wettbewerbsfrage stellt: Der Geschäftsbericht nennt als wichtigste Konkurrenz nicht etwa andere Werbenetzwerke, sondern eigene Lösungen der Netzbetreiber und Gerätehersteller — also genau jene Partner, von denen der Umsatz abhängt.

Und eine Personalie, die zum Zeitpunkt dieser Analyse noch offen ist: Finanzvorstand Steve Lasher trat am 22. Mai 2026 zurück, wirksam zum 31. Mai. Chefbuchhalter Josh Kinsell führt die Finanzen seit dem 1. Juni 2026 kommissarisch; der Konzern hat eine Personalberatung mit der Suche beauftragt. In der Einladung zur Hauptversammlung vom 13. Juli 2026 wird Kinsell weiterhin als „Interim Chief Financial Officer“ geführt — die Stelle ist also seit rund zwei Monaten nicht dauerhaft besetzt, mitten in einer laufenden Refinanzierung.

Die Bewertung — was der Markt heute für dieses Geschäft zahlt

Ein Vorwort zur Ehrlichkeit: Kurse ändern sich täglich, deshalb dient hier ein datierter Anker als Größenordnung, kein Kaufargument. Am 24. Juli 2026 schloss die Aktie bei 8,45 US-Dollar. Bei 120.936.038 ausstehenden Aktien — der Zahl aus der Einladung zur Hauptversammlung, Stichtag 1. Juli 2026 — ergibt das einen Börsenwert von rund 1,02 Milliarden US-Dollar. Die 52-Wochen-Spanne reichte von 2,74 bis 13,60 US-Dollar (Datenstand 26. Juli 2026); die Aktie schwankt also erheblich, das Beta lag bei rund 2,8.

Daraus lassen sich vier Größenordnungen ableiten. Erstens das Kurs-Umsatz-Verhältnis: rund 1,8 auf den Umsatz von 565,3 Millionen US-Dollar. Für ein Werbetechnik-Unternehmen mit einstelliger Wachstumsaussicht ist das weder billig noch teuer — es ist ein Preis, der eine Fortsetzung der Erholung unterstellt. Zweitens der Unternehmenswert: Börsenwert plus Nettoverschuldung von 353,4 Millionen US-Dollar (391,2 Millionen Schulden minus 37,7 Millionen Kasse) ergibt rund 1,38 Milliarden. Wer die Firma ganz kaufen wollte, müsste also gut ein Drittel mehr aufbringen, als der Börsenwert nahelegt — die Schulden zahlt der Käufer mit. Drittens der Verschuldungsgrad: Der operative Gewinn vor Abschreibungen lag bei rund 105,5 Millionen US-Dollar (34,0 Millionen Betriebsgewinn plus 71,5 Millionen Abschreibungen). Die Nettoverschuldung entspricht damit dem 3,4-Fachen — das ist für ein Unternehmen ohne verlässlichen Gewinn ein hoher Wert. Viertens ein Kurs-Gewinn-Verhältnis gibt es nicht, weil es keinen Jahresgewinn gibt.

Zwei weitere Zahlen runden das Bild. Der freie Mittelzufluss — Geld aus dem laufenden Geschäft minus Investitionen — betrug im Geschäftsjahr 2026 11,2 Millionen US-Dollar (41,8 minus 30,6). Gemessen daran kostet die Aktie rund das 91-Fache dieses Betrags; im Vorjahr war der freie Mittelzufluss sogar negativ. Und der Altman-Z-Wert, ein aus Bilanzkennzahlen gebautes Insolvenz-Frühwarnmaß, liegt für Digital Turbine unter 1,0 (Datenstand 26. Juli 2026); die Gefahrenzone beginnt nach Altmans Skala bei 1,8. Diese Kennzahl bestraft Firmen mit viel Fremdkapital und aufgelaufenen Verlusten hart — genau das ist hier der Fall.

Der Blick der Profis fällt entsprechend gespalten aus: Von den erfassten Häusern rät eines zum Kauf und eines zum Verkauf, das Konsens-Kursziel liegt bei 11 US-Dollar (Datenstand 26. Juli 2026). Auffällig ist die Positionierung: 10,7 Millionen Aktien sind leerverkauft, das entspricht rund 9,1 Prozent des Streubesitzes. Wer leer verkauft, wettet auf fallende Kurse — und muss bei steigenden Kursen zurückkaufen. Eine solche Quote erklärt einen Teil der heftigen Kursausschläge, die Digital Turbine in die Momentum-Listen gespült haben. Wie schnell so etwas kippen kann, haben wir bei Roku gesehen, einem anderen Werbevermarkter mit hoher Bewertungsschwankung.

Chancen und Risiken auf einen Blick

Was für Digital Turbine spricht:

  • Das Geschäft wächst wieder. Plus 15,2 Prozent Umsatz im Geschäftsjahr 2026, beide Segmente im Plus (On Device Solutions plus 11,9 Prozent, App Growth Platform plus 21,2 Prozent).
  • Die Kostenseite ist bereinigt. Verwaltungskosten minus 18,2 Prozent, durchgereichte Umsatzbeteiligung von 48,0 auf 43,1 Prozent des Umsatzes gefallen, Transformationsprogramm abgeschlossen.
  • Das Betriebsergebnis ist wieder positiv — 34,0 Millionen US-Dollar nach zwei Verlustjahren; im dritten Quartal des Geschäftsjahres 2026 stand sogar ein Nettogewinn von 5,1 Millionen.
  • Der operative Mittelzufluss stieg auf 41,8 Millionen US-Dollar (Vorjahr 11,9 Millionen), der freie Mittelzufluss drehte auf plus 11,2 Millionen.
  • Die Position auf dem Gerät ist schwer nachzubauen. Wer Apps schon während der Ersteinrichtung ausspielen will, braucht Verträge mit Netzbetreibern und Herstellern — die hat Digital Turbine über Jahre aufgebaut.

Was dagegen spricht:

  • Die Zinsen sind größer als der Betriebsgewinn. Zinsdeckung 0,58 im Geschäftsjahr 2026; gezahlte Zinsen 47,1 Millionen gegen 41,8 Millionen operativen Mittelzufluss.
  • 391,2 Millionen US-Dollar Schulden bei einem Spezialfinanzierer, besichert mit praktisch dem gesamten Vermögen, Effektivzins 11,7 Prozent und auf einer Tranche 20,62 Prozent. Die Refinanzierung läuft noch.
  • Die Liquiditätsauflage musste nach acht Monaten gesenkt werden — von 20 auf 15 Millionen US-Dollar, gegen eine Gebühr von 5,0 Millionen.
  • Materiell negatives Eigenkapital. 192,2 Millionen ausgewiesenes Eigenkapital stehen 440,5 Millionen Firmenwert und immaterielle Werte gegenüber; im Geschäftsjahr 2024 wurden 336,6 Millionen davon in einem Jahr abgeschrieben.
  • Das Wachstum hängt an einer Region. Der gesamte Zuwachs kam aus Asien-Pazifik und China; USA/Kanada und Europa stagnierten oder gaben nach.
  • Konzentration und offene Führungsstelle. Ein Kunde steht für 20,6 Prozent der Forderungen, die wichtigsten Wettbewerber sind zugleich die wichtigsten Partner, und der Finanzvorstand ist seit dem 1. Juni 2026 nur kommissarisch besetzt.

Ein menschliches Fazit

Zurück zur Trendwende-Falle vom Anfang. Sie ist deshalb so hartnäckig, weil sie mit einer richtigen Beobachtung beginnt: Digital Turbine hat 2026 tatsächlich die Kurve genommen. Der Umsatz wächst wieder, der größte Kostenblock schrumpft anteilig, die Verwaltung ist um fast ein Fünftel billiger geworden, und das Betriebsergebnis steht nach zwei Jahren wieder im Plus. Das ist keine Erzählung, das ist testiert und nachlesbar.

Der Fehler liegt nicht in der Beobachtung, sondern im Punkt, an dem wir aufhören zu lesen. Denn zwei Zeilen weiter unten steht der Zinsaufwand, und er ist mit 58,6 Millionen US-Dollar größer als der ganze Betriebsgewinn. Noch zwei Zeilen weiter steht ein Kreditgeber, der acht Monate nach Vertragsschluss eine Auflage lockern musste, und wieder ein Stück weiter ein „Wenn“ vor der Aussage, dass das Geld für zwölf Monate reicht. Digital Turbine ist damit weder eine Trümmerfirma noch ein gelungener Turnaround — es ist ein Unternehmen, dessen operative Erholung real ist und dessen Bilanz diese Erholung derzeit vollständig aufzehrt. Das eine kann das andere einholen. Es kann aber auch umgekehrt kommen: Gelingt die Refinanzierung nicht zu annehmbaren Bedingungen, entscheidet nicht mehr das Geschäft, sondern der Kreditvertrag.

Was Du daraus machst, ist Deine Entscheidung. Und das ist auch gut so.

Quellen

Hinweis: Dieser Beitrag ist eine journalistische Einordnung öffentlich zugänglicher Unternehmensberichte und keine Anlageberatung, keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren und keine persönliche Empfehlung. Aktien können erheblich an Wert verlieren; ein Totalverlust des eingesetzten Kapitals ist möglich. Alle Zahlen stammen aus den oben verlinkten Originalquellen und tragen ihren jeweiligen Stichtag; für Vollständigkeit und Richtigkeit der zugrunde liegenden Berichte übernehmen wir keine Gewähr. Der Autor hält zum Zeitpunkt der Veröffentlichung keine Position in Digital Turbine, Inc.

Unser Fazit auf einen Blick

Geschäftsmodell und Wettbewerbsposition neutral
Der Platz auf dem Gerät vor der ersten Nutzung ist schwer nachzubauen und über Jahre gewachsene Vertragsarbeit. Der Geschäftsbericht für das Geschäftsjahr 2026 nennt als wichtigste Konkurrenz allerdings ausdrücklich die eigenen Lösungen der Netzbetreiber und Gerätehersteller — also genau die Partner, von denen der Umsatz abhängt.
Ertragskraft neutral
Das Betriebsergebnis drehte im Geschäftsjahr 2026 auf plus 34,0 Millionen US-Dollar nach minus 54,1 Millionen im Vorjahr, getragen von 15,2 Prozent Umsatzwachstum und 18,2 Prozent niedrigeren Verwaltungskosten. Unter dem Strich stand mit minus 37,7 Millionen dennoch das fünfte Verlustjahr in Folge.
Zinslast und Finanzierung negativ
Der Zinsaufwand stieg im Geschäftsjahr 2026 um 68,4 Prozent auf 58,6 Millionen US-Dollar und übertraf damit den gesamten Betriebsgewinn (Zinsdeckung 0,58). Der Durchschnittszins kletterte von 8,4 auf 11,3 Prozent; auf einer Tranche des Blue-Torch-Darlehens lag der Effektivzins bei 20,62 Prozent. Die Refinanzierung einzelner Tranchen läuft noch.
Bilanz und Substanz negativ
Dem ausgewiesenen Eigenkapital von 192,2 Millionen US-Dollar (31.03.2026) stehen 223,1 Millionen Firmenwert und 217,4 Millionen sonstige immaterielle Werte gegenüber; materiell bleiben minus 248,3 Millionen. Im Geschäftsjahr 2024 wurden 336,6 Millionen Firmenwert in einem Jahr abgeschrieben. Am 20. April 2026 senkte Blue Torch die Liquiditätsauflage von 20 auf 15 Millionen gegen eine Gebühr von 5,0 Millionen.
Mittelzufluss neutral
Der operative Mittelzufluss stieg im Geschäftsjahr 2026 auf 41,8 Millionen US-Dollar (Vorjahr 11,9 Millionen), der freie Mittelzufluss auf plus 11,2 Millionen. Getragen wurde der Anstieg allerdings von 51,8 Millionen zusätzlichen, noch nicht ausgezahlten Umsatzbeteiligungen — und die gezahlten Zinsen lagen mit 47,1 Millionen darüber.
Konzentration und Führung negativ
Zum 31. März 2026 entfielen 20,6 Prozent aller Forderungen auf einen einzigen Kunden (Vorjahr: keiner über 10 Prozent), und der gesamte Umsatzzuwachs stammt aus Asien-Pazifik und China. Der Finanzvorstand trat am 22. Mai 2026 zurück; die Stelle ist laut Einladung zur Hauptversammlung vom 13. Juli 2026 weiterhin nur kommissarisch besetzt.

Digital Turbine ist die Trendwende-Falle in Reinform: Alles, was am operativen Geschäft gemessen wird, zeigt 2026 nach oben — 15,2 Prozent Umsatzwachstum, 34,0 Millionen US-Dollar Betriebsgewinn nach zwei Verlustjahren, ein Fünftel weniger Verwaltungskosten, 41,8 Millionen operativer Mittelzufluss. Alles, was an der Kapitalstruktur hängt, zeigt nach unten: 58,6 Millionen Zinsaufwand, eine Zinsdeckung von 0,58, 391,2 Millionen Schulden bei einem Spezialfinanzierer, eine acht Monate nach Vertragsschluss gelockerte Liquiditätsauflage und ein Eigenkapital, hinter dem materiell minus 248,3 Millionen stehen. Die Zwölf-Monats-Aussage des Geschäftsberichts beginnt mit einem Wenn. Keine Anlageberatung.

Was unsere Einordnung bedeutet

Substanzrisiko

Wir haben mindestens einen belegten Befund, der das Unternehmen selbst gefährdet — unabhängig davon, wie die Aktie gerade bewertet ist.

Rot steht hier nicht für das Geschäft, sondern für die Substanz dahinter — und dafür gibt es belegte Befunde. Der Betriebsgewinn des Geschäftsjahres 2026 deckt den Zinsaufwand desselben Jahres nicht (34,0 gegen 58,6 Millionen US-Dollar, Zinsdeckung 0,58), die gezahlten Zinsen übersteigen den operativen Mittelzufluss (47,1 gegen 41,8 Millionen), das Eigenkapital ist nach Abzug von Firmenwert und immateriellen Werten mit minus 248,3 Millionen materiell negativ, und der Kreditgeber musste die Liquiditätsauflage acht Monate nach Vertragsschluss senken. Dass die Zwölf-Monats-Aussage im Geschäftsbericht unter der Bedingung einer gelungenen Refinanzierung steht, ist kein förmlicher Fortführungszweifel — der Abschlussprüfer hat keinen vermerkt —, aber es ist auch nicht die übliche unbedingte Formel. Dass das operative Geschäft sich sichtbar erholt hat, bleibt davon unberührt und ist der Grund, warum diese Aktie überhaupt interessant ist.

Journalistische Einschätzung der Redaktion zum Analysezeitpunkt auf Basis öffentlicher Quellen — keine Anlageberatung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf. Deine persönlichen Umstände (Anlageziele, Risikotragfähigkeit, Steuern) können dabei nicht berücksichtigt werden. Was unsere Stufen bedeuten, wie Urteile entstehen und welche Interessenkonflikte bestehen →

Bitte beachten

  • Auf die Rechercheliste kam Digital Turbine über den hauseigenen Aktien-Scanner: Platz 16 von 28 in der Liste „Richard Moglen: 1 Week Top Performers“ (US-Auswahl) mit einem Relative-Stärke-Rating von 95, Stand 25. Juli 2026. Zum 26. Juli 2026 erfüllte der Titel 18 Scanner-Strategien, fast alle davon Momentum- und Trendfilter. Diese Listen werden täglich neu berechnet; sie messen Nachfrage nach der Aktie, nicht Qualität des Unternehmens.
  • Alle Zahlen tragen ihren eigenen Stichtag: Jahreszahlen aus dem Geschäftsbericht 10-K für das Geschäftsjahr 2026 (eingereicht 26.05.2026), Quartalszahlen aus dem 10-Q zum 31.12.2025 (eingereicht 03.02.2026), Kreditänderung aus der Ad-hoc-Meldung 8-K vom 23.04.2026, Aktienzahl und Vergütungsplan aus der Einladung zur Hauptversammlung DEF 14A vom 13.07.2026. Bewertungskennzahlen mit Datenstand 26. Juli 2026 auf Basis des Schlusskurses vom 24. Juli 2026 — evergreen gemeint, kein Tageskurs als Kaufargument.
  • Verwechslungsgefahr: Der Ticker APPS gehört Digital Turbine, Inc. aus Austin (CIK 0000317788), nicht einem App-Store-Betreiber. Die Gesellschaft hieß bis 2015 Mandalay Digital Group, davor NeuMedia und Mandalay Media; die SEC-Registrierung reicht unter wechselnden Namen bis 1995 zurück. Die 2024 übernommene One Store International Holding B.V. ist eine kleine Beteiligung (Kaufpreis 1,9 Millionen US-Dollar), nicht der koreanische App-Store One Store selbst.

Häufige Fragen

Digital Turbine liefert Software, die Apps schon bei der Ersteinrichtung neuer Android-Geräte auf das Telefon bringt — im Auftrag von Mobilfunkanbietern und Geräteherstellern, die am Erlös beteiligt werden (Segment On Device Solutions, 382,4 Millionen US-Dollar im Geschäftsjahr 2026). Dazu kommt eine Werbevermarktung für App-Anbieter mit Echtzeit-Auktionen (App Growth Platform, 185,7 Millionen).

Digital Turbine bilanziert seit Jahren auf ein am 31. März endendes Geschäftsjahr. Das Geschäftsjahr 2026 umfasst daher den Zeitraum 1. April 2025 bis 31. März 2026 und deckt im Wesentlichen das Kalenderjahr 2025 ab. Der zugehörige Geschäftsbericht (10-K) wurde am 26. Mai 2026 bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht.

Operativ ja, unter dem Strich nein. Das Betriebsergebnis lag bei plus 34,0 Millionen US-Dollar nach minus 54,1 Millionen im Vorjahr. Nach 58,6 Millionen Zinsaufwand, 9,8 Millionen Verlust aus der Ablösung der alten Kreditlinie und 6,4 Millionen Steuern blieb ein Jahresverlust von 37,7 Millionen US-Dollar oder 0,33 US-Dollar je Aktie — das fünfte Verlustjahr in Folge.

Zum 31. März 2026 standen 391,2 Millionen US-Dollar Termindarlehen bei Blue Torch Finance LLC aus, fällig am 29. August 2029 und besichert mit praktisch dem gesamten Konzernvermögen. Der Effektivzins lag bei 11,7 Prozent, auf einer Tranche wegen Ausstiegs- und Laufzeitgebühren bei 20,62 Prozent. Die Kasse betrug 37,7 Millionen US-Dollar.

Digital Turbine und Blue Torch senkten die Mindestliquidität für den Zeitraum 1. April bis 31. Dezember 2026 von 20 auf 15 Millionen US-Dollar. Dafür zahlte der Konzern eine Änderungsgebühr von 5,0 Millionen. Im Gegenzug wurden die verbleibenden Ausstiegsgebühren auf 1,35 Millionen begrenzt und künftige Laufzeitgebühren auf 5,0 Millionen gedeckelt.

Fast vollständig aus Asien-Pazifik und China: 174,4 Millionen US-Dollar nach 95,5 Millionen im Vorjahr, ein Plus von 82,6 Prozent. In den USA und Kanada ging der Umsatz von 232,1 auf 227,7 Millionen zurück, in Europa, dem Nahen Osten und Afrika blieb er mit 162,5 nach 163,1 Millionen nahezu unverändert.

Die Zahl der ausstehenden Aktien stieg im Geschäftsjahr 2026 von 105.977.642 auf 120.315.203 — gut 13,5 Prozent mehr. Ursache war vor allem der Verkauf von 9.945.136 Aktien über den Markt zu durchschnittlich 5,89 US-Dollar, dessen Erlös laut Kreditvertrag in die Tilgung fließen musste. Der Verkaufsvertrag wurde am 2. Februar 2026 gekündigt.

Nach den eigenen Berichten nutzt Digital Turbine künstliche Intelligenz, verkauft sie aber nicht als eigenes Produkt. Der Geschäftsbericht für das Geschäftsjahr 2026 schreibt, man baue KI zunehmend in einzelne Angebote ein und sei bei Kerndaten und Infrastruktur auf externe KI-Partner angewiesen. Im Vorjahresbericht kam der Begriff noch gar nicht vor.

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