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Bayer: Der Kurs hat sich fast verdoppelt — der Vergleich, der das begründet, ist noch nicht endgültig genehmigt

Bayer: Der Kurs hat sich fast verdoppelt — der Vergleich, der das begründet, ist noch nicht endgültig genehmigt

Ein Urteil des Obersten Gerichtshofs der USA hat die Bayer-Aktie im Sommer 2026 aus dem Keller geholt. Gleichzeitig steht im eigenen Halbjahresbericht, dass der 7,25-Milliarden-Dollar-Sammelvergleich gekündigt werden kann und Rechtsmittel „mehrere Jahre“ dauern könnten. Wir haben Geschäftsbericht, Halbjahresbericht und die Urteilsschrift selbst gelesen — und trennen, was entschieden ist, von dem, was nur so aussieht.

Thomas Mücke Gründer & Herausgeber
· 19 Min. Lesezeit

Stand heute

Stand: 21. August 2026

Schlusskurs
48,00 € -1,20 %
Marktkapitalisierung
47,4 Mrd. €
Wachstums-Score
4/10
AAQS
1/10

Kursentwicklung seit 21. August 2026: -0,1 %

Diese Analyse hat einen Stichtag. Der Aktien-Wächter meldet sich, wenn sich an den Zahlen etwas Wesentliches ändert. Zur kostenlosen Vormerkung

Bayer: Der Kurs hat sich fast verdoppelt — der Vergleich, der das begründet, ist noch nicht endgültig genehmigt
Eigene Darstellung: Börsenlotse · Quelle: Fundamentaldaten & Berichte der Bayer AG (Geschäftsbericht, Halbjahresfinanzbericht, Quartalsmitteilung)

Chart

Interaktiver Kurs-Chart (TradingView).

52-Wochen-Spanne: 26,10 € bis 53,40 € · Letzter Kurs: 48,00 € (Stand: 21. August 2026)

Hinweis: reine Faktenanalyse, keine Anlageberatung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf. Angaben ohne Gewähr.

Es gibt einen Reflex, der Anlegern besonders bei alten Problemfällen zuverlässig passiert. Nennen wir ihn den Schlussstrich-Reflex: Ein Risiko hat jahrelang über einer Aktie gehangen, dann kommt eine gute Nachricht — und im Kopf springt sofort der Schalter von „ungelöst“ auf „erledigt“. Dazwischen liegt aber fast immer noch eine ganze Wegstrecke, und die interessiert in diesem Moment niemanden mehr. Genau das ist 2026 bei der Bayer AG (XETRA: BAYN) passiert.

Am 25. Juni 2026 entschied der Oberste Gerichtshof der USA im Fall Monsanto Co. v. Durnell mit sieben zu zwei Stimmen zugunsten der Bayer-Tochter Monsanto. Wie deutlich die Börse das aufgenommen hat, zeigt ein einziges Kurspaar: Am 24. Juni 2026 schloss die Aktie bei 39,59 Euro, am 25. Juni bei 47,00 Euro18,7 Prozent an einem Tag. Im Tief der zwölf Monate bis zum 21. August 2026 hatte sie am 7. November 2025 bei 26,055 Euro geschlossen, im Hoch am 3. Juli 2026 bei 53,36 Euro (alle Angaben XETRA-Schlusskurse). Mehr als eine Verdopplung also — bei einem Konzern, dessen Umsatz im ersten Halbjahr 2026 nominal um 0,8 Prozent gefallen ist.

Machen wir also einen Deal: Wir lassen die Schlagzeilen weg und lesen nur, was Bayer selbst berichtet hat — den Geschäftsbericht 2025 vom 4. März 2026, den Halbjahresfinanzbericht zum 30. Juni 2026 vom 4. August 2026 und die Quartalsmitteilung zum 31. März 2026 — dazu die Urteilsschrift des Supreme Court im Original. Und wir prüfen, ob der Schlussstrich wirklich schon gezogen ist. Was Du daraus machst, entscheidest am Ende Du.

Was Bayer eigentlich macht — drei Divisionen und ein Konzern ohne SEC-Bericht

Bayer ist ein Life-Science-Konzern mit Sitz in Leverkusen, gegründet 1863, und beschäftigte zum 30. Juni 2026 87.830 Menschen (30. Juni 2025: 89.556; 31. Dezember 2025: 88.078). Das Geschäft steht auf drei Beinen:

  • Crop Science — Saatgut, Pflanzeneigenschaften und Pflanzenschutzmittel. Größte Division, 21.622 Millionen Euro Umsatz im Jahr 2025. Hier sitzt auch das Glyphosat-Geschäft, das über die Tochtergesellschaft Monsanto zum Konzern gehört.
  • Pharmaceuticals — verschreibungspflichtige Medikamente, vor allem Herz-Kreislauf, Onkologie, Frauengesundheit und Radiologie. 17.829 Millionen Euro Umsatz 2025.
  • Consumer Health — rezeptfreie Präparate wie Aspirin, Bepanthen oder Elevit. 5.802 Millionen Euro Umsatz 2025.

Ein Punkt vorweg, weil er die ganze Beleglage prägt: Von Bayer gibt es keinen Bericht an die US-Börsenaufsicht SEC. Kein Geschäftsbericht 10-K, kein Quartalsbericht 10-Q, keine Kennnummer im Register der SEC. Bayer ist im Prime Standard der Frankfurter Wertpapierbörse notiert und berichtet nach europäischem Kapitalmarktrecht: geprüfter IFRS-Konzernabschluss, Halbjahresfinanzbericht nach § 115 des Wertpapierhandelsgesetzes, Quartalsmitteilungen. In den USA gibt es lediglich einen im Freiverkehr (OTCQX) gehandelten Hinterlegungsschein (ADR) unter dem Kürzel BAYRY, der keine eigene Berichtspflicht begründet. Ein solcher Hinterlegungsschein ist ein Quittungspapier: Eine Bank verwahrt die echten Aktien in Deutschland und gibt darauf handelbare Zertifikate aus. Vier davon entsprechen genau einer Stammaktie: Den 982.424.082 Bayer-Aktien stehen laut Fundamentaldaten 3.929.696.328 ausstehende Hinterlegungsscheine gegenüber — exakt das Vierfache. Die Probe am Kurs: Am 21. August 2026 schloss BAYRY bei 14,03 US-Dollar und die Stammaktie bei 48,04 Euro, bei einem Eurokurs von 1,1679 US-Dollar; 48,04 mal 1,1679 sind 56,11 US-Dollar, geteilt durch vier 14,03. Unter jeder Zahl dieser Analyse steht deshalb „Quelle: Fundamentaldaten & Berichte der Bayer AG“ statt „SEC-Berichte (10-K/10-Q)“.

Und noch etwas gehört an den Anfang, weil es das Verständnis des ganzen Falls erleichtert: Bayer berichtet sein Ergebnis in zwei Größen. Die eine heißt EBITDA vor Sondereinflüssen — der operative Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, bereinigt um Einmaleffekte wie Restrukturierungen und Rechtsfälle. Die andere ist das Konzernergebnis, also das, was unter dem Strich für die Aktionäre übrig bleibt. Bei den allermeisten Firmen laufen beide Zahlen halbwegs parallel. Bei Bayer klaffen sie seit Jahren dramatisch auseinander — und genau in dieser Lücke steckt die Geschichte.

Die Firmengeschichte für Anleger

  1. 2023

    Dividende auf das gesetzliche Minimum gekürzt

    Statt 2,40 € je Aktie gibt es 0,11 €, angekündigt für drei Jahre. Für Aktionäre bedeutete das: Die Ausschüttung sinkt von 2.358 auf 108 Mio. € und dient dem Schuldenabbau.

  2. 2025

    Drittes Verlustjahr in Folge

    Das Konzernergebnis lag bei −3.620 Mio. €, die Sondereinflüsse im EBIT bei −6.185 Mio. €. Das operative Geschäft lieferte im selben Jahr 9.669 Mio. € EBITDA vor Sondereinflüssen.

  3. 2026

    Februar: Sammelvergleich über bis zu 7,25 Mrd. US-Dollar

    Monsanto einigt sich auf ein Kompensationsprogramm mit abnehmenden Zahlungen über bis zu 21 Jahre. Für Aktionäre wurde damit erstmals eine Obergrenze sichtbar — allerdings nur eine vorgeschlagene.

  4. 2026

    Juni: U.S. Supreme Court entscheidet 7:2 für Monsanto

    Bundesrecht schließt einzelstaatliche Klagen wegen fehlender Krebswarnung aus. Der Schlusskurs sprang am Urteilstag um 18,7 % von 39,59 auf 47,00 € und erreichte am 3. Juli 2026 mit 53,36 € sein Zwölfmonatshoch.

  5. 2026

    Juli: 3,0 Mrd. € von Apollo und 5 Mrd. US-Dollar neue Anleihen

    Apollo erhält eine Minderheit am Geschäft mit Langzeit-Kontrazeptiva. Bayer senkte daraufhin die Prognose der Nettofinanzverschuldung zum Jahresende auf 29,0 bis 30,0 Mrd. €.

  6. 2026

    August: Genehmigungsanhörung auf den 14. September verschoben

    Nach dem Urteil gingen Widerrufsanträge zu bereits erklärten Austritten ein. Für Aktionäre heißt das: Der Termin, an dem der Vergleich verbindlich werden kann, rückt nach hinten.

Wie die Aktie auf unseren Tisch kam

Nicht über einen Kennzahlen-Scanner, sondern über eine Kursbewegung, die zu keiner Zahl aus dem Unternehmen passte. Zwischen dem Schlusskurs von 26,055 Euro am 7. November 2025 und dem von 53,36 Euro am 3. Juli 2026 liegt mehr als eine Verdopplung. Im selben Zeitraum sank der Konzernumsatz im ersten Halbjahr 2026 nominal um 0,8 Prozent, und das bereinigte Ergebnis je Aktie des zweiten Quartals fiel um 16,7 Prozent auf 0,95 Euro. Wenn Kurs und Zahlen so weit auseinanderlaufen, steckt die Erklärung nicht in der Bilanz.

Der Auslöser lag nicht in Leverkusen, sondern in Washington. Am 25. Juni 2026 verkündete der Oberste Gerichtshof der USA sein Urteil im Fall Monsanto Co. v. Durnell. Der Kläger John Durnell hatte 2019 in Missouri geklagt, nach eigener Darstellung rund 20 Jahre lang Roundup benutzt und daraufhin ein Non-Hodgkin-Lymphom entwickelt zu haben; eine Jury hatte ihm mehr als eine Million US-Dollar zugesprochen, weil Monsanto nicht vor Krebsrisiken gewarnt habe. Der Supreme Court hob das auf:

„Held: FIFRA expressly preempts Durnell's state-law failure-to-warn claim because the claim would require Monsanto to add a cancer warning to Roundup's label.“

Übersetzung: „Entschieden: Das FIFRA schließt Durnells auf einzelstaatlichem Recht beruhenden Anspruch wegen unterlassener Warnung ausdrücklich aus, weil der Anspruch von Monsanto verlangen würde, dem Roundup-Etikett eine Krebswarnung hinzuzufügen.“

— U.S. Supreme Court, Monsanto Co. v. Durnell, No. 24-1068, Syllabus, entschieden am 25. Juni 2026

Markierter Ausschnitt aus der Urteilsschrift des U.S. Supreme Court im Fall Monsanto gegen Durnell: die gelb hinterlegte und rot umrandete Leitsatz-Passage, wonach das Bundesgesetz FIFRA den einzelstaatlichen Anspruch wegen unterlassener Krebswarnung ausdrücklich ausschließt.
Der Leitsatz im Original — Hervorhebung von uns. Das Bundesgesetz FIFRA regelt in den USA die Zulassung und Kennzeichnung von Pflanzenschutzmitteln; wo die Umweltbehörde EPA ein Etikett genehmigt hat, dürfen einzelne Bundesstaaten keine abweichende Warnung verlangen. Quelle: U.S. Supreme Court, Slip Opinion vom 25. Juni 2026 (supremecourt.gov). Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

Das Stimmverhältnis war deutlich: Richter Kavanaugh schrieb die Mehrheitsmeinung, der sich Roberts, Thomas, Alito, Sotomayor, Kagan und Barrett anschlossen — sieben Stimmen. Jackson und Gorsuch waren dagegen. Bayer selbst ordnet das im Halbjahresbericht so ein, dass die Entscheidung „zu einer signifikanten Eindämmung der Rechtsstreitigkeiten zu Roundup“ beitrage und auf dieser Anspruchsgrundlage „die allermeisten vorliegenden Klagen“ beruhten.

Das ist eine echte, große, gute Nachricht. Der Punkt dieser Analyse ist nicht, sie kleinzureden — sondern zu prüfen, was sie nicht erledigt.

Die Zahlen über die Jahre — ehrlich gewürdigt

Zuerst das, was ohne Einschränkung beeindruckt: Bayers operatives Geschäft ist über den ganzen Rechtsstreit hinweg erstaunlich stabil geblieben. Die Fünfjahresübersicht des Geschäftsberichts 2025 zeigt beim EBITDA vor Sondereinflüssen 11.179 Millionen Euro (2021), 13.513 (2022), 11.706 (2023), 10.123 (2024) und 9.669 Millionen Euro (2025). Ein Rückgang, ja — aber kein Einbruch, und das in einem Agrarmarkt mit massivem Preisdruck durch Generika und in einer Pharma-Sparte mitten in der Patentklippe.

Und dann die zweite Zahlenreihe, dieselbe Tabelle, eine Zeile tiefer: Das Konzernergebnis lag bei 1.000 Millionen Euro (2021), 4.150 (2022), −2.941 (2023), −2.552 (2024) und −3.620 Millionen Euro (2025). Drei Verlustjahre in Folge, zusammen −9.113 Millionen Euro.

Balkendiagramm: EBITDA vor Sondereinflüssen des Bayer-Konzerns von 11.179 Millionen Euro 2021 auf 9.669 Millionen Euro 2025, daneben das Konzernergebnis mit plus 1.000 und plus 4.150 Millionen Euro 2021 und 2022 sowie minus 2.941, minus 2.552 und minus 3.620 Millionen Euro in den Jahren 2023 bis 2025.
Der operative Gewinn vor Einmaleffekten sinkt zwischen 2021 und 2025 nur langsam von 11,2 auf 9,7 Milliarden Euro — unter dem Strich stehen in den letzten drei dieser Jahre trotzdem zusammen 9,1 Milliarden Euro Verlust. Die Differenz sind ganz überwiegend Sonderaufwendungen für Rechtsfälle. Quelle: Bayer-Geschäftsbericht 2025, Fünfjahresübersicht. Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

Das laufende Jahr sieht besser aus, und auch das gehört zur Ehrlichkeit. Im ersten Halbjahr 2026 lag der Konzernumsatz bei 24.277 Millionen Euro — nominal 0,8 Prozent unter Vorjahr, währungs- und portfoliobereinigt aber 3,3 Prozent darüber. Das EBITDA vor Sondereinflüssen stieg um 6,6 Prozent auf 6.597 Millionen Euro, die Marge auf 27,2 Prozent. Das Konzernergebnis drehte auf plus 2.982 Millionen Euro nach 1.100 Millionen im Vorjahreszeitraum.

Getragen hat das vor allem Crop Science: Der Umsatz der Division stieg im ersten Halbjahr auf 12.468 Millionen Euro, das EBITDA vor Sondereinflüssen um 20,5 Prozent auf 3.916 Millionen Euro, die Marge um 5,1 Prozentpunkte auf 31,4 Prozent. Bayer nennt dafür zwei Gründe: Wachstum bei Soja- und Maissaatgut sowie „deutlich niedrigere Herstellungskosten infolge unserer Effizienzprogramme“. Ausgerechnet die glyphosathaltigen Herbizide legten im zweiten Quartal zweistellig zu — von 652 auf 734 Millionen Euro. Über das ganze Halbjahr gerechnet gaben sie allerdings leicht nach, von 1.243 auf 1.212 Millionen Euro. Beides steht in derselben Tabelle, und beides gehört hierher: Das starke Quartal ist echt, ein Trend ist es noch nicht.

Pharmaceuticals dagegen trat auf der Stelle: 8.707 Millionen Euro Umsatz im ersten Halbjahr, das EBITDA vor Sondereinflüssen sank um 5,7 Prozent auf 2.297 Millionen Euro. Consumer Health kam auf 2.936 Millionen Euro Umsatz bei 656 Millionen Euro EBITDA vor Sondereinflüssen (minus 2,5 Prozent).

Was in den Berichten steht — die unbequemen Wahrheiten

Unbequeme Wahrheit Nr. 1: Der Sammelvergleich ist genehmigungspflichtig — und kündbar

Im Februar 2026 hat Monsanto zwei Vergleiche geschlossen: einen USA-weiten Sammelvergleich für alle gegenwärtigen und möglichen künftigen Ansprüche wegen behaupteter Non-Hodgkin-Lymphom-Erkrankungen sowie eine separate Vereinbarung für bestimmte andere Roundup-Ansprüche. Der Sammelvergleich kostet Monsanto „bis zu 21 Jahre lang abnehmende, gedeckelte jährliche Zahlungen in Höhe von insgesamt bis zu 7,25 Mrd. USD“. Er umfasst Personen, bei denen die Erkrankung bereits diagnostiziert wurde oder innerhalb von 16 Jahren nach Wirksamwerden diagnostiziert wird.

Und jetzt kommt der Teil, den der Schlussstrich-Reflex überspringt. Ein Sammelvergleich in den USA braucht die Genehmigung des Gerichts. Zuständig ist der Circuit Court der Stadt St. Louis in Missouri; er hat den Vergleich im März 2026 vorläufig genehmigt. Danach konnten die Betroffenen bis zum 4. Juni 2026 Einwände erheben oder austreten. Der Halbjahresbericht schreibt dazu:

„Monsanto hat das Recht, den Sammelvergleich zu kündigen, wenn die Anzahl der Austritte (opt-outs) übermäßig hoch ist.“

— Bayer AG, Halbjahresfinanzbericht zum 30. Juni 2026, Verkürzter Anhang, „Rechtliche Risiken“

Markierter Ausschnitt aus dem Bayer-Halbjahresfinanzbericht zum 30. Juni 2026: die gelb hinterlegte und rot umrandete Passage, wonach Monsanto den Sammelvergleich kündigen darf, wenn die Anzahl der Austritte übermäßig hoch ist.
Die Belegstelle im Original — Hervorhebung von uns. Der Bericht nennt an derselben Stelle auch das Recht beider Seiten, die Wirksamkeit einzelner Austritte anzufechten. Quelle: Bayer-Halbjahresfinanzbericht zum 30. Juni 2026, Seite 47 (reports.bayer.com). Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

Zwei Sätze weiter steht der zweite Vorbehalt: „Sollte das erstinstanzliche Gericht den Sammelvergleich endgültig genehmigen, könnte dieser Genehmigungsbeschluss angefochten werden. Der Sammelvergleich wird erst wirksam, wenn alle Rechtsmittelverfahren abgeschlossen sind. Diese könnten mehrere Jahre dauern.“

Dazu kommt eine Entwicklung, die erst nach dem Halbjahresbericht öffentlich wurde und deshalb in keinem der drei Berichte steht — Beleg ist die Agenturmeldung vom Abend des 6. August 2026 (verlinkt in der Quellenliste): Beide Seiten hatten gemeinsam beantragt, die Anhörung zur endgültigen Genehmigung zu verschieben — weil nach dem Supreme-Court-Urteil Widerrufsanträge zu bereits erklärten Austritten eingegangen seien und deren Gültigkeit vorab geklärt werden solle. Das Gericht in St. Louis gab dem statt; das neue Datum ist der 14. September 2026. Übersetzt: Wer im Juni ausgetreten war, um allein weiterzuklagen, überlegt es sich nach dem Urteil teilweise anders — und will zurück in den Vergleich. Für Bayer ist das eine gute Nachricht, für den Zeitplan eine schlechte.

Merksatz für den Rest dieser Analyse: Ein Vergleich, der gekündigt werden kann und dessen Wirksamkeit an mehrjährigen Rechtsmitteln hängt, ist kein Schlussstrich, sondern ein sehr guter Zwischenstand.

Unbequeme Wahrheit Nr. 2: 9,6 Milliarden Euro liegen schon in der Bilanz — verbraucht sind sie noch nicht

Rückstellungen sind das bilanzielle Gegenstück zu einem Sparbuch für eine Rechnung, die noch nicht auf dem Tisch liegt: Der Aufwand ist gebucht, das Geld aber noch nicht gezahlt. Bayer hat für den Glyphosat-Komplex ein sehr großes Sparbuch angelegt.

„Per 31. Dezember 2025 beliefen sich Rückstellung und Verbindlichkeiten von Bayer für den Verfahrenskomplex Glyphosat auf insgesamt 11,3 Mrd. USD (9,6 Mrd. €).“

— Bayer AG, Geschäftsbericht 2025, Anhangangabe [30] „Rechtliche Risiken“

Markierter Ausschnitt aus dem Bayer-Geschäftsbericht 2025: die gelb hinterlegte und rot umrandete Passage, wonach sich Rückstellung und Verbindlichkeiten für den Verfahrenskomplex Glyphosat zum 31. Dezember 2025 auf insgesamt 11,3 Milliarden US-Dollar beziehungsweise 9,6 Milliarden Euro beliefen.
Die Belegstelle im Original — Hervorhebung von uns. Die 9,6 Milliarden Euro sind der Stand zum Bilanzstichtag 31. Dezember 2025 und enthalten bereits die Wirkung des im Februar 2026 geschlossenen Sammelvergleichs. Quelle: Bayer-Geschäftsbericht 2025, Anhangangabe [30] (bayer.com). Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

Dieselbe Anhangangabe nennt daneben die zweite Altlast aus dem Monsanto-Erbe: PCB, eine Chemikaliengruppe, deren Herstellung die US-Umweltbehörde EPA 1979 verboten hat. Fünf Klagen von Generalstaatsanwälten sind noch anhängig — Delaware, Maine, Maryland, New Jersey und Vermont. Frühere Verfahren aus sieben weiteren Bundesstaaten wurden für zusammen rund 456 Millionen US-Dollar verglichen, der Fall Oregon allein für 698 Millionen US-Dollar. Und im April 2026 kam eine neue Front dazu: Das Saatgutunternehmen Latham Quality reichte eine Sammelklage wegen behaupteter Monopolisierung des US-Markts für gentechnisch veränderte Maissaatgut-Eigenschaften ein und fordert dreifachen Schadenersatz. Bayer will sich „entschieden gegen die Klage“ verteidigen.

Unbequeme Wahrheit Nr. 3: Das Geld fließt jetzt wirklich ab

Rückstellungen zu bilden kostet Gewinn. Rückstellungen zu verbrauchen kostet Geld. 2026 ist das Jahr, in dem aus der Buchung eine Überweisung wird.

„Die Auszahlungen zur Beilegung von Verfahren im Rahmen der Rechtskomplexe, insbesondere für PCB und Glyphosat, betrugen per saldo 2.246 Mio. € (Vorjahr: 140 Mio. €).“

— Bayer AG, Halbjahresfinanzbericht zum 30. Juni 2026, Cashflows aus operativer Geschäftstätigkeit

Markierter Ausschnitt aus dem Bayer-Halbjahresfinanzbericht zum 30. Juni 2026: die gelb hinterlegte und rot umrandete Passage, wonach die Auszahlungen zur Beilegung von Verfahren für PCB und Glyphosat im ersten Halbjahr 2026 per saldo 2.246 Millionen Euro betrugen nach 140 Millionen Euro im Vorjahr.
Die Belegstelle im Original — Hervorhebung von uns. Der operative Mittelfluss des ersten Halbjahres 2026 lag deshalb bei minus 1.104 Millionen Euro nach plus 43 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum; 432 Millionen Euro davon flossen in einen Treuhandfonds des Glyphosat-Sammelvergleichs. Quelle: Bayer-Halbjahresfinanzbericht zum 30. Juni 2026, Seite 18 (reports.bayer.com). Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

Der freie Mittelfluss — also das, was nach Investitionen und Zinsen tatsächlich übrig bleibt — lag im ersten Halbjahr 2026 bei −2.691 Millionen Euro. Bereinigt um die Rechts-Auszahlungen wären es −445 Millionen Euro gewesen. Die Nettofinanzverschuldung stieg von 29.843 Millionen Euro (31. Dezember 2025) über 32.518 (31. März 2026) auf 33.647 Millionen Euro zum 30. Juni 2026 — bei einem Eigenkapital von 29.708 Millionen Euro. Die Kasse schrumpfte von 6.671 auf 4.289 Millionen Euro.

Bayers Vorstandsvorsitzender Bill Anderson hat das im Geschäftsbericht selbst angekündigt, und zwar ungewöhnlich klar:

„Wir erwarten, dass die Auswirkungen der Rechtsstreitigkeiten unsere Liquiditätslage im Jahr 2026 belasten und zu einem negativen Free Cashflow für das Jahr führen werden.“

— Bill Anderson, Vorstandsvorsitzender der Bayer AG, Geschäftsbericht 2025, Brief an die Aktionäre, Abschnitt „Ausblick 2026“

Die Prognose bestätigt das: Für 2026 erwartet Bayer einen freien Mittelfluss von −2,5 bis −1,5 Milliarden Euro; bereinigt um die Vergleichszahlungen wären es plus 2,0 bis 3,0 Milliarden. Die Bonitätsnoten spiegeln die Lage: S&P Global Ratings und Fitch bewerten Bayer mit BBB und einem negativen Ausblick, Moody's mit Baa2 — dort wurde der Ausblick am 10. Juli 2026 auf „stabil“ angehoben. Das ist noch solides Investment Grade, aber die untere Hälfte davon.

Unbequeme Wahrheit Nr. 4: Die Patentklippe ist real — und die Nachrücker sind noch nicht groß genug

Ein Medikament mit Patentschutz ist eine Lizenz zum Gelddrucken; fällt der Schutz, kommen Nachahmerpräparate, und der Preis bricht ein. Bei Bayer laufen gerade zwei solcher Klippen gleichzeitig: der Gerinnungshemmer Xarelto und das Augenmedikament Eylea.

Im ersten Halbjahr 2026 fiel der Xarelto-Umsatz um 42,5 Prozent auf 738 Millionen Euro (Vorjahreszeitraum 1.283 Millionen). Eylea gab um 28,7 Prozent auf 1.196 Millionen Euro nach (Vorjahr 1.677 Millionen). Zusammen sind das 1.026 Millionen Euro weniger Umsatz in sechs Monaten.

Dagegen halten zwei Wachstumsträger: Das Prostatakrebs-Medikament Nubeqa legte um 53,5 Prozent auf 1.629 Millionen Euro zu, das Nierenmedikament Kerendia um 75,3 Prozent auf 603 Millionen Euro — zusammen ein Plus von 827 Millionen Euro. Rechnerisch schließt das die Lücke noch nicht ganz.

Balkendiagramm: Halbjahresumsätze der vier wichtigsten Bayer-Pharmaprodukte. Xarelto fällt von 1.283 auf 738 Millionen Euro, Eylea von 1.677 auf 1.196 Millionen Euro, Nubeqa steigt von 1.061 auf 1.629 Millionen Euro und Kerendia von 344 auf 603 Millionen Euro.
Xarelto und Eylea verlieren im ersten Halbjahr 2026 zusammen 1.026 Millionen Euro Umsatz, Nubeqa und Kerendia gewinnen 827 Millionen — die Lücke ist noch nicht geschlossen. Quelle: Bayer-Halbjahresfinanzbericht zum 30. Juni 2026, umsatzstärkste Pharmaceuticals-Produkte. Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

Deshalb steht das Pharma-Ergebnis unter Druck, obwohl der Umsatz auf Vorjahresniveau liegt: Das EBITDA vor Sondereinflüssen der Division sank im ersten Halbjahr um 5,7 Prozent auf 2.297 Millionen Euro — Bayer nennt höhere Vertriebsaufwendungen für die Vermarktung von Lynkuet, Nubeqa und Kerendia sowie gestiegene Forschungsausgaben. Neue Produkte kosten erst, bevor sie tragen. Wer die Pipeline sehen will, findet sie: Sevabertinib bekam im Mai 2026 von der US-Behörde FDA den Status der vorrangigen Prüfung, für Asundexian nahmen FDA, die japanische Behörde und die europäische EMA im Mai und Juni 2026 die Zulassungsanträge an. Das ist Zukunft, kein Umsatz von heute.

Unbequeme Wahrheit Nr. 5: 11 Cent Dividende — und eine Verwässerungs-Ermächtigung über rund 35 Prozent

Bayer war jahrzehntelang ein Dividendenwert: 2,70 Euro je Aktie für 2016, dann 2,80 Euro für 2017, 2018 und 2019, danach 2,00 Euro für 2020 und 2021 und zuletzt 2,40 Euro für 2022. Seit dem Geschäftsjahr 2023 sind es 0,11 Euro — das gesetzliche Minimum. Der Geschäftsbericht formuliert das so:

„Mit dem Geschäftsjahr 2023 haben wir unsere Dividendenpolitik angepasst und haben kommuniziert, für drei Jahre das gesetzlich geforderte Minimum auszuschütten.“

— Bayer AG, Geschäftsbericht 2025, „An unsere Aktionäre“, Abschnitt „Dividende wie angekündigt bei 0,11 €“

Rechne einen Moment mit: Drei Jahre sind 2023, 2024 und 2025. Die Hauptversammlung hat am 24. April 2026 die 0,11 Euro für 2025 beschlossen — die Ausschüttungssumme lag bei 108 Millionen Euro gegenüber 2.358 Millionen Euro für 2022. Damit ist der angekündigte Zeitraum abgelaufen. Was für das Geschäftsjahr 2026 gilt, steht in keinem der drei Berichte. Die Antwort kommt mit der Berichterstattung am 24. Februar 2027, beschlossen wird sie auf der Hauptversammlung am 30. April 2027.

Der zweite Punkt in diesem Kapitel ist die Kapitalseite. Die Hauptversammlung vom 25. April 2025 hat den Vorstand ermächtigt, das Grundkapital bis zum 24. April 2028 um bis zu 875 Millionen Euro gegen Bareinlagen zu erhöhen — das „Genehmigte Kapital 2025“. Bei einem Grundkapital von 2.515 Millionen Euro entspricht das rechnerisch rund 35 Prozent der heute ausstehenden 982,4 Millionen Aktien. Verwässerung heißt: Dein Stück vom Kuchen wird kleiner, ohne dass der Kuchen wächst. Bezugsrechte bleiben den Altaktionären dabei grundsätzlich erhalten — ausgeschlossen werden dürfen sie nur für Spitzenbeträge. Genutzt wurde die Ermächtigung bisher nicht.

Stattdessen hat Bayer im Juli 2026 einen anderen Weg gewählt: Der US-Vermögensverwalter Apollo Global Management zahlt 3,0 Milliarden Euro für eine Minderheitsbeteiligung an einer neuen Gesellschaft, in die das Geschäft mit reversiblen Langzeit-Kontrazeptiva eingebracht wird; Bayer behält Mehrheit und operative Kontrolle. Im selben Monat platzierte Bayer Anleihen über 5,0 Milliarden US-Dollar (4,4 Milliarden Euro) in fünf Tranchen mit Kupons zwischen 5,125 und 6,375 Prozent und reduzierte im Gegenzug eine im Februar unterschriebene Bank-Kreditfazilität von 8,0 auf 3,0 Milliarden US-Dollar. Wegen der Apollo-Zahlung senkte Bayer die Prognose für die Nettofinanzverschuldung zum Jahresende 2026 von 32,0 bis 33,0 auf 29,0 bis 30,0 Milliarden Euro. Ein ähnliches Muster — Bilanz reparieren, bevor der Markt es erzwingt — haben wir bei der Commerzbank gesehen, dort allerdings aus einer Position der Stärke heraus.

Bewertung — die Größenordnung

Bei einem XETRA-Schlusskurs von 48,04 Euro am 21. August 2026 und 982.424.082 Stückaktien bringt Bayer rund 47,2 Milliarden Euro auf die Waage. Rechnet man die Nettofinanzverschuldung von 33,6 Milliarden Euro hinzu, ergibt sich ein Unternehmenswert von etwa 80,8 Milliarden Euro.

Gegen die eigene Prognose gerechnet — Bayer erwartet für 2026 zu Stichtagskursen vom 30. Juni ein EBITDA vor Sondereinflüssen von 9,4 bis 9,9 Milliarden Euro — liegt das Vielfache bei rund 8,2 bis 8,6. Das bereinigte Ergebnis je Aktie soll 4,20 bis 4,70 Euro erreichen; daraus folgt ein Kurs-Gewinn-Verhältnis auf bereinigter Basis von rund 10 bis 11. Beim Umsatz (44,7 bis 46,7 Milliarden Euro erwartet) landet man bei einem Kurs-Umsatz-Verhältnis von etwa 1,0. Der Buchwert je Aktie lag zum 30. Juni 2026 bei 30,11 Euro — der Kurs steht damit beim rund 1,6-Fachen des bilanziellen Eigenkapitals.

Die ehrliche Einordnung: Für einen Pharma- und Agrarkonzern sind das keine hohen Vielfachen. Nur trägt jede einzelne dieser Kennzahlen ein Sternchen. Das KGV bezieht sich auf das bereinigte Ergebnis — das unbereinigte Konzernergebnis war in drei der letzten fünf Jahre negativ. Und der Unternehmenswert besteht zu gut 40 Prozent aus Schulden; wer Bayer kauft, kauft ein hoch verschuldetes Unternehmen mit einer Rechtsakte, die noch offen ist. Ein Vergleich drängt sich auf: Organon hat aus demselben Grund — Schuldenabbau — die Dividende am 1. Mai 2025 von 0,28 auf 0,02 US-Dollar je Aktie zusammengestrichen und wurde danach zum Übernahmekandidaten.

Der Blick der Profis, zur Einordnung und nicht als Wahrheit: Das durchschnittliche Kursziel der Analysten lag am 22. August 2026 laut Fundamentaldaten bei 56,83 Euro, die Schätzung für das bereinigte Ergebnis je Aktie des laufenden Jahres bei 4,51 Euro — sie liegt damit innerhalb der Spanne von 4,20 bis 4,70 Euro, die Bayer selbst nennt. Zwei Dinge dazu: Nach einem Kursanstieg dieser Größenordnung sind Kursziele das, was am schnellsten nachgezogen wird — sie beschreiben eher, wo der Kurs war, als wo er hingeht. Und sie sind ein Durchschnitt aus Einzelmeinungen, die alle dieselbe offene Frage haben wie wir: Was macht das Gericht in St. Louis am 14. September? Die belastbarere Erwartungsgröße dieser Analyse bleibt deshalb Bayers eigene Prognose — sie stammt aus einer benannten, haftbaren Quelle.

Chancen und Risiken auf einen Blick

Chancen

  • Das Supreme-Court-Urteil vom 25. Juni 2026 entzieht nach Bayers eigener Darstellung „den allermeisten vorliegenden Klagen“ die Anspruchsgrundlage — es sollte bestehende Verfahren beenden und künftige verhindern.
  • Crop Science liefert wieder: plus 20,5 Prozent EBITDA vor Sondereinflüssen im ersten Halbjahr 2026 auf 3.916 Millionen Euro, Marge 31,4 Prozent, getragen von Effizienzprogrammen und der Wiederzulassung Dicamba-basierter Produkte in den USA.
  • Die Bilanz wird von außen entlastet: 3,0 Milliarden Euro von Apollo, dadurch eine um 3 Milliarden Euro gesenkte Verschuldungsprognose für das Jahresende 2026 (29,0 bis 30,0 Milliarden Euro).
  • Bereinigt um die Vergleichszahlungen erwartet Bayer für 2026 einen freien Mittelfluss von plus 2,0 bis 3,0 Milliarden Euro — das operative Geschäft finanziert sich also selbst.
  • Die Pharma-Pipeline liefert: Nubeqa und Kerendia wachsen zusammen um 827 Millionen Euro im Halbjahr, Beyonttra und Lynkuet haben 2026 ihr erstes volles Verkaufsjahr, Asundexian und Sevabertinib stehen in den Zulassungsverfahren.
  • Die angekündigte Drei-Jahres-Phase der Minimaldividende ist mit dem Geschäftsjahr 2025 abgelaufen — eine Rückkehr zu höheren Ausschüttungen ist damit erstmals seit 2023 wieder denkbar.

Risiken

  • Der Sammelvergleich über bis zu 7,25 Milliarden US-Dollar ist nur vorläufig genehmigt. Monsanto darf ihn bei zu vielen Austritten kündigen, die Anhörung zur endgültigen Genehmigung wurde auf den 14. September 2026 verschoben, und Rechtsmittel könnten laut Bayer „mehrere Jahre“ dauern.
  • Das Urteil schützt nur gegen Ansprüche wegen fehlender Warnhinweise. Andere Anspruchsgrundlagen und die PCB-Verfahren in fünf US-Bundesstaaten bleiben davon unberührt; im April 2026 kam eine Kartell-Sammelklage zum Maissaatgut hinzu.
  • Die Nettofinanzverschuldung lag zum 30. Juni 2026 mit 33.647 Millionen Euro über dem Eigenkapital von 29.708 Millionen Euro; zwei von drei Ratingagenturen führen den Ausblick auf negativ.
  • Der freie Mittelfluss ist 2026 nach eigener Prognose negativ (−2,5 bis −1,5 Milliarden Euro); im ersten Halbjahr flossen bereits 2.246 Millionen Euro für Rechtsverfahren ab.
  • Die Patentklippe wirkt weiter: Xarelto und Eylea verloren im ersten Halbjahr 2026 zusammen 1.026 Millionen Euro Umsatz, das Pharma-EBITDA vor Sondereinflüssen sank um 5,7 Prozent.
  • Das Genehmigte Kapital 2025 erlaubt bis zum 24. April 2028 eine Barkapitalerhöhung um bis zu 875 Millionen Euro Grundkapital — rechnerisch rund 35 Prozent der heutigen Aktienzahl.
  • Für die Dividende des Geschäftsjahres 2026 gibt es bislang keine Aussage; die alte Zusage endete mit 2025.

Ein menschliches Fazit

Zurück zum Schlussstrich-Reflex vom Anfang. Er ist hier besonders verführerisch, weil das Bayer-Problem so alt ist: Seit der Übernahme von Monsanto hat jeder Anleger die Glyphosat-Akte im Hinterkopf, und ein Urteil des höchsten US-Gerichts mit sieben zu zwei Stimmen fühlt sich an wie das Ende der Geschichte. Es ist auch ein sehr großer Schritt in diese Richtung — nur eben nicht das Ende.

Was in den Berichten steht, ist nüchterner als die Schlagzeile: Ein Vergleich, den man kündigen kann. Eine Genehmigungsanhörung, die verschoben wurde. Rechtsmittel, die „mehrere Jahre“ dauern könnten. Und daneben ein Konzern, der operativ ordentlich arbeitet — 6.597 Millionen Euro EBITDA vor Sondereinflüssen im Halbjahr, ein Crop-Science-Geschäft mit 31,4 Prozent Marge —, aber unter dem Strich drei Verlustjahre hinter sich hat und 2026 nach eigener Ansage Geld verbrennen wird.

Das macht Bayer nicht zu einem schlechten Unternehmen. Der Vorstand beurteilt „den Fortbestand des Bayer-Konzerns weiterhin als nicht gefährdet“, das Rating ist Investment Grade, die Pipeline liefert. Es macht Bayer zu einem Unternehmen, bei dem die entscheidende Zahl der nächsten Monate nicht im Quartalsbericht steht, sondern in einem Gerichtsprotokoll aus Missouri. Wer die Aktie hält oder kauft, kauft ein solides operatives Geschäft plus eine Wette darauf, dass ein amerikanischer Richter im September zustimmt und danach niemand erfolgreich Rechtsmittel einlegt.

Der ehrlichste Satz dieser Analyse ist deshalb ein Datum: Am 14. September 2026 ist die Anhörung zur endgültigen Genehmigung, am 3. November 2026 kommt die Quartalsmitteilung zum dritten Quartal, und am 24. Februar 2027 erfahren wir, was Bayer für 2026 an Dividende vorschlägt. Bis dahin ist alles andere Interpretation. Was Du daraus machst, ist Deine Entscheidung. Und das ist auch gut so.

Quellen

Journalistische Einordnung, keine Anlageberatung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Aktien können einen Totalverlust bedeuten. Alle Zahlen stammen aus den oben verlinkten Originaldokumenten und sind mit ihrem jeweiligen Stichtag genannt. Der Autor hält zum Zeitpunkt der Veröffentlichung keine Position in der besprochenen Aktie.

Die Kennzahlen im Überblick

Alle Geldbeträge in Millionen €, Gewinn je Aktie wie berichtet.

Die Kennzahlen im Überblick
Kennzahl 2021 2022 2023 2024 2025
Umsatz 44.081,0 50.739,0 47.637,0 46.606,0 45.575,0
Betriebsergebnis (EBIT) 7.930,0 8.239,0 8.409,0 4.479,0 6.954,0
Nettogewinn 1.000,0 4.150,0 -2.941,0 -2.552,0 -3.620,0
Nettomarge 2,3 % 8,2 % -6,2 % -5,5 % -7,9 %
Gewinn je Aktie 1,02 € 4,22 € -2,99 € -2,60 € -3,68 €

Quelle: Fundamentaldaten & SEC-Berichte (Geschäfts- und Quartalsberichte, 10-K/10-Q)

Unser Fazit auf einen Blick

Rechtsrisiko Glyphosat neutral
Das Urteil des U.S. Supreme Court vom 25.06.2026 (7:2) schließt einzelstaatliche Klagen wegen fehlender Warnhinweise aus — die Anspruchsgrundlage der allermeisten Verfahren. Der Sammelvergleich über bis zu 7,25 Mrd. USD ist aber nur vorläufig genehmigt, kündbar bei zu vielen Austritten, und wird laut Halbjahresfinanzbericht erst nach Abschluss aller Rechtsmittel wirksam („mehrere Jahre“).
Operatives Geschäft positiv
Im ersten Halbjahr 2026 stieg das EBITDA vor Sondereinflüssen um 6,6 % auf 6.597 Mio. €, die Marge auf 27,2 %. Crop Science legte um 20,5 % auf 3.916 Mio. € zu (Marge 31,4 %), getragen von Soja- und Maissaatgut sowie niedrigeren Herstellungskosten aus den Effizienzprogrammen.
Ergebnisqualität negativ
Zwischen 2023 und 2025 stand dreimal in Folge ein Konzernverlust, zusammen −9.113 Mio. €, während das EBITDA vor Sondereinflüssen bei 9,7 bis 11,7 Mrd. € lag. Die Differenz sind ganz überwiegend Sonderaufwendungen für Rechtsfälle; 2025 betrugen die Sondereinflüsse im EBIT −6.185 Mio. € (Geschäftsbericht 2025).
Bilanz und Mittelfluss negativ
Die Nettofinanzverschuldung stieg auf 33.647 Mio. € (30.06.2026) und liegt damit über dem Eigenkapital von 29.708 Mio. €. Der freie Mittelfluss lag im ersten Halbjahr bei −2.691 Mio. €, die Rechts-Auszahlungen bei 2.246 Mio. €; für 2026 prognostiziert Bayer selbst einen negativen freien Mittelfluss von −2,5 bis −1,5 Mrd. €.
Pharma-Pipeline und Patentklippe neutral
Xarelto (−42,5 % auf 738 Mio. €) und Eylea (−28,7 % auf 1.196 Mio. €) verloren im ersten Halbjahr 2026 zusammen 1.026 Mio. € Umsatz; Nubeqa (+53,5 %) und Kerendia (+75,3 %) gewannen 827 Mio. €. Das Divisions-EBITDA vor Sondereinflüssen sank trotzdem um 5,7 % auf 2.297 Mio. €, weil die Vermarktung der neuen Produkte zuerst kostet.
Aktionärsrendite und Kapitalmaßnahmen negativ
Seit 2023 zahlt Bayer nur die gesetzliche Mindestdividende von 0,11 € je Aktie (Ausschüttungssumme 108 Mio. € statt 2.358 Mio. € für 2022); die angekündigte Drei-Jahres-Frist lief mit 2025 aus, eine Nachfolgeaussage fehlt. Parallel läuft bis 24.04.2028 das Genehmigte Kapital 2025 über bis zu 875 Mio. € — rechnerisch rund 35 % der ausstehenden Aktien.

Bayer hat im Sommer 2026 den größten juristischen Erfolg seit der Monsanto-Übernahme errungen: Der U.S. Supreme Court entzog mit sieben zu zwei Stimmen der Anspruchsgrundlage der allermeisten Glyphosat-Klagen den Boden. Operativ arbeitet der Konzern solide — 6.597 Mio. € EBITDA vor Sondereinflüssen im Halbjahr, Crop Science mit 31,4 % Marge. Erledigt ist der Fall trotzdem nicht: Der Sammelvergleich über bis zu 7,25 Mrd. US-Dollar ist nur vorläufig genehmigt, die entscheidende Anhörung wurde auf den 14. September 2026 verschoben, und 2026 wird nach eigener Prognose ein Jahr mit negativem freiem Mittelfluss. Keine Anlageberatung.

Was unsere Einordnung bedeutet

Offene Fragen

Das Geschäft funktioniert grundsätzlich, aber eine wesentliche Frage ist offen. Solange sie offen ist, tragen unsere Befunde kein Qualitätsurteil.

Das Geschäft trägt: drei Divisionen mit Weltmarktpositionen, 9,7 Mrd. € EBITDA vor Sondereinflüssen im schwächsten Jahr, ein Investment-Grade-Rating und ein Vorstand, der den Fortbestand des Konzerns ausdrücklich als nicht gefährdet beurteilt. Für Grün fehlt die entscheidende Eigenschaft: Die wichtigste offene Frage dieses Unternehmens wird nicht im Werk entschieden, sondern vor einem Gericht in Missouri — der Sammelvergleich über bis zu 7,25 Mrd. US-Dollar ist bis heute nur vorläufig genehmigt, kündbar und erst nach mehrjährigen Rechtsmitteln wirksam. Dazu kommen drei Verlustjahre in Folge, eine Nettofinanzverschuldung oberhalb des Eigenkapitals und ein 2026 nach eigener Prognose negativer freier Mittelfluss. Das ist eine große offene Frage, aber kein belegtes Substanzrisiko — deshalb Gelb. Die Entscheidung liegt bei Dir.

Journalistische Einschätzung der Redaktion zum Analysezeitpunkt auf Basis öffentlicher Quellen — keine Anlageberatung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf. Deine persönlichen Umstände (Anlageziele, Risikotragfähigkeit, Steuern) können dabei nicht berücksichtigt werden. Was unsere Stufen bedeuten, wie Urteile entstehen und welche Interessenkonflikte bestehen →

Bitte beachten

  • Aufhänger dieser Analyse ist die Kursbewegung nach dem Urteil des U.S. Supreme Court vom 25.06.2026 im Fall Monsanto Co. v. Durnell, nicht ein Scanner-Treffer.
  • Datenstand 21. August 2026. Alle Unternehmenszahlen stammen aus dem Geschäftsbericht 2025 (veröffentlicht 04.03.2026), dem Halbjahresfinanzbericht zum 30.06.2026 (veröffentlicht 04.08.2026) und der Quartalsmitteilung zum 31.03.2026. Die Urteilsangaben stammen aus der Slip Opinion des U.S. Supreme Court vom 25.06.2026. Kurs- und Börsenwertangaben aus Fundamentaldaten, XETRA-Schlusskurse bis 21.08.2026.
  • Das genannte Analysten-Kursziel von 56,83 € (Datenstand 22.08.2026, Fundamentaldaten) ist eine Fremdangabe zur Einordnung, kein Kursziel der Redaktion. Für den US-Hinterlegungsschein BAYRY weist dieselbe Quelle 15,895 US-Dollar aus.
  • Bayer ist kein SEC-Filer: kein 10-K, kein 10-Q, kein 20-F. Der US-Hinterlegungsschein (ADR) BAYRY wird außerbörslich gehandelt und begründet keine eigene Berichtspflicht; maßgeblich ist die Notierung im Prime Standard der Frankfurter Wertpapierbörse unter BAYN.
  • Nach dem Halbjahresfinanzbericht vom 04.08.2026 eingearbeitet: Am 05./06.08.2026 wurde die Anhörung zur endgültigen Genehmigung des Glyphosat-Sammelvergleichs auf den 14. September 2026 verschoben, weil nach dem Supreme-Court-Urteil Widerrufsanträge zu bereits erklärten Austritten eingingen.
  • Stolperstelle beim Vergleich der Halbjahreszahlen: In der Konzernüberleitung taucht die Bayer 04 Leverkusen Fußball GmbH auf. Hohe Transfererlöse des Fußballklubs begünstigten laut Halbjahresfinanzbericht das Vorjahresergebnis und drücken deshalb den Vorjahresvergleich für 2026 — ein Konzerneffekt, keine Aussage über das Life-Science-Geschäft.

Aktien-Wächter

Diese Analyse ist Stand 22. August 2026. Was sich seitdem bei BAYN.DE geändert hat, meldet Dir der Aktien-Wächter.

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Häufige Fragen

Auslöser war das Urteil des Obersten Gerichtshofs der USA vom 25. Juni 2026 im Fall Monsanto v. Durnell. Das Gericht entschied mit sieben zu zwei Stimmen, dass US-Bundesrecht Klagen einzelner Bundesstaaten wegen einer fehlenden Krebswarnung auf dem Roundup-Etikett ausschließt. Der XETRA-Schlusskurs sprang vom 24. auf den 25. Juni 2026 von 39,59 auf 47,00 Euro, also um 18,7 Prozent, und stieg bis zum 3. Juli 2026 auf 53,36 Euro.

Nein. Das Urteil schützt nur gegen Ansprüche wegen unterlassener Warnung. Der Sammelvergleich vom Februar 2026 ist bislang nur vorläufig genehmigt; die Anhörung zur endgültigen Genehmigung wurde auf den 14. September 2026 verschoben. Bayer schreibt selbst, der Vergleich werde erst wirksam, wenn alle Rechtsmittelverfahren abgeschlossen seien — das könne „mehrere Jahre“ dauern.

Im Rahmen des Sammelvergleichs leistet Monsanto laut Halbjahresfinanzbericht bis zu 21 Jahre lang abnehmende, gedeckelte jährliche Zahlungen von insgesamt bis zu 7,25 Mrd. US-Dollar. Im ersten Halbjahr 2026 flossen davon bereits 432 Mio. Euro in einen Treuhandfonds. Rückstellung und Verbindlichkeiten für den gesamten Glyphosat-Komplex lagen zum 31. Dezember 2025 bei 11,3 Mrd. US-Dollar.

Für das Geschäftsjahr 2025 hat die Hauptversammlung am 24. April 2026 eine Dividende von 0,11 Euro je Aktie beschlossen — das gesetzliche Minimum, wie schon für 2023 und 2024. Der Geschäftsbericht nennt für diese Politik ausdrücklich einen Zeitraum von drei Jahren. Was für das Geschäftsjahr 2026 gilt, ist offen; die Antwort kommt mit der Berichterstattung am 24. Februar 2027.

Die Nettofinanzverschuldung lag zum 30. Juni 2026 bei 33.647 Mio. Euro nach 29.843 Mio. Euro zum 31. Dezember 2025. Das Eigenkapital betrug 29.708 Mio. Euro. Für das Jahresende 2026 erwartet Bayer 29,0 bis 30,0 Mrd. Euro, nachdem Apollo Global Management 3,0 Mrd. Euro für eine Minderheitsbeteiligung an einer neuen Bayer-Gesellschaft zugesagt hat.

Fällt der Patentschutz eines Medikaments, kommen Nachahmerpräparate auf den Markt und der Preis bricht ein. Bei Bayer traf das im ersten Halbjahr 2026 gleich zwei Umsatzträger: Xarelto verlor 42,5 Prozent auf 738 Mio. Euro, Eylea 28,7 Prozent auf 1.196 Mio. Euro. Nubeqa und Kerendia wuchsen im selben Zeitraum zusammen um 827 Mio. Euro.

Bayer ist im Prime Standard der Frankfurter Wertpapierbörse notiert und berichtet nach europäischem Kapitalmarktrecht: geprüfter IFRS-Konzernabschluss, Halbjahresfinanzbericht nach § 115 Wertpapierhandelsgesetz und Quartalsmitteilungen. In den USA existiert lediglich ein außerbörslicher Hinterlegungsschein (ADR) unter dem Kürzel BAYRY, der keine eigene Berichtspflicht bei der SEC begründet.

Zu Stichtagskursen vom 30. Juni 2026 erwartet Bayer 44,7 bis 46,7 Mrd. Euro Umsatz, ein EBITDA vor Sondereinflüssen von 9,4 bis 9,9 Mrd. Euro und ein bereinigtes Ergebnis je Aktie von 4,20 bis 4,70 Euro. Der freie Mittelfluss soll bei −2,5 bis −1,5 Mrd. Euro liegen; bereinigt um die Vergleichszahlungen wären es plus 2,0 bis 3,0 Mrd. Euro.

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