NL Industries: 105 Millionen Dollar Kasse, kein einziger Mitarbeiter — und eine Dividende, die aus dem Briefkasten kommt
Die Aktie notiert unter Buchwert, zahlt über 6 Prozent Dividende und sitzt auf einem Berg Bargeld. Klingt nach dem Schnäppchen, auf das man gewartet hat. Die Berichte an die US-Börsenaufsicht SEC erzählen etwas anderes: NL Industries hat keine eigenen Mitarbeiter, das Ergebnis macht eine Firma, die NL nur zu 31 Prozent gehört — 2025 kostete sie 33,9 Millionen US-Dollar und drückte den Konzern auf 37,8 Millionen Verlust —, und die Ausschüttung stammt aus Dividenden, die andere überweisen. Seit dem 26. Mai 2026 heißt die Gesellschaft NLI Holdings, untersteht dem Recht von Delaware und hat die gesetzliche Übernahmeschranke abgewählt, während der Mehrheitsaktionär 83 Prozent hält. Keine Kaufempfehlung — nur die Frage, warum ein Rabatt manchmal Jahrzehnte hält.
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Es gibt eine Anleger-Falle, die ausgerechnet die Gründlichen erwischt — die, die vor dem Kauf tatsächlich in die Bilanz schauen: die Besitz-Illusion. Sie funktioniert so: Du liest, dass einer Firma 105 Millionen US-Dollar Bargeld und börsennotierte Beteiligungen gehören, die zusammen mehr wert sind, als die ganze Firma an der Börse kostet. Und dein Kopf macht daraus in einer Sekunde: „Kaufe ich die Aktie, gehört mir ein Stück von diesem Geld.“ Formal stimmt das sogar. Nur entscheidet über jeden einzelnen dieser Dollar jemand anderes. NL Industries (NYSE: NL) aus Dallas ist genau so ein Fall: Kurs-Buchwert rund 0,79, Dividendenrendite über 6 Prozent, ein Drittel des Börsenwerts als Kasse (Datenstand 29. Juli 2026). Machen wir also einen Deal, bevor du dieses Vermögen kaufst: Wir lesen gemeinsam, was die Firma selbst der US-Börsenaufsicht SEC gemeldet hat — den Geschäftsbericht (10-K) für 2025, den Quartalsbericht (10-Q) zum 31. März 2026 und die Ad-hoc-Meldungen (8-K) vom Mai 2026. Ein SEC-Bericht ist unter Strafandrohung ehrlich. Und dieser erzählt von einer Firma ohne einen einzigen eigenen Mitarbeiter, von einem Verlust, den eine fremde Firma verursacht hat, von einer Dividende, die aus fremden Überweisungen stammt — und von einer Hauptversammlung im Mai 2026, die dem Mehrheitsaktionär die gesetzliche Übernahmeschranke aus dem Weg geräumt hat. Am Ende entscheidest du selbst.
Was NL Industries eigentlich ist — eine Adresse in Dallas mit drei Beteiligungen
NL Industries ist keine Fabrik, sondern eine Holding — übersetzt in ein Alltagsbild: ein Briefkasten mit Beteiligungen, so wie eine Vermögensverwaltung, der mehrere Läden gehören und die selbst keinen einzigen davon führt. Der Geschäftsbericht (10-K) für 2025 sagt das mit erfrischender Klarheit: „We are primarily a holding company.“ Unter dem Dach stehen genau drei Dinge.
Erstens CompX International Inc. (NYSE American: CIX), zu 87 Prozent im Besitz von NL und deshalb voll in der Bilanz. CompX ist die einzige Firma im Konzern, die tatsächlich etwas herstellt: mechanische und elektronische Schlösser für Briefkastenanlagen, Büromöbel, Werkzeugschränke, Arzneischränke in Kliniken und Tankstellensicherungen (Geschäftsbereich „Security Products“, 120,7 Millionen US-Dollar Umsatz 2025) sowie Edelstahl-Auspuffanlagen, Trimmklappen, Anzeigen und Zubehör für Sport- und Wasserskiboote (Geschäftsbereich „Marine Components“, 37,6 Millionen US-Dollar 2025). Zusammen: 158,3 Millionen US-Dollar Umsatz im Geschäftsjahr 2025 — das ist praktisch der gesamte Konzernumsatz.
Zweitens rund 31 Prozent an Kronos Worldwide, Inc. (NYSE: KRO), einem der großen Hersteller von Titandioxid — dem weißen Pigment, das Wandfarbe deckend, Kunststoff hell und Papier weiß macht. Diese Beteiligung wird nicht konsolidiert, sondern nach der Equity-Methode geführt: NL bucht anteilig Kronos' Gewinn oder Verlust in die eigene Gewinn- und Verlustrechnung, ohne Kronos' Umsatz oder Schulden je zu zeigen. Merke dir dieses Wort, es ist der Schlüssel zu allem, was gleich kommt: Equity-Methode heißt, dass ein fremdes Ergebnis in deinem Ergebnis landet.
Drittens 1,2 Millionen Aktien der eigenen Konzernmutter Valhi, Inc. (NYSE: VHI) — dazu später mehr, denn dieser Posten ist eine Geschichte für sich. Und über allem steht die Eigentümerkette: Valhi hielt zum 31. März 2026 rund 83 Prozent von NL, eine hundertprozentige Tochter der Contran Corporation rund 91 Prozent von Valhi, und Contran wird von Lisa K. Simmons und einem Familientrust kontrolliert. Damit ist das Spannungsfeld dieser Analyse benannt, und es zieht sich durch jedes Kapitel: NL Industries besitzt viel — aber es kontrolliert weder das Ergebnis, das es ausweist, noch die Mehrheit, die über sein Schicksal entscheidet.
Ein Hinweis, damit du beim Nachlesen nicht stolperst: Seit dem 26. Mai 2026 heißt die Gesellschaft offiziell NLI Holdings, Inc. und untersteht dem Gesellschaftsrecht von Delaware statt dem von New Jersey. Umgezogen ist dabei niemand: Die Ad-hoc-Meldung hält ausdrücklich fest, dass sich außer Firma und Gründungsstaat nichts geändert hat — Hauptsitz bleibt Dallas in Texas, ebenso Geschäft, Management und Standorte. An der New Yorker Börse handelt die Aktie unverändert unter dem Kürzel NL, jede Aktie wurde eins zu eins umgetauscht, und weil alle hier ausgewerteten Geschäfts- und Quartalsberichte noch unter dem alten Namen eingereicht wurden, bleiben wir im Text bei „NL Industries“.
Wie die Aktie auf unseren Tisch kam
Kein Hype, keine Schlagzeile, kein Kursfeuerwerk. NL Industries kam über einen nüchternen Rohdaten-Abgleich unseres US-Universums auf die Rechercheliste: gesucht waren Titel, die gleichzeitig unter Buchwert notieren (Kurs-Buchwert rund 0,79; Datenstand 29. Juli 2026), mehr als 6 Prozent Dividendenrendite ausweisen — und trotzdem ein negatives Ergebnis je Aktie zeigen (−0,69 US-Dollar für die zwölf Monate bis zum 31. März 2026, aus den SEC-Berichten fortgeschrieben). Diese drei Zahlen zusammen sind ein Widerspruch, und Widersprüche sind das beste Recherchesignal, das es gibt. Entweder zahlt eine Firma Geld aus, das sie nicht hat — dann ist die Dividende in Gefahr. Oder der ausgewiesene Verlust misst etwas anderes als das Geschäft — dann ist der Rabatt womöglich verdient oder eben nicht. Welche der beiden Erklärungen stimmt, klärt kein Kennzahlen-Dashboard, sondern nur der Anhang. Was passiert, wenn man diesen Anhang bei einer eigentümergeführten Holding wirklich liest, haben wir zuletzt in der Analyse zu Biglari Holdings gezeigt — dort saß die Überraschung in einem Fonds, hier sitzt sie in einer Beteiligung. Die Listen unseres hauseigenen Aktien-Scanners werden übrigens täglich neu berechnet; wir nennen deshalb bewusst keinen Scanner-Stand, der morgen schon nicht mehr gilt.
Die Zahlen über die Jahre — ehrlich gewürdigt
Erst das, was wirklich beeindruckt. Das operative Geschäft von CompX ist unspektakulär und solide zugleich: Der Umsatz lag 2023 bei 161,3 Millionen US-Dollar, fiel 2024 auf 145,9 Millionen und stieg 2025 wieder auf 158,3 Millionen — eine Bewegung von gut 9 Prozent nach unten und wieder hinauf, ohne Drama. Der Bereichsgewinn von „Security Products“ betrug 2025 22,5 Millionen US-Dollar bei 18,6 Prozent Marge, der von „Marine Components“ 7,5 Millionen bei einer Bruttomarge, die sich 2025 gegenüber dem schwachen Vorjahr um 70 Prozent erholte. Im ersten Quartal 2026 setzte sich das fort: 40,6 Millionen US-Dollar Umsatz (Vorjahresquartal 40,3), Bruttomarge 13,3 statt 12,2 Millionen, CompX-Segmentgewinn 7,1 statt 5,9 Millionen. Eine Firma, die Schlösser und Bootsteile verkauft und dabei zuverlässig Geld verdient — daran ist nichts kaputt.
Und jetzt die Kurve, die alles erklärt:
Ein Umsatz, der stillsteht, und ein Ergebnis, das um mehr als 100 Millionen US-Dollar schwankt — das kann rechnerisch nicht aus demselben Geschäft kommen. Kommt es auch nicht. Womit wir bei den unbequemen Wahrheiten wären.
Was in den Berichten steht — die unbequemen Wahrheiten
Unbequeme Wahrheit Nr. 1: Das Ergebnis macht eine Firma, die NL gar nicht kontrolliert
Die Erklärung für die Achterbahn steht eine Zeile unter dem Betriebsergebnis und heißt „Equity in earnings (losses) of Kronos Worldwide, Inc.“. Sie kostete 2023 15,0 Millionen US-Dollar, brachte 2024 +26,4 Millionen und kostete 2025 wieder 33,9 Millionen. Das Betriebsergebnis von NL selbst lag in denselben drei Jahren bei 14,1 (2023), 37,9 (2024) und 10,7 Millionen (2025). Anders gesagt: In zwei von drei Jahren hat eine Beteiligung, die NL zu 69 Prozent nicht gehört, das gesamte operative Ergebnis aufgefressen und mehr. Der Bericht sagt es selbst:
„We account for our approximate 31% non-controlling interest in Kronos by the equity method. Kronos is a leading global producer and marketer of value-added titanium dioxide pigments ("TiO2"). TiO2 is used for a variety of manufacturing applications including paints, plastics, paper and other industrial and specialty products.“
Übersetzung: „Wir bilanzieren unseren rund 31-prozentigen, nicht beherrschenden Anteil an Kronos nach der Equity-Methode. Kronos ist ein weltweit führender Hersteller und Vermarkter von hochwertigen Titandioxid-Pigmenten (‚TiO2‘). TiO2 wird in einer Vielzahl von Fertigungsanwendungen eingesetzt, darunter Farben, Kunststoffe, Papier sowie andere Industrie- und Spezialprodukte.“
— NL Industries, Inc., SEC-Quartalsbericht 10-Q zum 31.03.2026, Abschnitt „Business overview“
Warum das für dich als Anleger unangenehm ist: Titandioxid ist ein zyklisches Massengut. Kronos' durchschnittliche Verkaufspreise lagen im ersten Quartal 2026 laut Bericht 6 Prozent unter denen des Vorjahresquartals; im vierten Quartal 2025 hatte Kronos Stellen gestrichen und die normale Produktionskapazität nach unten angepasst. Diese Preisbewegungen kommen bei NL an, ohne dass NL sie beeinflussen könnte. Im ersten Quartal 2026 schlug der Kronos-Anteil mit −1,5 Millionen US-Dollar zu Buche, nach +5,5 Millionen im Vorjahresquartal.
Noch bemerkenswerter ist, was der Buchwert dieser Beteiligung macht. Die Equity-Methode schreibt das Paket zum anteiligen Eigenkapital fort — nicht zum Börsenkurs. Und der Abstand zwischen beiden war zuletzt gewaltig:
Lies die Zahlen langsam: Zum 31. Dezember 2025 stand das Kronos-Paket mit 230,1 Millionen US-Dollar in den Büchern, war an der Börse aber nur 155,7 Millionen wert — eine Lücke von 74,4 Millionen oder rund einem Drittel. Drei Monate später, zum 31. März 2026, war der Kronos-Kurs von 4,42 auf 6,57 US-Dollar gestiegen, der Börsenwert auf 231,4 Millionen — und lag damit erstmals wieder leicht über dem Buchwert von 228,2 Millionen. Ohne dass NL irgendetwas getan hätte. Merke dir den Satz: Bei einer Equity-Beteiligung bewegt sich der Bilanzwert nach Buchhaltungsregeln, der wahre Wert nach dem Kronos-Kurs — und beide können weit auseinanderlaufen.
Unbequeme Wahrheit Nr. 2: Die Dividende kommt nicht aus dem Gewinn — sie kommt aus dem Briefkasten
Jetzt lösen wir den Widerspruch auf, der NL auf unsere Liste gebracht hat: 6 Prozent Dividende bei negativem Ergebnis je Aktie. Die Antwort steht im Geschäftsbericht (10-K) für 2025 und ist so schlicht wie entlarvend — NL Industries hat gar keinen Betrieb, aus dem es zahlen könnte:
„Employees – We operate through our subsidiaries and affiliate and through our intercorporate services agreement with Contran (see Note 16 to our Consolidated Financial Statements). We have no direct employees.“
Übersetzung: „Mitarbeiter – Wir arbeiten über unsere Tochtergesellschaften und unsere Beteiligung sowie über unseren konzerninternen Dienstleistungsvertrag mit Contran (siehe Anhangangabe 16 zum Konzernabschluss). Wir haben keine eigenen Mitarbeiter.“
— NL Industries, Inc., SEC-Geschäftsbericht 10-K für 2025, Item 1 „Business“
Woher kommt dann das Geld? Aus Überweisungen der Beteiligungen. Der Bericht rechnet das für 2026 sogar selbst vor, und der Konzern formuliert die Abhängigkeit unmissverständlich:
„Because our operations are conducted primarily through subsidiaries and affiliates, our long-term ability to meet parent company-level corporate obligations is largely dependent on the receipt of dividends or other distributions from our subsidiaries and affiliates.“
Übersetzung: „Weil unser Geschäft im Wesentlichen über Tochtergesellschaften und Beteiligungen betrieben wird, hängt unsere langfristige Fähigkeit, die Verpflichtungen auf Ebene der Muttergesellschaft zu erfüllen, weitgehend vom Erhalt von Dividenden oder anderen Ausschüttungen unserer Tochtergesellschaften und Beteiligungen ab.“
— NL Industries, Inc., SEC-Geschäftsbericht 10-K für 2025, Item 7 MD&A, Abschnitt „Dividends“
Damit ist der Widerspruch aufgelöst: Der ausgewiesene Verlust ist zu großen Teilen nicht zahlungswirksam. 2025 bestand er aus dem Kronos-Anteil (−33,9 Millionen), einem buchhalterischen Verlust aus der Abwicklung des US-Pensionsplans (−19,7 Millionen, ausdrücklich „non-cash“) und der Kursbewegung des Valhi-Pakets (−13,6 Millionen). Das Geld für die Dividende dagegen kommt real herein. Die Kehrseite: Es bleibt fast nichts übrig. Wer eine steigende Dividende erwartet, muss darauf hoffen, dass Kronos oder CompX ihre Ausschüttungen erhöhen — NL selbst kann daran nichts drehen. Immerhin: Der Satz von 0,10 US-Dollar je Aktie wurde nicht nur für das erste, sondern am 14. Mai 2026 auch für das zweite Quartal 2026 beschlossen (zahlbar am 23. Juni 2026) — die Hochrechnung auf rund 19,5 Millionen im Jahr steht damit auf zwei beschlossenen Quartalen, nicht auf einem. Und die Historie zeigt, dass die Sonderdividenden schwanken: 0,43 US-Dollar je Aktie im August 2024, 0,21 im August 2025.
Unbequeme Wahrheit Nr. 3: 83 Prozent gehören der Mutter — und die Übernahmeschranke ist gerade abgewählt worden
Die dritte Wahrheit ist die, die den Rabatt am ehesten erklärt. Zum 31. März 2026 hielt Valhi, Inc. rund 83 Prozent der NL-Aktien, eine hundertprozentige Contran-Tochter rund 91 Prozent von Valhi. Von den 48.862.734 Aktien (Stand 1. Mai 2026; die Anlage zur Ad-hoc-Meldung vom 26. Mai 2026 nennt 48.898.734) sind damit nur rund 8,3 Millionen frei handelbar. Übersetzt in ein Alltagsbild: Du kaufst dich in eine Wohnungseigentümergemeinschaft ein, in der eine einzige Familie 83 von 100 Stimmen hält. Du darfst mitreden, aber du entscheidest nie.
Am 14. Mai 2026 nutzte diese Mehrheit ihr Stimmrecht. Die Hauptversammlung beschloss mit 95,1 Prozent, die Gesellschaft von New Jersey nach Delaware zu verlegen und in NLI Holdings, Inc. umzubenennen — und in einer zweiten Vorlage, in die neue Satzung eine Klausel aufzunehmen, die einen Grundpfeiler des amerikanischen Minderheitenschutzes abwählt. Vollzogen wurde beides am 26. Mai 2026:
„These differences include, without limitation, a provision in the Delaware Certificate in which the Company elects not to be governed by the anti-takeover provisions of Section 203 of the DGCL.“
Übersetzung: „Zu diesen Unterschieden zählt unter anderem eine Bestimmung in der Delaware-Satzung, mit der die Gesellschaft wählt, nicht den Übernahmeschutzvorschriften des Section 203 des Delaware General Corporation Law zu unterliegen.“
— NL Industries, Inc., SEC-Ad-hoc-Meldung 8-K vom 26.05.2026, Item 3.03
Was ist Section 203? Vereinfacht: eine gesetzliche Wartefrist. Wer 15 Prozent oder mehr an einer Delaware-Gesellschaft hält, darf drei Jahre lang grundsätzlich keinen Zusammenschluss mit ihr durchziehen — es sei denn, bestimmte Mehrheiten stimmen zu. Der Sinn ist der Schutz der Minderheit davor, zu einem Preis herausgedrängt zu werden, den der Großaktionär selbst festsetzt. Genau dieser Schutz ist bei NL jetzt abbedungen, während ein Aktionär 83 Prozent hält. Fairerweise gehört dazu: Für den Sitzwechsel selbst verlangte der Verschmelzungsvertrag zusätzlich die Zustimmung von zwei Dritteln der nicht von Valhi gehaltenen Stimmen, und diese Hürde wurde mit 71,6 Prozent genommen. Der Vorgang war also transparent und hat die Minderheit gefragt. Aber die Struktur, die danach steht, ist eine andere als die davor.
Unbequeme Wahrheit Nr. 4: Die Bleifarben sind bezahlt — die Altlasten sind es nicht
NL Industries wurde laut Geschäftsbericht bereits 1891 als Gesellschaft nach dem Recht von New Jersey gegründet, und das frühere Geschäft war die Herstellung von Bleipigmenten für Farben — jenes Produkt, das in den USA über Jahrzehnte Klagewellen ausgelöst hat. Das große kalifornische Verfahren (County of Santa Clara) endete am 24. Juli 2019 mit einem Vergleich; NL zahlte insgesamt 101,7 Millionen US-Dollar — 25,0 Millionen binnen sechzig Tagen und die restlichen 76,7 Millionen in sechs Jahresraten, die letzte über 16,7 Millionen im Oktober 2025. Auch der Superfund-Fall Raritan Bay in New Jersey ist erledigt: Im ersten Quartal 2025 überwies NL 56,1 Millionen US-Dollar plus 0,5 Millionen Zinsen und erhielt 9,6 Millionen von mitbeteiligten Unternehmen zurück. Beide Verfahren sind laut Bericht vollständig abgeschlossen — das ist die gute Nachricht, und sie erklärt, warum die Kasse in den vergangenen Jahren geschrumpft ist.
Die schlechte Nachricht steht im selben Kapitel. Der Quartalsbericht (10-Q) zum 31. März 2026 hält fest, dass derzeit zwar keine Sammelklagen und keine Klagen von Wohnungsbaugesellschaften, Schulbezirken oder Behörden mehr anhängig sind — und schiebt einen Satz nach, der alles offenlässt:
„New cases may continue to be filed against us. We do not know if we will incur liability in the future in respect of any of the pending or possible litigation in view of the inherent uncertainties involved in court and jury rulings.“
Übersetzung: „Es können weiterhin neue Verfahren gegen uns eingeleitet werden. Wir wissen nicht, ob wir künftig aus anhängigen oder möglichen Rechtsstreitigkeiten haften werden, angesichts der Unwägbarkeiten von Gerichts- und Geschworenenentscheidungen.“
— NL Industries, Inc., SEC-Quartalsbericht 10-Q zum 31.03.2026, Note 14 „Commitments and contingencies“
Und bei den Umweltaltlasten hat sich innerhalb eines einzigen Quartals etwas bewegt, das leicht zu übersehen ist:
Zwölf Millionen US-Dollar mehr Obergrenze in drei Monaten — das sind rund 7,6 Prozent des Jahresumsatzes 2025 und knapp das Dreifache des Quartalsergebnisses der NL-Aktionäre von 4,3 Millionen (erstes Quartal 2026). Dazu kommen laut Bericht rund fünf weitere Standorte, für die sich gar keine Kostenspanne schätzen lässt. Das ist kein akutes Loch in der Bilanz — 105,0 Millionen US-Dollar Kasse tragen solche Beträge locker. Aber es ist der Grund, warum eine Firma mit dieser Vergangenheit nie ganz „sauber“ bewertet wird. Merke dir den Merksatz: Altlasten verschwinden nicht mit der letzten Rate, sie verschwinden mit der letzten Klagefrist.
Bewertung: Wenn die Bilanz fast nur aus Marktpreisen besteht
Ein Kurs-Gewinn-Verhältnis lässt sich für NL nicht sinnvoll bilden — das Ergebnis der zwölf Monate bis zum 31. März 2026 war negativ (−0,69 US-Dollar je Aktie, aus den SEC-Berichten fortgeschrieben). Der ehrliche Maßstab ist hier der Buchwert, und der ist bei dieser Firma ungewöhnlich belastbar. Zum 31. März 2026 betrug das Eigenkapital der NL-Aktionäre 359,3 Millionen US-Dollar, verteilt auf 48.862.734 Aktien also 7,35 US-Dollar je Aktie. Der Börsenwert lag bei rund 283 Millionen US-Dollar (Datenstand 29. Juli 2026), was rund 5,79 US-Dollar je Aktie und einem Kurs-Buchwert von rund 0,79 entspricht.
Warum dieser Buchwert härter ist als üblich: Er besteht fast vollständig aus Posten mit einem ablesbaren Tagespreis. 105,0 Millionen US-Dollar Kasse (inklusive 3,1 Millionen gebundener Mittel), das Kronos-Paket mit 231,4 Millionen Börsenwert am Stichtag und 17,1 Millionen börsennotierte Valhi-Aktien — zusammen 353,5 Millionen US-Dollar. Firmenwert (Goodwill), also der einzige Posten, der weder Geld noch handelbares Papier ist, steht mit nur 27,2 Millionen in den Büchern. Auf der anderen Seite stehen Gesamtverbindlichkeiten von 83,6 Millionen, davon 55,4 Millionen latente Steuern, die erst bei einem Verkauf des Kronos-Pakets fällig würden, und 13,0 Millionen Umweltrückstellungen. Verzinsliche Schulden: 0,5 Millionen US-Dollar. Dazu kommt eine Kreditlinie der Konzernmutter Valhi über 50 Millionen, von der zum 31. März 2026 noch 49,5 Millionen abrufbar waren.
Rechne es einmal grob durch: Kasse und börsennotierte Beteiligungen von 353,5 Millionen abzüglich sämtlicher Verbindlichkeiten von 83,6 Millionen ergeben rund 270 Millionen US-Dollar — und dabei ist CompX, die einzige Firma im Konzern, die tatsächlich produziert, mit ihren 158,3 Millionen Jahresumsatz, 30,1 Millionen Vorräten und 23,5 Millionen Sachanlagen noch gar nicht bewertet. Der Markt zahlt für das Ganze rund 283 Millionen. Er bezahlt also im Wesentlichen die Kasse und die Wertpapiere und schenkt sich das operative Geschäft. Das Kurs-Umsatz-Verhältnis von rund 1,8 und der Unternehmenswert von rund 182 Millionen (Datenstand 29. Juli 2026) erzählen dieselbe Geschichte von der anderen Seite.
Damit ist die entscheidende Frage aber nicht beantwortet, sondern nur präzisiert: Kommst du als Minderheitsaktionär jemals an dieses Vermögen heran? Ein Rabatt auf ein Vermögen, über das ein anderer entscheidet, ist kein Fehler des Marktes — er ist der Preis für fehlende Kontrolle. Solche Abschläge auf Beteiligungsholdings sind normal und können Jahrzehnte bestehen bleiben. Sie schließen sich in der Regel nur durch ein Ereignis: eine Sonderdividende, einen Verkauf der Beteiligung oder ein Übernahmeangebot des Mehrheitsaktionärs. Wie unterschiedlich zyklische Industrie-Beteiligungen bewertet werden, wenn der Zyklus dreht, zeigt der Vergleich mit unserer Analyse zu Worthington Steel — dort steckt der Zyklus im eigenen Werk, hier in einer Beteiligung, die man nicht steuert.
Chancen und Risiken auf einen Blick
Was für NL Industries spricht:
- Eine Bilanz ohne Schulden: 105,0 Millionen US-Dollar Kasse gegen 0,5 Millionen verzinsliche Verbindlichkeiten (31.03.2026), dazu eine Kreditlinie der Konzernmutter über 50 Millionen, von der 49,5 Millionen abrufbar waren. Existenzrisiken sind hier nicht zu erkennen.
- Ein Buchwert, der fast ausschließlich aus Kasse und börsennotierten Beteiligungen besteht (353,5 Millionen US-Dollar zum 31.03.2026) bei nur 27,2 Millionen Firmenwert — der Abschlag von rund 21 Prozent auf den Buchwert ist damit ein Abschlag auf Marktpreise, nicht auf Buchhaltung.
- Ein solides operatives Geschäft: CompX steigerte den Umsatz 2025 auf 158,3 Millionen US-Dollar und den Segmentgewinn auf 22,6 Millionen (2024: 17,0; 2023: 25,4); im ersten Quartal 2026 stieg der Segmentgewinn auf 7,1 Millionen nach 5,9 Millionen im Vorjahresquartal.
- Die großen Altlasten-Zahlungen sind abgearbeitet: 101,7 Millionen US-Dollar Bleifarben-Vergleich mit der letzten Rate im Oktober 2025 vollständig beglichen, 56,1 Millionen Raritan-Bay-Vergleich im ersten Quartal 2025 — beide Verfahren laut Bericht vollständig abgeschlossen.
- Ein realer Zahlungsstrom aus den Beteiligungen: für 2026 erwartete Dividenden von 20,3 Millionen US-Dollar (Kronos 7,0, CompX 12,9, Valhi 0,4), die die eigene Ausschüttung von hochgerechnet rund 19,5 Millionen decken.
Was dagegen spricht:
- Das Ergebnis ist fremdbestimmt: Der 31-Prozent-Anteil an Kronos brachte 2024 26,4 Millionen US-Dollar und kostete 2023 15,0 sowie 2025 33,9 Millionen — er drehte das Vorzeichen des Konzernergebnisses in zwei von drei Jahren, ohne dass NL Einfluss darauf hätte.
- Extreme Kontrollkonzentration: rund 83 Prozent bei Valhi, dahinter rund 91 Prozent bei einer Contran-Tochter; nur rund 8,3 der 48.862.734 Aktien sind frei handelbar. Der Streubesitz entscheidet über nichts.
- Seit dem 26. Mai 2026 gilt die Delaware-Satzung ohne die Übernahmeschranke des Section 203 — der gesetzliche Schutz der Minderheit vor einem Zusammenschluss mit dem Großaktionär ist ausdrücklich abgewählt.
- Die Umwelt-Obergrenze stieg binnen eines Quartals von rund 26 auf rund 38 Millionen US-Dollar, für rund fünf weitere Standorte lässt sich keine Spanne schätzen, und neue Bleifarben-Klagen können jederzeit eingereicht werden.
- Kein Wachstumsmotor und keine eigene Steuerung: keine eigenen Mitarbeiter, 34,8 Millionen US-Dollar Dienstleistungsgebühren an die Konzernspitze Contran im Jahr 2025 — einschließlich der auf Kronos entfallenden Beträge (2024: 32,2; 2023: 30,8) —, und die Dividende kann NL nur weiterreichen, nicht selbst erwirtschaften.
Ein menschliches Fazit
Zurück zur Besitz-Illusion vom Anfang. Ihr Kern ist nicht, dass die Rechnung falsch wäre — sie stimmt: Kasse und börsennotierte Beteiligungen von 353,5 Millionen US-Dollar stehen einem Börsenwert von rund 283 Millionen gegenüber, und das operative Geschäft gibt es rechnerisch gratis dazu. Ihr Kern ist, dass sie eine Frage überspringt, die vor der Rechnung kommt: Wer entscheidet darüber, ob du an dieses Vermögen jemals herankommst? Bei NL Industries lautet die Antwort seit Jahrzehnten: nicht du. Eine Familie hält über zwei Ebenen die Mehrheit, das Ergebnis macht eine Firma, die NL nicht kontrolliert, die Dividende überweisen andere — und im Mai 2026 hat dieselbe Mehrheit den gesetzlichen Übernahmeschutz aus der Satzung genommen. Das kann für dich völlig in Ordnung sein: Du kaufst eine schuldenfreie Bilanz, einen laufenden Zahlungsstrom und die Möglichkeit, dass irgendwann ein Ereignis den Abschlag schließt. Die ehrliche Frage lautet deshalb nicht „Ist das billig?“, sondern: Kannst du damit leben, dass dieser Rabatt vielleicht noch zehn Jahre bestehen bleibt — und dass am Tag, an dem er verschwindet, ein anderer den Preis festlegt? Wenn ja, hast du eine These. Wenn nein, hattest du eine Illusion. Was du daraus machst, ist deine Entscheidung. Und das ist auch gut so.
Quellen
Alle in dieser Analyse verwendeten Originaldokumente — zum Selbst-Nachlesen:
- NL Industries, Inc. — SEC-Quartalsbericht 10-Q zum 31.03.2026 (eingereicht 6. Mai 2026)
- NL Industries, Inc. — SEC-Geschäftsbericht 10-K für 2025 (eingereicht 9. März 2026)
- NL Industries, Inc. — SEC-Geschäftsbericht 10-K für 2024 (eingereicht 6. März 2025)
- NL Industries, Inc. — SEC-Ad-hoc-Meldung 8-K vom 26.05.2026 (Sitzverlegung nach Delaware, Umbenennung in NLI Holdings, Section-203-Abwahl)
- NL Industries, Inc. — SEC-Ad-hoc-Meldung 8-K vom 14.05.2026 (Ergebnisse der Hauptversammlung 2026)
- NL Industries, Inc. — SEC-Ad-hoc-Meldung 8-K vom 06.05.2026 (Ergebnisse des ersten Quartals 2026)
- Vollständige SEC-Einreichungshistorie von NL Industries, Inc.: EDGAR-Übersicht (sec.gov)
- Fundamentaldaten (Börsenwert, Bewertungskennzahlen, Dividendenrendite; Datenstand 29. Juli 2026), abgeglichen mit den SEC-Berichten.
Transparenz & Disclaimer: Diese Analyse ist eine journalistische Einordnung öffentlich zugänglicher Informationen und keine Anlageberatung, keine Finanzanalyse im aufsichtsrechtlichen Sinn und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Aktien-Investments sind mit erheblichen Risiken bis hin zum Totalverlust verbunden. Alle Angaben ohne Gewähr; Stand der Daten ist jeweils im Text vermerkt. Der Autor hält zum Zeitpunkt der Veröffentlichung keine Position in NL-Industries-Aktien.
Unser Fazit auf einen Blick
- Bilanz & Finanzkraft positiv
- Zum 31. März 2026 standen 105,0 Millionen US-Dollar Kasse (inklusive gebundener Mittel) gegen 0,5 Millionen verzinsliche Schulden, dazu eine Kreditlinie der Konzernmutter über 50 Millionen, von der 49,5 Millionen abrufbar waren. Das Eigenkapital der NL-Aktionäre betrug 359,3 Millionen — bei nur 27,2 Millionen Firmenwert in den Büchern. Ein Substanzrisiko ist nicht erkennbar.
- Ergebnisqualität negativ
- Das ausgewiesene Ergebnis bestimmt eine Beteiligung, die NL nicht kontrolliert: Der 31-Prozent-Anteil an Kronos kostete 2023 15,0 Millionen US-Dollar, brachte 2024 26,4 Millionen und kostete 2025 33,9 Millionen. Entsprechend sprang das Ergebnis der NL-Aktionäre von −2,3 über +67,2 auf −37,8 Millionen, während der Umsatz nur zwischen 145,9 und 161,3 Millionen schwankte.
- Operatives Geschäft (CompX) positiv
- CompX ist unspektakulär und verlässlich: 158,3 Millionen US-Dollar Umsatz 2025 nach 145,9 im Vorjahr, Bereichsgewinn Security Products 22,5 Millionen bei 18,6 Prozent Marge und Marine Components 7,5 Millionen. Im ersten Quartal 2026 stieg der Segmentgewinn auf 7,1 Millionen nach 5,9 Millionen im Vorjahresquartal — bei praktisch unverändertem Umsatz von 40,6 Millionen.
- Governance & Kontrolle negativ
- Valhi hielt zum 31. März 2026 rund 83 Prozent der 48.862.734 Aktien, eine Contran-Tochter rund 91 Prozent von Valhi; frei handelbar sind rund 8,3 Millionen Aktien. Am 26. Mai 2026 wurde die Gesellschaft nach Delaware verlegt, in NLI Holdings umbenannt und die gesetzliche Übernahmeschranke des Section 203 DGCL ausdrücklich abgewählt. Der Streubesitz entscheidet über nichts.
- Ausschüttung neutral
- Die Dividende ist gedeckt, aber durchgereicht: Für 2026 erwartet NL Zuflüsse von 20,3 Millionen US-Dollar (Kronos 7,0, CompX 12,9, Valhi 0,4) und schüttet bei 0,10 US-Dollar je Aktie und Quartal — so beschlossen für das erste und das zweite Quartal 2026 — hochgerechnet rund 19,5 Millionen aus. Steigen kann sie nur, wenn Kronos oder CompX ihre Ausschüttungen erhöhen — die Sonderdividenden schwankten zuletzt zwischen 0,43 (2024) und 0,21 US-Dollar (2025).
- Altlasten neutral
- Die großen Zahlungen sind abgearbeitet — 101,7 Millionen US-Dollar Bleifarben-Vergleich final im Oktober 2025, 56,1 Millionen Raritan Bay im ersten Quartal 2025. Offen bleibt der Rest: 13,0 Millionen Rückstellung für rund 27 Standorte, eine Obergrenze, die binnen eines Quartals von rund 26 auf rund 38 Millionen stieg, rund fünf nicht schätzbare Standorte und die Feststellung, dass neue Bleifarben-Klagen möglich bleiben.
NL Industries ist die Besitz-Illusion in Reinform: eine Aktie, die mit rund 0,79 des Buchwerts notiert, über 6 Prozent Dividende zahlt und deren Bilanz zum 31. März 2026 mit 105,0 Millionen US-Dollar Kasse, einem Kronos-Paket von 231,4 Millionen Börsenwert und 17,1 Millionen Valhi-Aktien fast ausschließlich aus Marktpreisen besteht — gegen 0,5 Millionen verzinsliche Schulden. Der Haken steht im Anhang: keine eigenen Mitarbeiter, ein Ergebnis, das eine 31-Prozent-Beteiligung bestimmt (2025: −33,9 Millionen), eine Dividende, die andere überweisen (2026 erwartet: 20,3 Millionen), und ein Mehrheitsaktionär mit rund 83 Prozent, der im Mai 2026 die gesetzliche Übernahmeschranke abwählen ließ. Wer kauft, kauft Vermögen ohne Kontrolle. Keine Anlageberatung.
Was unsere Einordnung bedeutet
Offene Fragen
Das Geschäft funktioniert grundsätzlich, aber eine wesentliche Frage ist offen. Solange sie offen ist, tragen unsere Befunde kein Qualitätsurteil.
Für Rot fehlt jedes Substanzrisiko, und zwar deutlich: 105,0 Millionen US-Dollar Kasse gegen 0,5 Millionen verzinsliche Schulden, ein Eigenkapital von 359,3 Millionen, das fast vollständig aus Kasse und börsennotierten Beteiligungen besteht, und ein operativ profitables Tochterunternehmen. Für Grün ist die Ertragslage zu fremdbestimmt: Ob NL am Jahresende Gewinn oder Verlust ausweist, entscheidet der Titandioxid-Zyklus bei einer Beteiligung, die NL zu 69 Prozent nicht gehört — 2023 und 2025 kostete sie 15,0 und 33,9 Millionen US-Dollar, 2024 brachte sie 26,4 Millionen. Dazu kommt eine offene operative Frage bei den Altlasten: Die Obergrenze der möglichen Umweltkosten stieg binnen eines Quartals von rund 26 auf rund 38 Millionen, für rund fünf Standorte lässt sich gar nichts schätzen, und neue Bleifarben-Klagen bleiben laut Bericht möglich. Ein Unternehmen mit kerngesunder Bilanz, verlässlichem Kleinbetrieb und fremdbestimmtem Ergebnis — also Gelb. Dass die Aktie unter Buchwert notiert und der Streubesitz winzig ist, sind Preis- und Strukturfragen, keine Qualitätsfragen; sie stehen im Text, nicht in der Ampel.
Journalistische Einschätzung der Redaktion zum Analysezeitpunkt auf Basis öffentlicher Quellen — keine Anlageberatung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf. Deine persönlichen Umstände (Anlageziele, Risikotragfähigkeit, Steuern) können dabei nicht berücksichtigt werden. Was unsere Stufen bedeuten, wie Urteile entstehen und welche Interessenkonflikte bestehen →
Bitte beachten
- Auf die Rechercheliste kam NL Industries über einen eigenen Rohdaten-Abgleich des US-Universums: gesucht waren Titel, die gleichzeitig unter Buchwert notieren (Kurs-Buchwert rund 0,79), mehr als 6 Prozent Dividendenrendite zeigen und ein negatives Ergebnis je Aktie ausweisen (−0,69 US-Dollar für die zwölf Monate bis zum 31. März 2026, aus dem Geschäftsbericht 10-K für 2025 und dem Quartalsbericht 10-Q zum 31.03.2026 fortgeschrieben; Kurs- und Bewertungsdaten mit Datenstand 29. Juli 2026). Die Listen des hauseigenen Aktien-Scanners werden täglich neu berechnet und sind deshalb bewusst nicht als Beleg genannt.
- Jüngster Periodenbericht ist der Quartalsbericht 10-Q zum 31.03.2026 (eingereicht am 06.05.2026). Die danach eingereichten Meldungen wurden samt Anlagen durchgesehen: 8-K vom 06.05.2026 (Items 2.02 und 9.01, Ergebnisse des ersten Quartals), sechs Insider-Meldungen (Form 4) vom 15.05.2026, 8-K vom 14.05.2026 (Items 5.07, 7.01 und 9.01 — Hauptversammlung mit Zustimmung zu Rechtsformwechsel und Section-203-Abwahl sowie die Pressemitteilung, in der zugleich die Dividende von 0,10 US-Dollar je Aktie für das zweite Quartal 2026 beschlossen wurde, zahlbar am 23.06.2026), Formular SD vom 19.05.2026 (Konfliktmineralien, Verweis auf die Offenlegung der Tochter CompX, ohne Auswirkung auf das Bild) und 8-K vom 26.05.2026 (Items 1.01, 2.01, 2.03, 3.03, 5.02, 5.03 und 9.01 mit den Anlagen 2.1 Verschmelzungsvertrag, 3.1 Delaware-Satzung, 3.2 Bylaws, 4.1 Beschreibung des Grundkapitals und 10.1 Form der Freistellungsvereinbarung — Vollzug des Wechsels des Gründungsstaats nach Delaware und Umbenennung in NLI Holdings, Inc.). Nach dem 26.05.2026 liegt bis zum Datenstand 29.07.2026 kein weiteres Filing vor, insbesondere kein Wertpapierprospekt (424B*), keine Registrierung (S-3) und kein Delisting- oder Abmeldeformular (25/15). Alle Präsensaussagen zu Kasse, Kreditlinie, Eigenkapital, Schulden, Umweltrückstellung und -obergrenze, Vorstand, Gründungsstaat, Section-203-Status, Stimmbindung, Aktienzahl und Dividende stehen auf diesem Stand.
- Zur Aktienzahl: Das Deckblatt des Quartalsberichts 10-Q nennt zum 1. Mai 2026 genau 48.862.734 ausstehende Aktien, die Anlage 4.1 zur Ad-hoc-Meldung 8-K vom 26.05.2026 („Description of Capital Stock“) zum 26. Mai 2026 bereits 48.898.734 — 36.000 Aktien oder 0,07 Prozent mehr. Im Text steht überall die Zahl aus dem 10-Q, weil sie zur Bilanz zum 31.03.2026 gehört; wo eine Gegenwartsaussage getroffen wird, ist die jüngere Zahl zusätzlich genannt. Auf die abgeleiteten Größen wirkt sich die Differenz nicht aus: Der Buchwert je Aktie beträgt auf beiden Basen 7,35 US-Dollar. Zur Gegenprobe auf den Börsenwert: Die hinterlegten rund 283 Millionen US-Dollar ergeben rund 5,79 US-Dollar je Aktie; gegen den Buchwert von 7,354 US-Dollar je Aktie aus derselben Bilanz führt das auf ein Kurs-Buchwert-Verhältnis von rund 0,79 — genau den Wert, den die Fundamentaldaten ausweisen. Ein in einem Filing dokumentierter NL-Kurs existiert nicht, weshalb die Gegenprobe über Aktienzahl und Buchwert läuft. Analysen sind evergreen, Tageskurse sind kein Kaufargument.
- Verwechslungsgefahr: Der Titandioxid-Hersteller Kronos Worldwide (NYSE: KRO) ist eine eigenständig notierte Gesellschaft und wird bei NL ausdrücklich nicht konsolidiert — Kronos’ Umsatz taucht in den NL-Zahlen nirgends auf, nur der anteilige Gewinn oder Verlust. Ebenso wenig gehört die Konzernmutter Valhi, Inc. (NYSE: VHI) zum Konsolidierungskreis von NL, obwohl NL 1,2 Millionen Valhi-Aktien hält. Wer NL-Kennzahlen mit denen von Kronos oder Valhi vergleicht, vergleicht drei verschiedene Bilanzkreise.
Häufige Fragen
NL Industries, Inc. (NYSE: NL) aus Dallas, Texas, ist eine Holding. Voll konsolidiert wird nur die zu 87 Prozent gehaltene CompX International Inc., die mechanische und elektronische Schlösser sowie Komponenten für Sport- und Wasserskiboote herstellt — 158,3 Millionen US-Dollar Umsatz 2025. Dazu kommen rund 31 Prozent am Titandioxid-Hersteller Kronos Worldwide nach der Equity-Methode und 1,2 Millionen Aktien der Konzernmutter Valhi. Eigene Mitarbeiter hat NL laut Geschäftsbericht (10-K) für 2025 keine.
Weil der Verlust überwiegend nicht aus dem Betrieb stammt. 2025 kostete der 31-prozentige Kronos-Anteil nach der Equity-Methode 33,9 Millionen US-Dollar, die Abwicklung des US-Pensionsplans schlug mit 19,7 Millionen zu Buche (ausdrücklich zahlungsunwirksam) und die Kursbewegung des Valhi-Pakets mit 13,6 Millionen. Das Betriebsergebnis lag im selben Jahr bei plus 10,7 Millionen. Unterm Strich standen 37,8 Millionen Verlust für die NL-Aktionäre.
Aus Dividenden der Beteiligungen. Der Geschäftsbericht (10-K) für 2025 erwartet für 2026 Zuflüsse von 7,0 Millionen US-Dollar aus Kronos, 12,9 Millionen aus CompX und 0,4 Millionen aus Valhi — zusammen 20,3 Millionen. Für das erste und das zweite Quartal 2026 beschloss der Verwaltungsrat je 0,10 US-Dollar je Aktie, hochgerechnet rund 19,5 Millionen im Jahr. Der Konzern schreibt selbst, seine Fähigkeit zur Erfüllung der Verpflichtungen hänge weitgehend vom Erhalt dieser Ausschüttungen ab.
Zum 31. März 2026 hielt Valhi, Inc. (NYSE: VHI) rund 83 Prozent der 48.862.734 NL-Aktien; eine hundertprozentige Tochter der Contran Corporation hielt rund 91 Prozent von Valhi. Kontrolliert wird Contran im Wesentlichen von Lisa K. Simmons und einem Familientrust; die Stimmbindung ist bis zum 22. April 2030 befristet. Frei handelbar sind damit nur rund 8,3 Millionen Aktien.
Ja. Die Hauptversammlung beschloss am 14. Mai 2026 die Verlegung von New Jersey nach Delaware und die Umbenennung in NLI Holdings, Inc.; vollzogen wurde beides am 26. Mai 2026. Jede Aktie wurde eins zu eins umgetauscht, Zertifikate mussten nicht eingereicht werden, und das Börsenkürzel an der NYSE bleibt NL. Geschäft, Sitzadresse und Management blieben laut Ad-hoc-Meldung (8-K) unverändert.
Section 203 des Delaware General Corporation Law verbietet einem Aktionär mit 15 Prozent oder mehr grundsätzlich für drei Jahre einen Zusammenschluss mit der Gesellschaft, sofern nicht bestimmte Mehrheiten zustimmen. Die neue NL-Satzung wählt diesen Schutz ausdrücklich ab. Bei einem Mehrheitsaktionär mit rund 83 Prozent entfällt damit eine gesetzliche Hürde für ein späteres Herausdrängen der Minderheit. Der Sitzwechsel selbst wurde zusätzlich von 71,6 Prozent der nicht von Valhi gehaltenen Stimmen gebilligt.
Ein Kurs-Gewinn-Verhältnis lässt sich mangels Gewinn nicht bilden. Gemessen am Buchwert notiert die Aktie mit einem Abschlag: Das Eigenkapital der NL-Aktionäre betrug zum 31. März 2026 359,3 Millionen US-Dollar oder 7,35 je Aktie, der Börsenwert rund 283 Millionen (Datenstand 29. Juli 2026), also rund 0,79 des Buchwerts. Kasse und börsennotierte Beteiligungen allein summierten sich auf 353,5 Millionen. Ob der Abschlag verschwindet, entscheidet allerdings der Mehrheitsaktionär, nicht der Markt.
Der kalifornische Bleifarben-Vergleich über insgesamt 101,7 Millionen US-Dollar ist mit der letzten Rate im Oktober 2025 bezahlt, der Superfund-Fall Raritan Bay mit 56,1 Millionen im ersten Quartal 2025 abgeschlossen. Offen bleiben Umweltverfahren: Zum 31. März 2026 lagen rund 13 Millionen Rückstellung für rund 27 Standorte in den Büchern, die Obergrenze der vernünftigerweise möglichen Kosten stieg von rund 26 auf rund 38 Millionen. Für rund fünf Standorte ist keine Schätzung möglich, und neue Bleifarben-Klagen sind laut Bericht weiter möglich.
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