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Insolvenz-Trio als Short-Strategie: Warum der Backtest verliert (2012–2026)

Insolvenz-Trio als Short-Strategie: Warum der Backtest verliert (2012–2026)

Das Insolvenz-Trio — drei gleichzeitig aktive Warnsignale aus unserer ersten Studie — sagt Kursverluste zuverlässiger voraus als der Zufall. Aber lässt sich daraus mit einer einfachen, vorab festgelegten Short-Regel auch Geld machen? Wir haben es nachgerechnet: 61 Leerverkäufe zwischen 2012 und 2026, survivorship-frei inklusive delisteter Titel, mit festen Zielen bei 20/30/40 Prozent Kursrückgang und einem Stop bei 15 Prozent über dem Einstieg. Das Ergebnis ist eindeutig: Der Erwartungswert liegt bei −1,55 Prozent je Trade, und Leihgebühren machen es endgültig unbrauchbar. Das Signal ist stark — die Rezeptur ist es nicht. Ein Update vom 26. August 2026 zeigt die andere Hälfte des Befunds: Shortet man stattdessen sofort am Absturztag und baut die Position gestaffelt in Tranchen ohne Stop auf, trägt dieselbe Grundidee im Rücktest deutlich — mit Vorbehalten, die im Artikel offen benannt sind.

Thomas Mücke Gründer & Herausgeber
· 24 Min. Lesezeit
Insolvenz-Trio als Short-Strategie: Warum der Backtest verliert (2012–2026)
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Unsere erste Insolvenz-Studie hat gezeigt: Wenn drei bestimmte Warnsignale gleichzeitig leuchten — eine Erklärung an die Börsenaufsicht, dass frühere Zahlen nicht mehr verlässlich sind (Kennziffer 4.02), ein Prüfervermerk mit Zweifeln am Fortbestand und kurzfristige Schulden über dem Umlaufvermögen —, verlieren die betroffenen Aktien in den folgenden Monaten überdurchschnittlich oft deutlich an Wert. Dieses „Insolvenz-Trio" läuft seitdem als eigener Scanner mit. Die naheliegende Frage folgt sofort: Können Privatanleger dieses Wissen mit einer einfachen Leerverkaufs-Rezeptur zu Geld machen?

Wir haben es nachgerechnet — survivorship-frei, inklusive aller heute delisteten Titel, über 14 Jahre. Das Ergebnis ist eindeutig, und es hat zwei Seiten. Die vorab festgelegte Primärvariante kommt auf 61 Leerverkäufe, eine Trefferquote von 29,51 Prozent und einen Erwartungswert von −1,55 Prozent je Trade. Der typische Trade ist nicht der erhoffte Kurseinbruch, sondern der Stop-Loss. Und sobald eine realistische Leihgebühr dazukommt, wird aus einem schwachen Ergebnis ein eindeutiges.

Die Ausgangsfrage

Die erste Studie hat eine Vorhersagekraft gemessen: Wie oft geht ein Unternehmen mit bestimmten Warnsignalen tatsächlich insolvent, und wie stark fällt der Kurs vorher? Das ist eine andere Frage als die, die dieser Backtest beantwortet. Hier geht es um eine Handelsregel: Wer beim Aufleuchten des Insolvenz-Trios mechanisch leerverkauft — mit festen Zielen, festem Stop, ohne Nachjustieren —, verdient der damit Geld? Ein starkes Signal und eine profitable Handelsregel sind nicht dasselbe, und dieser Backtest trennt die beiden Fragen sauber. In einem Update vom 26.08.2026 haben wir dieselbe Frage mit einer komplett anderen, unabhängig vorregistrierten Einstiegsidee neu gerechnet — mit einem deutlich anderen Bild, das weiter unten steht.

Das Ergebnis in vier Zahlen

Ließ sich aus dem Insolvenz-Trio als Warnsignal mit einer festen, vorab festgelegten Leerverkaufs-Regel auch Geld machen? Vier Zahlen aus dem Backtest zwischen 2012 und 2026 tragen die Antwort:

  • −1,55 Prozent je Trade war der Erwartungswert der vorab festgelegten Primärvariante — 61 Leerverkäufe auf das Insolvenz-Trio zwischen 2012 und 2026.
  • 29,51 Prozent Trefferquote wurden erreicht; nötig für die Gewinnschwelle wären rund 34,7 Prozent gewesen. Der Stop-Loss beendete 60,66 Prozent aller Trades.
  • −15,42 Prozent je Trade stand bei einer realistischen Leihgebühr von 50 Prozent pro Jahr zu Buche; sechs der acht handelbaren Läufe lagen bereits ganz ohne Leihgebühr im Minus.
  • 31 bis 47 Prozent der Auslösungen führten in der Erststudie binnen drei Monaten zu einem Kursrückgang von 30 Prozent — gegenüber 9,8 Prozent bei vergleichbaren Aktien ohne Signal. Diese Vorhersagekraft des Signals bleibt von der Handelsregel unberührt.
  • Update vom 26.08.2026: Ein zweiter, unabhängig vorregistrierter Backtest mit anderer Einstiegsidee — sofort short zum Schlusskurs des Absturztages, gestaffelt in mehreren Tranchen, ohne Stop — kommt auf +19,6 Prozent Durchschnitt je Position in der stärksten Zelle (Median +25,8 Prozent, 49 Fälle) — bei nur rund 5 Signalen im Jahr und, bei einem Rezept mit automatischem Nachlegen, zwischenzeitlichen Buchverlusten bis zum Siebeneinhalbfachen des eingesetzten Tranchen-Kapitals im schlimmsten Einzelfall.

Das Signal sagte Kursverluste im Testfenster zuverlässig voraus, doch die feste Leerverkaufs-Regel aus der ersten Fassung machte daraus zwischen 2012 und 2026 keinen Gewinn. Ein zweiter, unabhängiger Backtest mit anderer Einstiegsidee kommt zu einem deutlich freundlicheren, aber ebenso mit klaren Risiken behafteten Bild — siehe das Update vom 26.08.2026 weiter unten.

Aufbau: survivorship-frei über 14 Jahre

Drei Punkte zur Zeitraum-Wahrheit gehören in jede Wiedergabe dieses Ergebnisses:

  • Das Bilanzsignal (kurzfristige Schulden über dem Umlaufvermögen) ist erst ab dem 29.01.2010 vollständig verfügbar. Vor 2010 kann das Trio definitionsgemäß nicht auslösen.
  • Die erste Trio-Auslösung fällt auf den 13.01.2012. Der Messzeitraum ist damit 2012 bis 2026, nicht länger.
  • Auslöser sind zum 31.03.2026 gekappt — das ist die Rechtskante der verfügbaren SEC-Bilanzdaten. Ausstiege laufen bis zum Kursdatenrand am 03.08.2026 weiter.

Der Backtest ist bewusst konservativ gebaut. Er erfasst alle Auslöser, auch die von Firmen, die inzwischen von der Börse verschwunden sind — sonst würde die Auswertung genau die dramatischsten Fälle unterschlagen. Zwei Universen laufen parallel: „alle" (jeder Auslöser) und „handelbar" (letzter gehandelter Schlusskurs mindestens 1 US-Dollar, Median-Tagesumsatz der 20 Vortage mindestens 250.000 US-Dollar). Nur das zweite Universum bildet ab, was ein Privatanleger real hätte handeln können — deshalb ist die vorab festgelegte Primärvariante darin verankert: Zielmarke 30 Prozent, Universum „handelbar", enge Signal-Fassung (wie der Live-Scanner sie zeigt), Stop im tatsächlichen Handelsverlauf.

Die Ausführungsannahmen sind durchweg gegen die Position gewählt: Einstieg erst zur Eröffnung des ersten Handelstags mit Umsatz nach dem Auslösetag, 0,5 Prozent Ausführungskosten je Eindeckung, höchstens eine offene Position je Firma, kein Wiedereinstieg, solange das Trio durchgehend leuchtet. Die Signalerkennung selbst wurde gegen die veröffentlichte Erststudie geprüft: Die Anker-Reproduktion trifft exakt, ohne Abweichung.

Die Handelsregeln

Getestet wurden vier Ausstiegsvarianten, jede mit demselben Stop:

VarianteGewinnmitnahmeStop-Loss
V20ganze Position bei −20 %Einstieg × 1,15
V30 ★ganze Position bei −30 %Einstieg × 1,15
V40ganze Position bei −40 %Einstieg × 1,15
Staffelje ⅓ bei −20 / −30 / −40 %Einstieg × 1,15 für den Rest

★ = vorab festgelegte Primärvariante.

Die Tages-Ausführungslogik ist bis ins Detail gegen die Position gewählt: Liegt die Eröffnung schon über dem Stop, wird zur Eröffnung eingedeckt; sonst zählt im Handelsverlauf, was zuerst berührt wird.

„Erst Eröffnung, dann Handelsverlauf. Treffen Stop und Gewinnschwelle am selben Tag zusammen, gilt der Stop zuerst."

Wörtliche Ausführungsregel des Backtests — die ungünstigere Lesart wird bevorzugt, wenn ein Handelstag beide Schwellen berührt. In der Primärvariante hat diese Regel in keinem einzigen Trade tatsächlich entschieden.

Ergänzend gilt: kein Zeitausstieg (eine Position bleibt offen, bis eine der drei Schwellen greift oder die Firma delistet wird), und kein Wiedereinstieg, solange das Trio ununterbrochen aktiv bleibt.

Die Ergebnisse: acht handelbare Läufe

Im Universum „handelbar" — also dort, wo ein Privatanleger real hätte leerverkaufen können — sind alle acht Kombinationen aus enger/breiter Signal-Fassung und den vier Zielmarken im Ergebnis durchwachsen bis negativ:

LaufnTPSLDelTP-Quote95-%-KIGewinnquoteØ % je TradeMedian %Equity
eng · V30 ★611837629,51 %19,6–41,931,15 %−1,55−15,57−0,945
eng · V20612134634,43 %23,8–47,036,07 %−2,86−15,57−1,746
eng · V40611540624,59 %15,5–36,726,23 %−0,23−15,57−0,141
eng · Staffel611540624,59 %15,5–36,731,15 %−1,55−15,57−0,944
breit · V20873446739,08 %29,5–49,640,23 %−1,29−15,57−1,123
breit · V30872951733,33 %24,3–43,834,48 %−0,02−15,57−0,021
breit · V40872654729,89 %21,3–40,231,03 %+2,13−15,57+1,853
breit · Staffel872654729,89 %21,3–40,234,48 %+0,27−15,57+0,236

n = eröffnete Trades · TP/SL/Del = Gewinnmitnahme / Stop-Loss / Eindeckung bei Delisting · Ø % und Equity gedeckelt bei −100 % je Trade · Equity = Summe der Trade-Renditen bei 1 Einheit Einsatz je Trade. „eng" = Live-Scanner-Fassung des Signals, „breit" = weitere Fassung aus der Erststudie als Robustheitsprüfung.

Nur zwei der acht Läufe stehen überhaupt im Plus, und beide hauchdünn: breit · V40 mit +2,13 Prozent und breit · Staffel mit +0,27 Prozent je Trade. Die vorab festgelegte Primärvariante — die einzige, die vor der Rechnung feststand — liegt bei −1,55 Prozent.

Im Universum „alle" sieht es auf den ersten Blick besser aus: Dort liegt der gedeckelte Mittelwert für alle acht Läufe zwischen +1,12 und +1,85 Prozent je Trade, und auch die gedeckelte Equity-Summe — bei −100 Prozent je Trade abgeschnitten, wie es die Fußnote der Tabelle oben definiert — endet über alle acht Läufe positiv, zwischen +4,351 und +9,310 Einheiten. Aber „alle" enthält jeden Auslöser, auch bei Aktien, die praktisch niemand tatsächlich leerverkaufen kann — extrem dünn gehandelte Kleinstwerte unter einem Dollar. Und genau dort kippt das Bild: Ohne den Deckel, also mit den tatsächlichen Trade-Renditen gerechnet, endet dieselbe Equity-Summe über alle acht Läufe negativ, zwischen −3,959 und −8,070 Einheiten. Ursache sind sechs bis sieben Trades je Lauf — sieben verschiedene Firmen —, die einzeln unter −100 Prozent Verlust fielen; bei einem Leerverkauf gibt es keine Verlustgrenze nach oben, schlimmster Fall GWTI mit −814,55 Prozent. Auf dem Papier, mit gedeckeltem Risiko, sieht das Universum „alle" gut aus; ungedeckelt, also mit dem tatsächlichen Risiko eines Leerverkaufs, ist es ruinös. Das Universum „alle" ist damit kein Gegenbeweis, sondern ein Hinweis auf genau das Problem, das das Universum „handelbar" ausschließen soll.

Die Zerlegung: warum es scheitert

Die Erwartungswert-Rechnung der Primärvariante macht sichtbar, woran es liegt:

GrößeWert
Trefferquote (Gewinnmitnahme)29,51 % · KI 19,56–41,89 %
Gewinnquote (alle Trades > 0)31,15 %
Ø Gewinn je Gewinntrade+28,63 %
Ø Verlust je Verlusttrade−15,20 %
Erwartungswert je Trade−1,55 %
Nötige Trefferquote für Ø = 0≈ 34,7 %
Stop-Quote60,66 % (37 von 61 Trades)

Die Rechnung geht auf: 0,3115 × 28,63 + 0,6885 × (−15,20) = −1,55. Bei einem Gewinn/Verlust-Verhältnis von rund 28,6 zu 15,2 wäre eine Trefferquote von etwa 34,7 Prozent nötig, um bei null herauszukommen. Erreicht wurden 29,51 Prozent — die Lücke ist klein, aber sie reicht, um aus einem prognostisch starken Signal einen verlustreichen Trade zu machen. Gut drei Fünftel aller Positionen (60,66 Prozent) enden im Stop-Loss, bevor der erhoffte Kursverfall überhaupt beginnt.

Die Squeeze-Anatomie dahinter: Als Robustheitsprüfung wurde derselbe Lauf ein zweites Mal gerechnet — mit einem Stop, der nur auf Schlusskursbasis auslöst, keine kurzen Tagesspitzen mehr. Das Ergebnis ist aufschlussreich: Die Trefferquote steigt um gut acht Punkte auf 37,70 Prozent (KI 26,6–50,2), weil viele Stopps im Handelsverlauf tatsächlich durch kurzzeitige Gegenbewegungen ausgelöst werden — genau das Muster eines Short-Squeezes bei einem stark geshorteten Kleinstwert. Der Erwartungswert wird dadurch aber nicht besser, sondern sinkt auf −2,66 Prozent: Wer diese kurzen Spitzen aussitzt, fängt sich anschließend größere Verluste ein, die den Vorteil aus den vermiedenen Fehlauslösungen mehr als aufzehren. Der Intraday-Stop ist damit nicht die Ursache des schwachen Ergebnisses — er verschiebt das Problem nur.

Ein weiterer Baustein: Rund jeder zehnte Einstieg der Primärvariante (9,84 Prozent, 6 von 61) folgt auf einen Tagesrückgang von mindestens 10 Prozent und unterläge damit in der Praxis der US-Short-Sale-Restriction — Leerverkauf nur noch oberhalb des besten Geldkurses. Der Backtest führt solche Einstiege normal aus, was das Ergebnis eher zugunsten der Strategie verzerrt.

Leihkosten: die entscheidende Größe

Ein Leerverkauf kostet Aktienleihe. Schon eine mittlere Gebühr macht aus einem schwachen Ergebnis ein eindeutiges:

Leihsatz p. a.Ø Rendite je TradeMedianGewinnquoteEquity-Endstand
0 %−1,55 %−15,57 %31,1 %−0,945
50 %−15,42 %−16,53 %29,5 %−9,404
100 %−29,28 %−18,89 %24,6 %−17,863
250 %−70,88 %−24,18 %14,8 %−43,239

Über alle acht handelbaren Läufe hinweg sind sechs schon ohne jede Leihgebühr im Minus. Die zwei positiven Ausreißer kippen bei geringen Sätzen: breit · V40 bei 7,4 Prozent pro Jahr, breit · Staffel bereits bei 0,9 Prozent. Und ausgerechnet die Titel in diesem Test — überwiegend Kleinstwerte in Bilanznot — sind genau die Gruppe, bei der Aktienleihe teuer ist, nur in kleinen Stückzahlen zur Verfügung steht oder mitten in der Position durch einen Buy-in zurückgerufen werden kann. Der Backtest kann diese Verfügbarkeit nicht messen, aber er zeigt: Der rechnerische Vorteil ist so klein, dass er in den ersten Prozentpunkten Leihgebühr bereits verschwindet.

Die sechs Delisting-Ausstiege

Sechs der 61 Trades der Primärvariante endeten nicht durch Gewinnmitnahme oder Stop, sondern weil die Firma von der Börse genommen wurde. Ein Blick auf die Einzeltrades zeigt: Das ist kein verlässlicher Zusatzgewinn. Nur eine dieser sechs Positionen — ein operativer Kleinstwert um 4 US-Dollar — schloss im Plus, mit +1,23 Prozent. Die übrigen fünf waren SPAC-Mäntel, die zum oder nahe ihrem Treuhandwert von rund 10 US-Dollar abgewickelt wurden, mit Verlusten zwischen −1,0 und −11,1 Prozent. Das Insolvenz-Trio reagiert bei diesen Fällen offenbar auf das absehbare Ende einer SPAC-Frist, nicht auf eine echte operative Pleite — ein Muster, das die reine Zählung „Delisting = Erfolg" verdecken würde.

Vergleich zur Erststudie: Signal stark, Rezeptur schwach

Die Erststudie hat für die besten Zweierkombinationen von Warnsignalen gezeigt: 31 bis 47 Prozent der Auslösungen führten binnen drei Monaten zu einem Kursrückgang von 30 Prozent — gegenüber 9,8 Prozent bei vergleichbaren Aktien ohne Signal. Das ist ein Vorsprung um das Drei- bis Vierfache, und er hält sich über den gesamten Beobachtungszeitraum. An dieser Aussage ändert dieser Backtest nichts.

Was er zeigt, ist die Kluft zwischen dieser Vorhersagekraft und einer handelbaren Rendite. Ein statistischer Vorsprung sagt nichts darüber, ob eine feste Handelsregel ihn auch tatsächlich einfängt — dafür müssen Trefferquote und Auszahlungsverhältnis zusammenpassen, die Ausführung realistisch bleiben und die Kosten unter dem Vorteil liegen. Bei diesem einen, sorgfältig geprüften Regelwerk ist genau das nicht der Fall: Der enge Stop bei 15 Prozent kappt zu viele Gewinner vorzeitig, während die verbleibenden Gewinner den Rest nicht tragen.

Was daraus folgt — und was nicht

Dieser Backtest ist kein Beleg, dass sich die Aktien im Insolvenz-Trio grundsätzlich nicht gewinnbringend leerverkaufen lassen. Er ist ein Beleg dafür, dass diese eine mechanische Rezeptur — feste Ziele bei 20, 30 oder 40 Prozent, ein Stop bei 15 Prozent, kein Zeitausstieg — nach realistischen Kosten verliert. Über andere Ausstiegsregeln (nachgezogener Stop, Zeit-Exit, Positionsgrößen nach Signalstärke) oder über Optionsstrategien statt Leerverkauf sagt der Backtest nichts; sie waren nicht Teil des Auftrags.

Ein methodischer Vorbehalt gehört zwingend dazu:

„Das Trio wurde auf denselben Daten ausgewählt, auf denen hier gemessen wird."

P4, P5 und Z4 stammen aus der Erststudie, die dieselbe Signal- und Kurshistorie ausgewertet hat. Dieser Backtest ist deshalb konfirmatorisch — er prüft, ob die Regel auf ihrer eigenen Datengrundlage Geld ergeben hätte. Er ist kein Beleg außerhalb der Stichprobe und keine Prognose.

Dass das Ergebnis selbst in dieser für die Strategie günstigsten Konstellation — die eigene Datengrundlage, ex post ausgewählt — im Minus liegt, ist die eigentliche Nachricht dieses Backtests.

Grenzen dieser Studie

Fast drei Fünftel der Primärvariante (59,02 Prozent, 36 von 61 Trades) fallen in die Jahre 2021 und 2022 — die Nach-Corona-Spekulationswelle mit anschließender Zinswende. Das Ergebnis ist damit im Wesentlichen die Aussage über eine einzelne Marktphase, nicht über 14 gleichmäßig verteilte Jahre. In dieser Phase lag die Trefferquote sogar unter dem Gesamtdurchschnitt. Zugleich gibt es keine Einzelfirma, die das Ergebnis trägt: 57 Firmen auf 61 Trades, höchstens drei Trades je Firma, nur drei Firmen überhaupt mehrfach vertreten.

Die Primärvariante hält am Höchststand 16 Positionen gleichzeitig (18.04.2022) — der Kapitalbedarf, den eine Umsetzung hätte tragen müssen, und mit Blick auf die Konzentration auf 2021/22 sind diese Positionen nicht unabhängig voneinander. Die Kursrechnungen berücksichtigen zudem keine Prüfung der tatsächlichen Leihbarkeit im Einzelfall und keinen Slippage über die pauschalen 0,5 Prozent Ausführungskosten hinaus.

Update vom 26.08.2026: Vom Absturztag zum Tranchen-Short

Die Rezeptur oben steigt erst Tage oder Wochen nach dem eigentlichen Kurssturz ein, mit festen Zielen bei 20, 30 oder 40 Prozent und einem Stop 15 Prozent über dem Einstieg. Ein zweiter, komplett eigenständig vorregistrierter Backtest stellt eine andere Frage: Ist der Absturztag selbst — der Tag, an dem schlechte Quartalszahlen den Kurs zweistellig einbrechen lassen — ein brauchbarer Short-Einstieg, wenn man sofort zum Schlusskurs shortet und den Stop auf das Tageshoch desselben Tages legt? Und bringt ein gestaffelter Positionsaufbau in mehreren Tranchen etwas gegenüber einer einzigen Position?

Der neue Lauf deckt 2011 bis 2026 ab und verwendet dieselben drei Warnsignale (P4 „Zahlen nicht verlässlich", P5 „Fortbestandszweifel" und Z4 „kurzfristige Schulden nicht gedeckt"), verlangt aber, dass alle drei gleichzeitig in den zwölf Monaten vor dem Absturztag aktiv waren, und zählt nur Absturztage mit mindestens 10 Prozent Kursrückgang zum Vortag — sowohl im rohen als auch im bereinigten Kurs, damit ein bloßer Aktiensplit keinen Treffer auslöst. Wie üblich wurde das Design vor der Rechnung schriftlich festgelegt (vorregistriert), damit im Nachhinein kein passendes Ergebnis ausgesucht werden konnte.

Der Ausgangstest: Stop am Tageshoch scheitert erneut

Die naheliegendste Regel ist auch hier die strengste: Short zum Schlusskurs des Absturztages, Stop am Tageshoch desselben Tages, Ausstieg spätestens nach 40 Handelstagen. Über 76 Auslösungen aus 32 Firmen (2011–2026) kommt dabei ein Durchschnitt (Ø) von +2,2 Prozent heraus, aber ein Median von −9,8 Prozent.

Durchschnitt und Median sind hier bewusst beide genannt, weil sie ein anderes Bild zeichnen: Der Durchschnitt zählt alle 76 Ergebnisse zusammen und verteilt sie gleichmäßig — einzelne sehr gute Ausreißer ziehen ihn stark nach oben. Der Median ist der typische, mittlere Fall: Die eine Hälfte der 76 Trades lag darüber, die andere darunter. Dass der Durchschnitt positiv, der Median aber deutlich negativ ist, zeigt genau dieses Muster — wenige starke Gewinner ziehen den Durchschnitt nach oben, während der typische Trade verliert.

Der Grund ist derselbe wie in der Rezeptur oben: Der Stop löst in 61 Prozent aller 76 Trades aus, bevor der erhoffte Kursverfall überhaupt beginnt. Ein Blick auf genau diese ausgestoppten Fälle liefert dazu einen wichtigen Beleg: Ohne den Stop wären sie im Schnitt bei ungefähr null gelandet, ein Teil davon (17 von 33 nachgerechneten Fällen) sogar im Gewinn. Der Stop ist damit nicht die Bremse gegen Verluste, für die er gedacht ist — er kostet in der Mehrzahl der Fälle Geld, das ohne ihn nicht verloren gegangen wäre.

Ohne Stop dreht das Bild

Was passiert, wenn der Stop einfach wegfällt und die Position die volle Haltezeit von 40 Handelstagen durchgehalten wird? Über 58 Fälle aus denselben 32 Firmen kommt ein Durchschnitt von +9,9 Prozent heraus, ein Median von +14,1 Prozent, bei einer Trefferquote von 60 Prozent. Das statistische Vertrauensband (95 Prozent) für den Durchschnitt reicht von +0,7 bis +18,7 Prozent — würde man den Test gedanklich sehr oft mit neuen Zufallsstichproben aus denselben Daten wiederholen, läge der wahre Durchschnitt in 95 von 100 solcher Wiederholungen in diesem Band. Dass die Untergrenze nur knapp über null liegt, zeigt: Der positive Befund ist echt, aber nicht überwältigend sicher.

Die Hüpfer-Erkenntnis: nicht auf Erholung warten

Naheliegend wäre, nicht sofort am Absturztag einzusteigen, sondern erst zu warten, bis sich der Kurs etwas erholt hat (ein „Hüpfer"), und erst zu shorten, wenn diese Erholung wieder abbricht. Genau das wurde geprüft, mit mehreren Erholungsschwellen und zwei Einstiegsvarianten. Das Ergebnis spricht eindeutig dagegen: Die Fälle, die durch das Warten auf eine Erholung ausgeschlossen wurden, weil der Kurs eben nicht erst hüpfte, sondern gleich weiter durchsackte, waren im Schnitt die besten — je nach Erholungsschwelle zwischen +16,8 und +21,4 Prozent im Durchschnitt, mit einem Vertrauensband für diesen Durchschnitt, das komplett im Plus liegt. Das heißt nicht, dass jeder Einzelfall gewann — auch hier reichte die Spanne bis zum Totalverlust —, aber im Schnitt wirft, wer auf den Hüpfer wartet, genau die stärksten Fälle weg. Ein zweiter Befund verstärkt das: Jeder getestete Stop machte das Ergebnis jeder einzelnen Zelle schlechter als dieselbe Zelle ohne Stop, je nach Erholungsschwelle und Einstiegsvariante um 7 bis 24 Prozentpunkte.

Hauptergebnis: Tranchen-Aufbau ohne Stop trägt

Die stärkste Idee aus den bisherigen Befunden lässt sich kombinieren: kein Stop, dazu ein gestaffelter Einstieg in mehreren Tranchen statt einer einzigen Position auf einen Schlag. Statt der gesamten geplanten Position sofort short zu gehen, wird sie in Teile zerlegt, jede mit eigenem Einstiegskurs und eigener 40-Handelstage-Uhr; im Rechenmodell ist der Verlust je Tranche bei −100 Prozent des Einsatzes dieser Tranche gedeckelt. Die getesteten Rezepte unterscheiden sich darin, WANN die zweite und dritte Tranche dazukommen: Rezept S1 legt automatisch nach, sobald der Kurs seit der letzten Tranche um weitere 15 Prozent gestiegen ist — also gegen die Short-Position, in der Hoffnung, dass der Kursverfall danach doch noch kommt. Die stärkste einzelne Zelle dagegen legt die zweite Tranche nur nach einer echten Bestätigung nach: erst wenn der Kurs sich zunächst erholt (der „Hüpfer") und diese Erholung anschließend wieder nach unten kippt.

RezeptnTrefferquoteØ je TradeMedian95-%-Bereich (Durchschnitt)
S1 — 3 Tranchen, automatisches Nachlegen bei je +15 % Anstieg gegen die Position5570,9 %+16,0 %+17,2 %+7,6 … +24,1 %
Stärkste Zelle — 2 Tranchen (sofort + nach Hüpfer-Schwäche), gemeinsamer Ausstieg 60 Handelstage4973,5 %+19,6 %+25,8 %+9,1 … +29,9 %

n = Anzahl der Fälle · Ø und Median je auf das in der jeweiligen Tranche tatsächlich eingesetzte Kapital gerechnet · 95-%-Bereich = Vertrauensband des Durchschnitts (siehe Erklärung oben).

Beim Rezept S1 (drei Tranchen, automatisches Nachlegen bei je 15 Prozent Anstieg gegen die Position) liegt der Durchschnitt bei 55 Fällen aus 32 Firmen bei +16,0 Prozent, ohne das Jahr 2020 gerechnet bei +15,9 Prozent — praktisch unverändert, das Jahr 2020 verzerrt dieses Ergebnis also kaum. Die stärkste einzelne Zelle kombiniert zwei Tranchen — eine sofort am Absturztag, eine weitere erst nach einer kurzen Erholung, die wieder abbricht — mit einem gemeinsamen Ausstieg nach 60 Handelstagen für beide Tranchen zusammen: 49 Fälle, 73,5 Prozent Trefferquote, +19,6 Prozent Durchschnitt, +25,8 Prozent Median.

Diese Zahlen rechnen gegen das Kapital, das in der jeweiligen Tranche tatsächlich eingesetzt wurde. Wer das Geld für alle geplanten Tranchen von vornherein bereithalten muss — auch für die Tranchen, die am Ende gar nicht gefüllt werden, weil der Kurs sich anders entwickelt als erwartet —, kommt auf realistischere, aber niedrigere Werte: gerechnet auf das insgesamt vorgehaltene Kapital sinkt die Rendite auf rund +7 bis +9 Prozent.

Ehrlichkeit und Risiko: was dagegen spricht

Ein deutlich besseres Ergebnis nach einer Regeländerung verdient besondere Vorsicht, nicht weniger. Diese Punkte gehören zu jeder ehrlichen Einordnung des Updates:

  • Selten. Nur rund 5 Signale im Jahr, 32 Firmen in 15 Jahren — keine Strategie für den täglichen Handel.
  • Konzentriert. 45 Prozent aller Fälle fallen allein in die Jahre 2021 und 2022, die Nach-Corona-Spekulationswelle mit anschließender Zinswende — kein Ergebnis über gleichmäßig verteilte 15 Jahre.
  • Zwischenzeitliches Risiko — deutlich größer als das Endergebnis zeigt. Unterwegs, während die Position noch offen war, stand sie bei Rezept S1 im Mittel der Fälle bei einem Buchverlust von rund −11 Prozent des eingesetzten Kapitals (Median) — das ist der schlechteste Zwischenstand auf dem Papier, nicht das Endergebnis, und er gilt für alle Fälle, nicht nur für die, die am Ende gewannen. Im schlechtesten Zehntel aller Fälle erreichte dieser zwischenzeitliche Buchverlust rund −47 Prozent, und der schlimmste Einzelfall — ein Short-Squeeze — stand zwischenzeitlich bei rund −765 Prozent des in dieser Tranche eingesetzten Kapitals auf dem Papier, bevor die Position endgültig abgerechnet wurde. Das ist kein realisiertes Endergebnis (die Rechnung deckelt den tatsächlichen Verlust je Tranche bei −100 Prozent), sondern zeigt: Wer während der Haltezeit nicht durchhält oder aus Sorge zwischenzeitlich eindeckt, kann einen Buchverlust erleiden, der um ein Vielfaches größer aussieht als das, was die Strategie am Ende tatsächlich verliert — bei einem Leerverkauf gibt es unterwegs keine natürliche Grenze nach oben.
  • Leihgebühren. Mit 25 Prozent pro Jahr eingerechnet, marktüblich für diese Art Kleinstwerte in Bilanznot. Die Gewinnschwelle liegt je nach Rezept bei rund 86 bis 102 Prozent pro Jahr Leihgebühr — ob diese Leihe im Einzelfall tatsächlich verfügbar gewesen wäre, prüft der Backtest nicht.
  • Ausführungsrisiko. Bei einem zweistelligen Tagesverlust greift in den USA häufig die Short-Sale-Restriction (Uptick-Regel): Leerverkäufe sind dann nur noch oberhalb des besten Geldkurses erlaubt, was die sofortige Ausführung zum Schlusskurs erschweren oder verhindern kann.
  • In-Sample-Vorbehalt. Das Trio wurde auf denselben Daten ausgewählt, auf denen hier erneut gemessen wird — derselbe methodische Vorbehalt wie bei der Rezeptur oben.

Wer die aktuellen Auslösungen des Insolvenz-Trios weiterverfolgen möchte, findet sie laufend aktualisiert im Scanner Insolvenz-Studie-Trio — keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung, sondern eine laufend aktualisierte Übersicht der historischen Auslösungen.

Die Ergebnistabelle mit allen 32 Läufen, den Einzeltrades und der vollständigen Jahresverteilung steht im laufend aktualisierten Scanner Insolvenz-Studie-Trio. Die zugrundeliegende Vorhersagekraft der drei Warnsignale — unabhängig von jeder Handelsregel — steht in der ersten Insolvenz-Studie. Beide und alle weiteren eigenen Auswertungen stehen in der Rubrik Studien.

Stand der Zahlen des Updates: 26. August 2026.

Dieser Beitrag ist eine historische Auswertung und keine Anlageberatung. Er enthält keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung und keine Prognose; einzelne namentlich genannte Titel dienen ausschließlich der Veranschaulichung historischer Kursmuster. Wer Anlageentscheidungen trifft — insbesondere Leerverkäufe, die ein unbegrenztes Verlustrisiko tragen —, sollte die eigene Lage und die eigenen Risiken prüfen, im Zweifel mit fachlicher Beratung.

Häufige Fragen

Mit dieser festen Handelsregel — Ziel bei 20, 30 oder 40 Prozent Kursrückgang, Stop bei 15 Prozent über dem Einstieg — nicht. Die vorab festgelegte Primärvariante kommt auf einen Erwartungswert von −1,55 Prozent je Trade, alle drei anderen Zielmarken sind im selben Universum ebenfalls im Minus. Das Signal selbst ist davon unberührt, siehe die Erststudie.

Die Primärvariante enthält 61 Leerverkäufe zwischen dem 30.03.2012 und dem 16.03.2026, aus 57 Unternehmen mit höchstens drei Trades je Firma. Insgesamt wurden 32 Kombinationen aus zwei Signal-Fassungen, vier Zielmarken, zwei Universen und zwei Stop-Basen gerechnet — survivorship-frei inklusive heute delisteter Titel.

Weil Trefferquote und Auszahlungsverhältnis nicht zusammenpassen. Nötig wäre eine Trefferquote von rund 34,7 Prozent, erreicht wurden 29,51 Prozent Gewinnmitnahmen beziehungsweise 31,15 Prozent aller Trades mit positivem Ergebnis. Der Stop bei nur 15 Prozent über dem Einstieg wird in 60,66 Prozent aller 61 Trades ausgelöst.

Eine entscheidende. Schon bei 0 Prozent Leihe ist die Primärvariante im Minus; bei 50 Prozent pro Jahr — für Kleinstwerte in Bilanznot keine Seltenheit — fällt der Erwartungswert auf −15,42 Prozent je Trade. Sechs der acht handelbaren Läufe sind bereits ganz ohne Leihgebühr negativ.

Sechs der 61 Trades der Primärvariante endeten, weil die Firma delistet wurde. Nur eine davon — ein operativer Kleinstwert — schloss im Plus (+1,23 Prozent). Die übrigen fünf waren SPAC-Mäntel, die nahe ihrem Treuhandwert von rund 10 US-Dollar abgewickelt wurden, mit Verlusten zwischen −1,0 und −11,1 Prozent.

Nein. Es ist ein Beleg dafür, dass genau diese eine feste Handelsregel — Ziel 20/30/40 Prozent, Stop 15 Prozent, kein Zeitausstieg — nach Kosten verliert. Über andere Ausstiegsregeln, Positionsgrößen nach Signalstärke oder Optionsstrategien statt Leerverkauf sagt der Backtest nichts; sie waren nicht beauftragt.

Die Erststudie misst, wie gut die Warnsignale eine spätere Insolvenz vorhersagen — dort erreichen die besten Kombinationen binnen drei Monaten in 31 bis 47 Prozent der Fälle einen Kursrückgang von 30 Prozent, gegenüber 9,8 Prozent bei vergleichbaren Aktien ohne Signal. Dieser Backtest misst etwas anderes: ob eine feste, vorab definierte Handelsregel aus diesem Vorsprung tatsächlich Geld gemacht hätte. Vorhersagekraft und handelbare Rendite sind zwei verschiedene Dinge.

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