Momentum im Rücktest: Der typische Gewinner-Titel bringt 2,2 % in sechs Monaten, das Mittelfeld 4,3 % bis 4,6 %
Die bekannteste Anomalie der Finanzmarktforschung ist zugleich eine der am häufigsten missverstandenen: „Kaufe Gewinner, meide Verlierer" klingt nach einer einfachen Regel, aber Jegadeesh und Titman haben 1993 etwas Präziseres gemessen — ein Dezil, keinen Einzeltitel, und einen Durchschnitt, kein Versprechen für den nächsten Kauf. Wir haben das Original-Rezept auf einem Kursbestand von 17.544 US-Aktien von 2011 bis 2026 nachgerechnet, dazu eine zweite, unabhängig vorregistrierte Hausthese: dass man stark gestiegene Aktien besser meidet. Das Ergebnis ist zweigeteilt. Das klassische 12-1-Momentum trägt im Mittel bis sechs Monate fast perfekt, der typische Gewinner-Titel bleibt aber in jedem Horizont hinter dem Mittelfeld zurück, und das handelbare Überlappungs-Depot verpasst den Vergleichsindex knapp. Die Anstiegs-Bremse dagegen scheitert eindeutig — in allen neun getesteten Zellen.
Die Frage: Trägt das Original-Rezept, und lohnt die Vorsicht?
1993 veröffentlichten Narasimhan Jegadeesh und Sheridan Titman einen der meistzitierten Befunde der Kapitalmarktforschung: Aktien, die in den vergangenen Monaten am stärksten gestiegen sind, schlagen im Mittel die schwächsten — über Haltefristen von drei bis zwölf Monaten. Wir haben diese Frage auf einem Kursbestand von 17.544 US-Aktien über den Zeitraum April 2011 bis Juli 2026 nachgerechnet — je Stichtag waren davon zwischen 3.221 und 4.075 Titel zulässig. Gerechnet wird mit der heute üblichen 12-1-Konvention — „12-1" steht für die Rendite der vergangenen zwölf Monate, wobei der jüngste, also der zwölfte Monat, ausgelassen wird. Diese Definition folgt Carhart (1997) und dem Momentum-Faktor der Fama-French-Datenbibliothek.
Dazu kam eine zweite, unabhängig davon vorregistrierte Frage aus der eigenen Redaktion: Lohnt es sich, Titel zu meiden, die bereits stark gestiegen sind — über drei, sechs oder zwölf Monate um mehr als 10, 15 oder 30 Prozent? Diese „Anstiegs-Bremse" hat kein Vorbild in der Originalliteratur; sie prüft eine plausible Intuition, keinen etablierten Faktor.
Die Grenze dieses Rückblicks vorweg: Die Kursdaten beginnen im April 2010. Der Momentum-Crash von 2009 — der bekannteste Ausfall dieser Strategie, dokumentiert bei Daniel und Moskowitz (2016) — liegt vor dem Datenfenster und ist hier nicht gemessen, nur zitiert. Wer aus diesen Zahlen auf die Robustheit des Faktors über alle Marktphasen schließt, überschätzt sie.
Das Ergebnis in vier Zahlen
Ist es eine gute Idee, auf stark gestiegene Aktien zu setzen — oder sie im Gegenteil zu meiden? Wir haben beides gegen den US-Aktienmarkt der vergangenen rund 15 Jahre getestet (2011 bis 2026): das klassische Momentum-Rezept und die Gegenregel „Anstiegs-Bremse". Vier Zahlen tragen das Ergebnis:
- 15,36 % pro Jahr brachte das klassische Momentum-Depot (die stärksten Aktien der letzten zwölf Monate, jeweils sechs Monate gehalten), vor Kosten.
- 15,69 % brachte der S&P 500 samt Dividenden in genau denselben Monaten — das Rezept bleibt also dahinter.
- 2,2 % brachte die typische Aktie aus dem obersten Zehntel über sechs Monate — weniger als die typische Aktie des Gesamtmarkts (3,7 %). Der gute Durchschnitt lebt allein von wenigen Überfliegern.
- 9,6 % pro Jahr brachte die beste der neun Varianten der Anstiegs-Bremse („stark gestiegene Aktien meiden") — der ungefilterte Markt brachte 10,1 %. Das Meiden kostete in allen neun Varianten Rendite, ohne das Risiko zu senken.
Ein starker Kursanstieg allein war im getesteten Fenster weder ein Kauf- noch ein Warnsignal — der Index kam in denselben Monaten auf etwas mehr, bei deutlich geringerer Schwankung.
Der Klassiker: Mittelwert oben, Median unten
Je Stichtag wird das zulässige Universum nach der 12-1-Rendite in zehn gleich große Gruppen geteilt. Eine solche Gruppe heißt Dezil — ein Zehntel aller Titel: Dezil 10 sind die zehn Prozent mit der stärksten Rendite, Dezil 1 die zehn Prozent mit der schwächsten. Ausgewiesen ist die Rendite der Kohorte über die jeweilige Haltefrist — Mittel, Median und ein um die äußersten 5 % je Seite getrimmtes Mittel.
| Dezil | 1 Monat | 3 Monate | 6 Monate | 12 Monate |
|---|---|---|---|---|
| 1 (schwach) | 0,6 % | 2,0 % | 5,5 % | 15,5 % |
| 5 (Mitte) | 0,9 % | 2,8 % | 5,9 % | 12,3 % |
| 6 (Mitte) | 1,0 % | 3,0 % | 6,0 % | 12,1 % |
| 10 (stark) | 1,4 % | 4,0 % | 7,5 % | 14,9 % |
| Universum | 0,9 % | 2,9 % | 6,0 % | 12,9 % |
| Vergleichsindex (S&P 500 TR) | 1,2 % | 3,6 % | 7,3 % | 15,2 % |
| Dezil | 1 Monat | 3 Monate | 6 Monate | 12 Monate |
|---|---|---|---|---|
| 1 (schwach) | −0,6 % | −1,0 % | −0,9 % | 1,8 % |
| 5 (Mitte) | 0,7 % | 2,1 % | 4,3 % | 8,9 % |
| 6 (Mitte) | 0,8 % | 2,2 % | 4,6 % | 9,0 % |
| 10 (stark) | 0,3 % | 0,9 % | 2,2 % | 4,1 % |
| Universum | 0,5 % | 1,7 % | 3,7 % | 7,8 % |
Drei Beobachtungen gehören zusammen:
- Im Mittel steigt die Rendite mit dem Dezil — bis sechs Monate Haltefrist fast perfekt monoton. Über sechs Monate bringt das stärkste Dezil 7,5 % gegen 5,5 % im schwächsten. Über zwölf Monate dreht sich das Bild: Dort liegt das schwächste Dezil mit 15,5 % vor dem stärksten (14,9 %). Diese Langfrist-Umkehr haben De Bondt und Thaler (1985) für Horizonte von drei bis fünf Jahren beschrieben — hier ist sie schon auf Jahressicht sichtbar.
- Der typische Gewinner-Titel ist kein Gewinner. Der Median des stärksten Dezils liegt über sechs Monate bei 2,2 % — deutlich unter den Medianen der beiden Mittelfeld-Dezile 5 und 6 (4,3 % und 4,6 %). Schneidet man die äußersten 5 % je Seite weg, fällt das stärkste Dezil mit 4,8 % hinter dieselben beiden Dezile (5,0 % und 5,0 %) zurück.
- Der Vorsprung im Mittel kommt aus der rechten Flanke — aus wenigen sehr großen Gewinnern, nicht aus der Regel. Über zwölf Monate schlägt das stärkste Dezil den Vergleichsindex in nur 41,9 % der 172 Kohorten (72 von 172).
Das ist kein Widerspruch, sondern die Beschreibung eines schiefen Ergebnisses: Wer das komplette Dezil gleichgewichtet hält, bekommt den Mittelwert. Wer einzelne Titel daraus auswählt, bekommt mit überwiegender Wahrscheinlichkeit den Median — und der liegt beim stärksten Dezil unter dem des Mittelfelds. Wer sich die aktuell stärksten Titel nach relativer Stärke ansehen will, findet sie in unserem laufenden RS-Leader-Scanner; er bildet die Momentum-Auswahl ab, ersetzt aber nicht die hier gezeigte Grenze zwischen Mittelwert und typischem Ergebnis.
„We find that the profitability of these strategies are not due to their systematic risk or to delayed stock price reactions to common factors. […] The evidence is, however, consistent with delayed price reactions to firm-specific information."
„Wir stellen fest, dass die Profitabilität dieser Strategien weder auf ihr systematisches Risiko noch auf verzögerte Kursreaktionen auf gemeinsame Faktoren zurückgeht. […] Die Belege sind aber mit verzögerten Kursreaktionen auf firmenspezifische Informationen vereinbar."
— Jegadeesh, N. / Titman, S.: „Returns to Buying Winners and Selling Losers", Journal of Finance 48(1), 1993, Zusammenfassung S. 65 und S. 89
Drei Gegenproben
Ohne Preis- und Liquiditätsfilter wird der Abstand zwischen den Rändern größer, nicht kleiner: über sechs Monate 8,6 % im stärksten gegen 3,7 % im schwächsten Dezil. Der Median des stärksten Dezils liegt dann aber nur bei 1,1 %. Der Zuwachs stammt aus Titeln, die in der gerechneten Größe niemand kaufen könnte — ein Rechenergebnis, keine erzielbare Rendite.
Mit Totalverlust statt letztem Kurs für verschwundene Titel kippt der Vorteil des stärksten Dezils: über sechs Monate 2,7 % gegen 3,0 % im schwächsten Dezil (Universum 3,3 %), über zwölf Monate 7,0 % gegen 8,7 % (Universum 7,2 %). Die Wahrheit liegt zwischen der freundlichen Annahme — letzter Kurs, sie steht in allen anderen Zahlen dieser Studie — und dieser harten Annahme. Der Unterschied zeigt, wie viel Gewicht auf wenigen Delisting-Fällen liegt.
Die Umkehr im letzten Monat — die klassische Kurzfrist-Umkehr-Hypothese (Jegadeesh 1990) — ist in diesem Bestand nicht handelbar: Vormonats-Verlierer bringen im Mittel 0,7 % im Folgemonat, Vormonats-Gewinner 0,9 %; das Mittelfeld liegt darüber (Dezil 6: 1,0 %), und das beste Dezil dieses Laufs ist mit Dezil 3 (1,0 %) weder der eine noch der andere Rand. Eine Konträrstrategie hätte hier keine Grundlage.
Die Anstiegs-Bremse: sie kostet Rendite UND Sicherheit
Die zweite, unabhängig davon vorregistrierte These stammt aus der eigenen Redaktion: Wer Aktien meidet, die bereits stark gestiegen sind, sollte ruhiger und besser fahren. Geprüft wurden neun Zellen — meiden, wer über drei, sechs oder zwölf Monate mehr als 10, 15 oder 30 Prozent gestiegen ist. Je Zelle stehen das gebremste Universum, der Spiegelarm (genau die ausgeschlossenen Titel) und das volle gleichgewichtete Universum als Maßstab nebeneinander — alle drei auf der vollen Reihe von 183 Monaten. Dort kommt das Universum auf 10,1 % pro Jahr, bei einer Sharpe-Kennzahl von 0,61 (sie setzt Rendite ins Verhältnis zum eingegangenen Risiko — je höher, desto besser) und einem größten Rückgang von 32,1 % (auch MaxDD genannt: der tiefste Einbruch vom bisherigen Hoch bis zum späteren Tiefpunkt).
| Zelle | Ausschluss (Mittel je Stichtag) | gebremst p. a. | Sharpe | Rückgang | Spiegelarm p. a. | Sharpe | Rückgang |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| über 10 % in 3 M | 30,7 % | 9,1 % | 0,56 | 32,4 % | 11,0 % | 0,67 | 31,3 % |
| über 10 % in 6 M | 39,6 % | 7,9 % | 0,49 | 33,2 % | 13,2 % | 0,80 | 31,5 % |
| über 10 % in 12 M | 48,2 % | 5,9 % | 0,39 | 39,2 % | 13,3 % | 0,83 | 26,7 % |
| über 15 % in 3 M | 21,9 % | 9,3 % | 0,57 | 32,5 % | 11,5 % | 0,68 | 29,7 % |
| über 15 % in 6 M | 31,8 % | 8,5 % | 0,53 | 33,0 % | 13,5 % | 0,79 | 31,4 % |
| über 15 % in 12 M | 42,3 % | 6,7 % | 0,43 | 37,5 % | 13,6 % | 0,84 | 27,6 % |
| über 30 % in 3 M (beste Zelle) | 8,6 % | 9,6 % | 0,59 | 32,2 % | 12,8 % | 0,66 | 33,3 % |
| über 30 % in 6 M | 16,4 % | 9,2 % | 0,57 | 32,4 % | 15,1 % | 0,80 | 31,8 % |
| über 30 % in 12 M | 27,5 % | 8,2 % | 0,51 | 34,1 % | 14,4 % | 0,82 | 28,1 % |
Das Ergebnis ist in allen neun Zellen dasselbe: Die beste gebremste Zelle bleibt mit 9,6 % pro Jahr unter dem vollen Universum (10,1 %), die schlechteste liegt bei 5,9 %. Der Verzicht kauft keine Sicherheit — der Sharpe der gebremsten Reihen liegt in jeder Zelle unter dem des Universums, und der größte Rückgang wird nirgends kleiner. Die ausgeschlossenen Titel — der Spiegelarm, je nach Zelle zwischen einem Zwölftel und knapp der Hälfte des Universums — laufen in jeder Zelle besser als der gebremste Rest, in der Rendite wie in der risikoadjustierten Kennzahl.
Auch als Zusatzfilter auf das ohnehin stärkste Dezil nimmt die Bremse mehr weg, als sie bringt. Maßstab ist hier das monatlich neu zusammengestellte stärkste Dezil über dieselbe volle Reihe von 183 Monaten: 15,0 % pro Jahr bei Sharpe 0,73. (Im kürzeren Depotfenster des nächsten Kapitels steht dieselbe Reihe bei einem höheren Wert — die fünf Anlaufmonate fehlen dort.) In den sechs Zellen, die über alle 183 Monate besetzt bleiben, liegt der Filter fünfmal hinter dem ungefilterten stärksten Dezil und einmal davor — bei „über 30 % in 3 M" um +0,11 Prozentpunkte, also innerhalb dessen, was neun Versuche an Zufall hergeben. Die übrigen drei Zellen sperren fast das ganze Dezil aus — im Mittel über alle Stichtage bis zu 99,3 % seiner Positionen — und fehlen dann monatelang ganz aus der Reihe, statt mit Nullrendite darin zu stehen; sie sind mit den übrigen nicht vergleichbar.
Die Literatur ordnet ein, warum die Intuition hier nicht trägt: Kurzfrist-Umkehr wirkt auf einer Woche (Lehmann 1990) bis einem Monat (Jegadeesh 1990) — in diesem Bestand nicht einmal auf Monatssicht messbar, siehe oben — und Langfrist-Umkehr (De Bondt/Thaler 1985) erst auf Horizonten von drei Jahren und mehr. Auf dem dazwischenliegenden Fenster von drei bis zwölf Monaten, das die Bremse prüft, dominiert stattdessen die Fortsetzung.
Das Depot: sechs Kohorten gleichzeitig
Bis hierher standen Kohorten — Gruppen von Titeln über ihre eigenen Haltefristen, quer durch den Kalender. Ein Depot ist etwas anderes: Jeden Monatsultimo wandert ein Sechstel des Kapitals in das frische stärkste Dezil, gehalten wird sechs Monate, sodass immer sechs Kohorten nebeneinander laufen — die Überlappungs-Konstruktion (auch Überlappungsportfolio genannt) von Jegadeesh/Titman. Erst daraus fällt eine Reihe von Kalendermonaten und damit Sharpe, größter Rückgang und Handelskosten.
| Reihe | p. a. vor Kosten | nach Kosten (0,1 %) | nach Kosten (0,25 %) | Sharpe | größter Rückgang |
|---|---|---|---|---|---|
| Depot stärkstes Dezil (6 Kohorten, Überlappung) | 15,36 % | 15,04 % | 14,55 % | 0,76 | 29,96 % |
| Stärkstes Dezil, monatlich neu zusammengestellt | 18,14 % | 17,36 % | 16,22 % | 0,86 | 29,16 % |
| Universum gleichgewichtet | 12,45 % | 12,40 % | 12,32 % | 0,73 | 32,10 % |
| Vergleichsindex (S&P 500 TR) | 15,69 % | — | — | 1,11 | 23,87 % |
Das handelbare Überlappungs-Depot bleibt im identischen Fenster hinter dem Vergleichsindex zurück — 15,36 % gegen 15,69 % pro Jahr, nach Kosten 15,04 % beziehungsweise 14,55 %. Über die volle Reihe des Index (183 Monate statt der 178 des Depotfensters) liegt er allerdings nur bei 13,89 % pro Jahr; die fünf Anlaufmonate des Depots entscheiden also mit darüber, ob der Vergleich für oder gegen das Depot ausgeht. Das monatlich neu zusammengestellte stärkste Dezil schlägt den Index dagegen deutlich (18,14 % vor Kosten, 17,36 % nach kleinen Kosten) — das Signal trägt also, aber die kostenschonende Überlappungs-Konstruktion gibt einen guten Teil davon wieder ab. Je Einheit Risiko liegt der Index in jedem Fall vorn: Sharpe 1,11 gegen 0,86 und 0,76 bei einer Schwankung von 14,1 % gegen 22,3 % und 22,0 % — in derselben Reihenfolge. Das gleichgewichtete Universum kommt im selben Fenster Oktober 2011 bis Juli 2026 auf 12,45 % pro Jahr.
Regime: Bär und Bulle, Corona und Zinswende
Die Trennlinie stand vor der ersten Zahl: Bär heißt, der Monatsstand des Vergleichsindex liegt mehr als 20 % unter seinem bisherigen Hoch, gemessen am Ende des Vormonats. Diese Regel liefert im ganzen Rückblick nur zwei Bären-Monate (Oktober 2011, Oktober 2022) — zu wenig für eine belastbare Aussage, und der Grund gehört dazu: Auf Monatsschlusskursen verfehlte der Absturz vom März 2020 die 20 %-Marke knapp.
Aussagekräftiger sind die beiden vollständigen Marktphasen im Fenster:
- 2020, Corona-Absturz und schnelle Erholung (Februar 2020 bis August 2020, verkettet): Das Überlappungs-Depot kam auf +17,9 % kumuliert, das monatliche stärkste Dezil auf +22,1 %, der Vergleichsindex auf +9,8 % — Momentum lag deutlich vorn, während das gleichgewichtete Universum bei −0,2 % stand.
- 2022, Zinswende ohne Absturztag (Januar 2022 bis Dezember 2022, verkettet): Das Überlappungs-Depot kam auf −7,4 %, das monatliche stärkste Dezil auf −3,1 %, der Vergleichsindex auf −18,1 % — hier war Momentum defensiv vorn, während das ungefilterte Universum (−18,6 %) mit dem Index gleichzog.
Der Momentum-Crash von 2009 liegt vor dem Datenbeginn (April 2010) und ist deshalb kein Messergebnis dieses Rückblicks, sondern nur ein Literaturbefund. Daniel und Moskowitz (2016) zeigen dort, dass Momentum-Crashes vor allem die Short-Seite treffen — im März bis Mai 2009 stieg das Verlierer-Dezil um 163 Prozent, das Gewinner-Dezil nur um 8 Prozent. Unser Rücktest handelt nur die Kaufseite und wäre von diesem spezifischen Mechanismus nicht direkt betroffen gewesen; das Fenster ist aber zu kurz, um das zu behaupten statt nur zu vermuten.
Was der Handel kostet
Der Umschlag ist gemessen, nicht geschätzt: je Monat der Anteil des Depots, der neu gekauft werden muss, abgezogen zweiseitig mit 0,1 % (Gegenprobe 0,25 %) vor der Verkettung. Das stärkste Dezil Monat für Monat neu zu kaufen bedeutet einen medianen Umschlag von 27,4 % — das Überlappungs-Depot, das jeden Monat nur ein Sechstel erneuert, kommt mit 11,9 % aus. Die schonendere Konstruktion ist damit nicht nur die sauberere Messung, sondern auch die billigere Umsetzung, auch wenn sie vor Kosten weniger bringt. Genau dieser Abwägung gehen Korajczyk und Sadka (2004) nach: Sie zeigen, dass Momentum-Gewinne mit dem eingesetzten Kapital schrumpfen, sobald man die Marktwirkung des eigenen Handelns einpreist — unser fester Satz je Handelsseite ist die freundlichere Annahme.
Wie wir gerechnet haben
- Universum und Zeitraum. US-Gesamtmarkt inklusive NASDAQ, ein Kursbestand mit 17.544 Aktien, davon 11.144 inzwischen delistet; 183 Stichtage von April 2011 bis Juni 2026, daraus 183 gemessene Renditemonate von Mai 2011 bis Juli 2026; gleichgewichtete Dezile nach der 12-1-Rendite. Je Stichtag waren zwischen 3.221 und 4.075 Titel zulässig, im Median 3.663.
- Filter. Rohkurs mindestens 1 US-Dollar, Median-Dollarvolumen der letzten 63 Handelstage mindestens 500 Tausend US-Dollar, ein Handelstag zählt nur mit mindestens 500 Titeln; Sensitivitätslauf ohne diese Filter, siehe Gegenproben.
- Nur die Kaufseite. Anders als im Original von Jegadeesh/Titman (Zero-Cost, Gewinner minus Verlierer) handelt der Hauptlauf nur die Kaufseite; das Verlierer-Dezil wird nur dokumentarisch ausgewiesen.
- Kosten. 0,1 % je Handelsseite auf den gemessenen Umschlag, zur Gegenprobe 0,25 %; Jegadeesh/Titman rechnen im Original vor Kosten.
- Getrimmtes Mittel. Für die dritte Spalte der Dezilrechnung fallen die äußersten 5 % je Seite weg.
- Grenzen. Das Fenster beginnt nach dem Momentum-Crash von 2009, hat nur zwei Bären-Monate nach der vorregistrierten Regel, rechnet ohne Steuern und mit risikofreiem Zins von null und misst den größten Rückgang auf Monatsbasis — tagesbasiert wäre er tiefer. Jede dieser Vereinfachungen macht das Ergebnis freundlicher, nicht strenger.
Quellen. Eigener Kursbestand mit 17.544 US-Aktien inklusive delisteter Titel; Vergleichsmaßstab ist der S&P 500 Total Return. Literatur: Jegadeesh/Titman 1993, Carhart 1997, Jegadeesh 1990, Lehmann 1990, De Bondt/Thaler 1985, Daniel/Moskowitz 2016, Korajczyk/Sadka 2004.
Was davon bleibt
These 1 (Momentum) — nur zum Teil bestätigt. Das stärkste Dezil bringt im Mittel mehr als das schwächste, und monatlich neu zusammengestellt liegt es im selben Fenster vor dem Vergleichsindex. Vier Einschränkungen gehören unmittelbar daneben: Das handelbare Überlappungs-Depot bleibt hinter dem Index zurück; je Einheit Risiko liegt der Index vor beiden Varianten; die Breite fehlt — das stärkste Dezil schlägt den Index in nur 41,9 % seiner 172 Zwölfmonats-Kohorten, und sein Median liegt unter dem des Mittelfelds; und der Vorteil verschwindet mit der harten Totalverlust-Annahme. Das Signal trägt — gleichgewichtet, vollständig gehalten und teuer erkauft. Als Auswahlhilfe für einzelne Titel trägt es nicht.
These 2 (Anstiegs-Bremse) — widerlegt. In allen neun Zellen kostet das Meiden der starken Steiger Rendite, ohne Risiko zu sparen. Die These ist an ihren eigenen Zahlen gescheitert — eine plausible Intuition, die die Messung nicht bestätigt.
Aus diesem Rücktest entsteht bewusst kein Live-Scanner: Ein Rezept, dessen handelbare Fassung im getesteten Fenster 15,36 % gegen 15,69 % pro Jahr verliert, wird hier nicht als Produkt ausgegeben. Weitere Rücktest-Studien dieser Reihe stehen gesammelt in der Rubrik Studien.
Stand der Zahlen: 9. August 2026.
Dieser Beitrag ist eine historische Auswertung öffentlich verfügbarer Kursdaten und keine Anlageberatung. Er enthält keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung und keine Prognose; einzelne namentlich genannte Titel dienen ausschließlich der Veranschaulichung historischer Kursmuster. Vergangene Ergebnisse — ob simuliert oder real — sind kein verlässlicher Indikator für künftige Renditen. Wer Anlageentscheidungen trifft, sollte die eigene Lage und die eigenen Risiken prüfen, im Zweifel mit fachlicher Beratung.
Häufige Fragen
Aktien werden nach ihrer Rendite der vergangenen zwölf Monate sortiert, wobei der jüngste Monat ausgelassen wird — daher „12-1". Die zehn Prozent mit der besten Formationsrendite bilden das stärkste Dezil, das dann für eine feste Haltefrist gehalten wird. Der jüngste Monat fällt weg, weil sich Renditen auf Monatssicht eher umkehren als fortsetzen (Kurzfrist-Umkehr) und das Signal sonst verunreinigt würde. Diese Konvention geht auf Jegadeesh/Titman (1993) zurück und wird seit Carhart (1997) so gerechnet.
Im Mittel und bis sechs Monate Haltefrist: ja, deutlich. Als handelbares Depot mit Überlappungs-Konstruktion: knapp nicht — 15,36 % gegen 15,69 % pro Jahr im identischen Fenster von 178 Monaten, und risikoadjustiert liegt der Index klar vorn (Sharpe 1,11 gegen 0,76). Nur die teurer gehandelte, monatlich komplett neu zusammengestellte Variante schlägt den Index vor Kosten (18,14 %) und nach kleinen Kosten (17,36 %).
Weil der Mittelwert des stärksten Dezils von wenigen sehr großen Ausreißern getragen wird, während der Median — der typische Titel — in jedem gemessenen Horizont unter dem der Mittelfeld-Dezile liegt: über sechs Monate 2,2 % gegen 4,3 % im fünften und 4,6 % im sechsten Dezil. Wer das komplette Dezil gleichgewichtet hält, bekommt die Ausreißer mit; wer einzelne Titel auswählt, trifft mit größerer Wahrscheinlichkeit den unterdurchschnittlichen Median.
Nach dieser Messung nein. In allen neun getesteten Kombinationen aus Anstiegsschwelle (10, 15, 30 Prozent) und Zeitfenster (3, 6, 12 Monate) verlor das gebremste Universum Rendite, ohne dass Sharpe oder größter Rückgang sich verbesserten. Die ausgeschlossenen Titel selbst — der Spiegelarm — schnitten in jeder Zelle besser ab als der jeweils gebremste Rest.
Weil zwei Monatsfenster nebeneinanderstehen — und das betrifft nicht nur das Universum, sondern jede Reihe, auch das stärkste Dezil. Die volle Reihe umfasst 183 Renditemonate ab Mai 2011 — der erste Stichtag liegt einen Monat davor. Das Depotfenster beginnt fünf Monate später (Oktober 2011) und umfasst 178 Monate, weil das überlappende Depot erst dann vollständig besetzt ist. Das gleichgewichtete Universum kommt deshalb in der vollen Reihe auf 10,07 % und im Depotfenster auf 12,45 % pro Jahr, das monatlich neu zusammengestellte stärkste Dezil auf 14,97 % beziehungsweise 18,14 %. Alle vier Zahlen sind richtig; jede Tabelle und jeder Satz nennt sein Fenster.
Er liegt außerhalb des Datenfensters dieser Studie — die Kursdaten beginnen im April 2010 — und wird nur als Literaturbefund zitiert, nicht gemessen. Daniel und Moskowitz (2016) zeigen, dass solche Crashes vor allem die Short-Seite von Zero-Cost-Strategien treffen; unser Rücktest handelt nur die Kaufseite und ist von diesem Mechanismus konstruktionsbedingt weniger betroffen — abschließend beurteilen lässt sich das mit diesem Fenster aber nicht.
Nein. Diese Studie ist Marktforschung zu zwei vorregistrierten Thesen, kein Produktversprechen. Sie beschreibt, unter welchen Bedingungen die Regeln im Rückblick getragen haben — nicht, dass sie es wieder tun werden. Wer die aktuell stärksten Titel nach relativer Stärke sehen will, findet sie im laufenden RS-Leader-Scanner.