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Kongsberg jagt die 100-Milliarden-Marke — aber gegen welchen Ausgangswert eigentlich?

Kongsberg jagt die 100-Milliarden-Marke — aber gegen welchen Ausgangswert eigentlich?

Rekord-Auftragsbestand von 158 Milliarden Kronen, ein Umsatzziel, das den heutigen Wert verdreifachen soll, ein Aktienkurs, der binnen fünf Jahren um das Zwölffache stieg: Kongsberg liefert Schlagzeilen im Wochentakt. Was die Schlagzeilen nicht mitliefern — die norwegische Waffenschmiede hat sich im April 2026 halbiert. Kongsberg Maritime wurde abgespalten und notiert seither eigenständig; fast jede Vergleichszahl in dieser Analyse musste deshalb neu gezogen werden, und der Konzern selbst musste im Mai eine Exportlizenz zurücknehmen lassen, die er 2018 gefeiert hatte. Keine Anlageberatung — nur der Versuch, die Rekordzahlen gegen ihre eigene Kleingedruckte zu halten.

Thomas Mücke Gründer & Herausgeber
· 19 Min. Lesezeit

Stand heute

Stand: 28. August 2026

Schlusskurs
312,30 kr -0,98 %
Marktkapitalisierung
274,7 Mrd. kr
KGV
52,1
Wachstums-Score
7/10
AAQS
10/10

Diese Analyse hat einen Stichtag. Der Aktien-Wächter meldet sich, wenn sich an den Zahlen etwas Wesentliches ändert. Zur kostenlosen Vormerkung

Kongsberg jagt die 100-Milliarden-Marke — aber gegen welchen Ausgangswert eigentlich?
Eigene Darstellung: Börsenlotse · Quelle: Fundamentaldaten & Geschäftsberichte (Jahres-/Quartalsbericht, Euronext Oslo Børs)

Chart

Tagesschlusskurse seit 3. Nov 2025.

Letzter Schluss 312,30 kr Höchster Schluss 421,22 kr Niedrigster Schluss 227,92 kr 3. Nov 2025 – 28. Aug 2026

Hinweis: reine Faktenanalyse, keine Anlageberatung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf. Angaben ohne Gewähr.

Es gibt eine Anleger-Schwäche, die ausgerechnet die aufmerksamsten Leser trifft — weil sie sich wie das Gegenteil von Naivität anfühlt: die Kopfzahlen-Falle. Du liest eine Pressemitteilung, dein Blick springt sofort zur größten, fettgedruckten Zahl — „Rekord-Auftragsbestand: 158 Milliarden Kronen!“, „Umsatzziel 2029: 100 Milliarden!“ —, und dein Kopf rechnet automatisch weiter: Wachstum, Sicherheit, Kurspotenzial. Was dabei fast nie passiert: dass du dich fragst, ob die Zahl von vorher überhaupt noch dasselbe misst wie die Zahl von heute. Bei Kongsberg Gruppen ASA (Euronext Oslo Børs: KOG) ist genau das der Fall — und es ist kein Randdetail, sondern der Schlüssel zu praktisch jeder Kennzahl in dieser Analyse. Am 23. April 2026 hat sich der norwegische Verteidigungs- und Technologiekonzern buchstäblich halbiert: Kongsberg Maritime, jahrzehntelang die maritime Hälfte des Geschäfts, wurde abgespalten und notiert seither eigenständig an der Osloer Börse. Machen wir also einen Deal: Bevor wir über 100 Milliarden Kronen Umsatzziel sprechen, lesen wir gemeinsam den Quartalsbericht zum 2. Quartal und 1. Halbjahr 2026 (veröffentlicht 13. Juli 2026) — testiert nach IFRS, geprüft nach norwegischem und EU-Kapitalmarktrecht. Ein solcher Bericht ist ehrlich, weil er unter Aufsicht der Börse steht. Und er erzählt von einer Firma, die tatsächlich wächst — aber auch von einer Vergleichsbasis, die sich unter den Füßen der Anleger verschoben hat, einer Exportlizenz, die der eigene Heimatstaat zurückgenommen hat, und einer Kasse, die binnen sechs Monaten auf ein Viertel geschrumpft ist. Am Ende entscheidest du selbst, was von der Schlagzeile übrig bleibt.

Was Kongsberg eigentlich macht — Raketen, Radare und ein Joint Venture unter Wasser

Kongsberg wurde 1814 als staatliche Waffenfabrik in der norwegischen Kleinstadt Kongsberg gegründet — heute ist der norwegische Staat mit 50,004 Prozent noch immer der mit Abstand größte Eigentümer, wie das Unternehmen auf seiner Investor-Relations-Seite selbst ausweist. Nach der Abspaltung von Kongsberg Maritime gliedert sich das verbleibende, börsennotierte Kongsberg in drei Sparten. Defence Systems (im 1. Halbjahr 2026: 9.229 Millionen NOK Umsatz, 18,4 Prozent EBIT-Marge) baut Luftverteidigungs- und Gegendrohnensysteme, darunter das NASAMS-System, das inzwischen 14 Staaten nutzen, sowie ferngesteuerte Waffenstationen. Missiles & Aerostructures (5.650 Millionen NOK, 17,1 Prozent Marge) fertigt die Joint-Strike-Missile-Familie (JSM/NSM) und liefert Verbundwerkstoff- und Titankomponenten für das F-35-Kampfflugzeug. Discovery (4.394 Millionen NOK, 16,1 Prozent Marge) bündelt Sonare, die autonomen Unterwasserfahrzeuge der HUGIN-Familie sowie über das zur Hälfte gehaltene Gemeinschaftsunternehmen Kongsberg Satellite Services (KSAT) ein globales Netz von Bodenstationen für Satellitenkommunikation. Dazu kommen weitere Beteiligungen, die Kongsberg anteilig in die Konzernzahlen einrechnet: eine 49,9-Prozent-Beteiligung am finnischen Rüstungskonzern Patria Oyj (Ergebnisbeitrag 1. Halbjahr 2026: 201 Millionen NOK, mehr als das Vierfache des Vorjahrs) sowie das im Juni 2025 mit Thales gegründete Gemeinschaftsunternehmen Kongsberg Thales Defence Communications, das 2026 operativ starten soll. Ein weiteres Zeichen der engeren Verzahnung der europäischen Verteidigungstechnik-Branche: Im Dezember 2025 vereinbarten Kongsberg, der deutsche Sensorhersteller Hensoldt und das KI-Verteidigungsunternehmen Helsing eine Zusammenarbeit an einem europäischen Weltraum-Aufklärungssystem namens KIRK — die eigenen Zahlen von Hensoldt und ein ähnliches Muster aus Auftragswachstum bei knapperem Cashflow lassen sich in einer eigenen Tiefenanalyse zu Hensoldt nachlesen. Der Bericht selbst beschreibt die aktuelle Marktlage so: „Market activity remains high, with a continuous pipeline of campaigns and procurement processes“ — die Marktaktivität bleibt hoch, mit einer kontinuierlichen Pipeline an Ausschreibungen und Beschaffungsprozessen. Damit ist das Spannungsfeld dieser Analyse markiert, und es zieht sich durch jedes Kapitel: Kongsberg wächst tatsächlich kräftig im operativen Geschäft — aber fast jede Zahl, mit der das Wachstum belegt wird, wurde durch die Abspaltung neu gezogen, und der Konzern selbst liefert im selben Bericht drei Gründe, warum die Rekordzahlen nicht die ganze Geschichte sind.

Die Firmengeschichte für Anleger

  1. 2025

    Sonatech-Übernahme vereinbart (Juni)

    Kongsberg Discovery kündigt die Übernahme des US-Unterwasserakustik-Spezialisten an — die US-Genehmigung steht ein Jahr später noch aus.

  2. 2025

    KIRK-Partnerschaft mit Helsing angekündigt (Dezember)

    Kongsberg, Helsing und HENSOLDT vereinbaren ein europäisches Weltraum-Aufklärungssystem — für Anleger ein Signal für wachsende Verzahnung mit KI-gestützter Verteidigungstechnik.

  3. 2025

    Vorstand beschließt Abspaltung von Kongsberg Maritime (17. Dezember)

    Der erste formale Schritt zur Firmenhalbierung, die ein Jahr später fast jede Kennzahl der Aktie verändert.

  4. 2026

    Hauptversammlung billigt die Abspaltung (22. Januar)

    Anleger erhalten Gewissheit über den Zeitplan — die Abspaltung wird drei Monate später vollzogen.

  5. 2026

    Abspaltung vollzogen, Kongsberg Maritime notiert eigenständig (23. April)

    Ab diesem Stichtag zählt Maritime nicht mehr zu den Kongsberg-Zahlen — jeder Vorjahresvergleich braucht seither zwei Sichtweisen.

  6. 2026

    Kapitalmarkttag: Ziel 100 Mrd. NOK Umsatz bis 2029 (10. Juni)

    Der Konzern legt sich öffentlich auf eine Wachstumsambition fest, die den Umsatz des letzten vollen Jahres 2025 (32.752 Millionen NOK) verdreifachen soll.

  7. 2026

    Zone-5-Übernahme abgeschlossen (9. Juni)

    Einstieg in die Massenproduktion günstiger Raketen in den USA — mit kurzfristigem Margendruck während der Skalierung.

  8. 2026

    Exportlizenz für Malaysia entzogen (Mai, bekannt im Quartalsbericht Juli)

    Norwegen nimmt eine 2018 erteilte Lizenz zurück — ein Präzedenzfall, der Fragen zu künftigen Großverträgen aufwirft.

Warum wir jetzt genau hinschauen

Drei Ereignisse trafen 2026 fast zeitgleich aufeinander und machen Kongsberg gerade jetzt zu einem lohnenden Prüffall. Erstens der endgültige Vollzug der Maritime-Abspaltung am 23. April 2026 — der erste volle Quartalsbericht, der die Firma vollständig „danach“ zeigt, liegt erst seit dem 13. Juli 2026 vor. Zweitens der Kapitalmarkttag am 10. Juni 2026, auf dem der Konzern mit dem Ziel, den Umsatz bis 2029 zu verdreifachen und bis 2033 fast zu verfünffachen, eine der ehrgeizigsten öffentlichen Wachstumsansagen der europäischen Rüstungsbranche gemacht hat. Und drittens der stille Nebensatz in Note 13 desselben Berichts, dass die norwegische Regierung dem eigenen Konzern im Mai 2026 eine Exportlizenz entzogen hat — ein Vorgang, der in keiner der großen Kongsberg-Schlagzeilen des Sommers auftauchte. Alle drei Ereignisse stehen im selben, öffentlich zugänglichen Dokument. Der Rest dieser Analyse liest es zu Ende.

Die Zahlen über die Jahre — ehrlich gewürdigt

Zunächst das, was tatsächlich für Kongsberg spricht — und operativ ist das eine ganze Menge. Der Umsatz aus dem fortgeführten Geschäft kletterte von 5.965 Millionen NOK im 2. Quartal 2024 auf 10.389 Millionen NOK im 2. Quartal 2026 — ein Anstieg von 74 Prozent in acht Quartalen, ohne dass Kongsberg Maritime in einer einzigen dieser Zahlen mitzählt. Für das gesamte 1. Halbjahr 2026 bedeutet das 19.623 Millionen NOK, ein Plus von 29 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum (15.230 Millionen).

Balkendiagramm des Kongsberg-Quartalsumsatzes im fortgeführten Geschäft (ohne Kongsberg Maritime) von Q2 2024 bis Q2 2026 in Millionen NOK: 5.965, 6.009, 7.435, 7.315, 7.915, 7.568, 9.954, 9.234, 10.389 — ein Anstieg von 74 Prozent.
Von 5.965 auf 10.389 Millionen NOK je Quartal: Der Umsatz aus dem fortgeführten Geschäft wächst über acht Quartale um 74 Prozent — rückwirkend angepasst, Kongsberg Maritime zählt in keinem der gezeigten Quartale mit. Quelle: Fundamentaldaten & Geschäftsberichte (Quartalsbericht Q2/H1 2026, Euronext Oslo Børs). Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

Die Profitabilität zog parallel an, wenn auch nicht geradlinig. Die EBIT-Marge (inklusive anteiliger Gemeinschaftsunternehmen, von Kongsberg selbst als „alternative Leistungskennzahl“ ausgewiesen) lag im 2. Quartal 2024 bei 13,2 Prozent, kletterte bis zum 4. Quartal 2025 auf ihren Höchststand von 17,2 Prozent und lag im 2. Quartal 2026 bei 16,1 Prozent — ein Plus von 49 Prozent beim absoluten EBIT (1.669 gegenüber 1.121 Millionen NOK), wie der Bericht selbst hervorhebt.

Liniendiagramm der Kongsberg-EBIT-Marge je Quartal von Q2 2024 bis Q2 2026 in Prozent: 13,2, 13,8, 13,6, 13,5, 14,2, 14,8, 17,2, 16,6, 16,1 — ein Hoch im vierten Quartal 2025, danach leicht rückläufig.
Von 13,2 auf 16,1 Prozent, mit dem Höchststand im 4. Quartal 2025 (17,2 Prozent) und seitdem leicht rückläufig — die Marge schwankt mit dem Projektmix, sie steigt nicht geradlinig. Quelle: Fundamentaldaten & Geschäftsberichte (Quartalsbericht Q2/H1 2026, Euronext Oslo Børs). Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

Und der Auftragsbestand — das eigentliche Kronjuwel der Kongsberg-Erzählung — erreichte zum 30. Juni 2026 einen Rekordwert von 157.540 Millionen NOK, nahezu das Doppelte der 79.366 Millionen vom Sommer 2024 (+98 Prozent). Der Auftragseingang allein im 1. Halbjahr 2026 lag bei 43.608 Millionen NOK. Auf dieser Grundlage verkündete der Konzern auf seinem Kapitalmarkttag am 10. Juni 2026 eine der kühnsten Wachstumsansagen der europäischen Rüstungsbranche:

„KONGSBERG aims to triple revenues to NOK 100 billion by 2029 and to NOK 150 billion by 2033. Over the same period, we target an operating margin of at least 16 percent.“

Übersetzung: „KONGSBERG strebt an, den Umsatz bis 2029 auf 100 Milliarden NOK zu verdreifachen und bis 2033 auf 150 Milliarden NOK zu steigern. Im selben Zeitraum streben wir eine operative Marge von mindestens 16 Prozent an.“

— KONGSBERG, Quartalsbericht Q2/H1 2026, CEO-Vorwort, S. 3 (Verweis auf den Kapitalmarkttag vom 10. Juni 2026)

Halten wir kurz inne, bevor wir weiterlesen: „Verdreifachen“ bezieht sich nach Aussage des Berichts auf eine Basis, die der Konzern selbst nicht in dieser Zahl nennt — und das ist genau die Stelle, an der die Kopfzahlen-Falle zuschnappen kann. Rechnet man gegen das Geschäftsjahr 2024 (rund 25,9 Milliarden NOK fortgeführter Umsatz, exakt 25.892 Millionen laut Quartalsbericht), sind 100 Milliarden das 3,9-Fache — also fast eine Vervierfachung. Rechnet man gegen das letzte volle Jahr 2025 (32.752 Millionen NOK), sind es nur noch das 3,1-Fache — und damit fast exakt jene Verdreifachung, die der Konzern selbst nennt. Beide Zahlen stehen in derselben Tabelle desselben Berichts; welche davon gemeint ist, sagt der Konzern nicht. Genau das ist die Kopfzahlen-Falle im Kleinen: Je nachdem, welches Bezugsjahr man wählt, klingt dieselbe Ansage nach 3,1-fachem oder nach fast 3,9-fachem Wachstum. Damit sind wir mitten in den unbequemen Wahrheiten.

Was das Management in den Calls sagte — und was daraus wurde

Für Kongsberg liegen in unserer Datenbank keine eigenen Mitschriften von Telefonkonferenzen vor — ein automatischer Abgleich lieferte am 30. August 2026 null Treffer, was bei einem norwegischen, nicht bei der US-Börsenaufsicht SEC registrierten Unternehmen zu erwarten war. Ausgewertet haben wir stattdessen die von Investing.com veröffentlichten Wortprotokolle der Analysten-Calls zu den Ergebnissen des 4. Quartals 2025, des 1. Quartals 2026 und des 2. Quartals 2026 sowie die Mitschrift des Kapitalmarkttags vom 10. Juni 2026 (Seeking Alpha) — als Sekundärquelle gekennzeichnet, nicht mit den geprüften Berichtszahlen vermischt. Das auffälligste Muster über alle drei Calls hinweg: Analysten fragen wiederholt nach der Marge, und das Management antwortet wiederholt ausweichend. Im Call zum 1. Quartal 2026 warnte CFO Martin Wien Fjell bereits vorsorglich, die Marge „werde je nach Projekt- und Produktmix schwanken“ — trotz der zu diesem Zeitpunkt starken 16,6-Prozent-Marge des Quartals. Im Call zum 2. Quartal 2026 fragte ein Analyst von Pareto Securities direkt nach der Margenwirkung der ukrainischen „Donation“-Programme (Rüstungslieferungen, die über Spendenprogramme westlicher Staaten finanziert werden); der CFO lehnte eine Quantifizierung ab und verwies erneut auf den „Projekt- und Produktmix“. Auf eine ähnliche Frage von Bank of America zum Margenrückgang der Sparte Defence Systems antwortete das Management, dies sei eine erwartete Folge der „erfolgreichen Produktionshochskalierung“. Und auf die Frage eines Analysten von Arctic Securities, welchen Umsatzbeitrag die frisch übernommene Zone-5-Sparte 2026 und 2027 liefern werde, verwies der CFO darauf, dass die Integration erst drei Wochen zurückliege und noch keine Zahl genannt werden könne. Bemerkenswert offen war das Management dagegen bei der Frage nach dem größten Risiko für die eigene 2029/2033-Ambition: Auf die Frage eines Analysten von Defence Nordic, was CEO Eirik Lie am meisten Sorgen bereite, antwortete er ohne Umschweife, die größte Herausforderung sei die Absicherung der Lieferkette — „daran arbeiten wir jeden Tag“. Der wiederkehrende Q&A-Reflex — konkrete Margenfragen werden mit dem Verweis auf „Projekt- und Produktmix“ pariert, konkrete Zahlen zu frischen Zukäufen noch nicht genannt — wiegt für die Einschätzung schwerer als das vorbereitete Eingangsstatement, das durchgehend die Rekordzahlen betont.

Was in den Berichten steht — die unbequemen Wahrheiten

Unbequeme Wahrheit Nr. 1: Die Vergleichsbasis wurde neu gezogen — und das Ergebnis je Aktie sieht deshalb aus wie ein Rückgang

Wer im Sommer 2026 googelt, wie sich Kongsbergs Ergebnis je Aktie entwickelt hat, stößt auf eine scheinbar schlechte Nachricht: Das ausgewiesene Gesamt-Ergebnis je Aktie sank im 1. Halbjahr 2026 auf 3,73 NOK, ein Minus von 16 Prozent gegenüber 4,43 NOK im Vorjahr. Der Konzern-GuV zufolge ist das aber ein reines Konstruktionsproblem der Umstellung: Das Ergebnis je Aktie aus dem fortgeführten Geschäft — also genau dem Geschäft, das die Aktie heute noch repräsentiert — stieg im selben Zeitraum von 1,66 auf 2,91 NOK, ein Plus von 75 Prozent. Der Bericht selbst erklärt, wie die beiden Sichtweisen auseinanderlaufen:

„The result from the maritime operations in 2026 is only included until the demerger was completed in 23 April 2026.“

Übersetzung: „Das Ergebnis aus dem Maritime-Geschäft ist für 2026 nur bis zum Abschluss der Abspaltung am 23. April 2026 enthalten.“

— KONGSBERG, Quartalsbericht Q2/H1 2026, Note 9 „Discontinued business“, S. 26

Markierter Ausschnitt aus dem Kongsberg-Quartalsbericht Q2/H1 2026, Note 9: Das Ergebnis aus dem Maritime-Geschäft ist 2026 nur bis zum Abschluss der Abspaltung am 23. April 2026 enthalten, nachdem der Vorstand die Abspaltung am 17. Dezember 2025 beschlossen hatte.
Die markierte Stelle im Original: Kongsberg Maritime zählt 2026 nur noch bis zum 23. April mit, 2025 dagegen das volle Jahr — daraus folgt zwangsläufig ein schlechter aussehender Vorjahresvergleich beim Gesamtergebnis. Quelle: Quartalsbericht Q2/H1 2026 (kongsberg.com), Hervorhebung von uns. Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

Übersetzt in ein Alltagsbild: Stell dir vor, ein Familienbetrieb verkauft die Hälfte seiner Werkstatt und vergleicht danach den Jahresgewinn mit dem Vorjahr, in dem beide Werkstatthälften noch liefen — natürlich sieht die Gesamtsumme kleiner aus, obwohl die verbliebene Werkstatt für sich genommen besser läuft als je zuvor. Für dich als Leser heißt das: Jede Kennzahl, die du bei Kongsberg mit dem Vorjahr vergleichst, brauchst du zweimal — einmal als Gesamtkonzern-Zahl (verzerrt durch den Maritime-Ausstieg) und einmal als „fortgeführtes Geschäft“ (die eigentlich relevante Zahl). Automatisierte Finanzportale, die nur die Gesamt-EPS-Zeile fortschreiben, zeigen bei Kongsberg für 2026 einen Gewinnrückgang, der in Wahrheit ein kräftiges Gewinnwachstum ist.

Unbequeme Wahrheit Nr. 2: Die Kasse schmolz binnen sechs Monaten auf ein Viertel — genau als das 100-Milliarden-Versprechen wuchs

Zum Jahresende 2025 verfügte der (damals noch komplette) Konzern über 20.189 Millionen NOK Kasse. Zum 30. Juni 2026 waren es noch 4.859 Millionen — ein Rückgang um mehr als drei Viertel binnen sechs Monaten. Drei Posten erklären den Abfluss: die reguläre Dividendenzahlung von 5.014 Millionen NOK, die Barzahlung für die Zone-5-Übernahme von 3.801 Millionen sowie ein negativer operativer Cashflow von 2.115 Millionen NOK im ersten Halbjahr — laut Bericht „hauptsächlich durch den Demerger-Effekt von Kongsberg Maritime“ bedingt, also durch Umstellungseffekte der Abspaltung selbst, nicht durch das laufende operative Geschäft im engeren Sinn. Die Nettokassenposition (Kasse minus Finanzschulden) bleibt mit −1.704 Millionen NOK zwar weiterhin positiv, ist damit aber nur noch gut ein Neuntel der 14.830 Millionen NOK vom Jahresende 2025. Die Eigenkapitalquote sank im selben Zeitraum von 28,1 auf 21,2 Prozent. Zur Einordnung: Kongsberg verfügt zusätzlich über eine ungenutzte syndizierte Kreditlinie von 3.000 Millionen NOK und eine Überziehungslinie von 1.500 Millionen — die Liquiditätsreserve ist also nicht erschöpft, aber der Puffer, mit dem der Konzern in seine eigene Verdreifachungs-Ambition startet, ist erheblich dünner als noch vor einem halben Jahr. Die Ratingagentur Nordic Credit Rating bestätigte am 8. April 2026 ein langfristiges Emittentenrating von A− mit stabilem Ausblick (Einzelbonität BBB+) — also noch vor dem vollen Sichtbarwerden des Kassenabflusses im zweiten Quartal.

Unbequeme Wahrheit Nr. 3: Der eigene Heimatstaat entzieht Kongsberg eine Exportlizenz — mitten im größten Raketenboom der Firmengeschichte

Im Anhang des Quartalsberichts, unter der unscheinbaren Überschrift „Other“, findet sich ein Satz, der in keiner der großen Kongsberg-Schlagzeilen des Sommers 2026 auftauchte:

„In May, it became known that the Norwegian authorities have withdrawn the export license of NSM missiles from KONGSBERG to Malaysia. This is related to the contract KONGSBERG announced on 18 April 2018 of 124 million euros. Accounting assessments related were taken into account in the financial statements as of Q2 in accordance with IFRS. Due to ongoing negotiations between the parties, it is all the information KONGSBERG can provide at this time.“

Übersetzung: „Im Mai wurde bekannt, dass die norwegischen Behörden die Exportlizenz für NSM-Raketen von KONGSBERG nach Malaysia entzogen haben. Dies steht im Zusammenhang mit dem von KONGSBERG am 18. April 2018 verkündeten Vertrag über 124 Millionen Euro. Entsprechende bilanzielle Einschätzungen wurden gemäß IFRS in den Abschluss zum zweiten Quartal einbezogen. Aufgrund laufender Verhandlungen zwischen den Parteien ist dies zum jetzigen Zeitpunkt die gesamte Information, die KONGSBERG geben kann.“

— KONGSBERG, Quartalsbericht Q2/H1 2026, Note 13 „Other“, S. 28

Markierter Ausschnitt aus dem Kongsberg-Quartalsbericht Q2/H1 2026, Note 13: Die norwegischen Behörden haben im Mai 2026 die Exportlizenz für NSM-Raketen an Malaysia entzogen, ein 2018 verkündeter Vertrag über 124 Millionen Euro.
Die markierte Stelle im Original: Der eigene Heimatstaat entzieht eine 2018 erteilte Exportlizenz — und Kongsberg kann laut eigener Aussage aufgrund laufender Verhandlungen aktuell nicht mehr dazu sagen. Quelle: Quartalsbericht Q2/H1 2026 (kongsberg.com), Hervorhebung von uns. Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

124 Millionen Euro sind, gemessen am Halbjahresumsatz von rund 1,74 Milliarden Euro (umgerechnet zum von Kongsberg selbst genannten Stichtagskurs von 11,28 NOK je Euro), überschaubar. Die eigentliche Botschaft ist eine andere: Der norwegische Staat — mit über 50 Prozent Kongsbergs größter Einzelaktionär — kann eine einmal erteilte Exportlizenz für ein Kongsberg-Produkt nachträglich zurücknehmen. Das ist im Kern kein Kongsberg-spezifisches, sondern ein branchentypisches Risiko jedes Rüstungsexporteurs, das aber angesichts der Größenordnung der aktuellen JSM-Verträge (Kanada 4,7 Milliarden NOK, Deutschland 3,5 Milliarden, US-Luftwaffe 2,7 Milliarden — alle im 2. Quartal 2026 unterzeichnet) eine ganz andere Relevanz bekommt als beim vergleichsweise kleinen Malaysia-Vertrag von 2018.

Was der Quartalsbericht offenlässt, füllen malaysische Regierungsstellen seither öffentlich aus: Nach übereinstimmenden Presseberichten fordert Malaysias Verteidigungsministerium von der Kongsberg-Tochter Kongsberg Defence & Aerospace inzwischen eine Entschädigung von rund 226,1 Millionen Euro (umgerechnet rund 1,06 Milliarden Ringgit) — mehr als das 1,8-Fache des ursprünglichen Vertragswerts von 124 Millionen Euro. Die Forderung gliedert sich laut diesen Berichten in bereits geleistete Zahlungen von 129,86 Millionen Euro und zusätzliche Folgekosten von 96,26 Millionen Euro aus der ausgebliebenen Lieferung. Erste Verhandlungsrunden zwischen Kongsberg und der malaysischen Regierung waren für Mitte August 2026 angesetzt; Stand 27. August 2026 warteten malaysische Behörden Presseberichten zufolge weiterhin auf eine Antwort von Kongsberg, während die Marine parallel Ersatzsysteme aus der Türkei, Südkorea und Europa prüft. Weder die konkrete Forderungshöhe noch der Verhandlungsstand sind bislang Teil eines eigenen Kongsberg-Berichts — der Konzern selbst nannte im Quartalsbericht nur „laufende Verhandlungen“ ohne Zahlen, die 226-Millionen-Euro-Zahl stammt aus malaysischen Regierungsangaben, die die dortige Presse zitiert.

Unbequeme Wahrheit Nr. 4: Ein strategischer US-Zukauf hängt seit über einem Jahr bei einer amerikanischen Kontrollbehörde fest

Im Juni 2025 verkündete die Sparte Kongsberg Discovery die Übernahme des US-Unterwasserakustik-Spezialisten Sonatech. Mehr als ein Jahr später — im Quartalsbericht zum 2. Quartal 2026 — ist die Übernahme noch immer nicht abgeschlossen:

„KONGSBERG continues to work towards obtaining the necessary regulatory approvals while also evaluating alternative ways to realise the strategic potential of the company should the required approvals from U.S. authorities not be secured.“

Übersetzung: „KONGSBERG arbeitet weiter darauf hin, die notwendigen behördlichen Genehmigungen zu erhalten, prüft aber zugleich alternative Wege, das strategische Potenzial des Unternehmens zu realisieren, sollten die erforderlichen Genehmigungen der US-Behörden nicht erteilt werden.“

— KONGSBERG, Quartalsbericht Q2/H1 2026, Abschnitt „Other business / other matters“, S. 6

Markierter Ausschnitt aus dem Kongsberg-Quartalsbericht Q2/H1 2026: Kongsberg arbeitet weiter an den nötigen behördlichen Genehmigungen für die Sonatech-Übernahme, prüft aber bereits Alternativen, falls die US-Genehmigung ausbleibt.
Die markierte Stelle im Original: Kongsberg räumt selbst ein, Alternativen zu prüfen, falls die US-Genehmigung ausbleibt — ein Jahr nach Vertragsunterzeichnung. Quelle: Quartalsbericht Q2/H1 2026 (kongsberg.com), Hervorhebung von uns. Klick auf das Bild öffnet die volle Auflösung.

Der Bericht nennt die Behörde nicht namentlich, doch der Kontext — ein norwegischer, mehrheitlich staatseigener Rüstungskonzern kauft ein US-Unterwasserakustik-Unternehmen mit Bezug zu Marine- und Verteidigungstechnik — deutet stark auf eine Prüfung durch das US-Gremium für ausländische Investitionen (CFIUS) hin, das genau solche Übernahmen auf nationale Sicherheitsrisiken hin untersucht. Bemerkenswert ist der Halbsatz „evaluating alternative ways to realise the strategic potential“ — ein börsennotiertes Unternehmen räumt damit öffentlich ein, dass ein bereits verkündeter, strategisch begründeter Zukauf am Ende ganz anders aussehen oder ganz platzen könnte. Für die Bewertung von Kongsbergs erklärter US-Expansionsstrategie — auch die im Juni 2026 abgeschlossene Zone-5-Übernahme (89,6 Prozent, 4.485 Millionen NOK Kaufpreis plus 522 Millionen bedingter Gegenleistung) zielt auf denselben Markt — ist das ein Realitätscheck: Nicht jeder angekündigte US-Zukauf eines ausländischen, staatlich geprägten Rüstungskonzerns geht am Ende glatt durch.

Bewertung — was die Aktie wirklich kostet

Zum Analysestichtag (Schlusskurs 312,30 NOK am 28. August 2026) kommt Kongsberg auf einen Börsenwert von 274,70 Milliarden NOK — bei 879.609.245 ausstehenden Aktien exakt nachgerechnet, keine Abweichung zur ausgewiesenen Marktkapitalisierung. Umgerechnet zum von Kongsberg selbst im Quartalsbericht genannten Stichtagskurs vom 30. Juni 2026 (1 Euro = 11,28 NOK, 1 US-Dollar = 9,91 NOK) entspricht das rund 24,4 Milliarden Euro beziehungsweise 27,7 Milliarden US-Dollar — zur Einordnung eine Größenordnung, die den Aktienkurs in eine international vergleichbare Kategorie einordnet. Auf Basis des Ergebnisses aus dem fortgeführten Geschäft der letzten zwölf Monate (5,99 NOK je Aktie) ergibt sich ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 52 — auf Basis der für 2026 erwarteten Ergebnisse (laut Analystenschätzungen der Fundamentaldaten-Quelle) ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 48. Das Kurs-Umsatz-Verhältnis liegt bei rund 7,7, der Unternehmenswert beim rund 30-Fachen des EBITDA. Zum Vergleich: Der Aktienkurs selbst hat sich seit 2021 mehr als verzwölffacht (Kurs-Splits bereits berücksichtigt) — eine Bewertung, die schon sehr viel künftiges Wachstum vorwegnimmt. Wer die 2029er-Umsatzambition von 100 Milliarden NOK zum Nennwert nimmt und mit der angepeilten Marge von mindestens 16 Prozent rechnet, landet bei einem hypothetischen operativen Gewinn von rund 16 Milliarden NOK 2029 — gegen den heutigen Börsenwert wäre das ein Kurs-Gewinn-Verhältnis im niedrigen zweistelligen Bereich, sofern Umsatz und Marge tatsächlich erreicht werden und die Aktienzahl nicht wesentlich wächst. Ob das eintritt, ist eine Wette auf eine Ambition, keine Tatsache — und genau darin liegt das Bewertungsrisiko: Der heutige Preis bezahlt schon viel von der Zukunft, die im Kapitel zuvor beschriebenen Unsicherheiten (Kassenreserve, Exportlizenz-Präzedenzfall, blockierter US-Zukauf) eingeschlossen.

Chancen und Risiken auf einen Blick

Was für Kongsberg spricht:

  • Rekord-Auftragsbestand von 157.540 Millionen NOK zum 30. Juni 2026 (+98 Prozent seit Sommer 2024) liefert mehrjährige Umsatzsichtbarkeit — 59 Prozent des Bestands sind erst für 2028 und später terminiert.
  • Operatives Wachstum ist real und breit abgestützt: 74 Prozent Umsatzplus über acht Quartale im fortgeführten Geschäft, EBIT-Marge von 13,2 auf 16,1 Prozent, Wachstum in allen drei Sparten im 2. Quartal 2026 (Defence Systems +53 %, Missiles & Aerostructures +19 %, Discovery +21 %).
  • Solide Finanzierungsstruktur trotz Kassenabbau: weiterhin Nettokassenposition (−1.704 Millionen NOK Nettofinanzschulden), ungenutzte Kreditlinien von 4.500 Millionen NOK, Emittentenrating A− (Nordic Credit Rating, bestätigt 8. April 2026).
  • Struktureller Rückenwind durch europäische Verteidigungsausgaben und NATO-Beschaffungsprogramme, dokumentiert durch Großverträge im 2. Quartal 2026 (JSM Kanada/Deutschland/US-Luftwaffe, NASAMS Kuwait) und die Kapitalmarkttag-Ambition, den Umsatz bis 2033 auf 150 Milliarden NOK zu steigern.

Was dagegen spricht:

  • Die Maritime-Abspaltung verzerrt jeden Vorjahresvergleich: Das ausgewiesene Gesamt-Ergebnis je Aktie sank 2026 nominal um 16 Prozent, obwohl das fortgeführte Geschäft 75 Prozent mehr Gewinn je Aktie erwirtschaftete — ein Fallstrick für jeden automatisierten Kennzahlenvergleich.
  • Die Kasse fiel binnen sechs Monaten von 20.189 auf 4.859 Millionen NOK, die Eigenkapitalquote von 28,1 auf 21,2 Prozent — bei negativem operativem Cashflow im ersten Halbjahr.
  • Der norwegische Staat hat als Kongsbergs größter Aktionär im Mai 2026 selbst eine Exportlizenz für ein Kongsberg-Produkt zurückgenommen — Malaysia fordert dafür Presseberichten zufolge inzwischen rund 226 Millionen Euro Entschädigung, eine Einigung stand Ende August 2026 noch aus; ein Präzedenzfall, dessen Übertragbarkeit auf die viel größeren aktuellen JSM-Verträge offen ist.
  • Die Sonatech-Übernahme hängt seit über einem Jahr bei einer US-Genehmigungsbehörde fest; Kongsberg selbst prüft bereits Alternativen — ein Warnsignal auch für die laufende US-Expansionsstrategie insgesamt.
  • Die Bewertung ist hoch (KGV rund 52 auf Basis des fortgeführten Geschäfts, KUV rund 7,7) und nimmt schon einen erheblichen Teil der 2029/2033-Ambition vorweg — Management selbst weicht Analystenfragen zur Margenentwicklung wiederholt aus.

Ein menschliches Fazit

Zurück zur Kopfzahlen-Falle vom Anfang. Ihr Kern ist nicht, dass die großen Zahlen falsch wären — Kongsberg hat tatsächlich einen Rekord-Auftragsbestand, eine wachsende Marge und eine der ehrgeizigsten Wachstumsansagen der europäischen Rüstungsbranche. Ihr Kern ist, dass eine beeindruckende Zahl dich davon abhalten kann, nach der Zahl daneben zu fragen: Gegen welche Basis wird hier eigentlich verglichen? Wer „Kongsberg“ hört und an Wachstum ohne Fußnoten denkt, übersieht drei Dinge, die im selben Bericht stehen wie die Rekordzahlen selbst: dass die Vergleichsbasis sich durch eine Firmenhalbierung verschoben hat, dass die Kasse binnen sechs Monaten auf ein Viertel geschrumpft ist, und dass der eigene Heimatstaat sich das Recht vorbehält, einmal erteilte Exportlizenzen zurückzunehmen. Das macht Kongsberg nicht zu einer schlechten Firma — das operative Geschäft wächst nachweislich und profitabel. Es macht die Aktie aber zu einer, bei der die Schlagzeile und die Fußnote gleich wichtig sind. Die ehrliche Frage an dich lautet deshalb nicht „Traue ich einer Firma mit 100-Milliarden-Ambition?“, sondern: Traue ich mir zu, bei jeder künftigen Kongsberg-Schlagzeile zuerst zu fragen, gegen welchen Ausgangswert sie eigentlich gerechnet ist? Wenn ja, hast du das Werkzeug für diese Aktie. Wenn nein, hattest du eine Schlagzeile. Was du daraus machst, ist deine Entscheidung. Und das ist auch gut so.

Quellen

Alle in dieser Analyse verwendeten Originaldokumente — zum Selbst-Nachlesen:

Transparenz & Disclaimer: Diese Analyse ist eine journalistische Einordnung öffentlich zugänglicher Informationen und keine Anlageberatung, keine Finanzanalyse im aufsichtsrechtlichen Sinn und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Aktien-Investments sind mit erheblichen Risiken bis hin zum Totalverlust verbunden. Alle Angaben ohne Gewähr; Stand der Daten ist jeweils im Text vermerkt. Der Autor hält zum Zeitpunkt der Veröffentlichung keine Position in Kongsberg-Aktien.

Die Kennzahlen im Überblick

Alle Geldbeträge in Millionen kr, Gewinn je Aktie wie berichtet.

Die Kennzahlen im Überblick
Kennzahl 2021 2022 2023 2024 2025
Umsatz 27.449,0 31.803,0 40.617,0 24.648,0 31.562,0
Betriebsergebnis (EBIT) 2.874,0 3.696,0 4.957,0 3.644,0 5.310,0
Nettogewinn 2.159,0 2.774,0 3.712,0 5.127,0 7.953,0
Nettomarge 7,9 % 8,7 % 9,1 % 20,8 % 25,2 %
Gewinn je Aktie 2,42 kr 3,14 kr 4,22 kr 5,83 kr 9,04 kr

Quelle: Fundamentaldaten & SEC-Berichte (Geschäfts- und Quartalsberichte, 10-K/10-Q)

Unser Fazit auf einen Blick

Operatives Wachstum positiv
Der Umsatz aus dem fortgeführten Geschäft wuchs über acht Quartale um 74 Prozent (5.965 auf 10.389 Millionen NOK), die EBIT-Marge kletterte von 13,2 auf 16,1 Prozent, alle drei Sparten wuchsen im 2. Quartal 2026 zweistellig. Ein real belegtes, breit abgestütztes Wachstum, kein Einmaleffekt.
Auftragslage & Sichtbarkeit positiv
Rekord-Auftragsbestand von 157.540 Millionen NOK zum 30. Juni 2026, nahezu das Doppelte des Werts von Sommer 2024 (+98 Prozent), mit 59 Prozent Lieferhorizont 2028 und später. Große, benannte Verträge (JSM Kanada/Deutschland/US-Luftwaffe, NASAMS Kuwait) stützen die Visibilität konkret.
Vergleichbarkeit & Berichtsqualität negativ
Die Maritime-Abspaltung verzerrt praktisch jeden Vorjahresvergleich: Das Gesamt-Ergebnis je Aktie sank 2026 nominal um 16 Prozent, während das fortgeführte Geschäft 75 Prozent mehr Gewinn je Aktie erzielte. Wer die falsche Zeile fortschreibt, zieht den falschen Schluss — ein Risiko, das bei automatisierten Vergleichen leicht übersehen wird.
Liquidität & Bilanz neutral
Die Kasse fiel binnen sechs Monaten von 20.189 auf 4.859 Millionen NOK, die Eigenkapitalquote von 28,1 auf 21,2 Prozent, der operative Cashflow war im ersten Halbjahr negativ. Die Nettoposition bleibt positiv und ungenutzte Kreditlinien von 4.500 Millionen NOK bestehen — kein Substanzrisiko, aber ein deutlich dünnerer Puffer als noch vor einem halben Jahr.
Politisches & regulatorisches Risiko negativ
Der norwegische Staat entzog Kongsberg im Mai 2026 selbst eine Exportlizenz (NSM Malaysia, 124 Mio. Euro); Malaysia fordert Presseberichten zufolge inzwischen rund 226 Mio. Euro Entschädigung, eine Einigung stand Ende August 2026 noch aus. Parallel hängt die Sonatech-Übernahme (USA) seit über einem Jahr bei einer US-Genehmigungsbehörde fest — Kongsberg prüft laut eigener Aussage bereits Alternativen. Beides sind belegte, laufende Vorgänge mit offenem Ausgang, keine hypothetischen Risiken.

Kongsberg zeigt operativ eine seltene Kombination: kräftiges, breit abgestütztes Umsatz- und Margenwachstum, gestützt von einem Rekord-Auftragsbestand und einer der ehrgeizigsten Wachstumsambitionen der europäischen Rüstungsbranche. Zugleich hat die Abspaltung von Kongsberg Maritime im April 2026 die Vergleichsbasis fast jeder Kennzahl verschoben, die Kasse binnen sechs Monaten auf ein Viertel schrumpfen lassen und zwei laufende, ungelöste Regulierungsfragen offengelegt — eine vom eigenen Heimatstaat entzogene Exportlizenz und eine seit über einem Jahr blockierte US-Übernahme. Keine Anlageberatung.

Was unsere Einordnung bedeutet

Offene Fragen

Das Geschäft funktioniert grundsätzlich, aber eine wesentliche Frage ist offen. Solange sie offen ist, tragen unsere Befunde kein Qualitätsurteil.

Das operative Geschäft trägt eindeutig: 74 Prozent Umsatzwachstum über acht Quartale, steigende Marge, Rekord-Auftragsbestand, weiterhin Nettokassenposition und ein bestätigtes A−-Rating. Zu Grün fehlt uns aber die Antwort auf mehrere offene operative Fragen: Der Konzern weicht in Analysten-Calls wiederholt Fragen zur Margenentwicklung aus, die Kasse schrumpfte binnen sechs Monaten auf ein Viertel bei negativem operativem Cashflow, eine US-Übernahme (Sonatech) hängt seit über einem Jahr bei einer Genehmigungsbehörde fest, und der eigene Heimatstaat hat im Mai 2026 eine Exportlizenz zurückgenommen. Das ist kein Substanzrisiko — die Bilanz bleibt netto-kassenpositiv, das operative Geschäft wächst profitabel —, aber es sind mehrere offene Fragen gleichzeitig, und im Zweifel gilt bei uns die vorsichtigere Stufe.

Journalistische Einschätzung der Redaktion zum Analysezeitpunkt auf Basis öffentlicher Quellen — keine Anlageberatung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf. Deine persönlichen Umstände (Anlageziele, Risikotragfähigkeit, Steuern) können dabei nicht berücksichtigt werden. Was unsere Stufen bedeuten, wie Urteile entstehen und welche Interessenkonflikte bestehen →

Bitte beachten

  • Kongsberg ist kein SEC-Meldeunternehmen; Pflichtberichte laufen über die Euronext Oslo Børs nach norwegischem und EU-Kapitalmarktrecht. Primärquelle dieser Analyse ist der Quartalsbericht Q2/H1 2026 (13.07.2026), nicht ein 10-K oder 10-Q.
  • Seit der Abspaltung von Kongsberg Maritime am 23.04.2026 beziehen sich alle Konzernzahlen dieser Analyse auf das fortgeführte Geschäft (Defence Systems, Missiles & Aerostructures, Discovery), rückwirkend angepasst — nicht zu verwechseln mit den vor der Abspaltung veröffentlichten Gesamtkonzern-Zahlen.
  • Für Telefonkonferenzen liegen in unserer Datenbank keine eigenen Mitschriften vor; ausgewertet wurden öffentlich verfügbare Wortprotokolle von Investing.com und Seeking Alpha, als Sekundärquelle gekennzeichnet. Datenstand der Kurs- und Bewertungskennzahlen: 28.–30.08.2026.
  • Die konkrete Höhe von Malaysias Entschädigungsforderung im NSM-Exportlizenz-Streit (rund 226 Millionen Euro) stammt aus Presseberichten unabhängig vom Kongsberg-eigenen Quartalsbericht (u. a. The Vibes, 5. Juli 2026), nicht aus einem eigenen Kongsberg-Dokument — der Konzern selbst hat diese Zahl nicht bestätigt.

Aktien-Wächter

Diese Analyse ist Stand 30. August 2026. Was sich seitdem bei KOG.OL geändert hat, meldet Dir der Aktien-Wächter.

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Häufige Fragen

Kongsberg Gruppen ASA (Euronext Oslo Børs: KOG) ist ein norwegischer Verteidigungs- und Technologiekonzern mit Sitz in Kongsberg. Seit der Abspaltung von Kongsberg Maritime am 23. April 2026 gliedert sich der Konzern in die Sparten Defence Systems (Luftverteidigung, Gegendrohnensysteme), Missiles & Aerostructures (Joint-Strike-Missile-Familie JSM/NSM, F-35-Komponenten) und Discovery (Sonare, autonome Unterwasserfahrzeuge HUGIN, Satellitenbodenstationen KSAT). Der norwegische Staat hält 50,004 Prozent der Aktien.

Der Vorstand beschloss die Abspaltung am 17. Dezember 2025, die außerordentliche Hauptversammlung stimmte am 22. Januar 2026 zu, vollzogen wurde sie am 23. April 2026. Kongsberg-Aktionäre erhielten für jede Aktie eine Aktie der neuen Kongsberg Maritime ASA, die seither eigenständig an der Euronext Oslo Børs notiert. Ziel war laut Unternehmen, die Verteidigungs- und die Maritim-Sparte getrennt zu führen, weil beide unterschiedliche Anforderungen an Kunden, Wertschöpfungsketten und Kapitalallokation stellen.

Das ausgewiesene Gesamt-Ergebnis je Aktie sank im 1. Halbjahr 2026 auf 3,73 NOK (Vorjahr 4,43 NOK), weil das Vorjahresergebnis noch hohe Gewinnbeiträge aus dem inzwischen abgespaltenen Kongsberg-Maritime-Geschäft enthielt. Das Ergebnis je Aktie aus dem fortgeführten Geschäft — dem heute noch börsennotierten Geschäft — stieg im selben Zeitraum dagegen von 1,66 auf 2,91 NOK, ein Plus von 75 Prozent.

Die norwegischen Behörden entzogen Kongsberg im Mai 2026 die Exportlizenz für einen 2018 verkündeten NSM-Raketenvertrag mit Malaysia im Wert von 124 Millionen Euro. Kongsberg bestätigt den Vorgang im Quartalsbericht Q2/H1 2026 (Note 13) und verweist auf laufende Verhandlungen zwischen den Parteien; entsprechende bilanzielle Einschätzungen wurden bereits in den Abschluss zum zweiten Quartal 2026 einbezogen. Presseberichten zufolge fordert Malaysias Regierung inzwischen rund 226 Millionen Euro Entschädigung — mehr als das 1,8-Fache des ursprünglichen Vertragswerts; Stand Ende August 2026 stand eine Einigung noch aus, Kongsberg selbst hat die Forderungshöhe nicht bestätigt.

Kongsberg Discovery vereinbarte die Übernahme des US-Unterwasserakustik-Spezialisten Sonatech im Juni 2025. Laut Quartalsbericht Q2/H1 2026 fehlt mehr als ein Jahr später noch immer die behördliche Genehmigung in den USA; Kongsberg prüft nach eigener Aussage bereits alternative Wege, das strategische Potenzial zu realisieren, falls die Genehmigung ausbleibt.

Der Auftragsbestand erreichte zum 30. Juni 2026 einen Rekord von 157.540 Millionen NOK — nahezu das Doppelte der 79.366 Millionen NOK vom Sommer 2024 (+98 Prozent). 13 Prozent des Bestands sind für den Rest von 2026 terminiert, 28 Prozent für 2027 und 59 Prozent für 2028 und später. Das liefert mehrjährige Umsatzsichtbarkeit, ist aber kein garantierter Umsatz — Rahmenverträge zählen laut Unternehmen erst mit tatsächlichem Bestellabruf.

Gemessen am Ergebnis aus dem fortgeführten Geschäft der letzten zwölf Monate (5,99 NOK je Aktie) ergibt der Schlusskurs vom 28. August 2026 (312,30 NOK) ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 52 — deutlich über dem breiten europäischen Marktdurchschnitt. Das Kurs-Umsatz-Verhältnis liegt bei rund 7,7. Ein Teil der hohen Bewertung erklärt sich aus dem Rekord-Auftragsbestand und der 2029/2033-Wachstumsambition — beides ist aber ein Versprechen, kein bereits erzieltes Ergebnis.

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